Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 50 (10.12.1897)
- Date
- 1897-12-10
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Jlr. 50 Vr. Bioch » MochmrschrM Seite 1009 jüdische Gemeinde beneidet. Vom Jahre 1862—1879 war er Director dieser Mittelschule. Ein warmgefühltes Anerkennungsschreiben des Cultusministeriums legt Zeugniß ab, für die selbstlose, segensreiche Thättgkeit des Verblichenen. Seine Liebe zu dem Institute und sein unermüdlicher Thatendrang bewogen ihn, sein Wissen und Können bis in sein 80. Lebensjahr dieser Anstalt als Religionslehrer zu widmen. Ebenso gewissenhaft und segensreich erfüllte er seine Aufgabe als Seelsorger. Er huldigte dem im Geleise der religiösen Vorschriften sich bewegenden Fortschritte. Er verstand es, die reformsüchtige Jugend zu zügeln und den conservativen Sinn der Alten zum Fortschritte anzueifern. Dadurch gelang es ihm, die Eintracht und den Frieden in unserer Gemeinde zu erhalten. Wie hoch tu Ehren der Verblichene in allen Schichten der Bevölkerung stand, zeigte seine Leichenfeier, bei welcher alle Cvnfessionen und zahlreiche israelitische Gemeinden verschiedenster Observanz, Wien durch Herrn Cultusvorsteher Dr. M. Spitzer, vertreten waren. 12 Redner verliehen der allgemeinen Trauer Ausdruck, unter denen Dr. Sonnenseld, Vorsteher, und Dr. Mandl, Prediger unserer Gemeinde, in ungarischer Sprache die hohen Verdienste des edlen Verstorbenen würdigten. Bisher haben mehr als 100 Gemeinden Condolenzen gesendet. Prag, 5. December. Die am 2. d. M. erfolgte Publication des S t a n d r e ch t e s hat den grauenvollen Scenen, deren Schauplatz Prag gewesen, ein Ende gemacht. Die große Militärmacht, die in Prag concentrirt wurde, imponirt den Räuberbanden. Es sind sehr viele Objecte beschädigt und zerstört worden, von denen sehr viele Eigenthum Deutscher christlicher Confession sind, doch wurden hievon zumeist reiche Leute betroffen. Baron Aerenthal, Fabrikant, Richter, Kluge L Co., I. A. Riedl, Deutsches Theater, deutsche Schulen, Gymnasien, Institute, Präparatesammlung der medicinischen Facultät der deutschen Universität, deutsches Casino, deutsche Redactionen, deutsche Vereine, Kanzleilocale u. s. w. Die entsetzlichsten Verwüstungen aber wurden in Läden jüdischer Inhaber weniger bemittelter Kaufleute vorgenommen, so daß eine große Zahl von Handelsleuten, die sich bisher anständig ernährt hatten, plötzlich zu Bettlern gemacht wurden. In jüdischen Läden wurden alle Maaren herausgeriffen, verbrannt, die Möbel vernichtet, zuweilen wurden mit infernalischer Bosheit die verzweifelnden Besitzer gezwungen, Zeugen des Zerstörungswerkes zu sein, das sie zu Bettlern machte. In den Weinbergen wurde einem ausgeplünderten Kaufmanne die Pistole auf die Brust gesetzt und er mit dem Tode bedroht, wenn er nicht auch alles Baargeld ausliefere. Am empörendsten aber war es, daß in dem Vororte Königliche Weinberge auch jene jüdischen Kaufleute geplündert wurden, die zu der czechischen Partei hielten und durch ihre Stimmenabgabe dem czechischen Candidaten zum Siege verhalfen. Als das Grauenvollste, was sich in diesen furchtbaren Tagen zugetragen, mag Folgendes angeführt werden. In den Weinbergen besteht ein Waisenhaus für jüdische Mädchen vom Lande. In diesem wurden am 2. d. M., kurz bevor das Standrecht publicirt wurde, alle Fensterscheiben eingeschlagen. Die zwei Männer, welche diese Rotte anführten, riefen der erschrockenen Pflegemutter der Anstalt böhmisch zu: „Wenn nicht jetzt das Standrecht publicirt worden wäre, wären wir Abends wiedergekommen und hätten alle Kinder todtgeschlagen!" Auch in dem Dr. Bloch'schen Sanatorium wurden mit infernalischer Rücksichtslosigkeit die Scheiben eingeschlagen und fielen schwere Steine ins Zimmer, in dem zwei mit dem Tode Ringende lagen. Die israelitische Cultusgemeinde als solche hat fast gar keinen Schaden erlitten. In höchst anerkennender Weise hatte die Sicherheitsbehörde bei der ersten Ansammlung in der Judenstadt eine starke Militärabtheilung dorthin gesandt, bei deren Ankunft die Rotte die Flucht ergriff. Das jüdische Rathhaus und sämmtliche großen und kleinen Synagogen (mit Ausnahme des Tempels und der Neusynagoge, in denen einige Scheiben eingeschlagen wurden) blieben ganz unversehrt. In einem Gemeinde- und Stiftungshause, in welchem sich das rituelle Bad, die Stiftungssynagoge und Wohnungen befinden, wurden ebenerdig einige Fenster eingeschlagen. In der Vorstadt Carolinenthal und imDorfeLieben — in dem letzteren bilden die socialdemokratischen Arbeiter die Mehrzahl —ist zu großer Ehre der beiden Orte nicht die allergeringste Unordnung vorgefallen. Die ganze Stadt hat, abgesehen von den Geplünderten, durch diese empörenden Excesse einen ungeheuren Schaden erlitten. Auf dem Ringlatze, wo anläßlich des herannahenden Nikolofestes zahlreiche Buden mit Spielwaaren aufgestellt wurden, wurde Heuer, während sonst viele Tausende für Spielwaaren gelöst wurden — buchstäblich nicht für einen Gulden verkauft. Der Handelsverkehr stockt gänzlich. Der Fremdenverkehr hat ganz aufgehört. Es wird sehr lange Zeit und sehr großer Anstrengungen bedürfen, bis die Wunden, welche der von gewiffenlosen Aufhetzern fanatisirte Pöbel dem Wohlstände utth dem Rufe Prags geschlagen, heilen werden. Wer die Schreckniffe dieser Tage miterlebt, wird fie zeitlebens nicht vergessen. Kolin. 