Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 52 (24.12.1897)
- Date
- 1897-12-24
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 1038 Nr. 52 Dr. Vloch « Mychenkchrtp. wenn das Volk, von Hetzern ä la Schneider und Deckert aufgehetzt, über unschuldige Missionäre und die von ihnen Bekehrten herfällt und sie mißhandelt, so findet sich bald eine europäische Regierung, welche sich erinnert, daß die Mißhandelten ihre Staatsangehörigen oder Schutzbefohlenen sind, Genugthuuug -fordert, ihre Kriegsschiffe aussendet und dabei mitunter so ganz nebensächlich einen politischen Vortheil für sich erlangt, zum ' \ Mindesten den „Barbaren Respect vor der Flagge" einflößt. Dabei ereignet sich mitunter der tragische Fall, daß die Männer, deren man sich im fernen Osten so eifrig annimmt, zu Hause sehr stiefmütterlich behandelt werden. Der Leser wird vielleicht glauben, daß ich damit auf jüdische Miffionäre anspiele. Aber solche gibt es jetzt bekanntlich nicht. Es handelt sich um Jesuiten. Diese sind seit fünfundzwanzig Jahren aus Deutschland verbannt und gerade heute las ich im hiesigen „Vaterland" eine dem Jesuitenblatte „Stimmen aus Maria Laach" entnommene Klage über dieses Vierteljahrhundert der Verbannung. Dabei wird nun bemerkt, daß ein großer Theil der aus Deutschland ausgewiesenen Jesuiten sich der Missionsthätigkeit in außereuropäischen Ländern zugewendet hat. Ich sagte „gerade heute", weil ich eben heute auch gelesen habe, daß der preußische Prinz Heinrich an der Spitze einer deutschen Flotte gegen China ausgezogen ist, um die Jesuiten- Miffionäre zu schützen, eventuell „mit gepanzerter Faust dreinzuschlagen." In der Rede, welche der Prinz bei dieser Gelegenheit hielt, erklärte er ganz in Kreuzzugsstimmung, daß er ausziehe, „das Evangelium des Kaisers im Auslande zu verkünden, es zu predigen, Jedem, der es hören will, auch denen, die nicht h ö r e n w o l l e n." Was das für ein Evangelium ist, wissen wir nicht; uns und auch den Christen sind nur vier kanonische Evangelien bekannt; selbst unter den Apokryphen findet sich kein „Evangelium des Kaisers". Das Evangelium von Jesus zu predigen, sind vor bald neunzehn Jahrhunderten Männer jüdischen . Stammes und in späteren Jahrhunderten viele fromme eifrige Christen ausgezogeu, aber wie die Apostelgeschichte und die Biographien der Heiligen erzählen, nicht mit gepanzerter Faust und nicht mit Krupp'schen Kanonen. Wie sich die Chinesen zum prinzlichen Prediger verhallen werden, wissen wir nicht; vielleicht wird er sich über die tauben Ohren der Verehrer des Confucius so trösten wie neulich eine deutsche Zeitung über die Geldverschwendung und die geringen humanitären Leistungen des deutschen Antisclaverei-Comitss: „man habe wenigstens kriegerische Erfolge errungen." Aber ist auch das sicher? Wie man hört, will sich auch Rußland ein Stück China aueignen, wahrscheinlich um dort das Evangelium aus ruffisch zu predigen, und die Engländer werden wohl mit chrer Predigt nicht lange auf sich warten lasten. Da hätte der tapfere Prinz vielleicht besser gethan, anstatt vom Evangelium zu reden, sich an das Wort des Königs Ahab (l Könige XX 11) zu erinnern: „Der den Harnisch anlegt, soll sich nicht rühmen, als der ihn hat abgelegt." Aber wer handelt jetzt überhaupt nach den Lehren der Bibel, Alten oder Reuen Testaments! Folgt man aufmerksam den Reden von Staatsolänneru, Politikern, Volksvertretern und Volksoerdrehern, unter denen sich mitunter auch Priester befinden, und vergleicht sie mit ihren Handlungen, so kommt man manchmal auf die Idee, daß die Worte Religion, Humanität, Wahrheit, Menschenliebe ihre alte Bedeutung verloren und jetzt eine ganz entgegengesetzte bekommen haben. Wenn die österreichischen Antisemiten immerfort jammern, daß wir Cisleithanier den Ungarn tributär sind, während die .magyarische Unabhängigkeitspartei schreit, daß die Ungarn das Joch der österreichischen Knechtschaft abschütleln müssen, so kann doch die Wahrheit nur auf einer Seite sein oder vielleicht auf — keiner? Liest man, wie die Czechen sich als unschuldige Lämmer hinstellen, welche stets von den bösen deutschen Wölfen provocirt werden, während wieder die Deutschen über die Gewaltthaten der barbarischen Czechen jammern, so möchte man zu Ehren der Menschheit annehmen, daß die Wortführer beider Nationen sich gleich weit von der Wahrheit entfernen. Sieht man wieder, wie beide gegen die Juden Vorgehen, so fühlt man sich versucht ihre gegenseitigen Beschuldigungen für wahr zu halten. Das