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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-12-17 · 51 (17.12.1897) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
51 (17.12.1897)
Date
1897-12-17
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 1024 Vr. VLoch's WochrMchrtfl Nr. 51 Außerordentliches ist; und trotzdem, verehrte Anwesende, werden Sie mit mir übereinstimmen, und das ist die Ursache dieser Zusammenttetung, daß Alles das nicht ausreicht, daß Alles das nicht dem hohen Maße des Elends begegnen kann, welches sich in Wien zusammengefunden hat. Wir leiden unter den traurigen Zeitverhältnissen wie nicht minder unter dem außerordentlichen Zuzug aus den Provinzen; selbst die Entstehung von Großwien hat die Lage erschwert. Niemand von uns kann sich der Erkenntniß verschließen, daß die Mittel, welche bisher vorhanden sind, als unzulänglich bezeichnet werden müssen, daß aber auch in vielen Fällen die 2lrt der Verwendung dieser Mittel nicht richtig sein mag. Vereint mit Ihnen, verehrte Anwesende, vereint mit den bestehenden Vereinen und bewährten Persönlichkeiten, welche an den Vorstand wiederholt in dieser Angelegenheit herangetreten sind, wollen wir nun die hockwichtige Angelegenheit berathen und behandeln. Hiemit erkläre ich die Enquete für eröffnet. (Lebhafter Beifall.) Ich bitte nunmehr den Herrn Obmann der 3. Section, Baurath von Goldschmidt, die Leitung der Verhandlung zu übernehmen und bemerke nur noch, daß seitens des Vorstandes der Herr College Dr. Maximilian Steiner zum Referenten über den Verhandlungsgegenstand gewählt worden ist." Herr Baurath Ritter v. Goldschmidt übernimmt den Vorsitz mit einer kurzen Ansprache, in welcher er betont, daß alle bisherigen aufopfernden Bemühungen in der Armenpflege ungenügend seien. Dabei denke er nicht an die materielle, sondern an die individuelle Unterstützung. Der Vorstand hege die feste Zuversicht, daß die Armenfrage, also ein Stück der socialen Frage auf dem Gebiete des jüdischen Gemeinwesens durch die Enquete wenn auch nicht gelöst, so doch erheblich gefördert werden wird. Jede Anregung, auch wenn sie außerhalb des als Leitfaden dienenden Fragebogens liege, werde berücksichtigt und zur Discuffion gestellt werden. Es ergreift nun der Referent, Herr Dr. Maximilian Steiner, das Wort, welcher zunächst auf das unerfreuliche Symptom hinweist, daß die uuabweislich gewordene Erhöhung der Cultussteuer leider vielseitig benützt werde, das ohnehin ziemlich niedrige Niveau unserer Wohlthätigkeitspflege neuerlich herabzudrücken. (Lebhafte Zustimmung.) Was solle man sagen, wenn Personen, die den oberen Zehntausend angehören, diesen Vorwand benützen, um die wenigen Gulden, die sie zu Wohlthätigkeitsvereinen beitragen, noch abzukargen? Dadurch haben viele Vereine einen so großen Ausfall an Mitglieder zu beklagen, daß ihre weitere Existenz geradezu in Frage gestellt sei. Die Spenden, die dem Vorstande zuzufließen pflegen, seien gegen das Vorjahr auf ein Viertheil herabgesunken. Er könne daher in die Anerkennung, welche der privaten Wohlthätigkeit gezollt wurden, nicht miteinstimmen. Hoffen wir, sagt Redner, daß die bisher unbestrittene Domäne des Judenthums, das „Rachmanus", durch den wachsenden Jndifferentismus nicht bedroht wird. Der Referent entrollt nunmehr ein kurzes Bild der gegenwärtigen Armenpflege seitens des Vorstandes. Nach § 2 des Statuts fallen sämmtliche Armenagenden in die Wirksamkeit des Vorstandes und derselbe habe auch nicht gezögert, nach allen Seiten von seiner Befugniß Gebrauch zu machen. Vor zehn Jahreu hat der Vorstand zu diesem Zwecke 66.000 Gulden, im heurigen Jahre 175.000 Gulden, also das Dreifache verwendet. Als Armenrath fungire die IH. Section, die als solcher eine geradezu aufreibende Thätigkeit entfalte. Der Jude finde bei Andersgläubigen gar keinen Halt, und das war schon unter dem liberalen Regime so. Unter 56.000 Armen, die im Vorjahre vom Wiener Armenrathe betheilt wurden, befanden sich 250 Juden, und mathematisch genau dasselbe Verhältniß bestand im Jahre 1889, wo von 26.000 Gaben 126 auf Juden entfielen. Die Herren haben sich also gegenseitig nichts vorzuwerfen. (Lebhafte Zustimmung.) Die Agenden der III. Section zerfallen in Aushilfen für momentane Nothfälle, ferner in periodische Unterstützungen und Gnadengaben, in die Verwaltung des Altersversorgungshauses und des Gemeindespitals, und in den Verkehr mit dem Findelhause, respective den Pflegeparteien, die jüdische Findlinge in Obhut nehmen. Die Section ertheilt ferner aus dem Spital entlaffenen Wöchnerinnen Unterstützungen und hat eine ganze Reihe humanitärer Institute eingerichtet, so die Zuweisung verlassener jüdischer Kinder an jüdische Pflegeeltern, die