Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 1 (7.1.1898)
- Date
- 1898-01-07
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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eite 6 Nr. l Vr. Vlmtz » Wochrnschrtst. Herren, Fleischhauer und Fleischselcher, die Herr Lueger zu seiner Gefolgschaft zählt, scheint der christlich-sociale Bürgermeister in Geldsachen kein besonderes Vertrauen zu setzen, er hält die Juden und „Judenbanken" noch immer für opferwilliger. Es ist doch zu lustig, daß Herr Lueger die von ihm und seinen Partisanen gepredigte besondere Art der christlichen Nächstenliebe nun an sich selbst zu spüren bekommt. Goethe „judenliberal". Herr Dr. Mandl, Rabbiner in Kostet, schreibt uns in Bezug auf das in der Ueberschrift genannte Thema: Die Deutschnationalen haben sich in ärgerlicher Weise darüber aufgehalten, daß das „DeutscheVolksblatt" sowie die anderen christlich-socialen Antisemitenblätter den großen deutschen Dichterfürsten als „judenliberal" zu schmähen sich erdreisteten. In der That aber haben die Antisemitenorgane so Unrecht nicht. Denn Goethe verdient zweifellos die Bezeichnung judenliberal". In seiner Selbstbiographie*) „Aus meinem Leben" finden wir Stellen, die häufig zeigen, daß er den Juden sympathisch gegenüberstand. Er sagt a. a. O. I. S. 104: „Indessen blieben sie doch das auserwählte Volk Gottes und gingen, wie es nun mochte gekommen sein, zum Andenken der ältesten Zeiten umher. Außerdeni waren sie ja auch Menschen, thätig, gefällig und selbst dem Eigensinn, womit sie an ihren Gebräuchen hingen, konnte man seine Achtung nicht versagen . . . äußerst neugierig war ich daher, ihre Ceremonien kennen zu lernen. Ich ließ nicht ab, bis ich ihre Schule öfters besucht, einer Hochzeit beigewohnt und von dem Laubhüttenfeste mir ein Bild gemacht hatte ..." „Judenliberal" ist unstreitig seine Aeußerung über die Seelenfängerei des bekannten Schweizer Pädagogen Lavater. „Mein Verhältniß zu der christlichen Religion lag blos in Sinn und Gemüth und ich hatte von jener physischen Verwandtschaft, zu welcher Lavater sich hinneigte, nicht den mindesten Begriff. Aergerlich war mir daher die heftige Zudringlichkeit eines so geistals herzvollen Mannes, mit der er auf mich, sowie auf Mendelssohn und Andere losging und behauptete, man müsse entweder mit ihm ein Christ werden oder man müsse ihn zu sich hinüberziehen .... Diese Forderung, so unmittelbar dem liberalen W e l t s i n n, zu dem ich mich nach und nach auch bekannte, entgegenstehend, that auf mich nicht die beste Wirkung" . . . a. a. O. III., 115. Solche Beispiele von Goethe's Objectivität in Bezug auf Glaubensbildung laffen sich sowohl aus seiner frühesten Jugend, wo er in der Frankfurter brennenden Judengasse gleichsam als rettender Engel erscheint'), als auch aus seinem gereisten Mannesalter bis in's Unzählige anhäufen. Er gesteht, daß der Geist des Juden Spinoza „so entschieden auf ihn wirkte und auf seine ganze Denkweise einen großen Einfluß üben sollte . . . .2) Wie glühend und hingebungsvoll aber sein tiefes Eindringen in die Bibel gewesen, davon möge Goethe's eigenes Gestäudniß uns Zeugniß ablegen. Nachdem er der liebevollsten Schilderung der Lebensschicksale unserer Erzväter den breitesten Raum in seiner „Selbstbiographie" einräumt, fährt er fort: „Vielleicht möchte Jemand fragen, warum ich diese allgemein bekannten Geschichten hier abermals umständlich vortrage. Diesem dürfte zur Antwort dienen ... wenn eine stets geschäftige Einbildungskraft mich bald da-, bald dorthin führte, wenn das Gemisch von Fabel und Geschichte, Mythologie und Religion mich zu verwirren drohte, so flüchtete ich gerne nach jenen morgenländischen Gegenden; ich versenkte mich in die ersten Bücher Mosis und fand mich dort unter den ausgebreiteten Hirtenstämmen zugleich in der größten Einsamkeit und in der größten Gesellschaft.3)" Goethe kann nicht umhin, zu gestehen: „Ich, für meine Person, hatte sie (die Bibel) lieb und werth, denn fast ihr allein war ich meine sittliche Bildung schuldig, und die Begebenheiten, die Lehren, die Symbole, die Gleichnisse, Alles hatte sich tief bei mir eingedrückt und war auf eine oder die andere Weise wirksam gewesen. Mir mißfielen daher die ungerechten, spöttischen und verdrehenden Angriffe . . . / 4) *) Reclam. Ausgabe, Leipzig. ') a. a. O. III« S. 163. 