Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 52 (24.12.1897)
- Date
- 1897-12-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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M. 52 Vr. Bloch » MochrnfchrM Seite 1039 streben, daß sich sämmtliche Rumänen zu einer antisemitischen Liga vereinigen." Sollte man da nicht glauben, daß entweder die Protestirenden verrückt oder alle Aemter in Rumänien von Juden besetzt sind, die Rumänen von den Juden bedrückt und verfolgt werden? Aber die Rumänen verstehen es sehr gut, Schmerzensschreie auszustoßen und über nicht existirende Verfolgungen „vor Europa" zu klagen. Das sieht man aus ihrem Benehmen in Ungarn und Siebenbürgen. Würde die ungarische Regierung es nicht unter ihrer Würde halten, rumänisches Beispiel nachzuahmen, so könnte sie alle Rumänen für „Fremde" erklären und sie so behandeln, wie die Juden von den Rumänen behandelt werden. Und Fremde können die Rumänen in Ungarn mit mehr Recht genannt werden als die Juden in Rumänien. Geben sie sich doch selbst für Römer aus, und als Eroberer und Fremde sind die Römer in das jetzige Ungarn eingedrungen. Von den Römern abzustammen, wird für eine große Ehre gehalten, ob es auch eine Ehre ist, Rumäne zu sein oder von jenen Rumänen abzustammen, welche sich durch die im Jahre 1848 in Siebenbürgen begangenen Gräuelthaten berühmt machten, das ist noch die Frage. Wie sieht es aber überhaupt mit Ihrer römischen Abstammung aus? Dafür haben sie keinen andern Beweis als die nahe Verwandtschaft ihrer Sprache mit den vom Lateinischen abgeleiteten Sprachen — französisch, spanisch u. s. w. Aber weder die Franzosen noch die Spanier oder Portugiesen behaupten von den Römern . abzustammen. Die einheimische Bevölkerung — Kelten, Iberer u. s. w. — hat eben die Sprache der Eroberer zum Theil angenommen, stark modificirt durch ihre eigene Nationalsprache, wozu dann noch die Einwirkung der Sprache erobernder Germanenstämme hinzukam. Ja, die Spanier, wenn sie groß thun wollen, rühmen sich nicht der römischen, sondern der gothischen Abstammung. In gleicher Weise haben die am Anfänge des zweiten Jahrhunderts vom römischen Kaiser Trajan unterworfenen Daker und andere Barbarenvölker an der unteren Donau sich ihre romanische Sprache gebildet, die dann noch viele slavische, griechische und türkische Elemente aufnahm. . Freilich wird viel gefaselt von römischen Colonienim Dakerlande, aber wenn ein Mommsen sagt „wenigstens fehlt es an sicheren Beweisen römischer Ansiedlung bis jetzt, sowohl in der östlichen Wallachei, wie in der Moldau und Bessarabien völlig",*) so kann man an eine römische Abstammung der jetzigen Bewohner dieser Länder schwerlich glauben. Aber auch die römischen Colonien in Ungarn und Siebenbürgen mußten in den späteren Jahrhunderten aufgegeben werden, und wo die Ahnen des sich stets Rumänen nennenden Volkes sich Jahrhunderte lang Herumgetrieben haben, darüber streiten noch die Gelehrten. Gegen die römische Abstammung spricht auch die völlige Theilnahmslosigkeit am römischen Geistesleben, das- Fehlen jedes Restes römischer Cultur bei den Rumänen, wie wir deren doch so viele bei allen andern Töchtersprachen der lateinisch sprechenden Völker finden. Gallien und die iberische Halbinsel lieferten schon ein Jahrhundert nach der Eroberung durch die Römer und in späteren Zeiten eine namhafte Zahl hervorragender lateinischer Schriftsteller. Ich nenne nur Seneca, Lucan, Martial, Qnintilian, Ausonius, Trogus, Pompejus. und von Afrikanern Terenz, Apulejus, Nemesianus. Ja in der späteren Kaiserzeit haben Spanien und Nordftankreich einen besonderen Einfluß auf die geistige und literarische Entwicklung Roms ausgeübt.