Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 52 (24.12.1897)
- Date
- 1897-12-24
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 52 Vr. Lloch's MochrnschrM Sette 1043 In Cecuein hatte ein schreckliches Massacre stattgefunden, ebenso in einigen anderen Städten, in der Moldau wurden die Bethäuser eingerissen und geplündert; Alles Grund genug, um uns in Verzweiflung gerathen zu lassen. Der Lärm kam immer näher und nun konnten wir deutlich die schrecklichen Worte hören: „Nieder mit den Juden, nieder mit der „Havra jidovesea"! (Judenbethaus). Wir begannen laut zu weinen, die Mutter rang verzweifelt die Hände. Keine männliche Hilfe war im Hause. Der selige Vater war im Geschäfte, das der Wohnung ziemlich entfernt lag. Der Aufstand kam spontan. In Folge einer heftigen Debatte in der Kammer setzte sich der Zug vom Metropolitanberge aus in Bewegung, einem Quartier, das dem Geschäfte 'in ganz entgegengesetzter Richtung lag, so daß man dort erst bedeutend später von diesem Pilgerzug erfuhr. Trotzdem eilte sofort mein Vater nebst den beiden Commis der bedrängten Familie zu Hilfe, und nur mit größter Lebensgefahr und weil der Vater griechisch sprach und man ihn nicht als Juden erkennen konnte, war es ihm möglich, die Wohnung zu erreichen. Erleichtert athmeten wir Alle auf, als wir die drei Männer ankommen sahen. Diese bewaffneten sich, und nun hieß es, ruhig und gefaßt dem Kommenden entgegensehen. Wir hatten eine Gassenwohnung und somit konnten wir theils durch die Bodenlucken, theils durch die Fensterspalten so ziemlich die sich nun abspielendeu Gräuelseenen mitansehen. Eine dichte, nach Tausenden zählende Menscheumenge wälzte sich heran. Männer, Frauen, Knaben, jung und alt; die berüchtigteil Bataussi, die man damals so wie heute ans den Vororten requirirt hatte, alle bewaffnet mit Knmteln, Beilen und Heugabeln. Die Hitze war entsetzlich, und so, mit vor Aufregung und Blutgier doppelt gerötheten Gesichtern sahen diese Beutegierigen weit eher Bestien als Menschen ähnlich. Voran an der Spitze, den Zug anführend, der zu so trauriger Berühmtheit gelangte, „Popa Cache", der Chef der Bataussi. In hocherhobenen Händen ein großes Kreuz schwingend, das Symbol christlicher Liebe und Milde. Neben ihm zu beiden Seiten zwei hochaugesehene Kausteute Bukarests. Der Eine, M a r r i n o v i tz, ein großer Specereiwaarenhändler an der Ecke der Strada Scuardan und der Strada Lipscanu, „Zum goldenen Kreuz". Auf den Namen des Anderen kann ich mich nicht genau besinnen, aber ich glaube, es war ein Leiuwandhändler Namens Coemjiopulo. Unter schrecklichem Gejohle, Schimpfen und Toben näherte sich die Menge immer mehr heran, auf ihrem Wege Alles mitreißend, alle Fensterscheiben einschlagend. Endlich machten sie vor dem herrlichen Gotteshause halt, und nun begannen sie das Gitter niederzureißen. Es widerstand nicht lange. Einigen war die Zeit zu lange und sie kletterten hinüber und bald standen sie Alle, soviele nur Raum hatten, drinnen im Hofe. Und da begann das Entsetzliche! Die Thüren und Fenster wurden eingeschlagen und drinnen die ärgste Verwüstung angerichtet. Die herrliche Bundeslade, die nicht mehr ersetzt werden konnte, wurde in tausend Trümmer zerhauen. Die heilige Thorarolle, die der Jude kaum mit den Lippen zu berühren wagt, von schmutzigen Händen hinausgeschleift, in Fetzen zerrissen, bespuckt, beschimpft, mit Füßen getreten und so öffentlich geschändet, daß meine Feder sich sträubt und daß es. eine Entweihung ist, das Ding nur mit Namen zu nennen. Ein grauenvolles Bild! Und um so grauenvoller, weil es gerade am Tischi beaw war. - Währenddem wurde eine Leiter herbeigeholt und an der Vorderfront angelehnt. Als Erster erstieg dieselbe M artin ovitz, mit einem Knüttel bewaffnet, um die oben angebrachten Gesetzestafeln hinunterzuschlagen. Hinter ihm auf jeden