Traurigste ist aber, daß, während vor hundert Jahren ein offener Kampf zwischen den Staaten geführt wurde, jetzt ein tückischer unehrlicher Kampf zwischen den verschiedenen Nationalitäten, Ständen und Confessionen innerhalb desselben Staates geführt wird. Kaum gibt es ein Volk, das nicht unter diesen Zuständen mehr oder weniger leidet und am schwersten trifft die Epidemie des Hasses das inoffensivste Volk, das mit allen andern in Frieden leben möchte — das jüdische. Wenn Schiller vor hundert Jahren sagte „Freiheit ist nur in dem. Reich der Träume", so wird der Jude — ohne Rücksicht auf das Versmaß — vielleicht bald sagen müssen: Sicherheit für Ehre, Gut und Blut ist nur im Reiche der Träume. In dem noch. halbbarbarischen Rumänien will man den Juden alle drei nehmen. - Man weiß, mit welcher Rabulisterei Rumänien sich der ihm vom Berliner Congreß auferlegten Verpflichtung zur Gleichstellung aller Confessionen entzog, indem es alle Juden kurzer Hand für Fremde erklärte? Die Stellung der Juden in diesem Musterland des Antisemitisnius war bis jetzt die denkbar schlechteste. Sie mußten alle Steuern wie der Bürger zahlen, wurden aber, weder als solche noch als Bürger eines anderen Staates,. der sie zu schützen das Recht hätte, behandelt. Sie. waren fast vogelfrei, wurden von manchen Orten wie Vagabunden fortgejagt. Als Soldaten mußten sie dienen, aber Einjährig-Freiwillige und Officiere konnten sie nicht werden. Bon einer Reihe gelehrter Berufe sind sie ausgeschlossen, viele Schulen sind ihnen verschlossen. der Verkauf gewisser Waaren ist ihnen verboten, sie dürfen keine Sensale sein und -unterliegen vielen anderen Beschränkungen, wie sie im Memorandum der rumänischen Inden vom April 1893 aufgezählt sind. Man sollte nun glauben, daß der ärgste Antisemit mit solcher Behandlung der Juden zufrieden sein könnte; aber weit gefehlt. Dem erfindungsreichen Rumänen ist das noch zu wenig. „Erfindungsreich?" fragt hier der Leser, was hat denn ein Rumäne je auf dem Gebiete der Wissenschaft oder Industrie erfusden? — Ich meine nur, daß sie in Erfindung von.Judenquälereien sehr geschickt sind. Die neueste Erfindung ist, daß die Juden vom Dienste, in der Armee ausgeschlossen und dagegen mit einer besonderen Steuer belegt werden sollen, und die Juden sträuben sich mit Händen und Füßen gegen diese nationale Erfindung. Ich weiß nicht, ist es, weil sie so großes Verlangen, für das Stiefvaterland ihr Blut zu vergießen, oder weil sie in richtiger Kenntniß des rumänischen Nationalcharakters voraussehen, die Judensteuer werde bleiben und die Befreiung vom Dienste bald aufgehoben werden. Wie dem auch sein mag, diese „Anmaßung" der-Juden konnte nicht geduldet werden. Die Studenten — es gibt auch Studenten in Rumänien, und neulich wurde sogar der Grundstein zu einer Universität in Jassy mit großer Ostentation und Phrasenverschwendung gelegt, obwohl man bis jetzt von wissenschaftlichen Leistungen dieser Universitäten nichts gehört hat — die Studenten also, nachdem sie eine Versammlung der Juden gewaltsam gesprengt hatten, veranstalteten ihrerseits eine Volksversammlung, während die Polizei eine zweite Versammlung der Juden nicht gestattete. Ganz curios erklärte der Minister Ferichidi in Beantwortung einer Interpellation im Abgeordnetenhause die Juden hätten unter den vermeintlichen Schutz der Landesgesetze, welche das Vereinigungs- und Versammlungsrecht garantiren, ohne zu begreifen, daß dieses Recht nur den rumänischen Staatsbürgern zukommt, öffentliche Versammlungen veranstaltet, wozu sie nicht befugt gewesen". . . . „Die Studenten wären dagegen befugt gewesen, Protest gegen die Drohungen der Juden, welche die Gesetze des Landes bekämpfen wollten, einzulegen." Nun haben aber die Juden kein bestehendes Gesetz bekämpft, denn ihre Ausschließung vom Militärdienste ist erst Gesetz e n t w u r f. Aber mit den Worten eines rumänischen Ministers darf man es nicht so genau nehmen. Die rumänische Sprache hat eben ihre Eigenthümlichkeiten, nennt sie doch das Fenstereinschlagen, Judenplündern und Mißhandeln „Protesteinlegen". In der diese „Protesteinlegung" vorbereitenden Studentenversammlung, bei der auch ein Flugblatt „Nieder mit den Juden" in mehreren tausend Exemplaren vertheilt wurde, faßte man folgende Beschlüsse: „1. Daß Bürger und Studenten nicht die Waffen niederlegen sollen, bis sie nicht.Herren in ihrem Hause sind. 2. An den König und die Kammern ein Memorandum zu richten, um die Gesetzmäßigkeit ihres Vorgehens zu beweisen. 3 Dahin zu