Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-12-24 · 52 (24.12.1897) · page 20

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
52 (24.12.1897)
Date
1897-12-24
Page
– (sequence 20)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3021169-3021221--07415-3031742
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 1056 Vr. Vloch's Wochrnschrtfl Nt. 52 frohe, liederreiche Mund für immer verstummt. Auf dem Todtenbette hatte man die Heldenbrust noch mit dem eisernen Kreuze geschmückt. „Arme, beraubte Eltern!" Gott, mein Gott, wie konntest Du uns das anthun!" jammerten sie mit Hiob. Der Vater war unkenntlich gealtert, sein theures Haupt schneeweiß gebleicht; seine so stolz aufgerichtete hohe Gestalt gebeugt, sein liebes ehrwürdiges Gesicht gramdurchfurcht. Die Mutter ivar von der Wucht des härtesten Schlages niedergeschmettert, vernichtet! Sie, Leonie, allein hielt sich mühsam aufrecht; jedoch wie ein Automat wandelte sie einher, in dumpfer Trauer empfing sie die zahlreichen Beweise von Teilnahme; mechanisch beantwortete sie die ihnen gespendeten Trostworte, gab auf alle wirthschaftlichen Fragen, mit denen die Dienstboten sich jetzt immer an sie wendeten, kurzen Bescheid; doch den gramgebeugten Eltern Much, Trost und Aufrichtung einzuflößen vermochte sie nicht. Tage, Wochen, Monde schlichen dahin. Der Sommer wich dem Herbste. Welche Festtage! Gab es überhaupt für sie noch Festtage? Es gab nur noch Trauertage um ihn, den Heißbeweinten. Neujahr! Tage schmerzlichster Erinnerung. Versöhnungstag! Vergebens hat sie den trauererfüllten Eltern das wunderbar ergreifende Gedicht von der Heldenmutter, die ähre sieben Söhne in unerschütterlicher, unwandelbarer Glaubenstreue dem einig einzigen Gotte, zu dem sie betet, geopfert hatte, zur Erhebung vorgelesen; konnte der siebenfache Schmerz einer ihres Liebsten auf Erden beraubten Mutter den ihren vermindern? Immer kürzer wurden die Tage; die starre dumpfe Trauer wollte nicht weichen; der lindernden Thränen Wohlthat schien ihnen versagt zu bleiben; trockenen brennenden Auges gingen sie weiter einher; der Winter war gekommen; Chanuka mit ihm! Der mildhelle Schein der kleinen Lichtchen sollte für die tiefgebeugte Familie zum Balsam des Trostes, zum Quell neuer Lebensfreudigkeit werden. In der Erinnerung an die Heldenkämpfe der Makkabäer kleiner Schaar fanden die tiefbetrübten Eltern endlich Thränen. „Lindernde Thränen, Euch gab die Natur dem Menschen, Weis' als Gesellinnen zu. Wäret Ihr nicht, und könnte der Mensch sein Leid nicht weinen, Ach, wie ertrug' er es da!" singt der Sänger des „Messias", Klopstock, in seiner herrlichen Ode an Ebert. In den sie fest umschlingenden Armen ihres Mannes, an seinem tteuen Herzen hatte die Mutter beim mildhellen Scheine der kleinen Lichtchen zum ersten Male heiß und leidenschaftlich ihren großen heiligen Mutterschinerz ausgeweint und fand, als sei ihr, der zarten Frau, urplötzlich eine Heldenseele eingehaucht, für ihren tiefgebeugten Gatten das Trostwort des Rabbi Meier: „Gott hat es gegeben, Gott hat es genommen, sein Name sei gelobt!" Thränenden Blickes hatte ihr Mann ihr gedankt, auch er wollte in dem trostvollen Bewußtsein, sein Sohn sei den schönsten, ehrenvollsten Tod für König und Vaterland gestorben, sich wieder aufrichteu. Unter Thränen hatte auch Leouie wieder Hoffen gelernt. „Nun armes Herz, nun sei nicht bang, Nun muß sich Alles, Alles wenden!" Beim mildhellen Scheine der kleinen Lichtchen war die Mutter sich auch immer klarer und deutlicher bewußt geworden, daß ja ihr Mann mit dem einzigen geliebten Sohne noch mehr verloren, noch mehr eingesargt, als sie. Blutete ihr Mutterherz auch aus ewig klaffender Wunde, denn für diesen höchsten Schmerz hat die Zeit keine lindernde Kraft, ihr Mann betrauerte ja - in dem Heimgegangenen Heldenjüngliuge den Träger und Erben seines hochgeachteten Namens, der Errungenschaften seines arbeitsreichen, doch segensvollen Wirkens und Schaffens. - In all' der Zeit dumpfer stummer Trauer hatten sie sich auch ihrer Pflichten gegen die geliebte Tochter entzogen. Das Recht der Lebenden ist das größere! Die Trauer und Klage weckt die Todten nicht auf, aber um des ihnen gebliebenen Kleinods willen mußten sie wieder dem Leben angehören, durften sie sich nicht in Gram und Schmerz versenken. Und waren sie denn in ihrer Trauer nicht geradezu undankbar gegen die gütige Vorsehung, die ihnen diese Tochter gegeben. Ost fliegen bewundernde Blicke aus den thränenmüden Augen der Eltern auf die liebliche Mädchenerscheinung, die der erste große Schmerz des Lebens zum Weibe gereist