Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 51 (17.12.1897)
- Date
- 1897-12-17
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 51 Vr Bloch'« WochenlchrM Seite 1039 Rabbiners, wie er sein soll. Er verstand es, segensreich zn wirken und sich die wahre Hochachtung und Liebe von Groß und Klein zu erwerben und für immer zu erhalten. Deshalb wird er von seiner verwaisten Gemeinde und weit und breit von allen Jenen tief betrauert, die ihn persönlich oder sein Wirken kannten. Josef-Weisse hatte das so nöthige und so werthvolle Zeug in sich und verstand es, wie nur selten Einer, zu lehren und zu führen, zu gelten und zu predigen. Sein Unterricht war stets interessant, klar und gediegen. Er war der kluge Führer seiner Gemeinde und sein Einfluß war in allen Angelegenheiten ein entscheidender. Seine Leitung war eine solch tactvolle, daß sich derselben auch die Halsstarrigsten, die Oppositionsmänner um jeden Preis gerne fügten. Und seine Predigten! Diese waren oratorische Meisterwerke. Man wußte nicht, sollte man die schöne Sprechweise und Sprache, oder den prächtigen Inhalt bewundern. Die Israeliten Waag-Nenstadtls — gleichsam ein Israel en miniatur — sind aus allen Erdtheilen, in jeder namhafteren Stadt der Welt vertreten. Nirgends aber dürften sie je durch eine Predigt besonders überrascht worden fein, denn sie kannten, sie hörten Josef W e i s s e! Was dieser ausgezeichnete Seelsorger that, hatte eine eigene Würze oder wie man entre nous zu sagen pflegt, hatte „allen Tam". Dieser jüdische Ausdruck bezeichnet das Wesen des dahingeschiedenen Großen am markantesten. Ja, er war in Allem, was er machte, was er sprach, im schönsten Sinne des Wortes „betamt". Diese Eigenschaften sollten ihm Lehrer und Rabbiner nachzuahmen trachten. Dann würde es mit ihnen und den Gemeinden besser bestellt sein. Weisse's Devise war: Friede unter den Confessionen und Nationalitäten, Friede unter den Parteien der Gemeinde, Friede und Eintracht in jedem Hause. Josef Weisse war ein rastloser Friedensstifter. Wie verstand er es, Gegensätze, die unüberbrückbar schienen, anszugleichen, Gegner zu versöhnen. Sein Auftreten — voll Geschick und Chic — wirkte wie ein Zauber, dessen man sich nicht erwehren konnte. Deshalb kam es, daß er Orthodoxen und Fortschrittlern lieb war und alle Confessionen ihn verehrten. Weil wahrhaft fromm, war er in seinem Urtheilen und Berurtheileu voll Nachsicht und Milde. Vor seinem Urtheile beugten sich befriedigt die Parteien. Sein tiefes Wissen, sein edles, warmfühlendes Herz ließen ihn immer den sinnreichen und wahren Spruch vor Augeu halten: Alles begreifen heißt Alles verzeihen. Die Spalten dieses Blattes bieten nicht genug Raum, das Wirken Josef Weisse's näher, in seinen Einzelheiten zu schildern. Aber ich, der ich einst Schüler des Dahingeschiedenen war und ihm nahe stand, glaubte das Vorgebrachte erwähnen zu sollen zur Charakterisirung des vorzüglichen Mannes, dem die Blätter wohl einen schönen Nachruf widmeten, dessen würdige Biographie aber von hiezu berufeneren Händen erst geschrieben werden müßte. Es gibt Größen, die nur von der Ferne groß scheinen, und immer mehr verlieren, je näher man ihnen kommt. Josef Weisse ist immer mehr, mehr gewachsen, je mehr man sich ihm näherte. Das ist das Kennzeichen der wahren Größe. Mögen es sich daher Berufene zur Aufgabe machen, das Lebensbild dieses Geistesheroen getreulich zu malen, seine Lebensgeschichte in würdiger Weise zu schreiben, damit an seinem Beispiel spätere Generationen lernen und sich begeistern sollen. So wird das Angedenken unseres tiesbetrauerten Dahingeschiedenen fortleben, fortwirken und gesegnet sein für und für. Josef Schwarz. Aus Croatien. In allen Theilen unserer Monarchie tobt gewaltig der Nationalltätenstreit, die Racenhetze steigt thurmhoch empor und unterwühlt den Boden 'beider Reichshälften derart, daß selbst die Säulen, auf die unsere Monarchie sich zu stützen scheint, zittern. Nun ist dieser Kamps, der sich früher blos in Worten, wenn auch nicht schönen, äußerte, in Thätlichkeiten übergegangen und als Prügelknabe mußte der Jude nicht nur Hab und Gut, sondern auch den Rücken herhalten. In Oesterreich, Mähren, Böhmen und Galizien hat diese traurige Thatsache für uns Juden insoferne gute Früchte gezeitigt, als man es augenscheinlich wahrnehmen konnte, daß die räudigen Schafe, die sich einerseits zwar „moderne Juden" nannten, andererseits aber ihres Judenthums sich schämten, anläßlich der feindlichen Stimmung der Arier, die sich besonders gegen die „Schweinernes j essenden Semiten" kehrte, zn