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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-01-07 · 1 (7.1.1898) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
1 (7.1.1898)
Date
1898-01-07
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Vr. Vwch» Wochrnschrtfl Nr 1 geMt war. Eine bunte Gesellschaft. Russische Kaufleute, ein tscherkessischer Händler, der die Erzeugnisse des kaukasischen Gewerbefleißes den Passagieren anpries, zwei Juden und ein Sapeurcapitän. Man fragte mich nach „Woher, Wohin". Der Capitän lobte mein Reiseziel Kiew. „Nur Eines ist schrecklich dort", sagte er, „die Juden, die' sind schmutzig, häßlich, stinken nach Zwiebeln und stehen den ganzen Tag in den Straßen gewisser Stadttheile, die ich nie ohne Ekel Pafsiren kann." Er sagte dies ruhig und leidenschaftslos ungeachtet der Gegenwart der beiden Juden. Es fiel ihm wohl gar nicht ein, daß sie sich beleidigen könnten. Der eine saß auch ganz theilnahmslos in feiner Ecke. Er war hager, das Gesicht in zahlreiche Falten gelegt, die Augen blickten müde, die schmalen, blutlosen Lippen, die durch den langen, grauen Bart fast ganz verdeckt waren, zeigten wenig Energie. Es war der Typus des Juden aus dem städtischen Ghetto. Der andere dagegen war groß und breit, mit einem fast colossalen Schädel, dessen weiße Haare nicht die Folge eines hohen Alters sein konnten, wie die lebhaft gefärbten Wangen bewiesen. Er sprang auf, drehte sich zum Capitän und sagte: . _ ' „Nicht alle Juden sind schmutzig und häßlich. Das sind die Armen." „Aber die meisten sind doch schmutzig." „Weil die meisten arm sind." „Warum hockt Ihr immer beisammen und rührt Euch nicht?" „Wir müssen beisammen sein, denn Einer lebt vom Anderen. Man will uns sonst nirgends, es wird uns Alles abgefpecrt, die Zahl der Dienstboten, die Zahl der Gehilfen, die Zahl der Einwohner, die Zahl der Schüler, Alles ist für den Juden beschränkt. Früher einmal durfte er noch Land pachten." „Das hat man Euch verboten, und mit Recht." „Warum?" „Die Juden saugen den Boden aus?" „Sprechen Sie aus Ueberzeugung, Herr Capitän? Haben Sie sich einen' solchen Boden angesehen, wenn ihn der Jude zurückgegeben hat?" „Nein!" „Haben Sie einen Boden zu verpachten gehabt?" „Nein!" „Wie stellen Sie sich das also vor mit dem Aussaugen? Glauben Sie, wir fressen Erde? Sehen Sie, ich war viele Jahre Arrendator (Pächter) und gehen Sie zu meinem Gutsherrn, da werden Sie hören, daß der christliche Pächter weniger zahlt und Alles vernachlässigt." „Aber die Regierung muß so handeln. Ihr seid schlechte Menschen?" „Gibt es unter den Christen keine schlechten Menschen?" „O ja, einzelne. Ihr aber seid als Race schlecht und schädlich!" „Haben Sie viele schlechte Juden kennen gelernt?" „Ich nicht. Meine Lieferanten sind Hebräer, sogar der Lieferant in meiner Baracke ist ein Jude." „Nun, wieso sagen Sie, wir sind schlecht?" „Aber das ist doch Geschichte. To jest historia, daß die Inden schlecht sind, sonst würde doch die Regierung sie nicht verfolgen." Der stattliche Jude gab sich nicht zufrieden. Es lebte etwas wie bäuerliche Kraft in diesem Manne, der im Erdgeruch des Ackerbodens alt geworden war. Aber der Capitän wies jedes Argument zurück, und das mit solcher Ruhe in naiver Rohheit, als spräche er zu einem sinnlosen und fühllosen Thier. Bei uns ereifert man sich doch über die Juden und man beleidigt sie nur im Affect, hier aber ist ihre Erniedrigung, ihre Rechtlosigkeit, ihre Entwerthung eine vollzogene Thatsache. Man. bespricht das als historisches Factum, das keinerlei innere Bewegung hervorzurufen vermag. Bei einem Argument nur hatte ich den Capitän interpellirt. Man sprach von der jüdischen Faulheit. „Herr Capitän, haben viele jüdische Soldaten in Ihrer Compagnie?" „O ja!" „Die Sapeure müssen die Erdarbeiten ausführen. Sind die jüdischen Soldaten weniger fleißig, als ihre christlichen Kameraden?" „Das könnte ich nicht sagen. Ich behandle sie aber auch so wie die anderen, wie wir Russen überhaupt den Juden persönlich nichts zu Leide thun." Und der Mann, der nebst russisch, deutsch, französisch und italienisch fließend sprach, war fest überzeugt von dem, was er sprach. Die