Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 50 (10.12.1897)
- Date
- 1897-12-10
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 50 Vr Vwch's WochrnschrM Seite 1015 ein, denn in einer Verfügung vom 8. Juli 1802 befahl er der heiligen Inquisition, alle Vorschriften und überkommenen Sitten, soweit sie gegen die Juden gerichtet waren, mit äußerster Scrupulosität zu bewahren. Es wird noch hinzugesetzt: „Niemand von ihnen darf in Spanien landen oder sonst auf spanisches Gebiet kommen, und alle Behörden sollen streng jenes Edict von 1492 beobachten, sonst droht ihnen die Strafe der königlichen Ungnade." So wurde die Verbannung der Juden aus Spanien, trotz des guten Willens des Ministers Varela, in seiner ganzen Strenge aufrecht erhalten, bis im Jahre 1808 die provisorische Regierung allgemeine Religionsfreiheit proclamirte. Dieser Schritt veranlaßte eine Danksagung seitens der Aeltesten der jüdischen Gemeinde in Amsterdam im Namen der holländischen Juden, datirt vom December 1868 und abgedruckt in der »Gaceta de Madrid« am 5. Februar 1869. In diesem Schriftstücke bat man um die förmliche Zurücknahme des Edicts von 1492, aber ohne den Wunsch der Rückkehr in das alte Heimatland dnrchblicken zu lassen. In der That eröffnete die Verfassung von 1869 dem einstmals proscribirten Volke wieder die Thore Spaniens, indem sie allen Spaniern die freie öffentliche oder private Ausübung ihrer Religion gewährleistete. Wenn man auch in unseren Tagen die Zurückberufung der Inden nicht mehr, wie danrals Varela vorschlug, als eine unmittelbare Geldquelle benutzen kann, so würde sie immer noch eine Maßregel von hoher politischer Klugheit sein. Immer noch tväre es vortheilhaft, die Repatriirung des zerstreuten Volkes nach Spanien durch väterlich milde Maßregeln zn fördern. Seine ohne gleichen dastehenden praktischen Fähigkeiten zum Handel und zum Bankbetrieb, seine Tüchtigkeit in der Industrie, die Bedeutung seiner Capitalien und seiner ausgedehnten Verbindungen, sein kühner Unternehmungsgeist, verbunden mit Betriebsamkeit und Sparsinn, bilden eine sichere Gewähr dafür, daß die Rückberufung des jüdischen Volkes von eminentem Nutzen für Spanien sein würde. Man würde damit, wie spät auch immer, den verderblichen I r r t h u m seiner Vertreibung wieder gut machen, tvelchen man immer bezeichnen muß als einen Todesstoß für Spa ui e n, der die Quellen des öffentlichen Wohlstandes versiegen machte und die Juden zwang, andere Länder zu befruchten und den Wohlstand fremder Völker zu höherem Gedeihen zn bringen." So weit die sehr bemerkenswerthen Ausführungen des spanischen Blattes, welche durch die Wiedergabe jenes Docnments besonderen Werth erhalten. _ Miörah! Novelle aus dem jüdischen Familienleben. Aus dem Dänischen von Erna Juel-Hansen. (Schluß.) „Es ist häßlich genug anzusehen", bemerkte sie, das nackte, kleine Wesen, nachdem sie es gewaschen hatte, in die Höhe haltend. Es war ein Mädchen. Ein unförmiger Wasserkopf — nahezu ohne Gesichtszüge, mit dickem Bauch und welken Gliedern. Der Arzt wendete sich vom Bette ab und kam hin, um sich das Kind anzusehen. „Arme Frau", sagte er weich, „es ist ein schweres Stück Arbeit gewesen und wenig genug ist ihr dafür geworden, diesmal ist es schlimmer als mit dem ersten Kind, dem Knaben, erinnern Sie sich wohl. Aber, fügte er streng und mit einem unmuthigen Blick hinzu; „es ist ihre eigene Schuld, zwei so verfl.Esser, wie die Eltern sind, müssen ja Idioten in die Welt setzen-Ein jammerndes Stöhnen vom Bette her unterbrach ihn. Hastig deckte er das Kind mit dem Tuch zu, allein es war zu spät. Hindel war aus der Ohnmacht erwacht. Sie hatte das elende Geschöpfchen gesehen, das sie zur Welt gebracht hatte und das Entsetzen darüber hatte sie zu vollem Bewußtsein erweckt. Das Wort des Arztes tönte wie ein Strafurtheil in ihre Ohren. Ein Fluch lag auf ihnen — erst Jacob und jetzt dieses. Sie schloß die Augen, um nicht zu sehen und sah es doch, das erbarmungswürdige Geschöpf, das ihr das Leben verdankte. Ja, der Herr strafte ihre Sünden an ihren Nachkommen, das waren die unreinen Speisen, all die wohlschmeckenden Gerichte-Fluch, Fluch! Wie Feuersgluth brannte es in ihren Adern, wie Gift versengte es ihre Eingeweide. Das Milchfieber brach aus. In ihren Fieberphantasien las sie, wohin sie auch schauen mochte, in