**) Von Derartigem ist bei den Rumänen keine Spur. Sie sind eben keine Abkömmlinge der Römer und ihre Vorfahren scheinen zu barbarisch oder zu kurze Zeit mit den Römern in Verkehr gewesen zu sein, um etwas mehr als Einiges von ihrer Sprache anzunehmen. Und. ebensowenig haben sie an der europäischen Cultur im Mittelalter und der Renaissance theilgenommen. Ja, obwohl sie später als Griechen und Serben unter türkische Herrschaft gelangten und weniger, bedrückt als diese waren, haben sie nicht einmal so viel wie diese geleistet. Und nun sind sie seit beinahe einem halben Jahrhundert ganz unabhängig. Wo sind aber die rumänischen Dichter, Gelehrten und Künstler? Der einzige *) Römische Geschichte V. 206. **) Mommsen V. 102. nennenswerthe rumänische Dichter, der vor Kurzem verstorbene Alecsandri, ist venetianischer, wenn nicht gar jüdischer Abstammung! Wir wollen nicht in den Fehler unserer Gegner verfallen und ein ganzes Volk für die Sünden Einzelner verdammen. Wir wissen, trotz Schneider und Gregorig, trotz Drumont und Rochefort den Werth der Deutschen und Franzosen zu schätzen; wir vergessen nicht, was wir ihnen zu verdanken haben. Und daher wollen wir auch den Rumänen nicht Unrecht thun. Die große Masse des ungebildete» Volkes ist nicht judenfeindlich, wenn sie nicht von den sogenannten Gebildeten aufgehetzt wird. Unter diesen bilden bei anderen Völkern die Bösen die Ausnahmen, bei den Rumänen sind es die Guten, wie der gewesene Minister Carp, der Universitätsrector Majorescu und einige Andere. Unser Erzvater Abraham hat von Gott die Zusicherung der Verschonung Sodoms, wenn sich nur zehn Gerechte darin finden sollten, durch sein Gebet erlangt. Ich habe eben Rochefort genannt, und da erinnere ich mich natürlich an den Proceß Dreyfus, diesen Flecken auf der Ehre Frankreichs. Ich halte Dreyfus für unschuldig, aber selbst wenn er schuldig wäre, spricht das Verfahren gegen ihn allem Rechtsgefühl und aller Humanität Hohn. Ist denn die französische Regierung von der Unschuld Walsin-Esterhazy's überzeugt? Und doch wird er mit Sammthandschuhen angefaßt, man läßt ihm Zeit, compromittirende Papiere auf die Seite zu schaffen, Zeugen anzuwerben u. s. w. Gegen Dreyfus ist man mit erstaunlicher Schnelle und Energie vorgegangen. Dann verurtheilt man ihn auf ungenügende Beweise und schickt ihn nach einer wüsten Insel, wo er mit raffinirter Grausamkeit behandelt wird. Die . Insel war bis zu seiner Hinsendung ein Lazareth für Aussätzige. „Hat man sie vor Ankunft des Dreyfus desinficirt?" fragte mich neulich eine gutherzige junge Dame. Wozu? Vielleicht hoffte man, daß der „Berräther" den Aussatz bekommen werde. Und wenn Dreyfus wirklich ein Berräther war, so hätte sein Verrath doch nur im Falle eines Krieges Frankreich schaden können, der jetzt so patriotisch-demokratische Graf Rochefort hat aber zur Zeit der Communeherrschaft in Paris seinem Vaterlande thatsächlich großen Schaden zugefügt; sein Verbrechen war nicht zweifelhaft, sondern wurde vor aller Welt begangen. Dafür wurde er verurtheilt und nach Nencaledonien deportirt. Aber er wurde nicht so strenge bewacht wie Dreyfus und konnte schon im nächsten Jahre (1874) entfliehen. Ueberhaupt ist er mehr als einmal entflohen, mehr als einmal begnadigt worden. In der Noth hat er auch von Juden Unterstützung angenommen. Und dieser Mann fordert jetzt die äußerste Strenge gegen den Juden Dreyfus. Freilich, Strenge und Grausamkeit scheint jetzt überall beliebt zu sein, und das Thierische im Menschen bricht mitunter dort hervor, wo man es am wenigsten erwartet. Von der spanischen Kriegführung in Cuba sagte der Präsident der Bereinigten Staaten in seiner Botschaft: „Die bebauten Landstrecken wurden überall da, wohin die spanischen Truppen gelangten, verwüstet und die Einwohner herdenweise in den Städten zusammengepfercht; ihre Ernten und Wohnungen wurden niedergebrannt . . . Indessen hat sich dieses barbarische Vorgehen als durchaus unzweckmäßig erwiesen." Ein italienischer Gelehrter hat überreichen Stoff zu einem Buche über gegen ihre Kinder unmenschlich grausame, „entartete Mütter" gefunden. Das baierische Ministerium des Innern hat vor Kurzem in einem Erlaß an die Kreisregierungen unter Hinweis auf die besonders in größeren Städten um sich greifende Verwilderung und auf die zunehmende Criminalität der Jugend ein Eingreifen des Staates als Bedürfniß erklärt. Zu einem ähnlichen Eingreifen des Staates liegt auch in anderen Ländern Veranlassung vor, aber es sind nicht jüdische Mütter und nicht jüdische Kinder, die man der Entartung und Verwilderung bezichtigen kann. Wenn wir Inden trotzdem von allen Seiten angefeindet werden, so dürfen wir uns nicht mit dem sprichwörtlichen Trost „Viel' Feind', viel Ehre" begnügen. Gerade jetzt, wo die Schlußrechnung des Jahres überall einen solchen Verlust an Menschenliebe und Ehrlichkeit zeigt, müffen wir unserer Mission,