Judenfrage erfüllt die Welt. Man muß nicht einmal die Städte aufsuchen und die gesellschaftlichen Schichten beobachten, nicht die wirtschaftlichen Verhältnisse studiren, man braucht nur die Länder zu durchfahren, in denen Juden wohnen und im eilend dahinrollenden Eisenbahnwaggon findet man die Symptome der schweren uralten Krankheit. Auf dem Wege von Kiew nach Warschau, da habe ich die Formel gefunden für eine Seite der Judennoth. Wieder saßen wir mit Juden zusammen, die viel lumpiges Gepäck schleppten und schwere Säcke. Sie waren wahrhaftig nicht appetitlich anzusehen, und ihre Manieren waren nicht sauber. In Berditschew, der berühmten Judenstadt, die bei 120.000 Einwohnern über 80.000 Juden zählt, stiegen sie aus. „Qu’ils sont sales, ces Juifs!" rief ihnen ein neben mir sitzender Herr nach. „Gibt es nicht auch schmutzige Christen hier in Rußland?" fragte ich. „Ei gewiß, aber sie kommen nicht in die II. Classe. Und da wurde es mir klar. Nicht daß die Juden schmutzig sind, stört ihre Nachbarn, aber daß sie in einer höheren Classe mitfahren, das macht sie verhaßt. Warum aber wollen sie in der zweiten Classe fahren! Der Eilzug führt keine dritte und sie haben Eile, sie sind Kaufleute, die dem Rubel mit dem Dampfrosse nachjagen müssen. Und daß sie ihm nachjagen, das verargt man ihnen auch. Ihr stetes Streben nach Besitz und nach der höheren Classe, dos ist ihr Fluch, ein unausrottbarer Fluch Er vermag wohl den Juden zu proletarisiren, zu knechten, zu quälen, zu zerstören, er vermag ihm aber nicht den Trieb zu nehmen, in höhere Schichten aufzusteigen, denn er kommt von einer höheren Classe, aus der er im Laufe der Jahrhunderte immer wieder vertrieben wurde. Er ist selbst in der tiefsten Degradation nicht im Stande, als Proletarier zu empfinden, denn er entstammt einem Lande, dessen Verfassung längst die sociale Frage gelöst hatte und keinen Proletarier kannte. Der ärmste Ghettojude Rußlands oder Galiziens fühlt sich trotz aller Erniedrigung als ein Glied jenes Volkes, das der Welt die Lehre von der Gottheit und noch manches andere Große gegeben hat. Vielleicht ist diese Empfindung ein Fluch für sie, vielleicht ein Segen, allüberall jedoch hetzt sie ihnen die Völker, unter denen sie wohnen, auf den Hals. Sie sind in Polen, d. h. in Russisch-Polen, wo es eine Gefahr ist, Pole zu sein, Anhänger des sarmatischen Stammes, und doch entsteht hier eine mächtige antisemitische Partei, die den Juden die wenigen Positionen, Hie sie innehaben, entreißen möchte. Der Bädeker rühmt die Schönheit und auffallende Reinlichkeit der Stadt Warschau und bemerkt dabei, daß die zahlreichen schmutzigen Inden sich besonders unangenehm bemerkbar machen. Ob das der Grund ist, weshalb die polnischen Magnaten sich der treu zu ihnen haltenden Juden erwehren wollen? Ich habe mehrere Tage in Warschau zugebracht, ohne daß mir Jemand den Grund der antisemitischen Bewegung nennen konnte, ohne daß mir Jemand klar zu machen vermochte, wie die Unterdrückten dazu kommen, die Geknechteten anzufeiuden. Auch Jeinkl, der Commisswnär, der mich von einem Amte zum andern begleitet, damit ich meinen Paß zurückbekomme und das Visunl für die Heimreise, er vermag mir keine Auskunft zu geben. „Ich vertrag' mich gut mit meine christlichen Collegen. Gibt mir einer einen Stupf, gebe ich ihnl zwei zurück, sind sie viele, warte ich bis morgen, und wenn sie ihre Schläge haben, sind wir wieder die besten Freunde. Mit den Russen wird es immer schlimmer. Früher haben sie sich noch ein bissel geschänit, aber seitdem auch in Oesterreich der Judenhaß ist, sagen sie: „Wir sind die Gescheiten, wir geben dem Juden keine Rechte!" Jeinkl sprach dasselbe ans, was mir in anderen Worten meine Freunde anvertrant hatten. „Der Antisemitismus^in Oesterreich und Deutschland hat uns hier furchtbar geschadet. Früher schämte man sich vor Europa. Jetzt wird man dort als Muster gepriesen, Alle antisemitischen Zeitungsstimmen werden hier citirt und gegen uns aus genützt." Jeinkl schwärmt also für die polnischen Prügel. Die Russen, nein, die hat er nicht so gern, die stupsen ihn nicht, aber sie verachten ihn. l

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