Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 1 (7.1.1898)
- Date
- 1898-01-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 3 Vr. Vloch's Zvochenschrifl Sette 3 war eine eigenthümliche Erscheinung, daß bis vor kurzer Zeit viele Juden, hier wie im deutschen Reich, ein Aufhören der antisemitischen Bewegung von einem Kaiserwort erhofften. Es war unlogisch und komisch von Leuten, die als Liberale es für natürlich fanden, daß man allenfalls auch gegen kaiserliche Wünsche Politik mache, feindliche Parteien durch Kaiserworte zum Schweigen bringen zu wollen. Zum Glück für die Juden ist es zu den ersehnten kaiserlichen Worten nicht gekommen. Parlamentarisch correct wären sie nicht gewesen. Wer verlangt, daß nach dem Volkswillen regiert werde, darf nicht wünschen, daß der Monarch dem Volkswillen den Text lese. Es wäre ein gefährliches Beispiel gewesen. Wir hätten die Besserrmg unserer Lage nicht der mannhaften Verteidigung unserer Rechte, sondern der Gnade des Monarchen zu verdanken gehabt. Ein gnädiger Monarch oder sein Nachfolger läßt es sich aber vielleicht beifallen, ungnädig zu sein. Das Kaiserwort eines ungnädigen Monarchen würde aber, fürchte ich, weit kräftiger wirken als etwaige Worte des Wohlwollens. Denn diese würden mit dem Tage vergehen, während jene, welche den Wünschen der Bureaukratie conform sind, sich wie in Rußland zur feindlichen That verdichten würden. Nachdem man sich in der Hoffnung auf ein Kaiserwort getäuscht, verblieb die Hoffnung auf die liberalen Elemente in der Bevölkerung. Diese Hoffnung erwies' sich im Wesentlichen ebenfalls als trügerisch. Verhältnisse, die mit dem Antisemitismus direct nichts zu thun haben, sondern im judenreinen und vom Antisemitismus fast freien Belgien ähnlich liegen, haben auf dem europäischen Continent zum Niedergang der liberalen Parteien geführt. Der liberalen Parteien, wenn auch nicht des Liberalismus, dessen politisches Programm, im Gegensätze zum wirthschaftlichen, im vierten Stand eine wohl noch entschiedenere Vertretung gefunden hat. Durch die Secession der Arbeiterbataillone haben die liberalen Parteien nicht nur einen großen quantttativen Verlust an Stimmen, sondern einen vielleicht noch größeren qualitativen Verlust an Idealismus erlitten. Die Liberalen, welche im Wesentlichen mit der Revolution von 1848 ihre politischen Ziele erreicht haben, sind satt und bequem und zum Theil allmälig reactionär geworden. Während sie in Belgien direct sich an die Ultramontanen anschlossen, fand in Deutschland und Oesterreich die Reaction mehr in einem Gemisch rückständiger nationaler, wirtschaftlicher und confessioneller Bestrebungen ihren Ausdruck. Die Liberalen, die durch die Bildung der socialdemokratischen Partei ihre Kerntruppen verloren hatten, unterliegen allmälig diesen Einflüssen. Hieran tragen die Juden aber einen großen Theil der Schuld. Politik ist eine Sache der Macht und der Berechnung, sie hat mit der Humanität wenig zu thun. Es war menschlich, daß die Liberalen auf die Juden wenig Rücksicht nahmen, auf deren Gefolgschaft sie ohnehin rechnen zu können glaubten. Man macht nur solchen Wählern Concessionen, auf die man nicht mit Sicherheit rechnet. Und Aehnliches gilt vielleicht in noch höherem Maße von der liberalen Presse. Die Juden find ihr eine quantitä negligeable — auf das „Deutsche Volksblatt" können die Juden ohnehin nicht abonniren, an einer jüdischen politischen Presse fehlt es vollständig. Und dazu ist die Presse schließlich da, daß sie Geschäfte macht und möglichst viele Abormenten behält. Es muß demgegenüber das Bestreben der Juden sein, ein politischer Machtfactor zu werden. Es gibt in Oesterreich ebensoviel Juden wie Slovenen, fast doppelt so viel als Italiener. Bewirkt ihre Zerstreuung, daß sie über weniger Sitze sicher verfügen, so haben sie über desto mehr Sitze in Stichwahlen