Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 52 (24.12.1897)
- Date
- 1897-12-24
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 52 Dr. Bloch's reichen. Was Hai denn oas Reformjudenthum, das durch die Synagoge diese civilisatorische Mission ausiiben wollte, erreicht? Es äffte dem Protestantismns nach, betonte das Göttliche der Bibel und das Menschliche des Talmud,. als ob nicht jede geschichtliche Entwicklung nothwendig, göttlich wäre, bannte alles Jüdisch-Nationale selbst aus der Bibel, dem Gebetbuch, der Synagoge und ward zu einem lahmen Doppelgänger des Protestantismus Oder was soll man gar von so naiven Resormationsmitteln wie Orgel, Gesang, Tnnpel-Eoncert halten, wo es gilt, ein hohes Miffionswerk unter den Völkern zu vollsnhren. Man hat dadurch höchstens den Uebergang ans der Synagoge zur Kirche erleichtert, denn das bischen Dogmenkram nimmt ein moderner Mensch so schwer und tragisch nicht. Wie aber steht es mit der Orthodoxie und ihrer Vereinbarkeit mit den civilisatorischen Aufgaben des Jndenthums? Ter Verfasser denkt sich die Lösung dieser Frage sehr leicht. Da der Rabbinismus eine Frucht des Exils ist, der Zaun um den jüdisch-nationalen Gedanken im Exil, das freilich keinem Garten glich, so werden die guten Inden in Palästina, im Vollgennß der nationalen Selbstständigkeit, im nationalen Wohlleben die Erinnerungszeichen an ihre Nationalität gar nicht nöthig haben — uitb der jüdische Genius wird wie einst ans Babylon so aus dem europäischen Exil eine neue Bibel heimbringen. Der jüdische Patriotismus der Strenggläubigsten wird die rabbinische Schale zum Schutze der jüdischen Nationalität gerne und ohne Seelenschnierzen langsam entfernen, da der Kern des Jndenthums wieder in den heiligen Boden Palästinas verpflanzt und dort neue herrlich: Bliithen treiben wird. Darum wendet sich M. Heß an die Inden im Osten und im Orient, die den nationalen Kern des Jndenthums durch ihre religiöse Treue treu bewahrt haben, daß sie das Joch des Elends abschütteln und wieder werden ein freies Volk auf heiligem Grunde. Darum propagirt er eifrig die Gründung von Eolonien im heiligen Lande und erwartet von Frankreich, das unter seinen Cäsaren die Befreiung der Völker auf sein Panier schrieb, daß es auch die jüdische Nation wieder „in's Geleise der Weltgeschichte" heben wird. Diese Erwartung traf nicht ein. Die zionistische Bewegung, die M. Heß zu seiner interessanten und auch an geistvollen Details reichen geichichts-philosophischen Reconstruction der jüdischen Nationalität anregte, verlief im Sande, im Bücherstanb. lieber die Verwirklichung der Eolonisationsidee in bescheidenen Grenzen aus Humanitätsgriinden hat es der Zionsgedanke in den 35 Jahren seit M. Heß' Schrift nicht gebracht. Er scheiterte an dem Mangel eines jüditch-nationalen Bewußtseins bei den westeuropäischen Inden und an dem Mangel an Thatkraft bei den noch tief in der jüdischen Nationalität steckenden osteuropäischen Inden und nicht zuletzt an der gewaltigen Macht der Thatsache, der sich alle Inden bewußt waren, daß weder die Pforte noch die Diplomatie der europäischen Christen den Inden die Heimkehr nach Palästina gestatten würde. Die Aehnlichkeit zwischen M. Heß und seinem Zionismus und dem der heutigen zionistischen Wortführer im Ausgangs- und Endpunkt ihrer Gedanken springt in die Augen. Man braucht nur die Angen zu offnen, mit zu sehen) daß der zionistische Gedanke eine bewegende Kraft der jüdischen Geschichte ist. Ob er im heutigen Zionismus, gepaart mit dem Gedanken der nationalen Organisation, geweiht mit dem Salböl des Humanitären Socialismns es weiter bringen wird als zu literarischen Denkmälern des Zion-Gedankens und der Zion-Sehnsucht, ob er mehr denn Heimweh, mehr als Heimkehr zum alten Jndenthnm. ob er auch die Heimkehr nach Palästina nnter'm Schutz Europas und der Christenheit bedeuten wird — das ist eine Frage, worauf die Zukunft antworten wird. Zum 100jährigen Geburtstage Heinrich Heine's. (13- Der. 1897.) Von Dr. A. Biach, Rabbiner in Brür. „Wer auch immer gegen feine Ueberzeugung aus rein egoistischen Motiven seinen Glauben wechselt, begeht eine Thal, die er weder vor Gott noch vor seinem Gewissen verantworten kann; denn er hat, mit Kant zn reden, das „moralische Gesetz im Menschen" verletzt." Wenn ich trotz dieser Worte, die ich am Schlüsse meiner Broschüre „Friedrich Hebbel und die Juden", Brüx 1897. schrieb, Heine zn seinem 100jährigen Geburtstage ein Blatt der Erinnerung widme, so geschieht es nicht dem nächst Goethe größten deutschen Lyriker zu Ehren, sondern deshalb, weil Heine auch nach seiner Taufe warm für die Juden eintrat, mit inniger Freude, ja mit Begeisterung von jüdischer Literatur und jüdischen Gelehrten sprach und gleich Lessing vom Geiste der Humanität durchdrungen war. " Diese Punkte — eine Ergänzung dessen, was Graetz in seiner jüdischen Geschichte (11. Bd., S. 368 ff) über Heine geschrieben — wollen wir im Folgenden besprechen. Der bekannte