Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-12-31 · 53 (31.12.1897) · page 14

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
53 (31.12.1897)
Date
1897-12-31
Page
– (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3020846-3021169-3021222--07430-3031758
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 1070 Vr Vloch's Wochrnschrifl Nr. 53 einer der talentvollsten polnischen Schriftsteller — verdankt seine Popularität als Publicist nicht zum Mindesten seinem Antisemitismus. Gerade die jüdische Intelligenz bildete seit vielen Jahren die Zielscheibe seines grimmigen Hohnes, und nun übernimmt ein jüdischer Philanthrop die Kosten für die weiteste Verbreitung der Werke dieses Schriftstellers! — Einige interessante statistische Daten werden der „Gazeta Polska" aus Wilna mitgetheilt. Die Gesammtzahl der Handwerker in Stadt und Gouvernement Wilna beträgt 8000, davon sind 6000 Juden, der Rest Katholiken. Im Handel beträgt der Antheil der Juden 75 Percent, doch hat in den letzten Jahren die Anzahl der jüdischen Handelsleute, wohl infolge der Emigration, fortgesetzt abgenommen. Im Jahre 1894 betrug sie noch, wie aus der Anzahl der ertheilten Handelsscheine ersichtlich ist, 12.614, im Jahre 1895 dagegen nur noch 10.939. St. Petersburg. Die officielle Regierungszeitung veröffentlichte kürzlich eine Abänderung der Paßvorschriften, nach der von jetzt an Studenten der Pharmazie und Geburtshilfe, auch wenn sie Juden sind, im ganzen Reiche sich unbehindert aufhalten dürfen. Neuerdings aber publicirt das Blatt eine abermalige Abänderung, wonach diese Erleichterung für Moskau wieder aufgehoben ist. In der alten Kremlstadt sind die Juden von allen Anstalten ausgeschloffen, iu denen die beiden genannten Zweige der Heilkunst gelehrt werden, und es heißt, daß diese abermalige Verschärfung eingetreten sei auf directes Verlangen des Großfürsten Sergius, der bekanntlich Generalgouverneur von Moskau ist. — Bekanntlich ist die Eintragung in unser Geburtsregister gerade bei den Juden sehr mangelhaft. Theils wohnen in den kleinen Städten in Polen keine Rabbiner, denen diese Function übertragen ist, theils verstehen die Rabbiner ihre Amtshandlungen in dieser Beziehung nicht, muß doch erst jetzt wieder der Gouverneur von Kischineff mehrere derselben in seinem Bezirk scharf tadeln, weil sie die Eintragungen in die Geburtsregister nachlässig gemacht hatten. Durch solche Versehen entstehen den darin Betroffenen später, besonders beim Eintritt in das Militär und bei Erbstreitigkeiten, die größten Unannehmlichkeiten. So hat jetzt der Senat als höchste gerichtliche Instanz in einem Proceß zu entscheiden, ob Kinder, die nicht eingetragen sind, als illegitim zu betrachten sind und das Urtheil in diesem Streitfälle erwarten eine Menge Personen, die sich in ähnlicher Situation befinden, mit Sehnsucht. — Nach dem Bericht des Curators im Kiewer Erzichuugsbezirk (derselbe umfaßt die vier Gouvernements von Kiew, Podolien, Pultawa und Czernigow) existiren in diesem Bezirk, deffen jüdische Bevölkerung er auf, wohl übertrieben, 1'/- Millionen schätzt, nur 17 öffentliche jüdische Schulen, ferner 107 jüdische Privatschulen und 3344 Chedorim. Die Gesammtzahl der Schüler beträgt 52.638, darunter nur 2004 Mädchen. Allerdings ist entweder die Seelenzahl stark übertrieben, oder der Unterricht, den zwei Drittel der Knaben erhalten, entzieht sich der öffentlichen Controle. Bemerkenswerth bleibt der Mangel beinahe jeglicher Vorkehrung für den Unterricht der Mädchen. — In Kischineff ist ein bekannter jüdischer Arzt, Dr. Wolkenst e i n, der längere Zeit als Militärarzt gedient hat, in den Adelsstand erhoben worden. — Eine neue Bibelübersetzung in die ruffische Sprache hat die Gesellschaft für Verbreitung der Cultur unter den Juden unternommen, dieselbe ist dein bekannten Hebraisten Dr. Kantor, der früher Herausgeber des „Hajom" war und jetzt Rabbiner in Libau ist, und dein Orientalisten Israel s e n übertragen worden. — Die Juden haben, wie man weiß, weder das active noch das passive Wahlrecht zu den Stadträthen, doch pflegen die Behörden nach Beendigung der Wahl einen oder zwei jüdische Bürger in den Rath der betreffenden Stadt zu berufen. In den kleinen Städten der Provinz wird es aber mitunter schwierig. Stadträthe zusammenzusetzen, denn hier machen die Juden oft zwei Drittel bis drei Viertel der ganzen Bevölkerung aus. Einige dieser Körperschaften haben sich daher mit einer Petition an den Generalgouverneur gewendet, die Zahl der zu berufenden Juden zu vergrößern. London. Im Augenblick, wo die Jewish Colonisation Association die Frage der Besiedelung Cyperns mit russischen Juden erwägen will, erscheint ein Aufruf der „Eastera aud Colonial Association^, einer Gesellschaft, die sich zum Zweck der Colonisirung Cyperns gebildet hat. Die Schilderung der Insel klingt sehr verlockend, der Boden soll noch sehr billig sein, die Insel bringt hauptsächlich