ihrer Herde zurückkehrten und froh sind, wieder ausgenommen zu werden. Daher die erfreuliche Thatsache, daß jüdische Männer, sonst ausgestattet mit den seltensten Geistesgaben, dem Jndeuthnm aber bislang theilnahmslos gegenüberstehend, nunmehr des Judenthums heiligstm Gütern das regste Interesse entgegenbringen. Bei uns in Slavonien und Croatien nämlich tobt zwar auch der Nationalltätenstreit, auch die Fabel von den „Fremden" hat hierzulande bereits greifbare Formen äugenonunen, allein der Jude ist hierzulande gottlob noch kein Prügelknabe geworden. Wohl läßt der clerical-antisemitische „Obzor" hie und da einen Artikel „Zidovstoo" gegen das Judenthum vom Stapel, wobei ihm die „Hrvatska Domovina" zu secundiren pflegt; doch von einem systematischen Antisemitismus ist hierzulande „vorläufig" noch nicht die Rede, wenn auch der „Obzor" erst unlängst in einem langathmigen Artikel das Gegentheil behauptete. Sieht man sich nun die Organisation unserer Glaubensgenossen hierzulande an, so wird man schon aus der äußeren Physiognomie derselben ans die Nichtexislenz des Antisemitismus in unserem Lande schließen können. Denn, man höre und staune, wir haben hier gar keine Organisation, die einen selbstständigen jüdischen Charakter hätte oder der der Stempel des Judenthums anfgedrückt wäre. Wie nun ein hebräisches Organ geradezu in der Lage sein sollte, bei solch tristen Verhältnissen die innere Einigung des Judenthums herbeizuführen, ist uns wahrlich ein Räthsel. Wenn auch zugegeben werden nulß, daß es auch in Slavonien ernste, charakterfeste jüdische Männer gibt, deren Streben dahingeht, das jüdische Gemeindeleben auf ein höheres Niveau zn heben, wie z. B die Herren Deutsch und Bilcsek ans Slatina, Herr Julius Miskolag ans Essegg, Herr Marko Breyer aus Kreuz, deren Ehrenhaftigkeit über jßden Zweifel erhaben ist, so wird man uns doch zugeben müssen, daß man mit Inanspruchnahme der Hilfe dieser Männer in ganz anderer, aber weit wirksamerer Weise etwas zur Erreichung des edlen und erhabenen Zieles, daß auch das slavonisch-kroatische Judenthum „innerlich geeinigt", moralisch und geistig gestärkt und gekräftet werde, als die Herausgabe eines in hebräischer Sprache erscheinenden Organes, das von Neustadt angefangeu bis zur Save, also in der ganzen Südmark unserer Monarchie, Niemand außer einigen Rabbinern zu verstehen im Stande sein wird. Doch freut es uns ungewöhnlich, daß Herr Rabbiner Dr. Kaminka gleich in der ersten Zeit seines Wirkens in Essegg die Ueberzeugung gewonnen hat, daß etwas geschehen müsse zur „inuern Einigung" des Judenthums in der „Südmark" unserer Monarchie, wie es der Titel seiner Zeitschrift „Haaphikim Banegebh" verräth. Denn unterlassen wir Rabbinen es, das Judenthnm innerlich zn einigen und von den Schlacken gewisser Ausgeburten zu reinigen, so wird der Antisesemitismus kommen, der sich auch in unserem Lande bereits zu regen beginnt, und wird diesen Einigungs- und Purificirungsproceß in für uns viel empfindlicherer Weise vornehmen, was wir aber verhüten sollen, zumal Oesterreich uns in dieser Beziehung ein abschreckendes Beispiel liefert. Birovitiea (Slavonien). Rabbiner Dr. H. E. Kaufmann. Warschau. Durch die Blätter geht die Meldung, daß der reiche jüdische Ban guter in Warschau Herr Wawelberg zum Zwecke der Errichtung von billigen Arbeiterwohnungen die Summe von 300.000 Rubel gespendet hat. Obgleich nun die Freigiebigkeit dieses Philantropen, namentlich wenn es sich um ausschließlich nichtjüdische Institutionen handelt, eine geradezu sprichwörtliche ist, erregt die obengenannte Riesenspende dennoch begreifliches Aufsehen und wird in der Presse lebhaft discutirt. Interessant sind die von der „Jüdischen Presse" citirten Auslassungen der „Prawda", deren Herausgeber schreibt: „Ich glaube aufrichtig, daß das Hauptmotiv für die großartige Freigiebigkeit dieser Herren in ihrem guten Herzen und ihrem bürgerlichen Pflichtgefühl zu suchen ist. Aber es will mir scheinen, als ob daneben' auch noch ein anderes Motiv vorhanden wäre, die Absicht nämlich, die Gesellschaftsklasse, welche alle Privilegien genießt, aber nichts für die Allgemeinheit thut, herabzusetzen. Sie wollen gleichsam sagen: Wir, denen keine „ besondere Pflichten auserlegt, die wir von Euch wie der fremde Sand, den der Wind aus der Wüste hergeweht hat, betrachtet werden, die jeder Zeitungsreporter nach Belieben aus dem Bürgerverzeichniß streichen kann, wir, die nicht die Geschichte des Landes geschaffen, mit keiner Adelskrone auf dem Haupte zur Welt gekommen sind: wir dienen unserem Paterlande mit