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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-12-31 · 53 (31.12.1897) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
53 (31.12.1897)
Date
1897-12-31
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 63 Dr. Vloth's ZvochrntttzrM Seite 1069 der Berliner gynäkologischen Gesellschaft. Die ordentlichen Professoren an der Universität fiir dieses Fach sind als jüngere Männer, natürlich Christen, aber in einer Weltstadt wie Berlin hat dies doch keine entscheidende Bedeutung, es gibt jüdische Frauenärzte, die, ganz ohne staatliches Amt, einzig durch ihre wissenschaftliche Tüchtigkeit und ihre glänzenden Leistungen emporkommen und den staatlichen Autoritäten dieses Faches empfindliche Concurrenz machen. Da beschlossen denn die christlichen Frauenärzte, künftighin keine oder nur sehr wenige jüdische Frauenärzte in die gynäkologische Gesellschaft hineinzulassen. Das Statut verlangt, daß mindestens drei Mertel der Mitglieder sich für die Aufnahme erklären. Jüngst passirte es nun, daß der Sohn eines sehr hervorragenden jüdischen Medicinal-Professors und Assistent eines Professors für Frauenheilkunde in Berlin bei der Ballotage abgelehnt wurde; ebenso erging es einem anderen jüdischen Arzte, der sogar auf die Protection des Präsidenten des Vereines, des Geheimen Rath Professors Olshansen sich berechtigte Hoffnung machte. Aber der berühmte Frauenarzt Landau nahm dies nicht ruhig hin, er fragte, wie viel denn solcher schwarzen Kugeln abgegeben worden seien, zuerst wollte Olshansen nicht recht mit der Sprache heraus, jedoch als Landau mit seiner bekannten freimüthigen Energie seine Forderung wiederholte, nannte Olshansen die Zahlen, und nun stellte es sich heraus, daß nur die Schaar um Landau weiße Kugeln abgegeben hatte, daß dagegen die christlichen Aerzte, Olshansen inclusive, schwarze Kugeln hineingeworfen hatten. Traurig war bei diesem Verfahren aber noch der Umstand, daß es einen jüdischen Arzt gab, der mit dem antisemitischen Schwarm mitlief. Dagegen ist es nicht ohne ein pikantes Interesse, daß die Taufe vor diesem Tribunal keinen Unterschied zwischen Juden begründet, daß der getaufte Jude keineswegs dort Gnade findet, während der Staat in Preußen, wie bekannt, ganz andere Grundsätze verfolgt. In Folge dieser Stürme ist denn auch die Auflösung dieser Gesellschaft herbeigeführt worden, und es wird nun jetzt eine „reinliche" Scheidung zwischen jüdischer und christlicher Gynäkologie durchgeführt werden; dabei ist nicht ausgeschlossen, daß die christliche Gesellschaft, um das Odiose oder Lächerliche dieses Gebahrens abzuwehren, einen oder einige Renommirjuden hineinläßt. Charlottenbnrg. Bei der Aufmerksamkeit, die besonders den Juden des Ostens mehr als nöthig geschenkt wird, ist es vielleicht nicht ohne Interesse, zu constatiren, daß an der hiesigen technischen Hochschule eine stattliche Colonie polnischer und russischer Juden technischen Studien sich widmet; alle diese Jünglinge kennzeichnen sich durch eine große Bedürfnißlosigkeit, aber mehr noch durch einen eminenten Fleiß; von irgend welchen politischen Bestrebungen halten sie sich fern, sie kommen meist mit einer guten Vorbildung in ihrem Fache nach Deutschland hinüber. Paris. Diese Zeitung hat öfters Mittheilungen gebracht, aus denen sich die außerordentliche Verwirrung der öffentlichen Meinung im Falle Dreyfus ergab. Aber es gibt noch Kreise, die durch die Drnmont, Rochefort und Milleroy sich nicht einschüchtern lassen. Die „Illustration", eines der angesehensten und in der vornehmen Gesellschaft gelesensten Blätter, bringt auf der ersten Seite das Bild Scheurer-Kestner's und dazu folgende biographische Angaben. Der Lärm um die Affaire Dreyfus — neueste Ausgabe — hat in einigen Tagen mehr für das Bekanntwerden Scheurer-Kestner's gethan, als 25 Jahre seines öffentlichen Lebens. Die Menge wußte nichts von diesem berühmten Chemiker, der im Alter von 38 Jahren im Jahre 1871 als Deputirter von Haut-Rhin, seiner Heimat, in das öffentliche Leben eintrat. Man hat feinen Protest gegen die Friedenspräliminarien vergessen, feine Rückkehr zu uns infolge der Abtretung des Elsaß, seine fast unmittelbare Wiederwahl zum Volksvertreter im Departement der Seine, hierauf im Jahre 1875 seinen Einzug in den Senat, als lebenslänglicher Senator. Man weiß nur so ungefähr, daß er einer der Vicepräsidenten dieser Versammlung war, in der er sich allgemeiner Achtung erfreut. Man muß nach Elsaß gehen, um zu erfahren, in welcher Achtung der große Industrielle aus Thann bei seinen Landsleuten steht, er, der ständig bemüht ist, die Lage der Arbeiter zu bessern. Man muß sein Leben kennen, um in ihm den alten Republikaner zu schätzen, den das Kaiserreich verdammt hat, den alten Freund und Mitarbeiter Gambetta's. — Scheurer-Kestner redet wenig und macht wenig von sich reden. Und