500 Fensterscheiben, ein Dutzend großer Spiegelscheiben, einige Holzläden rc. in Trümmer geschlagen — fürwahr Arbeit genug fiir Sonntagsheiligung. — Eine gewichtige Manifestation nennt es die Bürgerschaft, was wir gestern in Kolin zu sehen und zu fühlen bekamen. Ja, es war eine gewichtige Manifestation, denn die Steine, die durchs Fenster in die Wohnräume geworfen wurden, hatten mitunter auch das Gewicht von 2 Kilogramm. Doch laffen Sie mich vorerst Ihnen darüber kurz und wahrheitsgetreu berichten, kurz deshalb, weil ich unter dem Eindrücke des Erlebten noch nicht fähig bin, viel zu schreiben. Behufs Erörterung der politischen Lage berief der hiesige Oböor-Club eine Versammlung für Sonntag Vormittag in den hiesigen Sokolsaal ein, in welcher die Abgeordneten Dr. Baxa, Kryf, Forst u. A. zu Worte kommen sollten. In der Versammlung selbst ging's ziemlich ruhig zu und konnte dieselbe programmmäßig zu Ende geführt werden; allein es war kurz nach Mittag, da formirten sich die Massen, welche mittlerweile durch die auf der Straße wartenden halbwüchsigen Burschen im Alter von 13—20 Jahren zu einer nach vielen Hunderten zählenden Menschenmenge angewachsen waren, vor dem Sokolsaal und zogen, nationale Lieder singend, durch die Straßen der Stadt. Schon dachten wir, daß Alles ruhig verlaufen wird und daß die Sorge und Angst, in der wir schon einige Tage leben, zu der uns allerdings so mannigfache Gerüchte Anlaß gaben, unbegründet waren, da plötzlich wird auf Commando in die Judengasse eingeschwenkt, ein Signal, und das Klirren der Fensterscheiben wird vom Gejohle und dem Rufe: msrte je (haut sie) übertönt. In der unteren Judengasse wurde kein mit den diversen Wurfgeschoßen erreichbares Fenster verschont, am meisten mitgenommen wurden die Häuser der Herren Pachuer, Ignaz Mandelik, Pick, Fischer, Ed. Bergmann, Wlaschin und die Gemeindehäuser, Locale des Rabbiners, Schule und Rathsstube, das Haus des Dr. Podvinec und das meiner Wenigkeit. Bon hier wälzten sich die Massen durch die Schloßgasse, wo sie nur im Vorbeiziehen 15 Scheiben im Kobler'schen Hause einschlugen, auf den Ringplatz, nahmen vor dem Hotel zum blauen Stern Aufstellung, wieder ein Signal, und in wenigen Minuten lagen sämmtliche Spiegelscheiben in Trümmer, und wiederum, nur im Borbeiziehen, wurden die Fenster im Hause des Herrn Jac. Weißberger zertrümmert. Dies alles in der Mittagsstunde unter den Augen Derjenigen, welche sich für die Ruhe und Ordnung verbürgt haben, doch keineswegs, und dies sei zur Steuer der Wahrheit gesagt, unter den Augen der Polizei, denn die war Nichtzusehen, es scheint, als wäre sie überzeugt von dem ungewöhnlichen Gewicht der gegebenen Garantie von Seite unserer Stadtväter, die in irgend emer rückwärtigen Schwemme eines Wirthshauses versammelt gewesen waren. In der unteren Judengaffe waren die Trottoirs dicht mit Glasscherben besäet, angsterfüllt traten hie und da die beherzteren Bewohner dieser Gasse aus den Häusern und betrachteten die angestellte Verwüstung, da erscheint auch, wie nach einem schweren Gewitter, der verheißende Regenbogen, der Convent, bestehend aus den Abgeordneten Baxa, Forst, Kryf. unter Führung des hiesigen Stabes, den früheren Abgeordneten Dr. Sil, Seifensieder Sojka und einem gewissen Skraba, besichtigten die gethane Arbeit, waren aber, ihren Aeußerungen nach zu schließen, nicht voll befriedigt. Die Unersättlichen! Was touchirt das fie, wenn heute schon einige junge Leute von den Gerichten zur Verantwortung gezogen werden? Ein bischen Komik ist bei der ganzen Affaire doch mit unterlaufen, und es wäre schade, sie zu verschweigen. Unser Bürgermeister, der bekanntlich bei den Krawallen vor vier Jahren den Leuten, welche sich an chn um Schutz wendeten, weil fie Gefahr liefen, mit Steinen beworfen zu werden, erwiderte: „Fahren Sie doch im Omnibus", der verargte diesmal wieder den Bewohnern der bombardirten Häuser, daß sie nicht heransgingen und den Janhagel mit Stöcken forttrieben.