Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 52 (24.12.1897)
- Date
- 1897-12-24
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Vr. Vloch's WochrnkrtzrM Nr. 52 Seite 1042 dem Geschäfte noch ein Interesse hatte oder nicht. Herr Schäffler erklärt, daß die Desinfectionsstoffe nicht von dieser Firma geliefert werden, muß aber zugeben, daß derselben die Lieferung von Färb- und Materialwaaren auf Grund der „billigsten Offerte" für drei Jahre, bis 31. Dezember 1897, übertragen wurde. Da Herr Schäffler im Mai 1891 zum Stadtoberhaupte gewählt wurde, fällt also die „billigste Offerte", seiner Geschästsnachsolger mit seinem Amtsantritte zusammen. Nun kennt man ja auch außerhalb Karlsbads den Vorgang bei solchen öffentlichen Ausschreibungen. Will Herr Schäffler damit etwa behaupten, daß die Gemeinde Karlsbad immer und überall auf die „billigste Offette" gehe? Dann erklären wir mit aller Bestimmtheit, daß dies nicht w ahr ist und daß bei den dortigen städtischen Arbeiten nur jene Personen berücksichtigt werden, die dem Herrn Bürgermeister —zu Gesichte stehen. Wir erinnern ihn an die Vorgänge, die sich im August >895 abgespielt haben, wir erinnern ihn daran, daß er Beschlüsse des Stadtverordneten-Collegiums nicht ausgeführt und städtische Arbeiten an andere Firmen übertragen hat, als die Stad t v er tretungbeschlossen hatte. Wir erinnern ihn ferner daran, daß in Karlsbad kein anderer Cement verwendet wird als Perlmooser, obwohl der Königshofer und Podoler bei gleicher Güte billiger zu stehen käme. Es ist natürlich nur ein Zufall, daß Herr Schäffler lange Jahre der alleinige Vertreter der Perlmooser Cementfabriks-Actiengesellschaft war und daß diese Vertretung dann auf die Herren Kies u. Krebs überging, denen er sein Geschäft „käuflich" überlassen hat. Ein vorsichtiger Bürgermeister würde auch die Cementlieferung im öffentlichen Offertwege vergeben. Aber all das steht mit den Thatsachen, die in jüngster Zeit den Bürgermeister und den Stadtrath ,von Karlsbad zu waschechten Antisemiten gestempelt haben, nur in losem Zusammenhänge. Herr Schäffler hat sich nicht nur den Grundsatz der Antisemiten angeeignet und öffentlich vertreten, daß die Juden eine besondere Kaste der Bevölkerung seien, der nur nach Maßgabe ihrer Zahl eine Vertretung im Stadtverordneten-Collegium gebühre, er hat auch an Veranstaltungen der Karlsbader Heilobrüder theilgenommen und leistet heute noch der Judeuhetze passive Assistenz, indem er mit seinen Stadträthen Mitglied des „arisirten" Turnvereines bleibt. Diese offenkundige Thatsache schafft keine amtliche Berichttgung aus der Welt! Der Herr Bürgermeister von Karlsbad hat offenbar seinem Wiener Collegen die Kunst des Berichtigungsverfahrens abgeguckt. Er hätte auch berichtigen können, es sei unwahr, daß der Herr Bürgermeister Mitglied eines antisemitischen Turnvereines ist und daß 30 Stadtverordnete und 12 Ersatzmänner dieses Collegiums diesem antisemitischen Turnverein angehören. Denn der betreffende Turnverein, welcher dieser illustren Gesellschaft sich erfreut, ist nicht antisemitisch, sondern ariestrt, das heißt: judenreiu gemacht. Wir empfehlen ihm ferner folgende „Berichtigung": Es sei unwahr, daß der Stadtrath Dr. Hermann den Antisemitismus in die Rathsstube hineingetrageu, denn dieser Herr Dr. Hermann sei der liberalste, d. h. freimüthigste Manu in der ganzen Rathsstube. Es sei auch unwahr, daß der Stadtrath Dr. Fleisch n er wegen seiner semitischen Abstammung aus dem Stadtrath hinausgedrängt worden; er sei vielmehr ausgeschieden worden, weil er selber antisemitischer Neigungen sich verdächtig gemacht hatte, indem er Mancherlei geschehen ließ, dem er abwehren mußte. Auch solche Berichtigungen stehen uns noch bevor. Die „Karlsbader Zeitung Nr. 51 bemerkt zu der famosen Berichtigung des Herrn Bürgermeisters: „Und da müssen wir zu allererst und zum Leidwesen des Herrn Ludwig Schäffler aufrichtig gestehen, daß er sich durch diese Berichtigung einen sehr schlechten Dienst erwiesen hat. Abgesehen davon, daß er Dinge berichtigt, die in dem angezogcnen Artikel gar nicht enthalten waren, bestätigt er durch seine Berichtigung fast.Alles das, was er eigentlich widerlegen wollte. Er sagt da z. B.: Es sei nicht wahr, daß er bereits Bürgermeister war, als