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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-12-24 · 52 (24.12.1897) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
52 (24.12.1897)
Date
1897-12-24
Page
– (sequence 10)
Language
German
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©eite 1046 Vr. Vwch's VochenlchrM Nr. 52 tätenhader, als. wie immer bei der Wende neuer Kämpfe im Völkcrleben, Israel den Prügelknaben abgebcn mutzte, ans den von der philosophischen Aufklärung so gm wie von der kirchlichen Reaction d'reingehaucn wurde, der herhalten mutz, wenn Rothe und Schwarze, Deutsche und Slaven sich bekriegen, da geschah es, daß M. Hetz auf sich und seine Abstammung, auf sein Judenthum und die Juden sich besann. Durch die Heimkehr zum Judenthum ward er Zionist, Nationaljude, „jüdischer Patriot", wie er sich ausdrückt. Seine Schrift ist nur eine von den vielen Stimmen, die Anfangs der Sechziger-Jahre zu Gunsten des Nationaljudenthums und eines neuen Judenstaates laut wurden. Kurz vorher erschien R. Hirsch Kalischer's Drischath Zijon das, gestützt aus Bibel und Talmud und zeitgenössische rabbinische Autoritäten, der Colonisirung Palästinas das Wort redete. Im December 1661 fand in Melbourne (Australien) ein Meeting statt, auf welchem Juden und Christen Palästina den Juden als rechtmäßigen Erben zusprachen. In Frankreich gab ein politischer Schriftsteller, Ernest Laharanne, das anri-antisemitische Losungswort aus: ^Palästina für die Inden!" Seine Auseinandersetzungen sind heute noch oder erst von actueller Bedeutung: „Welche europäische Macht würde heute noch dagegen opponiren, daß die Juden, in einem Congreß vereinigt, die Loskaufung ihres Vaterlandes beriethcn und beschlössen? Wer würde noch etwas dagegen haben, daß sie der Türkei einen .Haufen Gold hinwürsen und zu ihr sagten: Gib mir meinen eigenen Herd zurück und consolidire mit diesem Gelde, was Dir noch von Deinem Reiche übrig bleiben wird." Vor Allem die Juden selbst, die frommen, deren Herz hoch schlägt und deren Augen feucht werden beim Gedanken an Zion, die aber wohl wissen, daß an der Macht der christlichen Völker, die Palästina als die Heimat des Christenthums für sich in Anspruch nehmen, der jüdische Idealismus zerschellt; und nun gar die aufgeklärten und indifferenten Juden, die sich von den Jüdischnationalen lossagten. Die Ersten bemitleidet, die Letzten tadelt Laharanne. Aber wie ein echter Franzmann bewundert er, wo er bemitleidet. „Welch' eine Race! Ihr habt Eure Legionen gegen das in Ruinen liegende Zion geführt, römische Eroberer, und die Kinder Israels aus ihrem Lande vertrieben. — Europäische, asiatische und afrikanische Barbaren, Ihr habt der Stimme des Aberglaubens Euer Ohr geliehen und den Fluch über sie ausgesprochen. — Ihr, feudale Reiche, habt Diejenigen mit einem Schandmal gezeichnet, die trotz aller Verfolgung Euch das Gold zur Besoldung Eurer Landsknechte verschafft und Eure schwachen Märkte mit Waaren versehen haben. — Ihr, Großinquisitoren, habt im zerstreuten Israel die reichsten Opfer, die unschuldigsten Köpfe gesucht, um Eure Gefängnisse und Eure Eassen zu füllen und um Eure Autodafes zu nähren. — Und Ihr, Widerrufer des Edictcs von Nantes, Ihr habt, was der Verwüstung des apostolischen Fanatismus entgangen war, ans dem Lande gejagt, — Ihr endlich, moderne Nationen, Ihr habt diesen unermüdlichen Arbeitern und Geschäftsleuten die Bürgerrechte verweigert. Welche Verfolgungen, welche Thränen, welches Blut in einem Zeitraum von 1800 Jahren! Ihr aber, Söhne Judas, Ihr seid trotz alledem noch da! Jhr^habt die Hindernisse überschritten, die der Haß, die Verachtung, der Fanatismus und die Barbarei der Jahrhunderte aus Eurem Wege aufgetliürmt haben. Die Hand des Ewigen hat Euch stets geleitet." „Ihr seid Krastnatnren. Ihr ward stark während Eurer antiken Geschichte, stark nach der Zerstörung Jerusalems, stark im Mittelalter, als es nur zwei dunkle Mächte gab : die Inquisition mit dem Kreuze, die