Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 1 (7.1.1898)
- Date
- 1898-01-07
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1 Vr. Vlvrtz's WochrnptzrM Seite 5 Ich begann bald, ihm nachzufühlen. Wir verlangen den Paß in einem Bureau, man schickt uns in ein anderes, zwei Treppen hoch, im nächsten Hof, von dort in die dritte Abtheilung. In der dritten Abtheilung erwiderte man unseren Gruß nicht und hört kaum, was wir sprechen. Der Paß ist nicht da. Wir gehen zurück in das erste Amt. „Der Paß muß in der dritten Abtheilung sein." Wieder zwei Höfe zurück und zwei Treppen hinauf. Ein ungeduldiges Zucken des Beamten. „Wir möchten doch ins Einreichungsprotokoll gehen". Im Einreichungsprotokoll bedauert man höflich aber entschieden. Der Paß ist bereits weitergegangen. Man bezeichnet uns das Bureau, im nächsten Hof, eine Treppe hoch. Wieder ein graumelirter Beamter, der unseren Gruß nicht erwidert. Der Paß ist doch in der dritten Abtheilung. Und so hetzt man uns treppauf, treppab, von einem Hof in den anderen, von einer Amtsstube in die andere, von 9 Uhr bis um 11 Uhr. Zwei Stunden lang ein rechtlos gehetzter Jude in Rußland; denn ich hatte es sehr bald heraus, um was es sich handelte. Der Jude soll bluten beim Eintritte und beim Ausgange. Der Beamte rechnet darauf. In diesen zwei Stunden habe ich begriffen, daß der Jude für schlecht und erbärmlich gelten muß in Rußland, daß die Regierungsgewalt nur das Erbärmlichste und Gemeinste von ihm zu hören bekommt, das Gedeihen des Beamtenthnms erfordert es. Ich wurde nicht ungeduldig und zuckte mit keiner Wimper, denn ich wollte diese Herren und ihre Manieren studiren. Ich ließ mich harmlos hin- und herjagen, bis ich zum vierten Male wieder in der berühmten, schreckensreichen dritten Abtheilung angekonunen war. Nun aber wollte ich dem Spuk ein Ende machen und sprach zu Jeinkl. „Sagen Sie diesen Herren, daß ich der Redaction einer großen Zeitung in Wien angehöre, daß man mich morgen erwartet. Wenn ich meinen Paß nicht binnen zehn Minuten habe, telegraphire ich nach Hause, mau möge sich beim russischen Consülate beschweren." Da kam Plötzlich Leben in den kleinen, schwarz beschuurrbarteten Beamten, der früher ans meinen Grnß nicht erwidert hatte. Er sandte den Diener zum Schein in ein anderes Bureau, der Paß wurde gebracht, das Visum unterfertigt. Der Herr half mir in den Rock hinein und der Diener wurde beauftragt, nicht von unserer Seite zu weichen, bis die übrigen Formalitäten erfüllt seien. Ueberall versuchte man einen kleinen Aufschub, man wollte mir wohl Zeit lassen, die Angelegenheit nachdrücklich zn betreiben. Der Diener jedoch hatte die Weisung von der dritten Abtheilung und wir kamen endlich bis zur letzten Leidensstation. Drei Stunden hatte der Kampf gedauert und nun standen wir vor dem Thore oes Gebäudes. Jeinkl sah hin und her: „Ich begreife nicht, daß man Sie vom Hotel hat herlaufen lassen. Ich verdiene zwar gerne etwas, aber sonst bringt der Commissionär vom Hotel die Paßports, man gibt ihm ein paar Rubel und er besorgt das in ein paar Minuten." Wir interpellirten den Hoteldirector und verlegen, fast stotternd, sagte er mit sanfter Stimme, wie um nicht zu beleidigen: „Der Herr ist eben . ., na, Sie wissen ja, er gehört zu den Israeliten, und da muß er persönlich auf das Paßamt gehen." Jeinkl sah mich vorwurfsvoll an. „Wenn das der gnädige Herr gleich gesagt hätt', hätt' ich schon gewußt, was zu thun ist, und Sie hätten sich ihre Zeit erspart, die Ihnen gewiß theurer zu stehen kommt wie 4 bis 5 Rubel." „Nein, lieber Jeinkl, diese Zeit bedauere ich nicht. Ich habe in diesen drei Stunden mehr gelernt, als Hunderte von Rubeln mir bedeuten." Ich saß auf einer Bank mit Glaubensgenossen; die seit fünf Tagen Tag für Tag aufs Amt laufen, um ihre Papiere zu holen, und Tag um Tag zurückgewiesen werden, weil sie zur Unterstützung ihrer Bitte nichts besitzen als ihre jammervolle Gestalt, die von Tag zu Tag immer schäbiger wird, ausgehungerter, schmutziger, weil ihnen die Mittel ausgegangen sind, Brot zu schaffen und eine saubere Lagerstätte. Ich habe in meiner Seele die Empfindungen eines russischen Juden mitgelebt und nichts macht uns stärker und reicher als die Fähigkeit, das