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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-12-10 · 50 (10.12.1897) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
50 (10.12.1897)
Date
1897-12-10
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 50 Vr^ Vloch's WochrnfchrM Sette 1011 weniger orthodoxen Rabbiner bereits nach drei Tagen bekomme, während man nach einem orthodoxen vielleicht Ntonate lang suchen könne. In diesem Augenblicke ständen wir vis-ä-vis de rien. Falls sich die Repräsentanten nicht bald znr Wahl entschlössen, werde der Borstand selbst eine Ausschreibung veranstalten, um seiner Pflicht zu genügen. Der Vorstand werde dadurch auf einen Weg gedrängt, den er nicht gehen wolle. Die vom Ausschuß erhobenen Gründe seien nicht überzeugend, die Wahl eines zweiten Rabbiners könne jeden Augenblick beschlossen werden, es müsse ferner endlich einmal angefangen werden. Auch Herr Leonhard Sachs ist der Ansicht, daß man der Commission die Aufgabe recht sehr erschwere, wenn man sie beauftrage, nunmehr zwei Rabbiner zu wählen. Herr Geheimrath Blumenthal äußert sein Befremden darüber, daß der Vorstand mit einem Staatsstreich drohe. Man habe im Ausschuß überhaupt nicht davon gesprochen, daß n u r ein orthodoxer Rabbiner gewählt werden solle, nur wollte man zunächst für die Kaiserstraße- und Heidereuter-Synagoge einen orthodoxen haben. Späterhin könne ja ein liberaler gewählt werden. Auch die frühere Commission hätte keinen Rabbiner gefunden, obwohl 32 liberale Namen auf der Liste gestanden hätten. Das Material der Rabbiner sei nicht gut. (!) Es gäbe nicht so leicht einen Mann, der so hervorragend wäre, an die Spitze einer solchen Gemeinde gestellt zu werden, welche vielleicht die erste der ganzen Welt genannt werden könne. Es bestünde zudem etu großer Unterschied zwischen Rabbiner und Prediger, und der Antrag des Vorstandes zeige deshalb, daß der Letztere sich selbst nicht klar sei, was er wolle. Daß die Commission nur aus orthodoxen Mitgliedern bestände, sei nur die Schuld der liberalen. Mitglieder, welche kein Mandat zu dieser Commission annehmen wollten. Herr Justizrath M eher erwidert, daß man nur der Commission mehr Spielraum habe lassen wollen, wenn man ihr den Auftrag gebe, zwei Rabbiner beziehungsweise Prediger vorzuschlagen. Er halte die alte Commission für vollständig qnalificirt, dieses Amt zu übernehmen. Herr Justizrath T i k t i n ist zunächst der Ueberzeugung, daß die Wahl eines zweiten Rabbiners nothwendig erfolgen müsse. Er sei der Meinung, daß die Commission berufen sei, einen Rabbiner für die Gemeinde Berlin zu wählen, die Gesinnung des Rabbiners dürfe nicht daran hindern, ihn für Berlin zu wählen. Daß die Commission dieser Aufgabe nicht gerecht werden konnte, sei recht zu bedauern, Gründe dafür habe er nicht gehört. Die neue Commission müsse im Stillen gearbeitet haben, er habe nur gehört, daß ein Rabbiner, der von ihr gewählt worden sei, abgelehnt habe. Er würde nichts dagegen haben, der jetzigen Commission auch die Wahl des zweiten Rabbiners zu überlassen, sie müsse allerdings schneller arbeiten als bisher. Es komme ihm nicht darauf an, daß gewisse Personen in der Commission seien, sondern nur. daß sie überhaupt etwas thue. Die Mitglieder der früheren Commission hätten nicht ihr Mandat niedergelegt. Nachdem ihr jedoch von der Versammlung das Mandat entzogen war, hätten die Mitglieder nicht nur ihr Amt niederlegen, sondern auch auf eine Wiederwahl in die Commission verzichten müssen. Der Referent hält dem entgegen, daß man selbstverständlich einen Rabbiner wühlen müsse, der allen Mitgliedern der Gemeinde genehm sei. Der überwiegende Theil der Gemeinde sei jedoch conservativer Gesinnung (!!) und deshalb müsse ein orthodoxer Rabbiner gewählt werden. Die Commission sei doch nicht ganz faul gewesen, und es lägen noch mehrere Vorschläge vor. Der Antrag des Vorstandes solle abgelehnt werden, die alte Commission solle bestehen bleiben und Herr Professor L e w i n, der sein Amt niedergelegt habe, wieder in dieselbe hineindeputirt werden. Nachdem noch Herr Professor L e w i n gerügt hat, daß eine Vorlage für die Wahl eines zweiten Rabbiners fehle und daß man deshalb nicht das Recht habe, dieses sub rosa in den Antrag hineinzubringen, gelangt endlich ein Antrag Landsberger zur Annahme, die bestehende Commission mit dem vom Vorstand gegebenen Auftrag zu betrauen. Paris. Der Chefredakteur H. P r a g u e der „Archives Jsraelites" stellt in einem längeren Artikel „Bilbul" überschrieben, Vergleiche an über die Behandlung der Juden im Mittelalter und jene im Ablauf des erleuchteten 19. Jahrhunderts. Im Mittelalter, als man die Juden der Brunnenvergiftung beschuldigte, schenkte man dieser Verleumdung allgemein Glauben und die Judenfeinde hatten leichte Arbeit, über die Juden