Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 51 (17.12.1897)
- Date
- 1897-12-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 51 Dr. Bwch's WvchrnptzrM Venz, diese Nachsicht gegen die Semiten stürzen kann. Was werden Ihre Genossen dazn sagen? Lueger: Ach, wenn ich erst Geld habe, dann stopfe ich ihnen schon den Mnnd. Ich denke an eine christlich-sociale Gasgesellschaft, die zahlt dem Vergani und dem Wahner Pauschalien und ein paar Verwaltungsrathsstellen wird's auch geben! Rücken Sie nur heraus! Denken Sie, die Vortheile für Ihr Institut. Wenn eininal die Judenbanlen anders als vom „Deutschen Volksblatt" gebrandschatzt und geplündert werden, kommt die Escompte-Gesellschaft zuletzt! Direktor Rechnitzer: Sehr ehrenvoll; aber kein — Gewinn. (Verbindlich.) Misten verzichten ..... Ilebrigens gedeckt, Herr Bürgermeister, Gasanlehen so wie so schon placirt. (Im Abgehen.) In allen Blättern zu lesen: Siemens und H a l s k e. Lueger (wüthend, allein): Ha, mir wachsen sämmtliche ausgegrabenen Gasrohre beim — Halske heraus! _ * * Nachdem Monate lang eine Anzahl christlicher und jüdischer Agenten der fragwürdigsten Art, unter den letzteren auch der anglisirte „Judäomagyar" Antonio Newmann, im Namen des antiseniitischen Bürgermeisters Dr. Lueger alle Hauptstädte Europas vergeblich abhansirt hatte, um das Wiener Gasanlehen zu vergeben, lud Doctor Lueger die leitenden Directoren dreier sogenannter „Judenbanken" in das Rathhaus ein, um mit ihnen wegen Financirung des 30 Millionen- Anlehens zu verhandeln. Am Abend schrie Dr. Lueger mit heiserer Stimme in den christlich-socialen Frauenversammlungen: „Kauft nicht bei Inden!", am Vormittag bettelte er um das Vertrauen jüdischer Bankdirectoren. Die Verhandlungen — auch jene mit der Berliner Deutschen Bank — blieben resultatlos, der Wiener Antisemiteuhäuptling konnte sich davon überzeugen, wie tief unter seinem Regime der Credit der Reichshaupt- und Residenzstadt Wien auf dem internationalen Geldmärkte gesunken ist. Aber das Messer sitzt Herrn Lueger an der Kehle. Er ist aus das communale Gasunternehmen bereits mehr als 22 Millionen schuldig, von denen in der nächsten Zeit 5 Millionen bezahlt werden müssen. Solche Schulden bezahlt man nicht mit dem Beifallsgejohle antisemitischer Volksversammlungen und dem Jnbelgeschrei fanatisirter Amazonen. Die Gemeinde Wien braucht baares Geld, und so trat denn in der letzten Gemeinderathssitzung das Finanzgenie der chnstlichsocialen Partei, Herr Gemeinderath H r a b a, mit einem Anträge auf neuerliche Aufnahme einer schwebenden Schuld im Betrage voll 3 Millionen Gulden vor die Stadtvertretung. Die vorgeschlagene Art der Geldbeschaffung ist für eine Stadt von dem Range Wiens eine geradezu ungeheuerliche. Zwei Millionen sollen — man weiß nicht wo, ausgenommen werden. Der Referent sagte hierüber nichts, es verlautet aber, daß man abermals die Erste österreichische Sparcasse anpumpen will. Der Betrag von 250.000 fl. soll bei der Währinger Communal-Sparkasse ausgenommen werden. Bei der Rudolfsheimer Communal-Sparcasta will man sich Pfandbriefe der Oesterreichischnngarischen Bank im Nominale von 100.000 fl. ausborgen und dieselben bei dieser Bank mit fl. 450.000 belehnen lassen. Den Nest will man vorschußweise dem Wasser-Anlehen entnehmen. Das sind Anlehen, wie sie nur die verzweifeltste Nothlage gebären kann. Eine Weltstadt, die sich Effecten ausborgen muß, um sie zu versetzen, ruinirt mit einer solchen Operation ihren letzten Credit. Die Opposition hat der Leichtfertigkeit und Brutalität dieser Majorität viel zugetraut; aber sie selbst war von diesen Anträgen verblüfft. Herr Gemeinderath Dr. Stern, der langjährige Finanzreferent der liberalen Partei, sprach es unverhohlen aus, das sei ein Geschäft, wie es ein vor der Insolvenz-Erklärung stehender Schuldner mache. Ein solches Geschäft widerstreite dem, was man auf kaufmännischem Gebiete von der kaufmännischen Ehre fordere. Eine. Gemeinde Wien müsse wie jeder aufrechte Geschäftsmann und noch mehr auf Ehre und Wort überall Geld zu bekommen in der Lage sein. Wie tief geschädigt das Vertrauen in die Solvenz der Groß- . commune ist, bewies