Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 52 (24.12.1897)
- Date
- 1897-12-24
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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Nr. 52 Vr. Bwch» WochrnptzrM Seite 1055 ken bedeckter Himmel, die ersten fallenden Schneeflocken, begleitet von einem rauhen Nordostwinde, den Winter. In der Bel-Etage eines der schönsten Häuser der N.schen Straße zu K. saß an dem großen, breiten, mit schweren, tiefrothen Pelnchedraperien über luftigen Creme-Tüllvorhängen geschmückten Fenster ihres ebenso elegant als behaglich aus gestatteten Boudoirs eine bleiche, zarte Frau. Sie legte die feine Stickerei, au welcher sie emsig gearbeitet hatte, sorgfältig zusammen, strich mit den schlanken, weißen Händen über die schönen braunen, etwas gerötheten Augen und ergriff einen ans dem Nähtische liegenden offenen Brief, den sie wieder und wieder durchflog, während ein glückliches Lächeln die rofigeu Lippen, um die zumeist ein schwermüthiger Zug 511 lagern pflegte, theilie. „Nur noch achtundvierzig Stunden der Trennung, Einziggeliebte, wenn dieser Brief in Deine Hände gelangt! Ich kann es mir nicht vergeben, daß ich Dich mit all' den trüben und wonnevollen Erinnerungen, die des Decembers Jdus für Dich hat, allein ließ. Wie viel schöner und reicher wären all' die herrlichen Eindrücke auf Italiens sonnigen Gefilden für mich an Deiner Seite gewesen! Wie viel mehr hätte ich mich der mir erwiesenen Ehren und Auszeichnungen gefreut, hättest Du, nrein süßes Herzensweib, dieselben mit mir getheilt. Gern, ich gestehe es Dir, hätte ich ungeachtet meiner großen Sehnsucht nach Dir noch einige Tage in München geweilt, jedoch übermorgen ist Chanuka und ich eile heimwärts, damit Du den milden Schimmer der Dir so lieben kleinen Friedensgeisterchen, der Chanukalichtchen, nicht missen sollst." Leome Mosendorff's Augen leuchten in Hellem Freudenglanze! Sie führt das Briefblatt an ihre Lippen. Wie gut, wie edel, wie liebreich ist ihr Mann. Von all' den Ehren und Auszeichnungen, die ihm bei der Jubiläumsfeier der ehrwürdigen italienischen Universität gezollt wurden, haben ihr bisher nur die Zeitungen berichtet; in feiner großen Bescheidenheit hat ihr Mann bis zur Stunde geschwiegen. Er weiß, ihre Brust wird sich in freudigem Stolze heben, ihn gefeiert und geehrt zu sehen, so erwähnt er jetzt davon. Ihr Mann, der berühmte Professor, auf den seit Jahren schon die Augen der gebildeten Welt mit Bewunderung blicken, dessen Name weit und breit mit Anerkennung genannt wird, den Tausende segnen für die Hilfe, die sein reiches Wissen, seine große Pflichttreue in Ausübung seines edlen, schweren Berufes ihnen in schweren bangen Stunden gebracht, für den milden Trost, den er ihnen gespendet, wenn seine Wissenschaft sich als ohnmächtig erwies und er nicht helfen konnte; er, ihr Mann, denkt in weiter Ferne an die kleinen Lichtchen, die seinem Weibe in alter lieber Gewohnheit übermorgen leuchten sollen! Wie reich, wie stolz, wie bevorzugt, wie glücklich ist sie! Sie darf sich sein Weib nennen. Sie darf ihm leben, ihn lieben, ihm dienen. Ihre Lippen bewegen sich zu leisem Gebete: „Ueber sein theures Haupt halte der Herr seine schützende Hand, damit er gesund und glücklich zurückkehre." Voll Bangen ließ sie ihn die große Reise antreten; die Zeitungen melden jetzt so oft schreckensvolle Eisenbahnunfälle. Das holde Frauenantlitz ist wieder ernst geworden; Leonie ist aufgestanden und blickt traumverloren auf die breite, schöne, fast menschenleere Straße; stärker fallen die Schneeflocken und bleiben, sich wie eine weiße Decke über die Erde breitend, haften. Die schlanke Frauenerscheinung mit den feinen durchgeistigten Zügen, den sanften Augen, die goldblonde reiche Haarfülle vorn schlicht gescheitelt, hinten in einem schweren griechischen Knoten aufgesteckt, in schlichtem schwarzen Wollkleids macht weit eher den Eindruck einer Diakonissin als den der Besitzerin dieses reizenden traulichen Raumes. Ein tiefer Seufzer entringt sich ihrer Brust, rasch aufquellende Thränen verdunkeln die schönen Augen; eine Fluth schmerzlicher Gedanken, wehmuthsvoller Erinnerungen kommt über sie. Sie hat Wer nie sein Brod mit Thränen aß, Wer nie die kummervollen Nächte Auf seinem Bette weinend saß erfahren, kennen gelernt; ihre Augen haben gar oft und viel im Weinen sich geübt! Erster Schnee! Wie war doch das kleine Gedicht, das die jugendliche Lehrerin ihr einst in ihr Poesiebuch schrieb? Wie hieß doch der