die Erbauung des Kaiscrbades beschlossen wurde. In dem Artikel ist aber so etwas gar.ni.cht behauptet worden, daher auch nicht enthalten, denn es heißt darin nur, daß er zu jener Zeit an der Spitze unserer Gemeindeverwaltung stand. Und das wird doch der Herr Sckäf.fler auf Grund des bekannten Berichtigungsparagraphen nicht in Abrede stellen wollen, denn er war ja damals erster Stadtrath und stand somit thatsächlich an der Spitze der Gemeindeverwaltung, denn diese Spitze ist eben der Stadtrath . ... Herr Schäffler berichtigt weiter, daß der Bau seiner Villa an die be- 'tandene Baumeister-Firma P r i h o d a u n d N e m e c e k vergeben wurde. Was hat doch der Herr Stadtrath Dr. Hermann gegenüber dem jüdischen Stadtrath behauptet? Daß die Juden Schädlinge des Deutschthums seien! (Sie vergeben Arbeiten auch czechischen Gewerbsleuten.) Der Herr Schäffler aber, dessen Villa von den Herren P r i h o d a u.it b Nemecek erbaut wurde, ist gewiß kein Schädling des Deutschthums und dennoch würde die Baumeister-Firma nicht Mitglied des Turnvereines werden können, denn da hinein haben nur teutonische Abstämmlinge Zutritt. Die Firma Prihoda und N e m e c e k entspräche aber den strengen Anforderungen des Turnvereines gewiß nicht. Heilo! Und ferner constatirt Herr Schäffler, daß die Tischler- und Schlosserarbeiten zu seiner Villa an W i e n e r und Egerer Firmen vergeben wurden. Wie hat doch Herr Stadtverordneter H o f m a n n drei Jahre lang kämpfen müssen, daß die städtischen Arbeiten dem heimischen Gewerbe znfallen, wenigstens hat er dies in seiner Rede gegenüber dem abtretenden jüdischen Stadtrathe betont, und die. Arbeiten für die Villa des Herrn Schäffler, der doch kein jüdischer Stadtrath war, als er dieselbe bauen ließ, sind doch nach Wien und E g e r vergeben worden! Wo ist da das Interesse . für das heimische Gewerbe, das Herr Hofmann von dem jüdischen Stadtrathe so ostentativ verlangte? Daß die Inhaber der Firma Kies und Krebs keine Verwandten des Herrn Schäffler sind, ist ganz irrelevant, daß sie aber die städtische Lieferung von Farben- und Materialwaaren thatsächlich auf drei Jahre erhalten haben, das bestätigt Herr Schäffler, der einstmals Ehef dieser Firma gewesen, in seiner Berichtigung an uns selbst. Somit hätten wir die Zuschrift des Herrn Schäffler entsprechend beleuchtet und der unbefangene Leser und unparteiische Denker wird sich nunmehr selbst sein Urtheil bilden. Wir können nur wiederholen, daß sich Herr Ludwig Schäffler d u r ch d i e s e Berichtigung einen sehr s ch l e ch t e n D i e n st e r w i e s e n hat." ___ Zu den Iudenkrawallen in Rumänien. (Eine Reminiscenz.) Bukarest, 12. December. Es war am neunten des Monates Ab im Jahre 1868. Es herrschte bei uns zu Hause eine förmliche Grabesstille, denn meine selige Mutter war eine strenge gottesfürchtige Frau, die nicht nur sich selbst die strengste Kasteiung dieses großen Fasttages wegen auferlegte, sondern sogar uns Kindern jedes lärmvolle Treiben streng untersagte. Wir durften weder singen noch spielen, ja nicht einmal laut sprechen. Meine thenere Mutter weinte und trauerte um die Zerstörung des Tempels von Jerusalem. Jahrtausende liegen zwischen der Zerstörung des Tempels und mit ihm des jüdischen Reiches und der Gegenwart; aber die Wiederkehr dieses traurigen Datums ist stets eine Mahnung, daß mit ihr die Heimatlosigkeit der Kinder Israels begonnen hat. Wir wohnten damals in unmittelbarer Nähe des neuerbauten Tempels. Von Außen war er bereits ganz vollendet, während im Innern noch Manches an der Ausstattung der Vollendung entgegensah. Zum nächsten Rosch Haschona sollte die feierliche Einweihung stattsinden. Die Bundeslade soll ein Meisterwerk der Schnitzerei gewesen und bei der Pariser Weltausstellung im Jahre 1867 bewundert worden sein. Die Fenster waren Kunstwerke der Glasmalerei, mit einem Worte, der Tempel stand dazumal als einziges Prachtwerk Bukarests da. Auf einmal, es war gegen 3 Uhr Nachmittags, die Hitze war drückend, alle Fenster und Thüren geschlossen, da hörten wir einen dumpfen verworrenen Lärm sich immer mehr nähern. Todesbleich eilte das Dienstmädchen herbei: „Gnädige Frau, Revolution!" Angst und Schrecken ergriff uns, denn von Iudenkrawallen wurde seit einigen Tagen öffentlich gesprochen.