Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 51 (17.12.1897)
- Date
- 1897-12-17
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 51 Vr Vloch's WochenschrM Beite 1033 sche Gelehrsamkeit sich auszeichnete. Aber ein unwissender und kecker Geselle behauptete, er werde dennoch den gelehrten Mann bei dem ersten Vortrag, den dieser halten werde, außer Fassung bringen, das hielten die Anderen für unmöglich, aber das Unerwartete geschah dennoch; als nämlich der Rabbi einen Theil seines Vortrages erledigt hatte, und der Disput beginnen sollte, warf der Kecke nur die Worte ein: „Rabbi vielleicht verkehrt", sofort schickte sich der Rabbiner an den Gründen nachzuspüren, die diesen Widerspruch veranlaßt hätten, und sodann eine Widerlegung zu versuchen, aber wieder ertönt das Wort: „Rabbi vielleicht verkehrt", so daß der Meister endlich wirklich außer Fassung gerieth und sich Blößen gab. An diese Scene werden wir erinnert bei der Oppositionslust, die sich gegen alle bisherigen Ordnungen vielfach in den Gemeinden aufthut, und die allen Vorschlägen von autoritativer Seite ihr „Rabbi vielleicht verkehrt" entgegenjohlt. Aber immerhin herrscht Leben und Bewegung, und es ist zu hoffen, daß wir sowohl politisch wie religiös aus den trüben Zuständen uns zum Lichle emporarbeiten werden. Enquete über die Reform der Armenpflege an der Wiener israelitischen Cultusgemeinde. Sonntag den 8. d. M. fand über Einladung des Vorstandes der Wiener israelitischen Cultusgemeinde eine Enquete über Armenpflege statt. Aus diesem Anlässe hatte sich im Sitzungssaale der Cultusgemeinde eine illnstre Gesellschaft eingefunden. So bemerkte man unter den zahlreichen Anwesenden: die Dameri Baronin Charlotte Königswarter, Baronin Oppenheim, Herrn Maximilian Paul-Schiff. Gemeinderath Donat Zifferer sammt Frau, kais. Rath Dr. Kohn sammt Frau, Frau Dr. Maximilian Steiner, Fraic Dr. Grünfeld, Dr. Fialla, kais. Rath Wilhelm und Delegirte der meisten jüdischen Wohlthätigkeitsvereine. Die Versammlung wurde vom Präsidenten der Cultusgemeinde kais. Rath Klinger eröffnet. Er begrüßte die zahlreich Erschienenen und übergab darin Herrn Theodor Ritter von Goldschmidt den Vorsitz, der die Versammlung leitete. Herr Cultusvorsteher Dr. Steiner erstattete hierauf eingehend das Referat. Er hob in besonderer und lobender Weise unter lebhaftem Beifalle das Wirken des Vorstandes des Armenweseus, Herrn Groß, hervor. Die erste Frage, die an die Versammlung gerichtet wurde, lautete: 1. Wie sollen die zur vorübergehenden Armenunterstützung erforderlichen Mittel seitens des Cultusvorstandes beschafft werden? Zu diesem Punkte sprach in erschöpfender Weise Herr- Hof- und Gerichtsadvocat Dr. Fialla. Nach ihm sprachen lioch viele Andere und stellten vielfache Anträge. In Folge der vorgerückten Zeit wurde die Verhandlung unterbrochen und die Fortsetzung derselben auf die nächste Zeit verschoben. Außer dem oben angeführten Punkt stehen noch nachfolgende Fragen in Berathung: 2. Soll ein Zusammenwirken des Cultusvorstandes mit beit hiesigen Wohlthätigkeitsvereinen, unbeschadet ihrer weiteren selbstständigen Thätigkeit, angestrebt werden und in welcher Weise? 3. Soll die Armenpflege des Cultusvorstandes durch freiwillige Armenpfleger und Armenpflegerinnen oder durch angestellte Beamte geübt werden? 4. Welche Kriterien sind für die Bedürftigkeit und Betheilungswürdigkeit grundsätzlich festzustellen? Alter, Familienstand, Gesundheit, Erwerbsfähigkeit, Aufenthaltsdauer rc. 5. Wie sollen die seitens des Cultusvorstandes gewährten Unterstützungen erfolgen? a) Bei eingetretener Armuth als Almosen, Handgelder in Bargeld oder zum Theil in Naturalgaben — und zwar in welcherlei? d) Durch präventive Hilfe gegen Verarmung durch Hilfscassen, Arbeitsvermittlung rc.? 6. Soll die Begründung einer „AltersversorguugsCaffa" augestrebt werden, und zwar in welcher Weise? 7. In welcher Weise soll die Obsorge für verlassene Kinder getroffen werden? 