Leiden der Armseligen und Beladenen mitzufühlen in der Empfindung, einen Theil der Lasten von diesen Menschen nehmen zu wollen. Du glaubst ich werde bald vergessen haben. O nein! Ich habe zwar das Schlimmste nicht mitangesehen, nicht den Kamps ums Brot, nicht das Untergehen im Laster studirt, die Zeit war zu kurz; ich habe es an mir gefühlt, was es heißt, Jude zu sein in Rußland. Und das genügt schon. Wir werden von einem jüdischen Hause zum anderen wandern und überall, wo wir Zutritt haben, im Osten und Westen, im Norden und Süden von dem erzählen, was das bedeutet, Jude zu sein in Rußland, von dem Jammer der fünf Millionen Volksgenossen, die hier bei j lebendigem Leibe verkommen. Und wenn Sie uns nicht glauben :> wollen, daß es ein edles Beginnen sei, den Juden eine eigene 1 Heimstätte zu errichten, dann werde ich rufen: Russische Juden! Russische Juden! Und wenn die Gelehrten und Gebildeten davon j sprechen werden, daß man im Anschlüsse an das Volksthum, in! dem man lebt, die Judenfrage zu lösen vermag, dann werden wir nur eine Antwort wissen: Russischer Jnd! Und die Prasser, » die Epikuräer, die zufrieden sind, wenn sie nach dem Genüsse! eines vortrefflichen Bratens im Kaffeehause zur Tarvckpartie ihren Kaffee schlürfen, die wollen wir in ihrer Verdauung stören, indem wir ihnen von den Juden in Rußland erzählen, j Wir werden es singen und sagen, in Zeitungen und Büchern! schreiben, es wird verbreitet werden und in alle Städte dringen, s in denen Juden wohnen, und in alle Häuser und Wohnungen.! Man wird kein Glas Wein trinken in einem Judenhaus, ohne! des russischen Juden zu gedenken, der befreit werden soll, den; wir ans seinem Mizraim nach Zion führen nrüffen. Vom Jahrmarkt des leben«. „Mein lieber Dr. Lueger" in Schwulität. Der christlich-sociale Bürgermeister Wiens ist unter die Hausirer gegangen. Er handelt mit einer kostbaren und heiklen Waare, mit dem Ansehen und den finanziellen Credit der Stadt Wien. Nachdem der Schacher mit der Berliner Deutschen Bank, welcher er für ein gntverzinsliches Darlehen von 90 Millionen Gulden die Wiener Tramway noch als „Draufgabe" ausliefern wollte, hauptsächlich an der geschäftlichen Honnettität der Berliner Finanzkreise gescheitert ist, bietet Herr Lueger das Wiener Gasanlehen an allen Ecken und Enden Europas, in Paris, iit London, in Brüssel aus, und holt sich eine Zurückweisung nach der anderen. Es ist geradezu unerhört, wie dieser Mann mit dem guten Namen Wiens Schindluder treibt. Auf dem Programme der christlich - socialen Partei steht in erster Reihe die Bekämpfung des Hausirhandels und des Zwischenhandels. Und nun hausirt ~ Dr. Lueger selbst alle europäischen Banken ab, die ja nichts als Zwischenhändler für das anlagesuchende Großcapital sind. Daß ihm diese Zwischenhändler trotz des fetten Prosits, den er ihnen znwenden will, nicht auf den Leim gehen, ist ja begreiflich. Wie soll denn das Großcapital zu einer Partei Vertrauen fassen, deren Finanzgenie, der Abgeordnete Schlesinger, in Wort und Schrift dafür plaidirt, d a ß d e r Coupon a b g e s ch a s f t, die Capitals reute c o n f i s c i r t werden müsse. Auf Grund einer solchen finanziellenDoctrin ist es schwer, Schulden zu machen. Aber die Christlich-Socialen haben doch ein Programm? So oft die Liberalen ein neues Anlehen contrahirten, trat Dr. Lueger dagegen auf und erklärte, man dürfe dasselbe nicht an eine Bank vergeben, sondern müsse es z u r öffentlichen S u b s c r i p t i o n auflegen. Warum scheut er nun. da „sein christliches Volk" zur Macht gelangt ist, vor der Durchführung dieses Programmes zurück. Das „christliche Volk" ist ja für diese finanzielle Rettung seines Lieblings gründlich präparirt worden. Pater Schnabl hat ihm eingeprägt, daß die christliche Nächstenliebe bei sich selber anfange, und Pros. Schlesinger hat es belehrt, daß es nicht christlich sei, Schulden zu bezahlen. Die Lehre des Pater Schnabl und jene des Herrn Schlesinger habe europäischen Berühmtheit erlangt, und wir fürchten sehr, daß Dr. Lueger an die Opferwilligkeit „seines christlichen Volkes" deshalb nicht glaubt, weil dieses lieber dem Pater Schnabl und er dem Prof. Schlesinger folgen wird. Auf die feisten, wohlgemästeten Hans-