nun auf ein Mal findet sich dieser fülle, im Schatten stehende Mann plötzlich im Vordergründe der politischen Scene und bringt die Regierung, das Parlament, das ganze Land in Bewegung. Ueberzeugt, mit Recht oder mit Unrecht, von der Unschuld des Depvrtirten auf der Teufelsinsel glaubt er, der würdige Senator, daß seine Pflicht ihm befiehlt, seine Ueberzeuguug zu veröffentlichen, die Revision des Processes zu fordern. Aber nun erregt sich die Presse und ihr folgt die gelehrige öffentliche Meinung. Eine fieberhafte Agitatioik, ein heftiger Streit, kindische Märchen, nebelhafte Geschichten, romantische Erfindungen, formelle Denunciationen, Alles vereinigt sich zu einem unentwirrbaren, ärgerlichen Durcheinander und für diesen Schmutz, für diese Narrheit werfen die meisten Journale die ganze Verantwortlichkeit auf den Vicepräsidenten des Senates. Man ist verwundert, ihn aus seiner gewohnheitsmäßigen Zurückhaltung heraustreten zu sehen, um ein so schweres Problem aufzuwerfeu. Er. ein Parlamentarier von Beachtung, ein Elsässer Protestant, ein kalter, methodischer ernster Geist, der zugleich die Reife des Alters und der Erfahrung für sich hat, vollends ein Feind jedes Spektakels und ein Mann, an dessen Vaterlandsliebe, Redlichkeit und Unparteilichkeit kein Zweifel gestattet ist. Wenn schon Umstände vorliegen, welche die öffentliche Meinung verwirren, ist das ein Grund, in Narrheit und in beleidigende Heftigkeit auszuarten? — Jedenfalls verdient Scheurer-Kestner das Verdienst eines ungewöhnlichen Muthes. Adrianopel. Diese malte jüdische Gemeinde der Chalifenstadt ist seit verflossenen! Sommer das Kosekind der A. I. U und der Baronin Hirsch. Hier wird auf Kosten der Genannten ein großartiges Schulgebäude errichtet, überdies befindet sich ein Jnspeetor der A. I. U. daselbst, um ein großes Gut anzukaufen, das 400 Familien zu agricolen Zwecken übergeben wird. Dieses Gut aber wird mit einer Ackerbauschule in Verbindung stehen. Zweihundert spaniolische Familien haben bereits ihre Alloden erhalten. Die Aschkenasim gehen abermals leer aus. Indessen zeigt dieses Unternehmen, daß die maßgebenden Kreise auf die Türkei zurückgreifen, was wohl einen neuen Lichtpunkt in der Colonisationsangelegenheit bildet. Palästina und Adrianopel liegen wohl auf dem gleichen Herrschaftsterraine. Hervorheben will ich noch eine Thatsache, daß die A. I. U. alljährlich über 20_ Zöglinge ans Bulgarien nach der Ackerbauschule zu Jaffa schickt, unter denen kein einziges Kind aus deutschjüdischen Gemeinden. Gewiß aus Liebe für die Tedescis! Der race inferienre. Warschau. (Eine M i l l i o n e n st i f t u n g.) Man bespricht hier viel die großen, sich auf eine Million Silberrubel belaufenden Schenkungen für humanitäre und gemeinnützige Zwecke des in Warschau ansässigen Bankiers Hippolyt Wawelberg anläßlich des fünfzigjährigen Bestandes seiner Firma H. Wawelberg. Die am lebhaftesten begrüßte Schöpfung ist der mit einem Äufwaude von circa 400.000 Silberrubel errichtete Bau einer theoretisch-praktischen technischen M i t t e l s ch u l e i n Warschau mit polnischer Unterrichtssprache, die ihrem Lehrzwecke bereits vor einigen Wochen zugeführt worden und die das einzige in dieser Art bestehende Institut in Rußland ist. Es ist bei dieser Gelegenheit zu bemerken, daß die vorgenannte Schule nach den modernsten Erfahrungen im Schulbaue aufgeführt ist und in ihren Einrichtungen sehr den Anlagen des bekannten Technicums Mittweida ähnelt. Gleichzeitig hat sich Herr W a w e l b e r g im Vereine mit seinem Schwager und Firmamitinhaber Herrn Stanislaus R o t h w a n d in Warschau verpflichtet, diese Schule aus eigenen Mitteln zu erhalten, was eine jährliche beiläufige Ausgabe von ungefähr 20.000 Silberrubetn erfordert. Die letzte Schöpfung des Herrn Wawelberg — im Vereine mit seiner Frau — ist die Uebergabe von 300.000 Silberrubel an ein Curatorium angesehener Warschauer Bürger zur Herstellung billiger und gesunder Arbeiterwohnungen. Die Mietpreise dieser Wohnungen sollen so festgesetzt sein, daß das Stiftungscapital ein vierpercentiges Erträgniß abwirft und für diesen Zinsenertrag soll das Curatorium immer wieder derartige Wohnungen Herstellen lassen. Herr W a w e l b e r g ist in der Verwaltung der Baron Hirsch'schen Stiftungen für Rußland thätig. Leider bethätigt er seine zärtliche Fürsorge für die Bildungsbedürfnisse seiner „polnischen Mitbürger katholischer Consession". Kürzlich spendete er zur Errichtung von polnischen Lesehallen den Betrag von 15.000 Rubel, und dieser Tage erschien auf seine Kosten eine billige Volksausgabe (Jubiläumsausgabe) sämmtlicher Werke des polnischen Schriftstellers Boleslaus Pruß. Daß sich Herr Wawelberg gerade diesen Schriftsteller herausgesucht hat, um seinen polnischen Patriotismus zu documentiren! Herr Pruß — übrigens

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