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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-12-24 · 52 (24.12.1897) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
52 (24.12.1897)
Date
1897-12-24
Page
– (sequence 9)
Language
German
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» *■— -rn~-'irir i ■, Nr. 52 Vr Vwch's Wmyrnptzrift Sette 1045 strafen und kamen überein, sie bei lebendigem Leibe zu verbrennen. Einer der Burschen fand sich bereit, das Urtheil zu vollziehen. ^Er ergriff die brennende Petroleumlampe und wärf sie auf die Frau, deren Haare und Kleider sofort lichterloh brannten. Die Burschen umringten hierauf ihr armes Opfer, sangen Spottlieder und weideten sich an den Todesqualen der Unglücklichen. Am nächsten Tage erlag die Friedmann unter fürchterlichen Schmerzen ihren Brandwunden. Jüdischer „Christenhast". Pilsen. In der heutigen Nummer des in Prag erscheinenden Journals der czechoslavischen Socialistenpartei „Prävo l»dnu (Bolksrecht) steht unter diversen Nachrichten: „Ein Z e h n k r e u z e r st ü ck v o m Jude n." „In der engen Gaffe des Prager V. Bezirkes gingen etliche Promenirende gegen Abend vor einem einfach gekleideten weinenden Kinde vorüber. Da frägt Einer das Kind „was ist Dir geschehen", „ich verlor ein Zehnkreuzerstück" antwortet das Mädchen und sucht weiter mit weinenden Augen auf der kothigen Erde. Das gaffende Publicum ertheilt ihr billigen Rath und weife Mahnungen, sie möge besser Acht geben u. f. tu.; manche schicken das Mädchen nach Hause um anderes Geld „aber die Mutter hat ja nicht mehr auf Petroleum ..." und von Neuem sucht sie und tveint. Auf einmal ist bei ihr ein gebückter Trödler stehen geblieben und nach Austausch von etlichen Worten mit dem Publicum bückt er sich zum Mädchen und sagt: „Hier hast Du ein Zehnkreuzerstück, aber es ist von einem Juden, dem die Fenster eingeworfen wurden." Arische Humanität. Der nachfolgende Brief, den eine alte Frau an das „Prävo Lidn“ ein socialdemokratisches Blatt, gerichtet hat, ist ein glänzendes Zeichen für das gute Herz unserer arischen Wohlthäter. Ein Mann, den seine Mutter unter schweren Entbehrungen und Kümmernissen aufziehen mußte, gibt ihr, uachdem er reich geworden, ein Bettelgeld von 39 kr. täglich. Und die reiche Universität, der er fein Vermögen vermacht, will der Frau noch das Geld, auf das sie ein Recht hat, abschwatzen. Ein Commentar ist überflüssig. — „Bitte. Ich bin eine 80jährige arme Frau die Mutter des Dr. Franz Bretislav K a d l c z i k, für den ich in meinen jungen Jahren als Taglöhnerin im Schweiß meines Angesichtes mich abplagen mußte, um tun; das Schulgeld zu bezahlen und seine anderen Bedürfnisse zu befriedigen und noch manche andere körperliche und geistige Plage und Gram ertragen mußte. Dieser Sohn gab mir, als er reich geworden und es auf eine halbe Million Vermögen gebracht hat, u e u n u n d d r e i ß i g Kreuzer täglich als Unterstützung, und als er im April v. I. starb, hinterließ er sein ganzes Vermögen der czechischen Universität. Seit dieser Zeit erhielt ich aus diesem großen Vermögen von der Universität nicht einen Kreuzer Unterstützung, beim der Vertreter der Universität, Dr. Heinrich S ch o l c, der gewesene Bürgermeister Prags, will mir so lange keine Unterstützung gewähren, solange ich nicht auf meinen Pflichttheil verzichte. Ich kann auf meinen Antheil nie verzichten, da ich noch drei arme Kinder habe, und bitte hiemit die mildthätige Oeffentlichkeit um Unter st ü tz u n g, damit ich vor der ärgsten Noth, in der man mich verkommen lasten will, bewahrt bleibe. Die empfangenen Unterstützungen will ich, sobald ich den mir gebührenden Antheil vom Vermögen meines Sohnes erhalte, zu Gunsten der Armen zurückerstatten. Im voraus: „Vergelt'sGott!" Franziska Kadlczik, Witwe, in Duba bei Olmütz." Chanuka und das Judenthnm Diese Woche war die Ehanukawoche. Ware das lenkbare Luftvehikel schon erfunden, hätte ich eine ausgedehnte Excursion imternonrmen, um durch die Fenster nach Ehamikalichtern zu spähen. Ich hatte wohl wenige gefunden. — So mußte ich tneine Neugierde durch eine Statistik befriedigen, die ich in den letzten Tagen in der Reichshauptstadt betrieb. Ich habe eine große Zahl von Juden interviewt. Die Einen wußten gar nicht von der Existenz eines solchen Festes. Einem Jünglinge. dessen Vater noch Talmudjünger gewesen, sagte ich: Heute Abend ist Chanuka. — „Premiere im Carltheater, hm?" näselte er zurück. Unwillkürlich erinnerte ich mich der Figur des Dummen aus der Hagadah. Auch der Bösewicht aus dieser war vertreten — und diese Sorte ivar leider in der Majorität. Lauter Leute, die Chanuka gar wohl kennen, als Kinder mit Chanukalichtern fast Sport getrieben haben, alle sich daran knüpfenden Traditionen und Gebräuche kennen, aber diesen „Unsinn" über Bord geworfen haben. Natürlich, was hätte diese fade Geschichte auch für einen Zweck! Heute, wo nian auf einen Taster drückt, um ganze