Gemeinderath E. M. Mayer. Er betonte, daß die Oesterreichisch-ungarische Bank auf ihre eigenen Pfandbriefe 95 Perzent gab. Die Genieinde müßte also fl. 450.000 Gulden statt 400.000 bekommen. Gemeinderath Brunner sprach rücksichtslos die volle Wahrheit aus. So handle nur ein Mensch, der im Ersaufen sei. Als Seite 1019 der Redner erklärte, es sei nicht gleichgiltig, wo und von wem man Geld ausborge, rief man ihm von den Bänken der Antisemireu zu: „Vom Juden nicht!" „Sie wären froh", entgegnele Herr Brunne r, „w e n n S i e's v o n I »den b e k ä m e it, Sie nehmen es von Jedem, woSiees kriege n." Und höhnend rief er dann Herrn Lueger zu: „Sie haben ch r i stl i ch e Bundesgenossen, die reichen K l ö st e r und Prälaten, die Jesuiten, welche Ihre Beschützer sind und enorme Capitalien, den größten R e i ch t h u m d e r W e l t, besitzen. Bon diesen Beschützern lassenSie sich d a s G e l d f ü r d a s G a s geben, sowie Sie das für die Wahlen von ihnen b e k o m m e n h a b e n!" — In ernster und nachdrücklicher Weise warnte auch Dr. Vogler vor solcher Discreditirung der Stadt Wien. Und der große Zauberer von Wien? Er verdächtigte, log und stellte geheimnißvolle Enthüllungen in 'Aussicht, er beschimpfte die Redner der Opposition, daß sie aus Bosheit den Credit der Stadt untergraben. Seine Mameluken brüllten Beifall und votirren nach diversen Scandalen für die Anträge des Referenten. Herr Lueger stellte in Aussicht, daß er „hoffentlich bald" — den Tag könne er nicht angeben — Gelegenheit haben werde, über die Begebung des ganzen Anlehens zn referiren und fügte pathetisch hinzu, daß ihm der Credit and die Ehre der Stadt Wien stets heilig waren. Aus seinen Aeußernngen entnehmen wir, daß er schon heute mit der Absicht umgeht, für seine Geldcalamitäten wieder die bösen Juden verantwortlich zu machen. Aber wenn dem so ist. wenn der Verkehr mit der Hochfinanz wirklich für ihn so schwierig ist, warum befolgt er nicht den Rath des Herrn Brunne r, warum pumpt er nicht bei seinen guten Freunden, den reichen Klöstern und den noch reicheren Jesuiten? Er hat geleugnet, daß er von diesen Geld für die Wahlen erhielt, er kann aber nicht leugnen, daß die Klöster nnb Stifte und der Jesuitenorden factisch die größten Reichthnmer der Welt besitzen. Warum sucht er ein Darlehen zu j ü d i s ch e n Zinsen, wenn er ein solches zu christlichen Zinsen haben kann? Wir werden ja sehen, wie und wann er seine Zusage einlöst und ob er wirklich nicht Jndengeld für das Gasanlehen in Anspruch nimmt. Aber Eines muß heute mit aller Klarheit und Bestimmtheit festgestelll werden: „Wenn der Credit und die Ehre der Stadt Wien lief geschädigt siird, dann ist daran ausschließlich die unerhörte Leichtfertigkeit und Gewissenlosigkeit des Bürgermeisters Dr. Lueger und seiner antisemitischen Stadträthe schuld." Vom Jahrmarkt des leben«. „Kauft nur bei Christen." Geehrter Herr Redacteur! In Gablonz wurde am 11. December der deutsche Bürger Lambert R o e ß l e r auf dem Marktplatze durch Gendarmerie v e r h astet, weil er die Deutschen aufgefordert hatte, bei Czechen nichts zu kaufen. In Wien wandert der Bürgermeister von Bersammlnug zu Versammlung, um* die wirthschaflliche Vernichtung der Juden zu predigen. In einer dieser Versammlungen constatirt ein Redner mit Befriedigung, „daß die Wiener Frauen sich den im „Deutschen Volksblatt" täglich erscheinenden Spruch: „Kauft nur bei Gesinnungsgenossen" zu Herzen nehmen und meint, daß der Kampf gegen unsere Feinde nur dann zielbewnßt und mit Erfolg durchgeführt wird, wenn er ans wirthschaftlichem Boden rücksichtslos geführt wird. Nur Christgeschenke, die von Christen bei Christen gekauft werden, können Christen erfreuen." Dieser wirthschaftliche Boycott ist für den jüdischen Gewerbsmann von den traurigsten Folgen. Es ist dies in diesen Blättern wiederholt sehr eingehend dargelegt worden, um wenigstens die Verfolgten und Bvycottirlen zur gegenseitigen Unterstützung, zur Solidarität untereinander aufzurufen. Leider ist der Erfolg hier noch ein sehr geringer. Die jüdischen Bäcker z. B. haben nach und nach ihre gestimmte arische Kundschaft verloren. Nun sollte man glauben, daß wenig-