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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-12-24 · 52 (24.12.1897) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
52 (24.12.1897)
Date
1897-12-24
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 1040 Br. Bloch » Wochrnschrist. Nr. 53 Menschenliebe und Gottesfurcht zu verbreiten, um so treuer bleiben. In der nur an Juden gerichteten Bergpredigt *) heißt es: „Ihr seid das Salz der Erde. Wenn das Salz geschmacklos wird, womit soll man salzen? Ihr seid das Licht'der Welt, also lastet Euer Licht leuchten vor den Leuten, daß sie Eure guten Werke sehen und Euren Vater im Himmel preisen." Lus Prag Unter dem Eindrücke der Geschehnisse im Königreiche Böhmen, nach unerfreulicher Rückerinnerung dessen, was geschehen, und in leicht erklärlichem Bangen dessen, was noch kommen kann, ist es vielleicht angezeigt, eine kleine Betrachtung darüber anzustellen, was die Ursache der kaum glaublichen, an die würdigsten Zeiten des finsteren Mittelalters gemahnenden Vorkommnisse in dem das Herz Europas bildenden, von einem Culturvolke bewohnten czechischen Böhmen war, und daraus die Consequenzen für uns Juden zu ziehen. Die Moral der ganzen immoralen Vorgänge ist freilich nichts Anderes, als die uralte Wahrheit: Jud bleibt Jud. Die Behauptungen der czechischen Presse: Die Provocation der deutschen Studentenschaft Prag's, das Verfahren der Einwohnerschaft von Saaz gegen die. stets Zeter schreienden, sich dabei aber im Ganzen wohlbefindenden czechischen Minoritäten, waren die gerechte Ursache, daß dem sonst so blindzahmen, rührend geduldigen, böhmischen Löwen der gespaltene Schwanz der Gedilld riß. Wir möchten uns nun gleich dagegen verwahren, als würden wir jene Demonstration der Prager Studentenschaft billigen. Nein! Eine andere Frage aber ist es, ob jene, zumindest unvernünftige studentische Demonstration Grund genug und Entschuldigung für jene historischen Vorgänge war. Wie kamen die Juden als solche dazu, daß sie das Bad auszugießen hätten für Jene, welche als Deutsche demonstrirten. Nicht gegen deutsche Juden war aber die Wuth der Steine speienden Nation gerichtet, sondern gegen die Juden schlechtweg. Der Närod wollte sich sein Müthchen kühlen, wie man es zu Ende des 19. Jahrhunderts nur noch in Anwendung auf die Christen bei den Chinesen findet Hunderte von Unschuldigen wurden an Leib und Vermögen arg geschädigt. Leider ließen sich die maßgebenden Civil- und Militärbehörden vom Stadtoberhaupte bewegen. mit der Anwendung der einzig angezeigten äußersten Gewalt zur Unterdrückung der anarchischen Zustände so lange zu warten, bis es zu spät war und eine ganze Reche von strebsamen Kaufleuten zu Bettlern gemacht worden. Es ist ein öffentliches Geheimniß, daß der commandirende General in Ansehung der schrecklichen Pöbelwirthschaft im Begriffe stand, die Schußwaffe zu gebrauchen, als ihn der Prager Bürgermeister und Obmann des „Sokol", Dr. Podlipny, bat, noch zuzuwarten, er (der Bürgermeister) übernehme alle Verantwortung und werde die erhitzten Gemüther. der Nation beschwichtigen. Der General ließ sich überreden, der Bürgermeister aber erließ jene, famose Kundmachung, welche allem Anscheine nach zur Ruhe gemahnte, in der That aber in der Weise abgefaßt war, daß Jeder, sofern er nicht mit Blindheit geschlagen war, zwischen den Zeilen eine Aufmunterung zu ftischer „Arbeit" herauslesen konnte. Die Schaudertage nahmen ihre Fortsetzung und als dann das Standrecht proclamirt worden war, da hatte der Närod seine idealen und materiellen Bedürfnisse vorläufig gedeckt. Der böhmische Löwe war gesättigt, und behaglich leckte er mit der Zunge. Der heiß ersehnte Leckerbissen war so gut, so erftischend und so — billig gewesen. Es ist so süß, so berauschend, für's Vaterland zu rauben und zu stehlen . . . Die Prager Vorgänge fanden ihre Fortsetzung in der Provinz. Eine Stadt nach der anderen ahmte der goldenen, slavischen Metropole nach, das ärgste Nest, welches das Unglück hat, Juden den Wohnsitz gewähren zu müssen, hätte es als mit seinem nationalen Bewußtsein unvereinbar betrachtet, wenn es den jüdischen Mitbürgern nicht „wenigstens" mit klingender Scheibe heimgezahlt hätte; es waren aber von der politischen und mancherorts — wie mau wahrheitsgemäß constatiren muß — auch von der städtischen Behörde Vorkehrungen getroffen, um wenigstens Plünderungen zu verhüten. Und so mußten die Hyänen in Weibergestalt mit den bereit