Säle mehr als taghell zu beleuchten, oder sogar, um eineu großen Tempel iu ern Meer von Licht und Helligkeit zu hüllen! Noch dazu, wo man ja doch dieser Tage die Lichter am Weihnachtsbamn anzünden muß! Das wäre ja die reinste Parodie auf Weihnachten! Ich konnte leider dem Hagadah-Coder nicht gerecht werden, welcher befiehlt, an dieser Species von Glaubensgenossen eine gewisse Zahnoperatioit vorzunehmen, um dadurch nicht mit dem bürgerlichen Gesetzbuch in Constict zu gerathen. Einige — und das waren die Allerniodernsten — interpretirten mir das Chanukalicht anders. — Je größer die Unwissenheit, desto tiefsinniger die Religionsphilosophie. — „Es käme ja immer nur auf den Sinn einer Ceremonie an", gab man mir zu verstehen, „nicht ans die Form. Das Anzünden von Lichtern solle ja den Menschen erheben, ihn erbauen und erleuchten, und das geschehe ja viel feierlicher und herrlicher durch die Illumination des Weihnachtsbaumes." Im Stillen über diese wohlgetüftelte Ausrede lächelnd, suchte ich weiter. — Wer sucht, der findet. Ich fand auch solche Juden, die noch innner das C hanukasest feiern und treu zu ihrem Glauben stehen. Ein minimaler Percentsatz in meiner Tabelle. Ich bin mir dessen bewußt, daß cs auch Leser geben wird, die sich wundern werden, wie ich mich so über einige Leute freuen kann, die sich noch mit dem Anziindeii von Chanukalichtern befassen. „Soll denn das das Jlideiithum rettend" — Diesen will ich Folgendes sagen: Das Ehümikafest wurzelt so tief wie vielleicht kein anderes in der Geschichte und noch mehr in der Phhsiologie des jüdischen Stammes. Darum kann die Intensität, mit der es gefeiert tvird, so gut als Maßstab dienen, um bestimmen zu können, in welcher Ausdehnung sich jüdische Eigenart noch erhalten hat. Chanuka, das Siegesfest. -- Mein Fest der Versöhnung, wo selbst der größte Frevler seine Sünden abschiitteln will, kein Fest, wo jeder durch den obligaten Tempelbesuch mr's kommende Jahr eine möglichst große Quantität von Glück erzielen will. — Nur der wird es feiern, der der glorreichen Heldenthaten jener indischen Minorität gedenkt, der sich Sinn für die Vergangenheit Israels bewahrt hat, der stolz auf seine Altvordern ist. Und das ist ein wahrer Jude. Chanuka, das Freudenfest. Durch einige kleine Lichter wird es gefeiert. Das war die altjüdische Bescheidenheit itud Einfachheit. Wer die kleinen Lichter anzündet, wem sie nicht zu bescheiden sind, der hat diese Tugend von seinen Ahnen geerbt, und diese ist der Hauptbestandtheil jüdischer Eigenart. Jeder zündet seine Lichter zuhause an z er prunkt nicht mit dem Feste. Keine Auffahrt vor der Votivkirche zum Tedeum; kein Tempelbesuch in der neuen Seidentoilette; eine Monate lang vorher ersonnenen Festesspenden. Wer Chanuka feiert, ist nicht nur Jude nach Außen, sondern auch nach Innen, der ist noch ein treuer Sohn der jüdischen Religion, die feilte Religion der pompösen Ceremonieu ist. Ehanuka ist ein Familienfest. Welch sinnige. Gebräuche haben im Laufe der Jahrhunderte um diest's Fest ihre Fäden gesponnen und es zu einem Familienfeste gemacht. Nur dort kann es gefeiert werden, wo das Familienleben sich erhalten hat. Und die Familie wgr und ist die Grundfeste des Jndenthums. So vielseitig das Judenthnm, w vielseitig das Cbannkafest. Wenn man einem Nichtjuden in dramatischer Weise die Ideen des Jndenthums erläutern wollte, brauchte inan ihn einfach nur zur Ehanukafeier zu sich zu laden. Und darum wird das letzte Chanukalicht der letzte wahre Jude anzünden. Wien, im December 1h‘»7. Siegfried Tauber. M. Hetz, rin literarischer Vorläufer des Zionismus. Von Dr. Isidor Hirsch, Rabbiner in Prag-Karolinenthal. Daß der religiöse Zionismus, die gläubige Sehnsucht und die fromme Hoffnung auf die Heimkehr nach Palästina, in verschiedenen Zeiten, in verschiedenen Fornten lebte und sich regte, in Bar-Kochba als politisches, in Jehuda halewi als philosophisches und in Sabbatai Zwi gar als kabbalistisches Ideal, ist jedem Kenner der jüdischen Geschichte wohl bekannt. Aber weniger bekannt dürfte ein literarischer Vorläufer des modernen Zionismus sein, M. Heß, dessen Schrift: „Rom und Jerusalem, die letzte Nationalitätssrage", 1862 in Leipzig erschien und seitdem, wie es scheint, int Staube der Bibliotheken ein vergessenes Dasein führt. Hub doch hat diele Schrift bei ihrem Erscheinen auf dem Büchermarkt viel Staub ausgewirbelt und verdientes Aussehen erregt. lieber den literarischen Erfolg ging ihre Wirkung freilich nicht hinaus. Der Verfasser nennt sich auf dem Titelblatt: correfpondirendes Mitglied der Berliner philosophischen Gesellschaft, Redacreur der ehemaligen „Rheinischelt Zeitung". Er war alw seines Zeichens Journalist, Freigeist und Freiheitsapostel. Als aber nach 1848 der europäische Freiheitsraufch der tollsten Reaction weichen mußte und das Ideal des europäischen Weltbürgenbumes dem keimenden Nationali-

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