hat. Leonie führt ihnen mit überzeugender Beredtsamkeit vor Augen, daß diese stumme, wortlose Trauer so gar nicht im Sinne des thenren Todten. Sein Andenken wird gesegnet, geheiligt, hochgehalten werden, so lange sie athmen, aber stark und stolz wollen, müssen sie in Liebe vereint tragen, was Gott ihnen auferlegt! „Gesegnet, tausendfach gesegnet, ihr kleinen Lichtchen, die ihr diese Wandlung in trauernden Herzen hervorgebracht, die ihr die Eltern gelehrt, sich in Ergebung in Gottes Willen zu fügen", dachte Leonie damals. — Wer hätte im Jahre 1870 wohl dem jungen Mädchen für einen Moment den Zuttrnftsschleier lüften und ihr zeigen können, daß Chanukalichtchen zu verheißungsvollen Marksteinen in ihrem Leben werden sollten! Der Winter verging; die Mutter und Leonie widmeten sich.mit unermüdlichem Eifer dem großen Samariterwerke des Vaterländischen Frauenvereins, während der Vater, dem Hilfscomits für die Verwundeten angehörend, durch reiche Geldspenden, durch richtige Vertheilung der eingegangenen Gaben nothlindernd wirkte. Berlin rüstet sich zur Heimkehr der ruhmgekrönten Sieger. Leonie hat nur einen Gedanken. O, nur fort von Berlin, die Eltern dem allgemeinen Jubel enttücken, sinnt sie Tag und Nacht. Sie hat den alten Hausarzt und Freund, dessen Liebling sie ist, zu bestimmen gewußt, etwas Blutarmuth ihrerseits vorzuschützen, um die Eltern, da der Strom der Reisenden überall jetzt noch nicht drängt, zu veranlassen, mit ihr auf Wochen, ja Monate in dem lieblichen Spandau Aufenthalt zu nehmen. Ihre List ist geglückt; was kindliche Liebe überhaupt ersinnen kann, den Eltern Freude und Behagen zu spenden, thut sie. Edith! Die Lippen der schlanken Frau kräuselt flüchtig ein bitteres Lächeln, nun ihre Erinnerung sie streift; ein eitles, oberflächliches Weltkind, hat Edith ein Jahr in Krepp gehüllt pflichtschuldigst getrauert und ist dann die Gattin eines sehr reichen Lebemannes geworden; sie hat Lothars Liebe nicht verdient, sich derselben nicht würdig gezeigt. _ (Fortsetzung folgt.) Briefkasten. H. Fleiß, Brooklyn. Ein zuverlässiges Wechsel- und Bank- Geschäft ist die Firma Freund & Cie., Wien, I., Schottenring 1. I. R. F. Der Ausruf »Hands off« stammt von Gladstone her, welcher ihn gegenüber Oesterreich in Bezug auf den Orient gebrauchte. K. in Wien. Warum Dr. Lueger katholisch ist, hat er selber erklärt. Er sagte wörtlich: „Ich schäme mich durchaus nicht, zu bekennen, daß ich ein Katholik bin, daß ich einen Glauben besitze, der mir nie schade n, sondern nur nützen kann." I. Altmann, Budapest. Die Zeitschrift „Woschod" erscheint St. Petersburg, Platz d. gr. Theater 2. L. in Krakau. Sie irren, wenn Sie unsere Antwort als eine „Neuerung" auffassen. Im Abendlande las man schon in uralter Zeit Kaddisch und Borchu wenn auch nur sieben Personen versammelt waren, vgl. Ascheri, Megilla III, 7 und Jsak b. Scheschet, s. Tosaf. Meg. 23. Dr. F. G., Wien. Die Angelegenheit ist von der „Arbeiter- Zeitung" genügend aufgeklärt worden. Es geschieht nicht zum erstenmale, daß antisemitische Angestellte ihre Chefs im „Deutschen Volksblatt" verleumden. Die Advocaten jüdischer Confession mögen daraus eine Lehre ziehen. Der Antisemitismus hat Hunderte intelligenter Juden brotlos gemacht und es fällt heute wahrhaftig nidjt schwer, jüdische Kanzleibeamte anzustellen, die mindestens so intelligent und fleißig wären, wie die arischen. N. K—r. Wien. Die Geschichte von den vier Wienerinnen, die Ehren-Vergani jetzt in seinem Blatte ausbeutet, ist deshalb interessant, weil drei dieser Mädchen Jüdinnen und die angeblichen „Vermittler", deren Namen aber Vergani weise verschweigt, Arier sind. Uebrigens wissen wir ja aus dem Kremser Fall, daß Vergani solche Geschichten nur deshalb breittritt, um seinem Blatte einen pikanten Reiz zu verleihen. „Einsender" in Budapest und „Glaubensgenosse" in Teplitz. Annonyme Zuschriften werden nicht berücksichtigt. Landes: Erzbischof Tagliani von Sebaste, ftüher Erzbischof Agliardi. __ der Speditioas- und Fettbranche, 26 Jahre alt, ledig, mosaisch, deutsch uud böhmisch, ausgedienter Unterofficier mit 5-jährigem Wiener Zaugniss, sucht Stellung. Unter „A. S.“, Wien, XVII. Bez., _Weissgasse Nr. I, Thür H._ In einem Herrenkleidergeschäft sucht junger Mann, gelernter Schneider, Israelit, als Verkäufer Stellung, da derselbe schon in dieser Eigenschaft thätig war. NI. Singer, Wien, XVil. Bezirk, Calvarienberggasse 15, II. Stock, Thür 16. Herau4aü»er u. verantw. Aedacteurr St. 3«sef I. JtttcA. — Druck v. L. Beck * Sohn, Wie». VIII., Lerchen':werft- 46.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.