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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-12-10 · 50 (10.12.1897) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
50 (10.12.1897)
Date
1897-12-10
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 1010 Nr. 50 Vr. Vloch's Wochrnlchrift Wie sich das der alte Herr vorstellt? Etwa so, wie wenn er Jemand den Rücken tätschelt imb sagt: „Geh' nnr rnhig nach Hause." Er ist und bleibt halt ein sonderbarer Schwärmer, unser Herr Bürgermeister! Und die Gendarmerie? Die wurde wohl tagsvorher auf 8 Mann verstärkt und war in ihrer Kaserne consignirt, kam aber unbegreiflicherweise erst, nachdem sich all' dies abgespielt hat, in Verwendung trotzdem sie in voller Rüstung auf den Ruf wartete. Die Stimmung war eine ruhigere geworden, allein mit Rücksicht auf cursirende Gerüchte, die eine Wiederholung weiterer Gesetzlosigkeiten in Aussicht stellten, forderte der k. k. Bezirkshauptmann telegraphisch Verstärkung von Prag, in Folge dessen kamen mit dem Nachteilzuge 30 Gendarmen von Prag hier au. Auffallend muß es uns allerdings erscheinen, daß die competenten Organe einer solchen Bewegung, welche sich eine Woche früher mit allen ihren Folgen angekündigt, ja von welcher wir Me wußten, daß das Endziel derselben Ausschreitungen sein werden und von deren Konnnen wir so überzeugt waren, so daß wir, ausgleichslustig wie wir schon sind, uns mit 50 Pröcent ausgeglichen haben, indem wir nämlich die inwendigen Fenster, trotz Winterszeit angelweit offen ließen, so wenig Beachtung schenkten. Den ausgestandenen Schrecken, den kleinen materiellen Schaden, Beides werden wir bald vergessen haben, aber e i n Schaden ist irreparable, und dies ist das frevelhafte Spiel mit der Jugend. Neben einigen jungen Söhnen hiesiger Bürger waren es L e h r e r an den Bürgerschulen, welche die Jugend zum Fenstereinwerfen aneiferten. Jugendbildner sind es, welche der Jugend zeigten, daß man ungestraft das Gesetz verletzen kann; gewiß ein trostreicher Ausblick in die Zukunft — doch, was die Jugend sehen sollte, das sahen auch andere Elemente, aber ob die — wenn sie einmal an die Arbeit kommen — dem Commandoruf »zde!« »zde ne!» Folge leisten werden, das ist eine Frage, die ich den maßgebenden Kreisen zur Beantwortung überlasse. Geradezu musterhaft, wie es auch anders nicht zu erwarten war, haben sich die socialdemokratischen Arbeiter benommen, nicht nur, daß auch nicht ein Einziger an den Vorgängen betheiligt war, sind sie dem Versucher, der in verschiedener Gestalt an sie herankam, energisch entgegengetreten. Heinrich P o la csek. Teplitz. Geehrter Herr Redacteur! Der Raub und die Plünderung jüdischer Häuser und Geschäfte durch den czechischen Mob in Prag erinnern lebhaft an die Judenverfolgungen in Rußland im Jahre 1881. In Prag, wo „die Ueberproduction der czechischen Intelligenz" wohnt und die Häupter des slavischen Culturvolkes ihren Sitz haben, sind die Vorgänge nicht anders als sie damals in Kiew, Elisabethgrad, Kursk und Balta waren, wo die von Verführern geführten Rotten die jüdischen Häuser überfielen, die Waaren raubten, die Einrichtungen vernichteten, die Wohnungen anzündeten und Existenzen redlichen Erwerbes total zerrütteten. Hier wie dort kamen Polizei nnb Militär immer erst, als das Zerstörungswerk gethan war. Damals ging ein Schrei der Entrüstung durch Europa. Man wetteiferte, den unschuldigen Opfern asiatischer Barbarei zu helfen. Wien, Berlin, Hamburg, Leipzig, Pest, Prag betheiligten sich am Rettungswerke. Ceutral-Comites entstanden in Wien, Berlin, Paris und London. Baron Hirsch übergab der „Alliance Jsraelite Universelle" eine Million Francs für die verfolgten russischen Juden und entsandte Herrn Veneziani und Herrn See mit einer halben Million nach Brody. Pest sammelte 50.000, Prag 38.000, Baron Leitenberger 85.000 und.die Israelitische Allianz 153.000, beim Comitö in Brody gingen 37.000 Gulden ein. So konnten die vernichteten Existenzen aufgerichtet und einem Theil der Geflüchteten eine neue Heimat geöffnet werden. Nach einer Reihe von Jahren, während welcher leider die Menschheit nicht reifte, angesichts der Morgenröthe des zwanzigsten Jahrhunderts, von der man hoffte, daß sie die Welt mit Menschenliebe und Aufklärungen beschenken werde, haben sich nun die russischen Gräuelscenen inder böhmischen Metropole und in anderen Orten wiederholt — da muß die jüdische Barmherzigkeit und Bruderliebe sich manifestiren, da muß sich jede Hand öffnen, da muß Jeder eine Gabe bringen und zur Linderung des Unglücks beitragen, das nationaler und religiöser Fanatismus gegen Menschen angerichtet, die weder Badeni gestürzt, noch die