Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 1 (7.1.1898)
- Date
- 1898-01-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 3 i r;'v fe; ,. X-: ,'X; ‘■r. Kr:- . k .•’m'üCMs-vC. Dr. Vwch'< »ochenfchrtst Nr. 1 Die große Oeffentlichkeit soll und muß es wissen, auf weffen Seite in diesem „Kampf auf Leben und Tod" die Herren von Rothschild stehen. Wenn der Untergang der Juden, zu deren Vertilgung vorgeschlagen wurde, daß man sie in die Donau treiben solle, die Existenzbedingung der rumänischen Nation ist. dann hat das Haus Rothschild Alles, was in seiner Macht lag, gethan, um diese Existenzbedingung zu erfüllen und den Untergang der Juden in Rumänien zu besiegeln. Und wenn der Rothschrei dieser Armen an das Ohr Europas klingt, dann haben die Antisemiten aller Länder ein billiges Mittel an der Hand, diesen Rothschrei als einen unberechtigten hinzustellen. Ist Ro t h s chi ld nicht ein Jude, ja, wie sie behaupten, der .König aller Juden?" Und würde dieser einem Staat mit hilfreicher Hand beispringen, welcher seine eigenen Glaubensgenossen angeblich in grausamer Weise mißhandelt? Es ist leider wahr und es muß immer wieder offen gesagt werden, daß die Ursachen der traurigen Lage der rumänischen Juden nicht blos bei der Regierung dieses Landes allein gesucht werden dürfen. Der Berliner Congreß hat in völkerrechtlichen Verträgen Rumänien Verpflichtungen auferlegt, die es nicht einhielt. Wie wäre das möglich, wie wäre diese Auflehnung gegen den Willen ganz Europas denkbar, wenn die großen, einflußreichen Juden in den europäischen Culturstaaten ihre Pflicht gegenüber ihren bedrängten Glaubensbrüdern im dakischen Königreiche erfüllen würden? Wenn sie, "die für sich die Achtung der Menschenrechte fordern, auch den Schutz der Menschenrechte ihrer Stammesgenossen verlangten? Man spricht soviel von der jüdischen Solidarität. Wenn eine solche in dem Maße bestünde, als sie thatsächlich und leider nicht besteht, dann wären jene Schändungen des Menschenthums, wie sie in Rumänien von den Machthabern anbefohlen und vom Pöbel ausgeführt werden, nicht möglich. Es ist Zeit, daß die jüdische öffentliche Meinung, sich mit dieser Frage ernstlich beschäftigt. Wollen Sie, Herr Redacteur, dieser Erörterung nicht ausweichen; so peinlich diese sein mag, um so verdienstvoller ist sie. Bismarck, der..Antisemit". Unter den Blutzeugen, deren sich die antisemitische Lüge mit frevler Hand bemächtigt, pflegt Fürst Bismarck eine der ersten Stellen cinzunehmen. Man kennt das Lug- und Trug-Ritual der antisemitffchen Parteigeher. Willkürlich aus dem Zusammenhang gerissene Stellen aus Werken und Reden berühmter Männer werden solange gedreht und gedeutelt, nach Umständen wohl auch gefälscht, bis sie als Zeugnisse gegen die Juden verwendet werden'können. Aber Goethe, Herder, Schleiermacher, Schopenhauer, die sich von den schmutzigen Vergani-Fingern betasten und beflecken lassen mußten, sind nicht mehr am Leben, sie können nicht gegen diese geistigen Grabschändungen flammenden Protest erheben. Ein Anderes ist es mit Bismarck. Der alte Reichskanzler sitzt in der stillen Vergessenheit des Sachsenwaldes, um ihn rauschen vom Wind^ bewegte uralte Eichen und die Gelegenheit wird ihm, das Vergangene zu bedenken, längst entschwundene Geister heraufzubeschwören, wohl auch alter Fehler sich zu erinnern und Jrrthümer, deren auch das Leben der größten Männer nicht entbehrt, schmerzvoll Revue passiren zu lassen. Die „Neue Freie Presse" hat vorige Woche Aussprüche des Fürsten Bismarck gegenüber einem süddeutschen Politiker veröffentlicht, durch die die gegenwärtige abgeklärte Stellungnahme des Fürsten zur Judenftage genau präcisirt wird und die geeignet erscheinen, die Tendenzlüge vom antisemitischen Bismarck ein für allemal aus der Welt zu schaffen. Daß bei einem Blatt von dem Range der „Neuen Freien Presse" an der Authenticität der betreffenden Mittheilung nicht gezweifelt werden kann, ist für jeden denkenden Menschen klar. Aber da sich die Argumentation gegen den Antisemitismus, ja mehr an die Nichtdenkenden wendet, so seien die bekannten Beziehungen des österreichischen) Weltblattes zum Fürsten Bismarck betont. Der Kanzler sagt