8. Sollen Armenärzte und Krankenpfleger und Krankenpflegerinnen (außerhalb des Krankenhauses) bestellt werden? Der Präsident der israelitischen Cultusgemeinde, Herr kaiserl. Rath Heinrich Klinger ei öffnete die Versammlung mit folgender Ansprache: „Ich erfülle eine mich ehrende Pflicht, indem ich Sie namens des Vorstandes in diesen Räumen begrüße und Ihnen unseren Dank ausspreche, daß Sie unserer Einladung Folge geleistet haben. Wir zollen ganz besonderen Dank den edlen Damen, welche hier erschienen sind, um an unseren gemeinsamen Berathungen theilznnehmen. Dies ist wohl eine erneute Bestätigung jenes Wohlthätigkeitssinnes, der unsere jüdischen Frauen in besonderem Maße anszeichlket. Der Zweck unserer Zusammenkunft ist bereits aus der Einladung, welche wir Ihnen znznmitteln uns erlaubt haben, zu ersehen, sowie auch aus dem Fragebogen, welcher sich in Ihren Händen befindet. Schon vor Jahren hat der Vorstand es für feine Pflicht erachtet, der wichtigen Frage nahezutreten, ob im Punkte der Armenpflege nicht eine Reform, zum Mindesten behufs Erzielung einer gemeinsamen Richtung, notbwendig erschiene. Zu jener Zeit ist dieses Streben des Vorstandes — ich möchte sagen — an einem Mißverständnisse gescheitert; man hat nämlich vielfach gemeint, daß dem Vorstände vorschwebe, die Thätigkeit unserer Wohlthätigkeitsvereine unterbinden zu wollen. Ich kann jedoch im Gegentheil sagen, daß der Vorstand die Thätigkeit der bestehenden Wohlthätigkeitsvereine in hohem Grade achtet und werthschätzt; ich brauche nicht erst hinzuweiseu auf das ersprießliche und segensreiche Wirken unserer Frauenvereine, von denen namentlich der älteste derselben, der durch nahezu 80 Jahre in Wien besteht und dessen verehrungswürdige Präsidentin Baronin von Königs w arte r wir hierzu begrüßen die Ehre haben (Beifall), gewiß das Muster aller Frauenvereine ist, welche sich nach ihm gebildet haben. Ich spreche von den Frauenvereinen im Allgemeinen; es würde mich zu weit führen, alle zu nennen. Wir haben den segensreich wirkenden „Theresien-Kreuzer-Bereiil", ferner ans neuerer Zeit den Verein „Ferienheim" in Wien, der Ausgezeichnetes leistet, wir haben den „Frauenhort" und verschiedene Frauenvereine in den einzelnen Bezirken, die alle ersprießlich und segensreich wirken. Ich betone nochmals, daß es dem Vorstande ganz ferne liegt, mit der Action, welche eingeleitet werden soll, die Thätigkeit der Vereine irgendwie unterbinden zu wollen. Der Vorstand ist im Gegentheil bereit, die Zlvecke der Vereine fördern zu Helsen. Ein Beweis dafür ist, daß wir in unseren Gotteshäusern mit Vergnügen die Spenden entgegennehmen, welche für diese Vereine gegeben werden. Wir besitzen aber nicht nur Frauenvereine, wir haben in unserem Wien auch Männervereine, wie die altehrwürdige Chewra-Kadischa und unsere Armenanstalt, Institutionen, deren Leitung zu allen Zeiten hervorragende Männer der Gemeinde sich gewidmet haben und noch widmen; wir haben ferner den mustergiltig wirkenden Waisenverein — es würde die Zeit nicht ausreichen, wenn ich sie alle, die fast unzählbaren Chewras und Vereine nennen wollte. Gestatten Sie mir aber nun auch von der Wohlthätigkeitssection des Vorstandes zu sprechen. Man darf nicht unterschätzen, daß unser Spital eine Heinistätte ist, welche, ich möchte sagen, die Mizwa im allergrößten Maßstabe ausübt. Der Kranke, der sich in unserem Spital befindet, fühlt sich daselbst wie inmitten seiner Lieben und ich kann heute schon die Hoffnung anssprechen, daß unser Spital in nicht ferner Zeit einer glänzenden, großen Zukunft entgegengehen werde. Sie kennen auch unser Bersorgungshaus, in welchem wir jetzt 150 Greise und Greisinnen haben, die dort ein Heim finden, mitunter besser, als sie es in ihrem Haufe hatten. (Beifall.) Wenn ich nun der Thätigkeit unserer Wohlthätigkeitssection gedenke, welche sich dermalen unter der hingebungsvollen Leitung des geehrten Herrn College» R. v. Goldschmidt befindet, so muß ich sagen, daß ganz Ersprießliches geleistet wird (Beifall.) Ich darf wohl gleichsam als dritte nicht zu unterschätzende Serie von Wohlthätigkeit in unserer Gemeinde jener edlen Menschenfreunde gedenken, die viel im Geheimen wirken, der sogenannten Privatwohlthätigkeit. Auch diese Kategorie, deren Umfang allerdings statistisch nicht zu erfassen ist, verdient die größte Würdigung. Ich kann also sagen, daß das, was in Wien in Sachen der jüdischen Armenpflege bisher geschah und geschieht.