Heinebrograph, G. Karpeles, berichtet uns (H. Heine's s. W., Hamburg, Hoffmaun u. Campe I. Bd., Seite 146), daß der Dichter 1849 einem Freunde gegenüber bemerkte: „Ich mache kein Hehl aus meinem Judenthnm, zu dem ich nicht Wochenschrift. Seite 1047 znrückgekehrt bin, da ich es niemals verlassen hatte. Ich habe mich nicht taufen lassen aus Haß gegen das Judenthum." Die Wahrheit dieser Worte beweist Heine's Eintreten für die Juden. Als ntatl Shakespeare als Autorität für gerechtfertigten Judenhaß ausspielen wollte, da schrieb er (1838): „Der Genius des Shakespeare erhebt sich noch über den Kleinhader zweier Glaubensparteien und sein Drama zeigt uns eigentlich weder Juden noch Christen, sondern Unterdrücker und Unterdrückte und das wahnsinnig schmerzliche Aufjauchzen dieser Letztern, wenn sie ihren übermüthigen Quälern die zugesügteu Kränkungen mit Zinsen znrückzahlen können. Bon Religionsverschiedenheit ist in diesem Stücke nicht die geringste Spur und Shakespeare zeigt in Shylok nur einen Menschen, dem die Natur gebietet, seinen Feind zu hassen, wie er in Antonio und dessen Freunden keineswegs die Jünger jener göttlichen Lehre schildert, die uns befiehlt, unsere Feinde zu lieben.".„Wahrlich, Shakespeare würde eine Satyre auf das Christenthum gemacht haben, wenn er es von jenen Personen repräsentiren ließe, die dem Shylok feindlich gegeuüberstehen, aber dennoch kaum werth sind, demselben die Schuhriemen zu lösen." Heine kommt hierauf auf die Keuschheit zu sprechen, die dem jüdischen Stamme besonders eigen ist und vergleicht dieselbe mit der Sittenreinheit der germanischen Stämme. „Es ist in der That ansfallend, welche innige Wahlverwandtschaft zwischen den beiden Völkern der Sittlichkeit, den Inden und Germanen, herrscht. Diese Wahlverwandtschaft entstand nicht auf historischem Wege, weil etwa die große Familienchronik der Juden, d i e B i b e l, d e r g a n z e n g e r m an i s ch e it W eit al» E r z i e h u n g s b n ck diente, auch nicht, weil Inden und Germanen von früh an die unerbittlichsten Feinde der Römer und also natürliche Bundesgenossen waren; sie hat einen tieferen Grund und beide Völker sind sich ursprünglich so ähnlich, daß man das ehemalige Palästina für ein orientalisches Deutschland anseheu könnte." .... „Aber nicht blos Deutschland trägt die Physiognomie Palästinas, sondern auch das übrige Europa erhebt sich zu den Juden. Ich sage, erhebt sich^ denn die Inden trugen schon im Beginne das moderne Princip in sich, welches sich heute erst bei den europäischen Völkern sichtbar entfaltet." Wir leben am Ende des 19. Jahrhunderts: aber die Worte Heine's, die er gegen Schluß seiner Recension über „Jessika" bemerkt — fast 60 Jahre liegen dazwischen — sind leider heute noch nur allzuwahr. „Unsere Zeit ist nicht mehr sv naiv glaubensheiß, der traditionelle Groll kleidet sich in moderne Redensarten, und der Pöbel in den Bierstuben wie in den Deputirtenkammern declamirt wider die Inden mit merkantilischen, industriellen, wissenschaftlichen oder gar philosophischen Argumenten. Nur abgefeimte Heuchler geben noch heute ihrem Hasse eine religiöse Färbung; die große Menge gesteht offenherzig, daß hier materielle Interessen zu Grunde liegen." Heine zeigt dann noch, wie dadurch, daß man im Mittelalter die Bedeutung der Industrie verkannte und die Geldgeschäfte dem jüdischen Stamme überließ, die Jadeit die tüchtigsten Kaufleute und Banquiers werden mußten. „Man zwang sie ^Die . Juden) reich zu werden und haßte sie dann wegen ihres Reichthums; und obgleich jetzt die Christenheit ihre Vorurtheile gegen die Industrie aufgegeben hat, und die Christen in Handel und Gewerbe ebenso große Spitzbuben und ebenso reich wie die Juden geworden sind, so ist dennoch an diesen Letzteren der Volkshaß haften geblieben, das Volk sieht in ihnen immer noch die Repräsentanten des Geldbesitzes und haßt sie." Als im Jahre 1840 in Damaskus die blödsinnige Blutanklage gegen die Juden erhoben . wurde und jndenfeindliche Blätter Deutschlands lügenhafte Berichte brachten, schrieb Heine am 27. Mai 1840: „Hier muß ich eine Bemerkung aussprechen, die vielleicht die bitterste. Unter den getauften Juden sind viele, die ans feiger HypokrisO über Israel noch ärgere Mißreden führen, als dessen geborene Feinde. In derselben Weise pflegen gewisse Schriftsteller, um nicht an ihren Ursprung zn erinnern, sich über die Inden sehr schlecht oder gar nicht auszusprechen. Das ist eine bekannte, betrübsam lächerliche Erscheinung. Aber es mag nützlich sein, das Publicum jetzt besonders darauf aufmerksam zn machen, da nicht blos in den erwähnten norddeutschen Blättern, sondern auch in einer weit bedeutenderen Zeitung die Insinuation zu lesen war, als flöße Alles, was zu Gunsten der Damascener Inden geschrieben worden, aus jüdischen Quellen, als sei der österreichische Consul zn Daniaskus ein Jude, als seien die übrigen Consuln dort, mit Ausnahme des französischen lauter Juden. Wir kennen diese