Verfasser? Sie denkt einen Augenblick nach. „Erster Schnee" von Moritz Hartmann. Erster Schnee liegt auf den Bäumen, Tie noch jüngst so grün belaubt, Erstes Weh liegt auf den Träumen, Die noch jüngst so froh geglaubt. Erster Schnee ist bald verschwunden, Wenn darauf die Sonne weilt. Erstes Weh schlägt tief're Wunden, Die kein Freudenstrahl mehr heilt. Erstes Weh! Weit zurück schweifen ihre Gedanken. Fast zwanzig Jahre. Ihre Thränen fließen stärker. Vor ihrem geistigen Auge steigt ihre frohe Kindheit und Jugend in ihrem Elternhause in der Bellevuestraße in Berlin lebhaft auf. Der Vater, hochgeachtet in Stadt und Staat, geehrt von seinen Mitbürgern, seinen Glaubensgenossen, eine Zierde des Kaufmannsstandes, zahlreiche Ehrenämter bekleidend, der Vertreter der Handelsiuteressen einer Großmacht als Consul. Die Mutter, eine zarte Ephenrauke, die sich an die mächtige Eiche lehnt, geschmückt mit den schönsten weiblichen Tugenden. Liebe, Friede, Freude, Glück und Wohlstand, ja Reichthum herrschte in ihrem Elternhause. Mit gerechtem Stolze blickte»! die Eltern aus den einzigen Sohn und Erben, der all' die reichen, schönen Hoffnungen, zu denen Veranlagung und Erziehung sie berechtigten, erfüllte. Der schöne, ritterliche, heißgeliebte Bruder »vetteiferte mit den Eltern, sie, die bedeutend jüngere Leonie, mit Liebe zu überschütten und zu verwöhnen. Lothar ist das Ideal eines jungen Mannes nicht für sie, sondern für ihre Mitschülerinnen, ihre Freundinnen, die sie Alle um den herrlichen Bruder beneide»». Er ist verlobt; wie glücklich »nutz das Mädchen sich preisen, dem er seine Liebe schenkte; Edith ist klug, schön, lebhaft, Leorrie hat stets eine liebe Schwester entbehrt und vermißt, »venu auch die gute Mutter, selbst noch jugendlich, stets liebevoll auf ihre Interessen eingeht, es müßte doch sehr schön sein, eine junge Schwester zu besitzen; nun soll sich dieser Wunsch ihr auch erfüllen; gewiß sie findet in Edith eine liebe Schwester. Leonie hatte zu Ostern die Schule verlassen, nahm zu ihrer weiteren Ausbildung noch Unterrichtsstullde»» in ihren wifseuschaftlichen Lieblingsfächern, Sprachen und Musik, die Mutter war schon mit Vorkehrungen für die möglichst schöne Gestaltung des künftigen Heiins des geliebten Sohnes, dessen Hochzeit iin Herbste sein sollte, beschäftigt, als »vie ein Blitz aus heitern» Himmel in den heißen Julitagen 1870 die Kriegserklärung Frankreichs in ihr Elternhaus fiel. Berlin sah wie ein großes Kriegslager aus; alle Schichten der Bevölkerung ohne Unterschied der Stände, waren von hoher Begeisterung entflammt, von edler Entrüstung erfüllt. Das konnte, das durfte der greife König sich nicht bieten lassen. Biel edles Blut würde die Erde tränken, aber es galt einen heiligen Kampf, Frankreich sollte und mußte seinen Uebermutt» büßen. Wie der hochherzige Prinz Louis Ferdinand, der seine Liebe zu König u»»d Vaterland mit dem Heldentods bei Saatfeld besiegelte; »vie der jugendliche Tyrtäus der begeisterte Freiheitskämpfer und Sänger Theodor Körner, »oußte er doch gleich diesen Heldensöhnen ebenso kunstgerecht und ergreifend die Leier, als muthig das Schroert zu führen, erschien der vergötterte Sohn und Bruder den Augen der Eltern und der jungen Schwester, in der kleidsamen, knappen Uniform eines Reserve- Officiers, als er in letzter Umarmung an ihrem Herzen lag. Als sie, Leonie, in der schmerzvollen Scheidestunde wortlos, in Thränen aufgelöst an seinem Halse hing, flüsterte er nur ihr verständlich: „Sei Du, mein Herzensliebling, der Eltern, Edith's Trost und Stütze, »venn ich nicht wiederkehren sollte. Du bist aus dem Holze der todesmuthigen, opferfühigen Heldinnen der Geschichte geschnitzt; in Dir, kleines Schwesterchen, wohnt eine hochgemuthete große Seele, ein starker Geist!" Ahnten die Eltern, ahnte sie, als er ihren Blicken entschwunden war, daß sie ihn nicht Wiedersehen würden? Berlin schwelgte im Siegesjubel, in den sich so viele heiße Thränen mischten. Die heißen Augusttage brachten sich fast überstürzende Kunde von neuen blutigen Siegen. Weißenburg, Spicheren, Wörth. Mars la Tour, Bionville, Gravelotte! Welch' bange Tage angstvoller Sorge, welch' schlaflose Nächte, in denen schwarze Bilder die geängsteten Eltern, die zagende Leonie aus flüchtigem Schlummer aufschreckten. Da kam die Trauerbotschaft! Eine feindliche Kugel hatte bei Gravelotte das edle junge Mannesherz durchbohrt; das schöne für alles Gute und Hohe in Begeisterung erstrahlende Auge war gebrochen, der sanges-