herzu fallen. Niemand wagte es, dieser niederträchtigen Beschuldigung entgegenzutreten. Und heute? Trotz der großen Fortschritte der Wissenschaft hat dieser Haß gegen die Juden nicht abgenommen. Er hat nur eine andere Form angenommen. Niemand glaubt mehr an das Märchen der Brunnenvergiftung, die „Bastille" ist gefallen, es gibt keine »lettres de cachet« mehr; aber man beschuldigt jetzt die Juden des „Berrathes am Vaterland", trotzdem sie an vielen Schlachten für dasselbe tapfer gekämpft und ihr Blut vergossen haben. Die antisemitischen Blätter fallen mit einer zügellosen Wuth über die Juden und das Jndenthum her, die wahrlich einer besseren Sache würdig wäre; sie verhetzen das Volk^und machen in der unwürdigsten und ungerechtfertigtsten Weise Stimmung gegen die Juden. Und die unabhängige» Blätter? Sie schweigen, und dieses Schweigen ist sehr beredt, es trägt dazu bei, die Bolksstimme noch weiter zu vergiften. Es gehört schon mehr als gewöhnlicher Muth dazu, daß der Bice- Präsident des Senats, Herr Scheurer-Kestner, das Mitglied des Instituts, Herr Monod. die Herren Bernard Lazare, der Commandant Forzinetti sich öffentlich gegen diese feindliche Stimmung wenden. Das „Bilbul", welches in vergangenen Zeiten Israel soviel Nebel gebracht hat, ist, wie man glaubte, nicht verschwunden, es hat nur die Maske geändert. Das sind Thatsachen — traurig, aber wahr. Und doch wird die Wahrheit siegen und die Verleumdung untergeben! Algier. Der Appellhof von Algier hat am 22. November den Bankerott des antisemitischen Führers Mr. Paul Bidaine, gegenwärtig in Oran als Herausgeber des „Petit Afrikain" thätig, ausgesprochen. Diese Erklärung, die an sich ja gewiß nichts bedeutet und Sie in Deutschland, die den Bankerott so vieler antisemitischer Führer gesehen haben, am wenigsten überraschen wird, gewinnt aber an Interesse, sogar für die Allgemeinheit durch die Person des von ihr Betroffenen. Paul Bidaine, der Verfechter der französischen Nationalität, ist nämlich gar kein Franzose, sondern in Brüssel geboren, also Belgier. Mit 21 Jahren wurde er Soldat der belgischen Armee, kam nach Arlon in Garnison, desertirte aber bald und kam nach Frankreich. Aller Mittel entblößt, trat er in die Fremdenlegion ein, den Zufluchtsort für so viele ausländische Verbrecher, und rückte hier allmälig bis zum Range eines Sergeant-Majors vor, wurde aber, da er eine gute Handschrift und einige Kenntnisse hatte, im Bureau beschäftigt. Im Jahre 1891 trat er aus der Fremdenlegion aus und kam nach Oran, wo damals der Antisemitismus noch unbekannt war. Hier meldete er sich für einen Schreiberposten bei dem israelitischen Consistorium und dessen Präsident Kanowi beschäftigte ihn, ohne nach seiner politischen Anschauung zu fragen. In dieser Zeit schrieb er auch einige liberale Artikel im „Echo d'Oran" und sein Hauptthema war der Patriotismus, von dem zu sprechen er als vaterlandsloser Deserteur besonders competent war. In feiner Stellung konnte er viele Beziehungen zu bedeutenden Geschäftsleuten anknüpfen und etablirte bald eine Cigarrenfabrik. Das Geschäft ging nicht besonders, er heiratete deshalb eine reiche Spanierin und bei seiner Hochzeit waren es noch meist Juden, die ihm Gratulationen und Geschenke sandten. Indessen das Geld war auch bald alle und Bidaine mußte in Liquidation treten. Jetzt entdeckte er sein antisemitisches Herz; er trat in die Redaction des „Petit Afrikain" ein, verdrängte den früheren Herausgeber, übernahm diese Stellung selbst und 1895 siegte zum ersten Male die antisemitische Liste in Oran bei den Wahlen. Aber inzwischen war die Liquidation beendigt, Bidaine bot seinen Gläubigern die Abfindung von 17 Percent, mußte aber den Schmerz erleben, daß diese, meistens Juden, ablehnten und seine Bankerotterklärung vom Gericht forderten. In der ersten Instanz in Oran erzielte er die Ablehnung dieses Gesuches, allein die bösen Gläubiger gaben nicht nach, sie appellirten an den Gerichtshof in Algier und Alles, was Bidailie Dank des Protectorates des früheren Gouverneurs Cambon erreichen konnte, war, daß die Sache in Schwebe blieb. Allein Cambon mußte gehen und Depine kam an seine Stelle und erklärte schon nach wenigen Wochen den Antisemiten als bankerott, wodurch Bidaine acttves und passives Wahlrecht entzogen wurde. Alle Anstrengungen, dies zu verhindern, sind umsonst gewesen, selbst eine Geldsammlung bei den Antisemiten, die statt der nöthigen 40.000 Francs nur 6000 Francs ergab. Bidaine hatte bisher schon zwei Duelle mit Juden und jedes Mal wurde er verwundet. Jetzt nimmt er in einem wüthenden Artikel Abschied von seinen Lesern, denen er sein Mißgeschick mittheilt und sie darauf aufmerksam macht, daß er als Bankbrüchiger seine bürgerlichen Ehrenrechte verloren habe und des-

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