Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 51 (17.12.1897)
- Date
- 1897-12-17
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 1030 Vr. Vwttz's WvrtzrnschrtN Nr 51 aufrichtiger Liebe und Treue, und wenn Ihr noch nicht zufrieden seid, nun so laßt uns doch Eure Thaten sehen! . . . Wird es ihnen gelingen, durch ihre Wohlthätigkeit das Ansehen jener Gesellschaftsclasse zu heben? Wird mau ihnen nicht bei jeder Gelegenheit ihr Judenthum vorwerfen? Ich zweifle sehr. Als neulich in unserer Stadt der Kohlenpreis plötzlich enorm gestiegen war und die öffentliche Meinung nach der Ursache dieser Theuerung suchte, hat der demokratische „Glas" sie schnell gefunden: der bekannte reiche „Jude", der Director der Naphta- und Kohlenbergwerks-Gesellschaften in Warschau war an Allem schuld. Dieser „Jude" aber, W e r t h e i m heißt er, ist bereits seit vierzig Jahren getauft. Seitdem befand sich unter seinen zahlreichen Angestellten kein einziger Jude und hat er für jüdische Wohlthätigkeitsinstitute nie mehr einen Pfennig gegeben. Wird ein solcher Mann, wenn geschimpft werden soll, noch als Jude bezeichnet, wie wird es einem solchen ergehen, der sich noch nicht vollständig abgesondert hat und nicht ausdrücklich erklärt, daß von seinen Wohlthaten Juden ausgeschlossen sein sollen! . . ." Diese interessanten Auslassungen, die sicher nicht vom Judenhaß dictirt sind, verdienen wahrlich, überall, wo „große jüdische Philantropen" wohnen, bekannt und beherzigt zu werden. — In Kiew wurde vorige Woche ein Institut eröffnet, welches ebenfalls der Opferfreudigkeit eines jüdischen Philantropen sein Entstehen verdankt, ein auf Rechnung des Herrn I. S a i z e w erbautes und nach allen Anforderungen der medicinischen Wissenschaft eingerichtetes chirurgisches Krankenhaus. Die Kosten des Baues und der Einrichtung beliefen sich auf über 100.000 Rubel. Zur Eröffnungsfeier waren die höchsten Spitzen der Militär- und Civilbehörden erschienen. Amsterdam, 30. November. Diesen Morgen starb hier plötzlich der Bankier A. C. W e r t b e i m, eine der hervorragendsten Persönlichkeiten nicht nur der Stadt Amsterdam, sondern des ganzen Königreichs der Niederlande. Wenige haben wie er in politischer Hinsicht eine so maßgebende Rolle gespielt, und noch Wenigeren war es beschieden, bis ans Lebensende ihren Einfluß auf die Massen wie auf die gebildeten Elemente so ungeschmälert zu erhalten. Es läßt sich überhaupt keine gemeinnützige Einrichtung, kein dem öffentlichen Interesse gewidmeter Verein, kein zur Verbesserung des Loses der unteren Volksclassen unternommener Versuch denken, woran er nicht, sei es als Leiter oder als Rathgeber, betheiligt gewesen wäre. An dem Emporblühen Amsterdams in den letzten 25 Jahren hat er in einer so thatkräftigen Weise mitgewirkt, daß der Volksmund ihn kurzweg „die Vorsehung von Amsterdam" genannt hat. Manchem war es unbegreiflich, wie dieser Mann, der an der Spitze eines der hervorragendsten Bankhäuser der Stadt stand, noch die Zeit finden konnte, eine so umfassende und staunenswerthe gemeinnützige Thätigkeit zu entwickeln, und dennoch hat er die vielen Ehrenposten, die ihm das Vertrauen seiner Mitbürger übertragen hat, mit der peinlichsten Gewissenhaftigkeit und mit nie ermattendem Eifer wahrgenommen. Wer es einmal gesehen hat, wie zweimal in der Woche in früher Morgenstunde sein Bureau von Bittstellern und Rath- und Hilfesuchenden aller Art, die er einen nach dem anderen freundlich anhörte, förmlich belagert lvar, der mußte unwillkürlich an die Audienz eines vielbeschäftigten Ministers oder Staatsmannes denken. Will man einen sprechenden Beweis seines geradezu unwiderstehlichen Einflusses, so muß man wissen, daß er vor ein paar Jahren zum Präsidenten der großen, über das ganze Land verbreiteten »Maatsscbappy tot nut van’t alge.meen«, jener Gesellschaft gewählt wurde, in deren Statuten die Bestimmung obenan stand, daß kein Israelit Mitglied sein könne, eine Bestimmung, die er beinahe spielend zu beseitigen wußte! Wertheim war ein außerordentlich gewandter Redner, der ebenso mit formeller Eleganz, wie mit sachlicher Schärfe sprach, und wenn er zur Feder griff, was bei vielen, auch nicht gerade wichtigen Fragen sehr häufig geschah, so bewunderte man ebenso die Schlagfertigkeit seiner Gründe wie den unübertroffenen Meister des klaren, Allen verständlichen Styls. Zuerst Mitglied der Provinzialstaaten von Nordholland, wurde er von dieser in die Erste Kamnier gewählt, und hier war er eine Zierde der liberalen Partei, der er sein ganzes Leben lang mit unverbrüchlicher Treue gedient hat. Erwähnen wir zum Schluffe noch seine hochherzige Freigiebigkeit, mit der er manche Thräue getrocknet, manche Familie vor dem Untergang gerettet und mancher aufstrebenden Kraft