Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 53 (31.12.1897)
- Date
- 1897-12-31
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 1060 Vr. VlorVs Wochrnptzrist Nr. 53 ausschneiden. Sie mögen ihn sich unter Glas und Rahmen stecken und daraus die Moral ziehen: Nichts einsteckcn! Sich nichts gefallen lassen! Frisch darauf los! Und die Gilde der Ehrabschneider concentrirt sich muthig nach rückwärts. Die Neujohrstrinkgelder. Wir erhalten folgende Zuschrift: „Geehrter Herr Redacteur! Am zweiten Weihnachtstage stellten sich bei mir zwei Canalräumergehilfen mit einer Neujahrskarte und der Bitte um das übliche Neujahrstrinkgeld ein. Ich wies dieselben an Dr. Lueger und übermittle Ihnen anbei den Betrag von 30 Kreuzer, den ich in früheren Jahren den Canalräumergehilfen gab, zu wohlthätigem Zwecke mit dem Ersuchen an meine Glaubensgenossen, meinem Beispiele zu folgen. Die Canalräumer haben bei der Wahl in der V. Curie ebenso antisemitisch gewählt wie die Kellner, die Tramway- und Omnibusbediensteten und wie die Mehrzahl der gewerblichen Hilfsarbeiter. Wenn wir das Trinkgeld, das wir sonst diesen unseren Feinden zuwendeten, wohlthätigen Zwecken zuführen, dürfte ein hübsches Sümmchen zusammenko mmen." Hochachtungsvoll S. F. Die vereitelte Kohleufchwiinze. Der Obligationenheld von Mühldorf hat kurz vor Weihnachten mit mächtigen Lettern eine bevorstehende Kohlentheuerung angeküvdigt, mit welcher die Großkohlenhändler schwanger gehen sollten! Ein anderes Blatt hatte nämlich grundlos von einem am Nordbahnhofe eingetretenen Kohlenmangel gesprochen. Das „Deutsche Volksblatt" stürzte sich auf diese von der Nordbahndirectionselbstofficiell als unrichtig bezeichnete Meldung und erklärte, dieselbe habe nur den einen Zweck, den Großkohlenhändlern die Handhabe zu einer Erhöhung der Kohlenpreise zu bieten. In dieser Form leite die Judenpresse in der Regel die Bewucherung der arbeitenden Stände durch das Großcapital ein. Ein Lügner muß ein gutes Gedächtniß haben, das gilt auch von dem gestrichenen Ehrenbürger von Mühldorf. Es ist ihm nämlich bei dieser Kohlengeschichte ein recht heiteres Malheur passirr. Unter den „Großkohlenhändlern" gibt es Arier und Inden. Die jüdischen Großkohlenhändler haben nun sofort, nachdem die unwahre Nachricht von einem bestehenden Kohlenmangel in die Welt gesetzt war, derselben öffentlich widersprochen und erklärt, daß für eine Erhöhung der Kohlenpreise kein Grund vorhanden sei und sie an eine solche nicht denken. Die arischen Großhändler dagegen schwiegen still. Es scheint also, daß die Absicht einer Vertheuerung lediglich bei den letzteren bestand und daß nicht die „Judenpresse", sondern das „Deutsche Volksblatt" dazu ansersehen war, diesem beabsichtigten Kohlenwucher zu prälndiren. Die Erklärung der jüdischen Großhändler hat nun allerdings diese arische Speculation noch rechtzeitig vereitelt und den braven Bergani wieder einmal um den Ruhm eines Anticorruptionisten gebracht. Eine Hetze des „Deutschen Volksblatt" gegen jüdische Handwerkslehrlinge. Als „fromme" Bescheerung brachte das „Deutsche Volksblatt" in Nummer 3225 zum heiligen Abend einen Hetzartikel gegen die jüdischen, aus den Volksschulen der Baron Hirsch-Stiftung kommenden Handwerkslehrlinge, um die Aufnahme dieser Knaben bei christlichen Meistern zu verhindern. Eingeleitet wird derselbe mit einem unzähligemale abgebrauchten und abgeschmackten Witz und — wie nicht anders zu erwarten — mit einer Unwahrheit, die sich dann selbstverständlich durch den ganzen Artikel wie ein rother Faden zieht. Von der Schul-Stiftung des Baron Hirsch für Galizien und Bukowina heißt es da, daß sie „speciell seinen Kohnnationalen zugute kommt". Schon dieses ist mit Verlaub eine Unwahrheit. Ein Blick in die Statuten genügt, um zu zeigen, daß die Wohlthaten der Stiftung für 25"/« christlicher Kinder zugänglich sind, wie denn überhaupt die Bemühungen des Stifters dahingingen, seine Stiftung zu einer möglichst interconfessionellen zu gestalten. Aber der interconfessionelle Charakter der Stiftung liegt nicht blos in den Statuten als todter Buchstabe, sondern er wird auch in den Stiftungsschulen in ausgiebiger Weise bethätigt. Schon ein flüchtiger Besuch einer stark frequentirten Stiftungsschule, sagen wir beispielsweise in Monasterzyska, belehrt, daß unter 140 Frequentanten des Abendcurses 50"/« der christlichen Confession angehören und diese kommen aus einer Entfernung von 3—5 Kilometer, um nur den Unterricht an dieser für „Kohnnationale" bestimmten Stiftungsschule zu genießen. Aber selbst wenn ^die Gelehrten des „Deutschen