2) a. a. O. HI. S. 128. 3) a. a. O. I, S. 97. 4) 'a. o. O. II. S. 42. Ein jüdischer Staatsanwalt. München, 27. December. Der Honorarprofessor an der hlesigen Universität und Rath am königlichen Landgerichte München II, Dr. Heinrich Har bürg er ist zum Staatsanwalt am königlichen Oberlandesgerichte in München ernannt worden, als welcher er den Rang und Gehalt eines Oberlandesgerichtsrathes hat. Harburger dürfte der erste Jude sein, welcher zum Staatsanwalt an einem deutschen Oberlandesgerichte ernannt worden ist; die Ernennung ist umso erfreulicher, als sie einem Manne zu Theil geworden ist, dem weder durch den Besitz von Glücksgütern noch durch sonstige Beziehungen der Lebensweg geebnet worden ist und der die errungene Lebensstellung wohl ausschließlich hervorragender Begabung, unermüdlichem Fleiße, freundlichem Verhalten gegen jeden Mitbürger und großer Bescheidenheit verdankt. In den bescheidensten Verhältnissen aufgewachsen, aber schon als Schüler des Gymnasiums ausgezeichnet, wurde Harburger, nachdem er 1876 den Staatsconcurs mit der ersten Note bestanden hatte, 1879 Amtsrichter, 1885 zweiter Staatsanwalt am königlichen Landgerichte München II, 1890 Landgerichtsrath, ist auch seit längerer Zeit ordentliches Mitglied des Institut de droit international und steht ungefähr im 47. Lebensjahre. Die Defraudation bei der judenreinen Krakauer Versicherungsgesellschaft. Der ,Kurjer Lwowski" meldet, daß in der Krakauer Wechselseitigen Versicherungsgesellschaft beim Scontrireu der Effecten der Lebensversicherungsabtheilung eine weitere Defraudation des flüchtigen Directors Czeslaw Ritter von Kieszkowski im Betrage von über 150.000 fl. entdeckt wurde. Ein General als Wucherer. Petersburg, 4. Jänner. Das hiesige Bezirksgericht hat unter Zuziehung von Geschwornen den Lehrer an der Artillerie-Akademie, General v. Paschkiewitsch, wegen gemeinen Wuchers zur Entziehung aller Rechte und zur Deportation nach dem Gouvernement Archangelsk auf 12 Jahre verurtheilt. Der gute Ton der antisemitischen Parlamentarier. In der Sitzung des niederösterreichischen Landtages vom 30. December haben die Führer der Wiener Antisemiten ihren politischen Gegner, Abgeordneten N o s k e, der sich durchaus einer geziemenden und parlamentarisch unanfechtbaren Redeweise befleißigte, mit folgenden Zwischenrufen unterbrochen. Herr G e ß m an n rief: Ein frecher Bursche! Herr G r e g o r i g: Hinaus mit dem Hallunken! und: Sie bezahltes Subject! Herr L o q u a y: Ein erbärmlicher Lauskerl! Herr Mayer: Sie Gauner! Der Bürgermeister Dr. Lueger: Sie sind ein verworfenes Subject! Endlich, alle überbietend, der Priester und Professor der Theologie Sch eicher: Thersites! Der Noske ist ein infamer Kerl! Sie haben das Maul zu halten! Außerdem wurden noch Rufe ausgestoßeu, wie: Ein frecher Kerl! Ohrfeigen dem Kerl! Schmeißt's ihn hinaus! Abgeordneter Mayer eilte mit dem Ausruf:JchhaueJhneneine Ohrfeige herunter! auf Noske zu, und nur das Dazwischentreten des Herrn P h i l i p p o v i ch verhinderte, daß es zu Handgreiflichkeiten kam. Im Gemeinderath hat der Budgetreferent der Antisemiten einem liberalen Collegen zugerufen: Sie bekommen von mir noch Schläge! J reiß' Ihnen die Dar m' heraus! Jener schrie: S i e s i n d j a besoffen! Der Mann ist toll! Die Schachtmethode in der deutschen Militär-Verwaltung. Berliner antisemitische Blätter beklagen sich über die deutsche Militärverwaltung: „WährendMe Thierquälerei des Sch achtens im Königreich Sachsen und in der Schweiz seit einigen Jahren verboten ist, steht in Preußen die Militär-Verwaltung leider immernoch auf Seiten der Juden. In den beiden Armee-Conserven-Fabriken Spandau und Mainz werden im Laufe jedes Winters etwa 8000 Stück Ochsen ohne jede vorherige Betäubung mittel st Durchschneiden des Halses qualvoll getödtet. Eine Betäubung dieses Viehes ist durch die Vorschriften des Kriegsministeriunis verboten, und müssen die Beamten und Metzger, dieser Fabriken diesem Befehle selbstverständlich.Nachkommen. Auchlwenn die Proviantämter mit dem Einpöckeln und Räuchern von Fleisch beauftragt werden, muß das Schlachtvieh gemäß Beilage 22 der Proviantamts- O r d n u n g mittelst Durchschneiden des Halses — zwei Gurgelringe