Piraterie mit dem Halbmond. Ihr habt Euch in der Zerstreuung erhalten — der Rest Eurer Station ist noch stark genug, um die Pforten Jerusalems wieder ausznrichten. Das ist Eure Ausgabe. Ihr habt hinlänglich dazu beigetragen, die Völker zu civilisiren, Europa auf die Bahn des Fortschritts zu bringen . . Ihr dürft fortan an Euch selbst denken. Schreitet voran! Bei Eurem Verjiingnngswerke werden unsere Herzen Euch folgen, unsere Armeen Euch helfend zur Seite stehen. Schreitet voran, Juden'.aus allen Ländern! Das alte Vaterland ruft Euch und wir werden stolz darauf sein, Euch seine Thore zu öffnen. Schreitetvoran, Söhne der Märtyrer! Die Ernte von Prüfungen, welche Ihr in Eurem Exil gesaimnelt habt, wird den antiken Glanz der David'schen Tage wieder 'in Flor bringen ' und jene Geschichte neu beleben, die heute nur noch die Monolithen der Semiramis zu Zeitgenossen hat. Schreitet voran, edle Herzen! Der Tag,, an dein die Stämme zurückkehren werden, wird Epoche machen in der Geschichte der Menschheit. Ihr werdet im Orient der moralische Weltpol sein. Ihr seid des zukünftigen Wcltalters Triumphbogen, unter welchem der große Menschheitsbund vor den Zeugen der vergangenen und zukünftigen Geschichte verbrieft und versiegelt wird. Die biblischen Traditionen, welche unter Euren Schritten wieder aufleben, werden auch unsere occidentale Gesellschaft von Neuem heiligen und den Krebsschaden des modernen Materialismus mit der Wurzel vertilgen." (M. Heß, Rom und Jerusalem. Seite 96 ff.) Die Musik dieser Worte weckte in M. Heß das Heimweh nach dem Judenthum. Er sieht sich also zu Hause im Judenthum um, holt alte Erinnerungen, die seit der frommen Kindheit in seinem Herzen tief vergraben waren, hervor, sieht hier die Verwüstung der Reform und das Felsenstarre der Orthodoxie, dort das Urwüchsige und Ouellfrische des altpatriarchalischen Judenthums, und seiner Weisheit Schluß lauter: Wir sind eine Nation vermöge unserer Religion, die ihren nationalen Ursprung und Charakter nimmer verleugnen kann, ohne sich selbst zu verleugnen. Aber auch der wüste Lärm des allgemeinen Hcpp! Hepp! erweckt in seiner Brust das Echo, das freudig antwortet: Ja, wir sind eine Nation. Der Judenhaß gilt keineswegs dem Glauben, denn er trifft auch die glaubenslosen Inden, sondern der nationalen Eigenthümlichkeit, die den Juden schon in ihren Gesichtszügen, ihrem äußeren Habitus ausgeprägt ist. Die Deutschen hassen mehr die jüdischen Nasen, als den jüdischen Glauben. Dagegen hilft nun weder die staatliche Emancipation der Juden, noch deren geistige Selbstemancipation. Die jüdische. Nase vererbt sich von Geschlecht zu Geschlecht, die Taufe macht sie nicht glatter, die natürliche Kreuzung in der Mischehe macht sie nicht-gerader. Heß führt aus Moleschott (Physiologisches Skizzenbuch, p. 25 <) das tragikomische Beispiel eines getauften Juden an, der des Morgens vom Spiegel nicht wegzubringen war, weil er unablässig bemüht war, mit dem Kamm sein krauses in schlichtes Haar zu verwandeln. Ebenso gut hätte er auf die verdächtig gekrümmten Nasen mancher adeligen Polen Hinweisen können, in deren Adern das jüdische Blut der Frankisten mit dem slavischen sich vermengt hat. Diese Natnrkraft der jüdischen Race, die auch bei Kreuzungen die Oberhand behält, ist, naturwissenschaftlich betrachtet, ein sichtbarer Beweis dafür, daß die Juden eine Nation sind. Die jüdische Race gleicht darin dem Boden Palästinas. Wie in Palästina die Naturproducte des Südens und Nordens wachsen, so gedeiht die jüdische Race unter allen Breitegraden. Was frommt es, daß die gebildeten Staaten die Juden emancipiren und als Bürger anerkennen, wenn die Nationen in .ihrem Vaterlande nicht den Staat, sondern die Herrschaft ihrer Race lieben und in Folge dessen die Inden als fremde Race hassen. Vergebens ist das Streben der Juden, der Sprache, der Bildung und den Sitten der Nationen sich anzupassen, vergebens der blinde Eifer, die alte jüdische Religion zu entnationalisiren, die Assimilation