Sprachenverordnungen bedroht haben, die weder das Schicksal der Czechen noch der Deutschen in ihrer Hand halten. Mögen sich in den größeren Städten Männer finden, die rasch ans Werk der Menschenliebe gehen und eine ausgiebige Hilfe für die Prager Opfer organisiren, um sie dem unverschuldeten Elend zu entreißen. Teplitz, den 8. December 1897. Leo Herzberg-Fränkel. Berlin, 1. December. (Centralisation der Armenpflege in Berlin.) Einen überaus anregenden, erfolgverheißenden Verlauf nahm, die sehr zahlreich besuchte Versammlung, zu welcher der Ausschuß des „Verbandes für jüdische Wohlthätigkeitspflege" die Vorsteher von Vereinen und bewährte Philantropen für gestern Abend in den Sitzungssaal des Repräsentanten-Collegiums der jüdischen Gemeinde eingeladen hatte. Der Vorsitzende, Herr Martin S i m o n, begrüßte die Erschienenen in herzlicher Ansprache und ertheilte sodann Herrn Rechtsanwalt B. Breslauer das Wort, welcher in lichtvollen, von gründlicher Sachkenntniß und warmherziger Bruderliebe zeugenden Ausführungen „die nächsten Zwecke des Verbandes" darlegte. Ausgehend davon, daß die in Deutschland erst relativ spät durchgeführte Centralisirung der Wohlthätigkeit, welche nicht nur geben, sondern vor Allem helfen, zu selbstthätigem Erwerb erziehen müsse, heute als unbestrittene Nothwendigkeit anerkannt sei, hob Redner hervor, daß der „Verband für jüdische Wohlthätigkeitspflege" zunächst bezwecke, den Vereinen und Privaten die „Centralstelle der Wohlthätigkeitsanstalten der jüdischen Gemeinde" als Informationsquelle dienstbar zu machen, wovon bisher nur wenig Gebrauch gemacht werde, da z. B. im letzten Jahre nur 13.200 Anfragen eingegangen seien, während die Zahl zehnmal höher sein könnte. Sodann wolle der „Verband" eine Consolidirung der jüdischen Wohlthätigkeit durch Zusammenschluß aller Vereine herbeiführen, denn erst 49 von 71 jüdischen Vereinen Berlins seien bisher beigetreten. Zur Klärung der Ansichten sollen die Versammlungen beitragen; es sei z. B. zu prüfen, wie recherchirt, w i e gesammelt werden muß. Zu solchen technischen Fragen kommt eine Reihe fernerer, z. B. ob nicht einzelne Institute auf Kosten anderer und über das Bedürfnis hinaus bedacht werden, ob ein Austausch der Gesuche unter den Vereinen möglich und in gewissen Fällen geboten erscheine, endlich ob es möglich sei, feste Grundsätze für die Aufgaben der einzelnen Vereine festzustellen. Redner schloß mit dem Appell, diese Fragen zu prüfen und dabei stets zu bedenken, daß, wie gesagt, nicht nur gegeben, sondern g ehülfen werden muß. Lebhafter Beifall folgte dem vortrefflichen Vortrag, dessen Eindruck die sich anschließende Discussion wiederspiegelte. An derselben betheiligten sich die Herren Eugen R o s e n st i e l, Vorsitzender des „Vereins für Arbeits-Nachweis", Dr. Heinrich Meyer Cohn, welcher aus seiner reichen Erfahrung eine Fülle beherzigenswerter Anregungen gab, Rabbiner Dr. M a y b a u m, Rechtsanwalt Kraft, E. P i n c u s, Dr. Lew y, Hamann A b r a h a m und I. Weinberg. Mit Recht konnte der Vorsitzende in seinem Schlußworte der Genugthuung über den wohlthuenden Verlauf der nahezu dreistündigen Versammlung Ausdruck geben, welche zugleich bewiesen hat, daß der „Verband für jüdische Wohlthätigkeitspflege" einem wahrhaften Bedürfnisse entspricht und reichen Segen für die Zukunft verheißt. Berlin, am 28. November. Die heutige Sitzung der R ep r ä s e n t a n t e n - V e r s a m m l u n g, welche über drei Stunden in Anspruch nahm, gestaltete sich einmal wieder zu einer interessanten, da auf der Tagesordnung die Frage der Rabbinerwahl angesetzt war. Nachdem Herr Rabbiner Dr. R o s e n t h a l, Breslau, die auf ihn gefallene Wahl abgelehnt hat, erachtet der Gemeinde- Vorstand das Mandat der früher eingesetzten Commission zur Wahl eines Rabbiners für erloschen und wünscht die Bildung einer neuen, welche zwei Rabbiner, einen für die Heidereuter- und Kaiserstraße-Synagoge und einen ferneren für die Synagoge in der Lützowstraße, zu wählen und über die Neuordnung des officiellen Thätigkeitsumfangs der Prediger und der Cantoren zu berathen hat. Herr Justizrath Meyer bittet, die Wahl recht schnell zu treffen, damit die neu berufenen Prediger ihre jetzigen Stellungen rechtzeitig kündigen und bereits zu Rosch Haschonah ihr hiesiges Amt antreten können. Herr Justizrath Meyer bedauert, daß diese Sache wieder "zu einer Parteisache gemacht werde, die sie gar nicht sein soll. Es habe niemals ein Zweifel darüber bestanden, daß nach Errichtung der neuen Synagoge noch ein zweiter Rabbiner gewählt werden müsse. Es könne sehr lvohl sein, daß man einen

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