die Bahn zu einer ehrenvollen Laufbahn eröffnet hat, sowie seine innige Anhänglichkeit au das Judenthum, so darf mmt wohl sagen, daß das Land und der Staat, vor Allem aber die Gemeinde Amsterdam einen ihrer besten und edelsten Bürger verlorell haben. Paris. Die französischen Antisemitenf ü h r e r Sapin und Gregoire hatten die Herausgabe eines „Jahrbuches der Israeliten von Frankreich" geplant, das u. A. auch ein Verzeichniß sämnitlicher Franzosen jüdischen Glaubens nach Namen und Wohnort enthalten sollte. Die damit verfolgte Absicht läßt sich am besten mit dem Schlagworte der deutschen Anhänger Ahlwardt's kennzeichnen: „Kauft bei keinem Inden", jeder Antisemit sollte aus dem Buche feststellen können, ob ein in Frage kommender Gewerbetreibender Jude sei oder nicht, um je nachdem von ihm zu kaufen oder ihn zu meiden. Um nun diesem Treiben seinerseits wenigstens entgegenzutreten, untersagte ein französischer Kaufmann jüdischen Glaubens, der den jetzt so viel genannten Namen Dreyfus trägt, jenen Beiden die Aufnahme seines Namens und seiner Adresse in das erwähnte Verzeichniß. Sapin und Gregoire erklärten, sie würden nur solche Reclamationeu berücksichtigen, die von irrthümlich für Juden gehaltenen Nicht-Juden ausgingen, im Uebrigen aber das Verzeichniß möglichst vollständig zu machen suchen. Dreyfus erhob nun Klage gegen die beiden Genannten bei dem Tribunal von Lyon mit dem Anträge, den Beklagten die Ailfnahme seines Namens zur Vermeidung einer ihnen anzudrohenden fiscalischen Strafe zu verbieten. Diesem Anträge hat das Gericht in rechtskräftiger Entscheidung Folge gegeben. Die Urtheilsgründe sind um so interessanter, als sie, auf allgemein giltigen Rechtsgrundsätzen beruhend, auch bei der Prüfung eines solchen Falles nach deutschem Recht zutreffen und maßgebend sein würden. Wir heben daher aus ihnen folgenden Passus hervor: „In Erwägung, daß Dreyfus berechtigt ist, zu verhindern, daß eine iudiscrete Veröffentlichung in sein inneres Leben eindringe und das Geheimniß seines religiösen Glaubens enthülle; daß von einem anderen Gesichtspunkte aus diese Veröffentlichung in einer Zeit, in welcher die religiösen und politischen Leidenschaften oftmals überreizt sind, geeignet wäre, dadurch, daß sie ihn als Israeliten oer Gehässigkeit gewisser Kreise preisgeben, ihn in seinen Erwerbs- und Geldinteressen zu schädigen; daß endlich Dreyfus, ebenso wie seine Mitbürger, Eigenthümer seines Namens und berechtigt ist, nach Maßgabe seines Interesses zu verbieten, daß von demselben ein seinem Willen entgegenlaufender Gebrauch gemacht werde" re. Ausschlaggebend war, wie man sieht, das Vorhandensein eines der Anerkennung würdigen Interesses auf Seiten des Klägers. Wo es an einem solchen fehlt, besteht natürlich auch nicht das hier nüt Erfolg geltend gemachte Untersagungsrecht; dies wäre z. B. der Fall, wenn Jemand verbieten wollte, daß sein Name in einen Adreßkalender, der die selbstständigen Einwohner eines Ortes oder die sämmtlichen Zugehörigen zu einem bestimmten Gewerbebetriebe oder Stande verzeichnen will, ohne irgend eine unsittliche Nebenabsicht damit zu verfolgen, ausgenommen wird. London. Die jüdische Freischule, eine der größten jüdischen Institutionen unserer Stadt, die mehr als 3000 Schüler hat, erhält einen neuen Vorsteher. Mr. Amgel, der verdiente bisherige Leiter, wird pensionirt, und an seine Stelle tritt L. B. Abrahams, der bisherige Vicedirector, ebenfalls ein sehr bewährter Lehrer. Im Jahre 1840 in Leominster in Südwales geboren, hatte er dort seine erste Schulbildung genossen. Als seine Eltern nach London zogen, kam er in die jüdische Frcischule, wo er schon 1854 also mit 14 Jahren eine Hilfslehrerstelle erhielt. Nach 10 Jahren wurde er definitiv angestellt und 1884 wurde er Vicedirector. Jetzt leitet er die Schule, der er seit 43 Jahren seine Dienste widmet. Er hat sich in dieser langen Zeit die höchste Achtung bei seinen Vorgesetzten und Collegen erworben und auch von der Schulcommission wiederholte glänzende Anerkennungen seiner Leistungen erhalten. Uebrigens ist Abrahams auch schriftstellerisch thätig gewesen und seine Schulbücher haben vielen Anklang gefunden. Unter seiner Leitung wird die jüdische Freischule den hohen Rang behaupten, den sie jetzt errungen hat. New-Jork, 16. November. Dem Jargondichter Moriz R o s e n t h a l, einem früheren Schneider, wird die Ehre angethan, daß seine Gedichte in der angesehenen New-Aorker Zeitschrift „The Nation" als elastische Poesie gerühmt werden. — William H. Cohen ist zum Richter am obersten Gerichtshöfe für den ersten Bezirk des Staates Ne w - Jork ernannt worden. Er ist 40 Jahre alt und ein gebürtiger New-Aorker. — Rabbiner Geismar in Brooklyn verzichtete auf seine Stelle, um sich der Advocatur zuzuwenden.