zu entscheiden. Die Existenz eines Blattes, welches die Zustände vom jüdischen Standpunkte betrachtet, würde die Tagespresse veranlassen, auf ihre jüdischen Leser dieselbe Rücksicht zu nehmen, wie auf die anderen Abonnenten. Wahrscheinlich — wenn man nach der Indolenz der österreichischen Judenheit urtheilt, werden die jüdische Partei und die jüdische Tagespreffe fromme Wünsche bleiben. Aber vernünftige Wünsche wären es und zu erhoffen nicht nur im Interesse der Juden. Ueber den jetzigen Verhältnissen, welche den österreichischen Liberalen zu einer gewissen Popularität selbst in jüdischen Kreisen verolfen haben, soll man nicht vergessen, daß diese Liberalen doch eine recht faule Stütze für den Liberalismus sind. EinePartei, d e r e n W eltbla t t, die „N e u e F r e i e P r e s s e", auf einem gemeinsamen Parteitag der Liberalen und D e u t s ch n a t i o n a l e n als „Iudenblatt" nicht zu gelassen wird*) und welche die Ohrfeige in aller Heimlichkeit ein st eckt, ist innerlich verfault. Die Juden haben nur auf sich zu rechnen. Sich mit allen verfassungsmäßigen Mitteln zu vertheidigen, ist nicht nur ihr Recht, sondern ihre Pflicht — als Juden und Staatsbürger. Und es ist mir ans der geistigen Unfreiheit der Juden — als Gesammtheit — zu erklären, daß sie eine eigene Partei noch nicht gebildet haben. Der Jude, der im Gemeiuderathe sein Eintreten für die Komensky-Schule damit rechtfertigte, er sei kein Deutscher, sondern ein Jade, der hat den Weg gezeigt, den die Juden einzuschlagen haben. Nämlich nicht Troßbuben einer Partei zu sein, die sich zu Unrecht liberal nennt, sondern Juden zu fein Ihre Abgeordneten dürfen nicht Hausjuden des Polenclubs oder der Liberalen sein, sondern müssen sich als Erwählte der Juden fühlen. Hätte man die Nachtwächter oder die Zuckerbäcker fünfzehn Jahre lang so verfolgt und angegriffen wie die Juden, so hätten sie sicher schon lange eine politische Vereinigung gegründet. I u d a e u s. Russtsche Erlebnisse und Eindrücke. Von H. Uork-Steiner. Wir sind wahrlich nicht verwöhnt, wir Juden in Oesterreich, und doch beim Eintritte in dieses Reich fühlt man, was es cheißt, auch gesetzlich ein Ausnahmsmeusch zu 'sein. Die Revision an der Grenze, die vielbesprochene, vielgefürchtete, war glücklich vorüber. Man ließ mir meine Schriften und Bücher, auch der Paß wurde mir rasch vidirt. Knapp vor der Abfahrt ging ein Gendarm durch den Wagen, um nochmals die Pässe zu controliren. Der Passagiere waren nicht viele, er ging mit höflichem Gruß vorüber. Bei einigen blieb er etwas länger stehen, auch bei mir, schaute mich prüfend an, zwinkerte mit dem Auge und stng: „Germanski Passport?" Er verbesserte sich aber gleich: „Austrianski?" er hatte sich also meine Person gemerkt. Er wartete noch eine Weile und zog weiter. Mein Nachbar reichte ihm die Hand, die verstündnißinnig gedrückt wurde. „Ham Se gegeben?" stng er, als der Mann vorüber war. „Nein. Warum sollte ich denn?" „Nu, Se sind doch e Jud." „Gewiß, das steht ja in meinenl Paß. Aber ich ängstige mich nicht. Uebrigens ist Ihre Furcht ein böses Zeichen der Rechtlosigkeit. Die Regierung ..." Der Mann gab mir einen Stoß. Wir waren zwar ganz allein und standen am Fenster, wo uns Niemand hören konnte. Der Wagen rasselte durch die düstere Nacht, jedes Wort übertönend, und doch zuckte der Manu zusammen, als er das Wort „Regierung" hörte. „Sie sind wohl zum ersten Male in Rußland?" „Ja". „Das Hab ich mir gedacht. Ich gib Ihnen einen guten Rath. Sprechen Sie nie über die Regierung." „Aber ich wollte doch nichts Uebles sagen." „Sagen Sie auch nichts Gutes. In Rußland spricht man nicht über die Regierung und ein Jud schon gar nicht." Der Zug sauste durch die Ebene der Ukraine. In jeder Station stiegen ein oder zwei Passagiere ein, bis der Wagen *) So geschehen vor etwa 4 Wochen in Bozen und Innsbruck.