ganz richtig, warum sich die jüdische Intelligenz zum großen Theil auf tue Handelsgewerbe werfe. Er erkennt ganz richtig, daß die Ausschließmig der Juden von richterlichen und anderen Staatsstellen, ja die bloße Beschränkung der Juden gegenüber anderen Staatsbürgern geeignet sei, die Juden noch mehr auf jene Gebiete zu werfen, auf denen sich schon heute das Uebcrgewicht unserer Glaubensgenossen geltend macht. Man wird sich diese Bemerkung des Fürsten merke« müssen, wenn wieder einmal sein Wort aus der tollen Junkerszeit hervorgeholt wird, welches er gegen die jüdischen Richter gemün t hat. Auch Diejenigen, die an Bismarck's Größe nicht zweifeln, werden weit davon entfernt sein, in ihm einen idealen Menschen zu erblicken. Man wird bei aller Anerkennung der verhältnißmäßigen Vorurtheilslosigkett, mit der Bismarck den Juden gegenübertritt, am wenigsten mit dem Ausspruch zufrieden sein, daß namentlich der reiche Jude ein guter Unterthan zu sein pflegt.'-Jndem der Fürst unterscheidet zwischen reichen und armen Juden, thut er eigentlich nichts anderes als was — mit Respect zu vergleichen — Dr. Lueger und Konsorten schon längst in die Praxis eingeführt Habens Die reichen Juden sind die Schnorr- und Pumpobjecte, der jüdische Proletarier wird den rohen Jnstincten der Menge ausgeliefert. Immerhin ist es bezeichnend, was Bismarck über seine persönlichen Erfahrungen mit Juden'erzählt hat. Zwar ist es sonderbar, wenn er als Staatsmann von den Juden Dank verlangt und es den fortschrittlichen und"radicalen Blättern, die in jüdischen Händen waren und ihn angriffen, übelnimmt, daß sie nicht ihre politische Ueberzeugung der angeblichen Dankesschuld zum Opfer gebracht hätten. Abgesehen davon, daß Bismarck die revolutionirenden Gefahren der Muckerei und Stöckerei zu spät erkannt hat, läßt sich gar sehr'darüber streiten, ob Jemand,, der in leitender Stellung'- das Selbstverständliche thut, dafür Dank verdient. Mehr schon interessirt, was der Privatmann Bismarck erzählt, wie er von einem kleinen jüdischen Dorfjuden seltene Beweise der Ehrlichkeit und Dankbarkeit erfahren hat. Und wahrlich! Wenn Einer berufen ist, über Dankbarkeit und Undankbarkeit authenttsch mitzureden, so ist es Bismarck, der, nachdem er in Ungnade gefallen, nachdem sein Sturz besiegelt war, christliche Anständigkeit und arische Dankbarkeit am eigenen Leib zur Genüge erprobt hat. Lntijemitismusund Parlamentarismus. Die antisemitische Bewegung der Jetztzeit unterscheidet sich in ihrem Wesen nur wenig vom früheren Strömungen gleicher Art. Nur die Umgebung, in welcher7sich die Bewegung abspielt, hat gewechselt, aus den patriarchalischen Staaten waren seit den antijüdischen Bewegungen der Vierziger-Jahre smehr oder weniger parlamentarisch regierte Gemeinwesen? geworden. Und deshalb sind einerseits die Formen andere, in welchen sich die7 Bewegung abspielt, wie sich "andererseits die Möglichkeit ergeben hat, die Bewegung zn bekämpfen. Es ist sicher, daß dieser Unterschied von einst und jetzt nicht gebührende Würdigung gefunden hat. Dies ist bedauerlich, denn nur wenn man sich über die Folgen dieser Verschiedenheit in den Zuständen klar geworden ist, kann man sachgnnäß der antisemitischen Bewegung gegenübertreten. Im patriarchalischen Staate konnte von einer Bc" kämpfung des Antisemitismus kaum die Rede sein. Volks" strömungen machten sich ja auch damals mehr oder weniger geltend, aber aus längere Zeit doch nicht so leicht gegen den Willen des Monarchen. DE Verhältniß war ähnlich, wie jetzt in Rußland, blies aus den Regierungskreisen ein freundlicher Wind, so konnten die Juden ausathmen, war man oben schlecht aus sie zu sprechen, so gab es schlechte Tage, und es galt, sich so lange zu ducken, bis der Wind umgeschlagen hatte. — Die Möglichkeit, thätig einzugreiseu, war nicht gegeben, man mußte auf Gott vertrauen und die Hoffnung hegen, daß der Landesfürst ein gnädiger Monarch sein werde. Mit dem allgemeinen Stimmrechte hat sich das geändert. Das Volk macht nicht mehr die Politik des Monarchen, sondern selbst in den nur halbwegs parlamentarischen Staaten wirkt die Volksstimmung stärker als gelegentliche Wünsche oder Aeußerungen des Landesherrn. Es