gehaltenen Körben leer nach Hause gehen, es war „nichts" zu machen. Interessant und traurig war und ist noch die Sprache der czechischen Presse. Es lohnt fürwahr der Mühe, die parteiischen Berichte der czechischen Zeitungen über die „kleine Nationalarbeit" (drobnä präce närodni) zu studiren. Es gibt kein einziges — sage kein einziges — czechisches nationales Blatt, welches die Vorgänge verurtheilt hätte, kein einziges, das zur Ruhe und Besonnenheit gemahnt hätte, kein einziges, aus dessen Zeilen nicht versteckte Schadenfreude und mehr oder minder schüchterne Aufmunternng hervorgucken würde. Eine einzige würdige Ausnahme bildeten die socialdemokratischen Parteiblätter, allen voran das »Prävo lidu«. Und es ist auch eine erfteuliche Thatsache, daß sich die internationalen Socialisten nirgends an den Ruhestörungen betheiligten, in Pilsen sogar dem Pöbel mit barer Münze heimzahlten. Sonst waren alle Parteischattirungen, ob Alt-, ob Jungczeche, ob Omladinist, ob christlich-social, national-socialistisch und wie alle die jetzigen czechischen Parteiströmungen mit unverständlichem und unverstandenem Programm heißen mögen, immer einig, so bald es galt, gegen die Juden aufzutreten. Die Prager czechischen Advoeaten erboten sich fteiwillig zur Vertheidigung der erwischten „Märtyrer", nach und nach werden auch in czechischen Kreisen wohlgeachtete Personen als geistige Urheber der Räubereien und Anführer des Diebsgesindels entpuppt und festgenommen, es herrscht bei dem schlechten Gewissen, das so Mancher besitzt, eine innere Unruhe, man spürt ein allgemeines Unbehagen, wenn man von der Strenge der Polizei- und Gerichtsbehörden hört und liest. Man ist ja ein Mensch und weiß nicht, was für Ueberraschung einem die Detectivs morgen bereiten können. Wer daher noch heute behaupten oder glauben wollte, die That habe der Pöbel, nicht der intelligentere Theil des Mrod vollbracht, der müßte blind sein oder nicht sehen wollen. Der Jude aber ist zu der Erkenntniß gekommen (so weit er sie nicht schon besessen), daß er Jude bleibt, er möge czechisch oder deutsch sprechen, czechisch oder deutsch „fühlen". Kein Unterschied wurde gemacht zwischen einem deutschsprechenden Juden.und einem „Czechen jüdischer Confession". Ja, es ist merkwürdig, daß gerade bei den Letzteren die Scheibenmusik begann. In Kolin, Chrudim und vielen anderen Städten fiel der erste Stein gegen die Fenster erprobter »narodovcu», derselben, welchen kurz zuvor Beiträge für die Minoritäten Deutschböhmens retournirt worden waren. In der letzterwähnten Stadt sammelte ein eben etablirter Advocat Unterschriften der Juden zum Zwecke einer spontanen Danksagung für diejenigen Factoren, welche dazu beigetragen hatten, daß in dieser Stadt Ordnung und Ruhe blieb. Die stolze Ueberzeugung, daß der Chrudimer Närod unzweifelhaft philosemitisch ist, weil doch die dortigen Juden aufrichtige närodovci sind, wurde aber arg getäuscht. Denn zwei Tage darauf schlug auch der dortige Närod den Juden die Fenster ein, und zwar allen Juden, ob sie nun das Tagblatt oder die „Närodni Lisch" abonnirt hatten. Die Prager czechischen Blätter, hauptsächlich das Parteiorgan des Jungczechenclubs „Närodni Lisch", sowie die halb alt-, halb jungczechische „Närodni Politika" wurde beinahe jeden zweiten Tag wegen Aufreizung confiscirt. Und diese Blätter hätten nach Ansicht der czechisch-jüdischen Vereine und der „Ceskozidovskä Listy« die Juden abonniren sollen! Unglückselig war das Verhalten des „Ceskozidovskö Listy", jenes Blattes, welches geschaffen worden war, um die Juden mit den Czechen zu assimiliren. Es säete Zwietracht zwischen den Juden selbst, es entwickelte sich ein regelrechter Spionagedienst, indem in den »Ceskozidovsk<§ Listy« diejenigen Juden festgenagelt wurden, welche das leider nach dem Strafgesetzbuche nicht zu ahnende Verbrechen begingen, judenfreundliche Zeitungen zu abonniren und welche gegen die Auflösung der confessionellen Schulen stimmten, um ihren Kindern nicht muthwillig das Wichtigste für ihr Fortkommen zu entziehen: die Kenntniß der deutschen Sprache. In Tabor, Jungbunzlau, Pardubitz, Königgrätz, überall da stellte sich mit der Gründung des „Odbor" pünktlich der Antisemitismus ein. Und das Prager Raubgesindel brauchte nur die älteren Nummern des czechisch-jüdischen Parteiblattes durchzustöbern und sich die Adressen derjenigen Juden zu nottren, *) Ev. Matth., Capitel V.

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