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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-12-31 · 53 (31.12.1897) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
53 (31.12.1897)
Date
1897-12-31
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 53 Vr- Vwch's WoihrnkchrM Seite 1059 Bestimmungen des Berliner Congresses mit Falschheit, List und Brutalität entzieht und schließt mit solgender Bemerkung: „Angesichts dieser vorgekommenen rohen Verirrungen, noch dazu unter stillschweigender Mitwirkung der Regierung, von einem Volke, das stolz sich civilisirt nennt und sich in der Pose eines Beschützers lateinischer Civilisation im Oriente gefällt, drängt sich mir unwillkürlich der Ausspruch Romagnosi's auf die Lippen, daß „die moderne Cultur eine übertünchte Barbarei ist". Dieser große Mann sprach diese feurigen Worte vor fünfzig Jahren, man muß sie jedoch auch heute wiederholen, da sie jetzt, für ein gewisses Volk wenigstens, vollauf berechtigt sind." Das Journal „Giomale diUdineJ brachte einen längeren Artikel am 11. December über „die unter den gleißnerischen Formen der Civilisation manifestirte Verkommenheit und die blutgierigen thierischen Jnstincte, welche in den rumänischen Vorgängen sich offenbaren." Der Berichterstatter constatirt, daß Haß und Verfolgung in Rumänien als eine Art Cultus betrieben wird. Zweimalhunderttausend Juden, welche durch Arbeit und Kleinhandel nur kümmerlich ihre Existenz fristen, alle Bürgerpflichten und die ihnen aufgebürdeten schweren Lasten geduldig ertragen, sind die Objecte unausgesetzter Verfolgung. Von zwei neuen Ausnahmsgesetzen bedroht, welche ihre Kinder von der Armee und der Schule zugleich ausschließen sollen, traten sie zu einer Versammlung zusammen, um in aller Ruhe ihre Lage zu berathen.. War das ein hinreichender Grund für die Gewaltthätigkeiten? Seit Monaten wurden beinahe täglich, nicht blos in Bukarest, sondern auch in allen Städten des Landes Versammlungen abgehalten, um den Pöbel gegen die Juden aufzureizen. Flugblätter und Plakate ergingen sich in den schärfsten Drohungen. In einem dieser Aufrufe hieß es: „Mitbürger! Zeiget den Juden, daß wir ihrer überdrüssig sind, daß sie schon genug lange uns Seele und Leib vergifteten. Der Kampf, der zwischen uns und den Juden entbrannt ist, ist ein Kampf auf Leben und Tod, er ist eine Bedingung unserer Existenz als Nation." Man kann daher mit vollem Rechte behaupten, daß die Regierung, die immer vorschützte, von nichts zu wissen und daher auch keine Vorkehrungen traf, um die Excesse zu verhindern, sich stillschweigend zum Mitschuldigen dir Verbrechen gemacht hat. »Gazetta del Popolo« in Turin vom 10. und 11. December 1897 schreibt in einem Artikel: „Die Rumänen gegen die Ungarn und die Juden": Die Rumänen in Transsylvanien und Ungarn sind wie die übrigen Nationalitäten im Stefansreiche derselben Rechte theilhaftig und genießen dieselben Freiheiten wie die Ungarn selbst. Sie besitzen mehr als 3400 Schulen, in denen nur rumänisch unterrichtet wird; sie haben Ackerbau und landwirthschaftliche Gesellschaften gegründet, verfügen über vierzig gut fundirte blühende Bankinstitute, welche nur mit Rumänen arbeiten, kurz ihre moralischen und materiellen Lebensbedingungen sind unvergleichlich günstiger als die ihrer Connationalen des freien Rumäniens. Hier machen die Analphabeten 87 Percent, in Ungarn kaum 10 Percent von der Bevölkerung aus, und die Bauern, verthiert durch die Armuth, leben in einem halbwilden Zustande und unter einer wahren Sclavenherrschaft. Man muß dem entgegenhalten, die Bedrückungen, welchen die Juden in Rumänien ausgesetzt sind, die Verfolgungen, deren Opfer sie werden, und man wird die ganze Heuchelei der rumänischen Parteiführer verabscheuen. Die Judenverfolgungen in Rumänien sind aber auch zum Theil das Resultat der österreichische n Propaganda, diese Bewegung wird von Oesterreich aus unablässig geschürt. »Giomale di Udine« vom 15. December 1897 berichtet interessante Einzelheiten über die Vorbereitungen der Excesse, wie man die Excedenten mit den Waffen aus den Waffendepots in Bukarest versehen hat. Nun verlangten die auswärtigen Vertreter der Mächte die Entschädigung ihrer geplünderten Staatsangehörigen und Schutzbefohlenen. Um sich dieser Verpflichtung zu entziehen, besuchen der Polizeipräfect und der Minister des Innern die einzelnen geschädigten Großhändler, um sie zu veranlassen, auf ihre Ansprüche zu verzichten; zu diesem Behufe verspricht man ihnen hohe Orden und Protectionen