Verbindung aller jüdischen Wohlthätigkeitsanstalten zum Zwecke der Information und Cooperation, die demnächst in's Leben tretende Arbeitsvermittlungsstelle als Adnex der Armenanstalt. Als Organ für diese umfassende Thättgkeil wurde vor 6 Jahren eine Centtalstelle für Armenpflege errichtet mit der doppelten Aufgabe: 1. informativ zu wirken, 2. Armen mit Rath und That an die Hand zu gehen. Der Redner erwähnt des Leiters der Central-Armenstelle in der israelitischen Cultusgemeinde Herrn Groß, dessen selbstlose und unermüdliche Arbeit die größte Anerkennung verdient. Im Jahre 1895 allein sind 19.460 Bittgesuche eingelaufen und wurden 2500 persönliche Recherchen gepflogen. Die Fälle, wo Delogirungen verhütet, amtliche Documente beschafft, die Aufnahme in Badeorte und Krankenhäuser gewährt und Reisekosten verabreicht wurden, seien nicht zu zählen. Durch die Munificenz einzelner Gemeindemitglieder flössen dieser Centralstelle 33.000 Gulden zu. Herr Dr. Steiner berührt sodann auch die acht Fragen, welche der Enquete vorgelegt wurden, erörtert die principielle Wichtigkeit derselben, namentlich jene der Cardinalftage, wie die zur Armenpflege nöthigen Mittel beschafft werden sollen, und schließt seinen mit lebhaftem Beifalle anfgenommenen Vorttag mit der Versicherung, daß der Vorstand die Aeußerungen der Experten, als von erfahrenen und wohlwollenden Beobachtern stammend, Hochhalten und es sich zu seiner Pflicht machen werde, die erhaltenen Anregungen in ernstliche Erwägung zu ziehen und den daraus resnltirenden Nutzen zu tbesaurisiren. Ueber Wunsch der Versammlung eröffnet der Vorsitzende eine Generaldebatte und ertheilt als erstem Redner Herrn Dr. Hermann F i a l l a das Wort. Experte Dr. F i a l l a spricht zunächst dem Vorstande für die Veranstaltung der Enquete den Dank aus im Namen jenes Comitts, welches gemeinsam mit dem „Politischen Volksverein" mit mühevoller und erfolgreicher Vorarbeit sich den vorliegenden Fragen gewidmet und die Bitte um Abhaltung der Enquete an den Vorstand gerichtet hat. Die Aufgaben der Armenpflege können kurz in zwei große Bestrebungen zusammengefaßt werden: „Zuvorkommen und Aufhelfen". Die Agenden der III. Section erstrecken sich vorwiegend auf die zweite Kategorie der Armenpflege, die momentane Unterstützung. Das erste Postulat der angesirebten Reform soll jedoch die sogenannte präventive Armenpflege sein. Es genüge ja selbst bei den unerschöpflichsten Mitteln, die in Wirklichkeit fehlen, nicht, den Armen durch Almosen zu helfen. Dadurch unterscheide sich aber wesentlich das Geben von dem Helfen, welch' Letzteres die Aufgabe der Armenpflege ist. Das ist die hochwichtige und wirkungsvolle Mission, der Verarmung, soweit es überhaupt in der menschlichen Kraft gelegen ist, vorzubeugen und zu steuern. Das Nächstliegende Mittel, im Sinne der Präventive zu wirken, sei die Creirung eines großen, centralen Arbeitsvermittlungsamtes, eine Anregung, die bei dem Vorstande schon auf fruchtbaren Boden gefallen sei. Redner befürwortet sodann in ausführlicher Motivirung die Creirung von freiwilligen Armenpflegern und Pflegerinnen. (Beifall.) Es sei nothwendig, daß der Kreis jener Mitarbeiter bedeutend erweitert werde, die sich dieser dornenvollen Aufgabe zu widmen berufen sind. Die Armenpflege selbst würde in hohem Maße gewinnen, wenn ein großer Kreis freiwilliger Pfleger und Pflegerinnen aus der Mitte der Gemeindegenossen sich dieser Mission unterziehen würde. Dadurch würde zunächst ein ethisches Moment gefördert, weil die besten Elemente unserer Glaubensgenossen in Contact treten würden mit der Noth und dem Elend, und dieser Contact würde das Interesse für die Abhilfe, sowie das Solidaritätsgefühl zwischen den wohlhabenden und ärmeren Classen erheblich steigern. Jeder einzelne Armenpfleger und jede einzelne -Pflegerin werde ein Pionnier für die Vermehrung und Erhöhung der Mittel zur Armenpflege werden. So werde man dazu gelangen, jener kurzsichtigen und unwissenden Wohlthätigkeit zu begegnen, durch welche jährlich Hunderttausende von Gulden von einzelnen Privaten verausgabt werden, ohne ihren Zweck zu erfüllen. Auch die Unterstützung durch Naturalien werde durch die Institution der Armenpfleger erleichtert. Die Organisation sei derart gedacht, daß die Pfleger und Pflegerinnen durch den Vorstand der Gemeinde bezirksweise nach Maßgabe des Bedürfnisses und der Populatton bestellt werden und bis zu einem gewissen Betrage selbstständig verfügen können. (Zustimmung.) Es müßten also diejenigen Summen, welche der Vorstand der Gemeinde erfahrungsgemäß nach der bisher üblichen Weise alljährlich der unterstützenden Armenpflege zuführt, präliminariter aufgetheilt

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