Getreide, Oelsaat, Früchte, Seide und Specereien hervor; davon soll die Seide allerersten Ranges sein, die Gerste in den englischen Brauereien sehr geschätzt werden und auch die Pomeranzen, Aprikosen, Orangen und Citronen sehr beliebt sein. Das Klima ist gesund und wird durch die fortgesetzte Austrocknung der Sümpfe noch ständig verbessert, die Bevölkerung ist friedlich und arbeitssam, das Regierungssystem europäisch geordnet. Die Heuschrecken, die in den meisten anderen tropischen Gegenden eine furchtbare Plage bilden, sind als ausgerottet zu betrachten. Gerade jetzt wendet die Regierung 1'/- Millionen an die Wiederherstellung alter Berieselungswerke und wird diesen Betrag vielleicht bald erhöhen. Soweit klingt also Alles sehr schön, nur leider fehlen diesem Bilde die Schattenseiten gänzlich, und gerade dadurch wird man mißtrauisch. London. Mehr als zu irgend einer Zeit im Jahre wird in der Periode von Anfang December bis Ende Jänner die öffentliche Mildthätigkeit in Anspruch genommen und in diesem Jahre ist dies in erhöhtem Maße der Fall. Allen voran ist der Board of Guardians, der sich mit einem Aufrufe an das jüdische Publicum wendet. Mr. Beiyamin L. Cohen, der Präsident, theilt mit, daß die Ausgaben in diesem Jahre erfreulicherweise etwas geringer geworden sind, um 2100 Mark kleiner als iu den ersten 11 Monaten des Vorjahres und um ca. 41.000 Mark gegenüber 1895. Aber die Einnahmen sind freilich noch viel mehr zurückgegangen, ganz speciell die Schenkungen, die 1895 ca. 210.000 Mark betrugen, 1896 noch sich auf ca. 170.000 Mark beliefen und jetzt nur noch ca. 135.000 Murk betragen. Der Rückgang zeigt sich am stärksten in den Geschenken, viel mehr als 2000 Mark, das heißt, die reichen Claffen nehmen nicht mehr das frühere Interesse an dem Werk des Board. Hoffentlich bringt der Appell an die öffentliche Wohlthätigkeit genug ein, um die Schulden des Board, ca. 150.000 Mark, zu bezahlen. Wenn die Mittel vorhanden sind, wird übrigens der Board und die United Synagogues eine Handwerkerschule einrichten. Man ist schon eifrig mit der Bearbeitung der Pläne beschäftigt. Auch die Suppenküche für jüdische Arme wird sich an die Oeffentlichkeit wenden müssen. Sie veranstaltet jedes Jahr im Winter ca. 65 bis 70 Vertheilungen von gutem Essen an jüdische Arme und verbraucht dazu ca. 32.000 Mark, wovon sie noch nicht einmal 8000 Mark bis jetzt besitzt. Am 13. December wurde sie eröffnet und bei dieser Feierlichkeit wurde sofort ein Betrag von ca. 4000 Mark neu gezeichnet. Das jüdische Reconvalescentenheim hielt am 12. December seine zwölfte Generalversammlung ab, in der der Bericht erstattet wurde. Das Norwood-Haus beherbergte 341 Kranke gegen 355 im Vorjahre, das Brighton- Haus hatte 241 Patienten gegen 229 im Vorjahre. Von der Baronin Hirsch gingen 20.000 Mark ein, von denen jedoch der größte Theil schon verbraucht ist. Zwischen den beiden großen Gemeindegruppen, den United Synagogues und der Federation of Synagogues ist ein heftiger Streit wegen der Traugebühr entbrannt. Nach dem geltenden Usus muß nämlich jedes Brautpaar eine Gebühr von 10 Schilling 6 Penc., das ist ca. 10°50 Mark bezahlen, ehe die Ehe vom Oberrabbiner legitimirt wird, auch dann, wenn das Paar sich in einer der Synagogen der Federation trauen läßt. Dies ist natürlich eine Beschwerung der Mitglieder dieser Synagogen, und Sir Samuel Montagu als der Präsident der Federation hat sich znm Wortführer der Beschwerdeführer gemacht. Zwischen ihm und dem Oberrabbiner Adler hat nun ein Briefwechsel stattgefunden, in denen dieser unter Hinweis auf seine Verträge mit der United Synagogues es ablehnt, auf die Gebühr zu verzichten, während Montagu erklärte, die Angelegenheit noch weiter verfolgen zu wollen. London. Die hiesigen Zeitungen beschäftigen sich mit der Lage der Juden in Persien, auf die die Aufmerksamkeit der öffentlichen Meinung durch einen Artikel des Generals Sir Thomas Gordon gelenkt worden ist. »Jewish Chronicle« hat darauf den General interviewen lassen und veröffentlicht das Gespräch. Der tapfere General schilderte die Lage der persischen Juden, die immer und immer wieder trotz aller Versprechungen des Schah und seiner Minister bald in der einen, bald in der anderen Stadt den schlimmsten Verfolgungen ausgesetzt sind.. Er schlug vor, es solle sich eine Mission von hervorragenden westeuropäischen Juden nach Teheran begeben, um für ihre Glaubensgenossen zu interveniren. Gordon zweifelt nicht am Erfolge einer solchen Mission, wie ja auch die indischen Perser zu Gunsten ihrer Stammesgenossen in Persien durch dieses Mittel ebenfalls viel Gutes erreicht hätten. Freilich müßten dann ständige Vertreter in Teheran und besonders in Hamadar, Jspahan und Schiras eingesetzt werden, die als Fürsprecher der persischen Juden bei den Gouverneuren und der Centralregierung in Teheran fungiren könnten. Der General wirft den reichen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.