Volksblatt" ihren eigenen Augen und Ohren nicht trauen, so werden sie doch zuverlässig ihren Gesinnungsgenossen, deren Urtheil ihnen doch gewiß in diesen Dingen maßgebend sein wird, Glauben schenken. Die Herren werden sich wohl noch erinnern an die in der ersten Hälfte des November d. I. stattgehabte Antisemitenversammlung in Lemberg, deren eindringliche, von sämmtlichen Tagesblättern gebrachte Klage dahinging, daß die Stiftungsschulen allenthalben von christlichen Kindern besucht und sogar Katecheten für dieselben angestellt werden. Nach derselben Methode klagt nun das „Deutsche Volksblatt", daß sich in Wien christliche Meister finden, welche jüdische Knaben in die Lehre nehmen. Aber diese christlichen Meister wissen ebensogut, warum sie jüdische Lehrlinge nehmen, wie die christlichen Kinder, warum sie die Stiftungsschulen besuchen. Es geschieht in beiden Fällen nicht aus Liebe zu den Juden. Und die Hetze wird ebensowenig hüben wie drüben verfangen. Die Motive, welche das „Deutsche Volksblatt" gegen die Aufnahme der Absolventen der Baron Hirsch- Stiftung seitens christlicher Meister vorbriugt, sind ebenso hinfällig als die Hetze selbst fadenscheinig. Die christlichen Meister würden sich, so lautet die Conclusion, eine schlechte Concurrenz erziehen, denn die jüdischen Lehrlinge würden untüchtige Meister werden. Also die Schüler, welche in Rücksicht auf ihre Anstelligkeit, Nüchternheit, Strebsamkeit und Intelligenz gern von Meistern ausgenommen und ausgebildet werden, kommen aus den Händen dieser Meister als untüchtige, minderwerthige Gesellen heraus! Wie ist das zu verstehen? oder geschieht das etwa nach der Ansicht des „Deutschen Volksblatt" mit Absicht? Wozu dann der Lärm? Das Unehrlichste, was das „Deutsche Volksblatt" in diesem Hetzartikel aber leistet, ist das Mittel, dessen es sich bedient, um die christlichen Meister von der Aufnahme jüdischer Lehrlinge abzuschrecken. Die Baron Hirsch-Stiftung sowie die anderen jüdischen Corporationen, welche sich mit der Unterbringung jüdischer Lehrlinge bei Handwerkern befassen, haben hiebei von allem Anfänge an an dem Grundsätze festgehalten, daß Unterbringungen bei Goldarbeitern, Uhrmach e r n, Bu ch d ruckern.Optikern,Gravew.r.e.y und ähnlichen Handwerken ausgeschlossen sind, weil nur solche Handwerke gewählt werden sollten, bei denen es Hand a n l e g e n heißt. Selbstverständlich finden sich bei obbezeichneten Handwerken jüdische Lehrlinge nicht untergebracht. Was macht nun das „Deutsche Volksblatt" aus diesem nur die schwere Arbeit fördernden, gewiß sehr löblichen jüdischen Usus? Es dreht einfach und ganz scrupellos den Spieß um, „wirft die Phrase hin, daß der Jude „erwiesenermaßen für den Handel geboren und jeder körperlichen Arbeit abhold ist", und fügt weiters wörtlich hinzu: „Dies haben einige Wiener Genossenschaften eingesehen, und sie nehmen principiell keine jüdischen Lehrjungen mehr an. Zu diesen Genossenschaften gehören die Mechaniker, Uhrmacher, Goldarbeiter und Buchdrucker. Bei diesen vier Handwerken findet kein jüdischer Sprößling mehr Aufnahme." So weit das „Deutsche Volksblatt". Also weil die jüdischen Lehrlinge seit jeher principiell von den obbezeichneten leichten Handwerken ferngehalten und in diesen Werkstätten nicht angetroffen werden, darf sich das „Deutsche Volksblatt" erdreisten, als Abschreckungsmittel für die übrigen christlichen Handwerker die Behauptung in die Welt zu setzen, daß diese Genossenschaften keine jüdischen Handwerkslehrlinge aufnehmen! Wahrlich solch craffe Verdrehungen der Thatsachen müssen selbst den blindesten Lesern die Augen öffnen. Ein Gedenkblatt für Josef Weisie. Bei der Lectüre des warmen Nachrufes, der dem verewigten Oberrabbiner W e i s s e von seinem Freunde, Herrn Emanuel Baumgarten, pietätvoll gewidmet wurde, tauchte in meinem Gedächtnisse eine traumhafte Erinnerung aus der längst entschwundenen Jugendzeit auf, die immer lebhaftere Eonturen gewann und die ich darum festzuhalten, aufzufrischen und im Nachstehenden zum Ausdrucke zu bringen mir nicht versagen kann. Es war im Jahre 1846, also vor mehr als einem halben Jahrhundert, da zählten wir, Weiss e, B aumg ar ten und ich, als ständige Mitarbeiter an der von M. E. Stern in Wien heransgegebenen hebräischen Vierteljahrsschrist „K o ch b e Jizcha k", zu der nicht sehr Zahlreichen aber ungemein rührigen und aufstrebenden Hebraisten-Garde,'deren Eommilitonen, obschon einander persönlich unbekannt, in einem höchst anregenden geistigen Rapport standen und nicht selten die lebhaftesten Sympathien für einander hegten. Inmitten der