Staffel stürmten die Wütheriche nach und hieben und zertrümmerten die Wände. Während unten im Hofe „Popa Cache" sie unter den feurigsten Hetzworten, das Kreuz hoch schwingend, mit fliegendem Bart, bloßen Hauptes, mit aufgelösten Haaren, die chm bis an den Gürtel reichten, mit von Wein und Mordlust geröthetem Antlitz, ein Bild des Abscheues und des Ekels, immer eifriger anspornte. Oben angelangt, schwang M a r t i n o v i tz den Knüttel, um auf die Gesetzestafeln einzuhauen, aber bevor er noch sein ruchloses Werk ausführen konÄe, erreichte ihn und seine Helfershelfer die Strafe, denn die Leiter brach auf einmal zusammen und hinunter fiel die Menge, von vielleicht 1V bis 15 Meter Höhe, eine unförmliche Masse bildend. Der Sturz verursachte eine schreckliche Panik und ernüchterte etwas die berauschte Menge. Sofort proclamirte der thierische Pope die Gefallenen, mit Herrn Martin ovitz als Anführer, als Märtyrer einer gerechten Sache, die im Dienste des Herrn gefallen waren, und forderte die Leute auf, eine andere Leiter herbeizuschaffen und das unterbrochene Werk fortzusetzen. Aber der Haufe Menschen, der dort drunter und drüber lag, war kein ermuthigender Anblick und keiner der Helden wollte der Aufforderung Folge leisten. Inzwischen langte militärische Httfe an, wie gewöhnlich post festum, und begann da Ordnung und Ruhe zu schaffen, wo längst die ärgste Schandthat vollzogen ward. So hielt die rumänische Regierung ihr Wort, das sie einige Tage zuvor Adolph Cremieux gegeben hatte, der in Folge der Gräuelseenen, die im übrigen Lande verübt wurden, herbeigeeilt war, um von der Rednertribüne der Kammer vor der dicht gedrängten Menge die Sache der Juden zu vertheidigeu. Dies war die Antwort. M a r t i n o v i tz brach sich im Hinunterfallen einen Arm oder ein Bein Früh' genug lernte dieser Unhold seine schmähliche Heldenthat bereuen. Denn wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht durch die ganze Stadt, daß er, der Lieferant aller Juden, er, zu dem alle Juden von Nah' und Fern zuströmten, er, der unter hundert Kunden neunundneunzig Juden hatte, der mit allen Juden auf intimem Fuße stand, es gewagt hatte, öffentlich die Hand gegen das Heiligthum zu erheben. In den Bethäusern wurde über ihm der „Cherem" verhängt. Ein ähnlicher Fall ereignete sich einige Jahre später. Ueber einem Frauenschuster Namens „Zamfirachi", der im Centrum des Judenviertels seinen Laden hatte und ein immenses Vermögen ausschließlich von jüdischem Gelde sich geschafft, sich aber dennoch an einer antisemitischen Manifestation betheiligt hatte, wurde ebenfalls der „Cherem" ausgesprochen. Alle seine Bemühungen, denselben aufheben zu lassen, alles Geld, das er der Gemeinde später anbot, halfen damals nicht, er ging rasch dem Verfalle entgegen. Und so auch hier. Kurze Zeit darauf ging das sonst blühende Geschäft zu Grunde. Die Firma stellte die Zahlungen ein und wurde fallit erklärt. Er selbst schämte sich, sich öffentlich zu zeigen, denn Alles, sogar die Christen, die später zur Einsicht gelangten, daß diese Ruchlosigkeit einen Schandfleck auf ihr Land geworfen hatte, mieden ihn, arm und vergessen siechte er hin. Seine Heldenthat hatte ihm keine Lorbeeren eingetragen. König Carol, der damals kaum I V, Jahre auf dem Throne Rumäniens saß, entsandte sofort einen Hofbeamten, um sich an Ort und Stelle von dem Geschehenen selbst zu überzeugen nnd übermittelte dem Tempeloorftand eine namhafte Summe aus seiner Privatschatulle, ich glaube 6000 Ducaten, als Beitrag zum Schadenersatz. Ein Gleiches that die Regierung, sie suchten damit das Geschehene ungeschehen zu machen. Und wiederum, nach fast dreißig Jahren, wurde derselbe Tempel von ruchlosen Händen geschändet. Wiederum ergoß sich die Wuth der zornigen Menge über diese heilige Stätte, wo täglich von frommen Lippen der Name des Herrn gelobt