und anderseits läßt man ihnen durch das officiöse Blatt »II Liberalul« mit Ausweisung ans dem Lande drohen. Durch diese unwürdigen Mittel trachtet man sich der völkerrechtlichen Verpflichtung zu entziehen. Ueberdies hat der Minister des Innern in einem Rundschreiben den Präfecten im ganzen Lande die Anweisung zukommen lassen, den jüdischen Landesbewohnern, gleichviel ob einheimisch oder sremd, jede Versammlung zu verbieten. »La 8tampa« aus Turin vom 10. December 1897 bringt einen Artikel: „Die Gewallt haten der Antisemiten in R u m ä n i e n", und sagt am Schluffe: „Es ist gut hervorzuheben, daß diese selben Studenten, welche so wackere Heldenthaten gegen Leute, die das einzige Unrecht haben, ein von der Staatsreligion verschiedenes Bekenntniß zu üben, begingen, immerfort die g a n z e W e l t mit Kundgebungen überschwemmen, um die Ungarn zu verdächtigen und die Dazwischenkunft der civilisirten Nationen zu Gunsten der Rumänen in Transsylvanien zu fördern. Wie wird nun Europa ihre Klagen noch ernst nehmen können und wie wird sich nun nicht eher vielleicht die allgemeine Erkenntniß Bahn brechen, daß ihre antimagyarische Agitation nur eine mit der antisemitischen Bewegung in Oesterreich innigst verknüpfte Frage ist, geschürt von Leuten, die ein Interesse daran haben, die einzige wahre Säule des Liberalismus und der Freiheit — Ungarn — zu schwächen und zu verdächtigen? Aehnlich lauten die Urtheile in den Journalen „Uesto del Carlino di Bologna“, „Arena di Verona“ und „II Telegrafo di Livorno“, sämmtlich vom 11. December 1897. Vom Jahrmarkt des Lebens. Die Gilde der Ehrabschneider. Nicht allein die großen Preßprozesse, in denen die Führer der antisemitischen Partei sozusagen den Bcfäbigungsnachweis des Obligationendiebstahls erbringen, der ihnen den Rang in Mitte ihrer Getreuen sicherer gewährt, bieten ein klares Spiegelbild dieser verrottetsten aller politischen Parteien, die jemals gesehen wurden. Auch kleine politische Processe, die unsere Gemeinderäthe als Folge ihrer volksaufreibenden Thätigkeit zu bestehen haben, sind Werth, der Vergessenheit des Alltaglebens entrissen zu werden. Wir denken hier an eine kleine bezirksgerichtliche Verhandlung, die sich diese Woche abgespielt hat und einen überraschend schnellen Verlauf nahm in Folge einer de- und wehmüthigen Ehrenerklärung, die so ein antisemitischer Wahrheitsheld abgeben mußte. Ein Journalist kommt in Ausübung seiner Berusspflicht in die Couloirs des Gemeinderathes und irgend ein antisemitischer Gemeinderath springt ihm mit der verbissenen Wuth, die Derlei gegen alles Geschriebene und Gedruckte anhaftet, an die Waden. Es fällt der Ruf: „Es könnte ein Winterrock fortkommen!" und der Journalist, der übrigens ein treffliches Buch geschrieben hat, das auch in zünftigen Gelehrtenkreisen anerkannt wird, wo man sich sonst gegenüber den Männern von der Tagespresse in den zünftigen Mantel akademischen Stolzes zu hüllen pflegt, sieht sich genöthigt, vor den Richter hinzutreten, um Schutz für seine Ehre zu verlangen, die ein Mensch angetastet hat, der beiläufig auf dem Bildungsniveau eines Vergani steht. Ter Herr Gemeinderath hat sich beeilt, eine Erklärung abzugeben. Er hat ja gar nicht den Kläger gemeint, er hat nicht daran gedacht, daß der Zuruf von dem zu stehlenden Winterrock beleidigend aufgefaßt werden könne. Das ist bezeichnend für den Angehörigen der Luegergarde. Freilich für sie und ihresgleichen ist die Zumuthung, ein Kleidungsstück aus fremden Besitz zu entwenden, eher etwas Ehrenvolles, und es mag den Herrn Gemeinderath riesig befremdend angemuthet haben, daß es Leute gibt, die so naiv sind, in oer Tiebstahlsbeschuldigung etwas Kränkendes zu sehen. Das Interessanteste aber ist, wie rasch diese Ritter von der traurigen Gestalt auskneifen, wie schnell sie zu Entschuldigungen bereit sind, wie dienstbeflissen sie Abbitte leisten, wenn man ihnen mit sicherer Hand den Genickfang gibt, wenn man sie auf frischer That festnimmt und sie an den Ohren vor die Richter schleppt. Freilich überall ist das nicht möglich. Mit den Abgeordneten ist es nicht so, wie mit den Gemeinderäthen; denn letztere sind nur mitunter commun, aber noch nicht immun. Privatleute, die aber so oft Gelegenheit haben, von der Gilde professionsloser Ehrabschneider hinterrücks angefallen zu werden, mögen sich den Bericht von jener Gerichtsverhandlung, die am 28. December vor dem Bezirksgericht Alsergrund stattfand, aus der Zeitung

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