Flammenschrift die Worte des Fluches. Sie drängten sich in schmerzlichen Selbstanklagen über ihre Lippen. Einzelne Schriftsteller! aus längst vergessenen, auswendig gelernten, hebräischen Gebeten kamen nun in stundenlanger Wiederholung wieder von ihren Lippen: MeSrath adonai bebet rascha* *) — arrur attah**) — jöbad jom ivaled bö***) — — — Meerah, Meerah-f). Wochenlang hallte das Hans voll ihren Schreien wieder. Und wenn sie in wenigen lichten Augenblicken verstummte, flackerten ihre großen Augen wie in verzweifelter Frage, welche sie nicht laut werden lassen durste, umher. Die Dienstboten verbargen sich in den entlegensten Theilen des Hauses. Sie glaubten sie von bösen Geistern besessen. Selbst die Krankenwärterin saß, vor Angst zitternd und bebend, zn Hänpten ihres Bettes, ein hebräisches Gebetbuch im Schoß, aus welchem sie flüsternd Gebete für die Kranke ablas. Ihr einförmiges Murmeln verschmolz zu einem mystischen Wirrwarr von gurgelnden, zwischen den Lauten mit den wilden, stoßweisen Rufen und unzusammenhängenden Reden der Kranken und erfüllte das Haus mit geheimnißvollcm Grauen. Hin und wieder steckte Samuel sein blasses Antlitz zur Thür des Schlafcabinets hinein, um jedoch entsetzt wieder fortzueilen, sobald Hindel ihm mit wilden Geberden 'ihre Verwünschungen entgegenzuschleudern schien. Durchdringend klang ihr Geschrei in seine Ohren und wollte sich nicht betäuben lassen. Vergebens suchte Nathan ihn zu trösten. Die leckersten Gerichte vermochten nicht mehr ihn in Versuchung zu führen. Sie schienen ihm mit bittern Kräutern zubereitet zu sein. Der Arzt hatte gesagt, das Essen sei daran schuld — mit dürren, harten Worten hatte er es ausgesprochen — dies gute vorzügliche Essen. Ohne Rast und Ruh schlich er einher, voller Angst und doch, wie von einer geheimnißvollen Macht angezogen, an der Thür lauschend. Es war als klinge durch ihre Angstruse die zornige Stimme Gottes ihm entgegen. Mitten in Hindel's Krankheit starb das Neugeborene und die jammernde Klage der Mutter: Meerah, Meerah, begleitete die Leiche zum Hause hinaus. Samuel fühlte sich erleichtert. Obschon er es nicht anssprach, glaubte er mit den anderen Leuten, daß der Fluch mit dem „Wechselbalg" von ihnen gewichen sei. Es ließ sich so an, das Fieber nahm ab. Die Schmerzen ließen nach. Sie schrie und sprach nicht mehr in wilden Phantasien, sondern lag still, nur von Zeit zu Zeit mit dem Ausdruck tiefster Zerknirschung das Wort der heiligen Schrift: Oschamti — oschamti*) vor sich hin fliisternd. So genas sie. Ein seltsam verblaßter Schatten ihres früheren Jchs, mit fahlen Wangen, weißen, hie und da graustreifigen Locken und so abgemagert, daß keines ihrer früheren Kleider ihr paßte. Ungeduldig ersehnte sie ihre Wiederherstellung; sie wollte sühnen, Buße thun. Sie fühlte sich ausgestoßen, verbannt und scheute die Gesellschaft aller Menschen, betete viel und las fortwährend in den heiligen Büchern. Sie vermieden, von der Schuld zn reden, deren sie Beide sich bewußt waren und wie Gewitterahnung lag das Unausgesprochene zwischen ihnen. Im Hause ging Alles nach Hindel's Willen. Es war Etwas über sie gekommen, das Samuel seiner Macht beraubte, ihn von ihr fernhielt. Er fürchtete sich und suchte Schutz in ihrer Frömmigkeit. Von Neuem führten sie einen koscheren Haushalt. Jedes Stück des Hausgeräthes wurde gesäubert oder wo sich dies nicht I thun ließ, durch neues ersetzt. Vom ersten Male an, als Hindel mit bei Tisch sitzet! konnte, wurde der Sabbath in aller Strenge heilig gehalten. Samuel ging in die Synagoge und betheiligte sich mit großem Eifer am Gottesdienst. Nathan, Idem Alles dies nicht sehr behagte, wollte schnell davon ablassen und zündete eines Sabbathabends nach Tisch die Cigarre an, mußte dieselbe aber bald wieder beschämt fortwerfe». Hindel » blickte ihn mit Augen an, die Uebles zu weissagen schienen. Er fühlte sich.unbehaglich bei ihnen, blieb Mittags ans, so oft er konnte, besonders des Sabbaths und schalt Samuel einen Chammer**). Zum Neujahrsfest durfte Hindel ansgehen und am ersten Feiertag***) Samuel in die Synagoge begleiten. *) Ter Fluch des Herrn ruht auf beut Hause des Bösen. **) Verflucht seiest Du. ***) Ausgelöscht sei der Tag, da ich geboren bin. ch) Fluch, Fluch. *) Ich habe gesündigt. **) Esel. ***) Eine Art Bußtag der jüdischen Religionsgeuossenschaft.