in die Synagoge hineinzntragen, in die Gebetbücher, auf die Kanzel, in die synagogale Musik; vergebens ist das selbstmörderische Treiben, die das jüdische Haus seiner religiösen Weihe, der Feier der Feste, des Studiums der Thora beraubt. Jude bleibt mit oder ohne Judenthum Jude. Vergebens^setzt der assimilirte Jude der öffentlichen Meinung, die ihn für einen Fremden, weil Mitglied der jüdischen Nation, ansieht, „sein geographisches Alibi" entgegen. Die Völker ziehen um sich und die Juden eine Art chinesische Mauer und treiben die Inden in ein . sociales Ghetto hinein. Mit dem Kopse oder mit doctrinär liberalen Principien im Kopfe gegen diese Mauer rennen, helfe blutwenig. Dagegen gibt's nur eine Hilfe, meint Heß: die Selbftemancipation der Juden im jüdisch-nationalen Geiste in der uralten nationalen Heimat, ~ im gelobten Lande! Es gäbe noch einen Weg der socialen Emancipation der Inden, wenn es gelänge, die christlichen Völker von allen Vorurtheilen zu emancipiren. Dieser Weg führte nicht znm Ziele, weil die gegen die Juden gerichteten Vorurtheile den meisten, fast allen Nationen im Blute sitzen und von da in's Gehirn, in's Denken getrieben werden. . Der Franzose Salvador, Verfasser der Histoire des institutions de Moi'se et du peuple hdbreux, machte den Vorschlag: die Juden sollen sich zum Christenthum bekehren, um die Christen wieder znm ' Judenthum zu bekehren, zur praktischen Hnmanität. zur praktischen Nächstenliebe, zum praktischen Socialismus. Aber diese Arbeit ward ' schon vor 1800 Jahren begonnen, freilich ohne glücklichen Erfolg. Tie geschichtliche Entwicklung drangt zur Jndividualisirung der Völkergruppen und Nationen. Jede Nation, wir sehen das am Besten in . unserem lieben Oesterreich, will ihr ureigenes Leben in Sprache, Cultur und Religion entwickeln. Es wäre also ein nationaler Selbstmord, wenn wir Juden das nicht auch wollten. Was wir Großes, Civilisatorisches der Welt geleistet haben, ist aus dem jüdischnationalen Geiste geboren. Das biblisch-patriarchalische Leben erzeugt^ die biblische Religion und diese den nationalen Geschichtseultns. Gott in der Geschichte — ist der jüdische Hauptgedanke und seine Consequenz: Durchdringung des geschichtlichen Lebens, des socialen Strebens mit Gott, mit Heiligkeit und Menschlichkeit. Die Griechen haben die Natur, die Juden die Menschheit vergöttert. Diese Aufgabe wollte das jüdische Christenthum, o er wie der wissenschaftliche Terminus lautet: Das Judenchristenthum, weiterführen. Aber während es die jüdischnationale Hülle abstreifte, mußte es dem Antagonismus der Racen, an die es herantrat, sich unterwerfen, sich ihm anbequemen, in die verschiedensten nationalen Hüllen eingehen; man denke nur an die national gefärbten Kirchen: katholische, protestantische, anglikanische, griechische, armenische ec. — und der schöne Traum von der einen Heerde zerrann. Das müßte uns eine weltgeschichtliche Lehre sein: die Idee des Judenthums, der Vergöttlichung der Menschheit, wieder in unserem nationalen Leben anszuprägen und durch eine neue nationalgöttliche Geschichte der Apostel einer neuen Menschheit zu werdell. Und das ist richtig gedacht. Nehmen wir im Sinne unseres M. Heß als civilisatorischen Beruf, den die französische Nation hat, die sociale Erziehung des Menschengeschlechts an. Könnte sie diesen Beruf anders erfüllen, als indem sie in ihrem nationalen Geiste, in ihrem nationalen Lande sociale Einrichtungen schafft, die innstergiltig werden für alle Völker. Könnte sie das aber, wenn sie unter allen Nationen zerstreut, im Exil lebte, ohne Einheit, nach Ländern differenzirt als französische Engländer, französische Deutscheec., ohne Land, ohne Staat? Was immer also als Beruf der Juden als Juden oder als civilisatorische Aufgabe des Judenthums in abstracto gefaßt wird: reiner Theismus, Toleranz, Humanität, Socialismus — es läßt sich in concreto bester, kräftiger, mustergiltiger im jüdischen Staate er-

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