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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-12-10 · 50 (10.12.1897) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
50 (10.12.1897)
Date
1897-12-10
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Heke 1006 Vr. Vloch's Wochrnschrlst. Nr. 50 weiß, wie sehr diese jungen Leute von den parteipolitischen Herrschaften verhätschelt werden, der wird auch nicht einen Augenblick darüber im Zweifel sein, auf wessen Seite die Wahrheit zu suchen ist. Ein rumänisches Blatt, das sich ein bischen energischer gegen die Studenten ausgesprochen hat, mußte sich eine lärmende Demonstration gefallen lassen, und als es keinen Wiederruf leistete, wurde es in einer Versammlung dieser jungen Leute für ein durch jüdisches Geld erhaltenes Organ erklärt, das man verachten müsse. Im höchsten Grade bemerkenswerth sind die Auslassungen des Regierungsblattes, der „Vointza Nationale", in dieser bedauerlichen Angelegenheit. „Wie körmen sich die Juden, so schreibt das Regierungsblatt, als „Fremde" erlauben, gegen Gesetzprojecte zu protestiren, welche dieVertheidigung desLandes betreffen." Der König hat sich über den betrübenden Vorfall eingehend Bericht erstatten lassen." Zur Charakteristik der rumänischen Zustände sei noch mitgetheilt, daß nicht einmal Telegramme an auswärtige Zeitungen über jene Vorfälle zur Beförderung gelangten. Affaire Dreyfus. Der französische Senat hat die Vertrauens- Kundgebung für die Regierung, mit welcher die Interpellation Scheurer-Kestner über die Dreyfus- Affaire zum Abschlüsse gebracht wurde, mit den Stimmen aller anwesenden 231 Senatoren, also einstimmig angenommen. Sowohl der Conseils-Präsident Mite als auch der Kriegsminister Billot haben allerdings die Haltung, die sie noch am Samstag in der Kammer angenommen hatten, wesentlich modificirt. Mich hat der Kriegsminister Herrn Scheurer-Kestner versprochen, daß das ganze Actenmaterial, einschließlich des vielbesprochenen Bordereaus, dem Militärgerichte vorgelegt werden würde. Eine Forderung wurde allerdings kaum in befriedigender Weise erledigt. Minister-Präsident Meline besteht noch immer darauf, daß gewisie Dinge im vitalsten Interesse des Landes geheim bleiben müßten. Es wird also noch immer nicht volle Klarheit geschaffen werden. „Wenn es wahr ist," schreibt Cassaguac, „daß den Richtern die Beweisstücke insgeheim vorgelegt werden sollen, welche die Vertheidigung nicht gekannt hat, und wenn man in solcher Art auf die Ueberzeugung der Richter einwirkte, dann steht man vor einem verbrecherischen Acte der Regierung, welcher die Ehre der militärischen Richter allerdings nicht zu berühren vermag." Der „Matin" stimmt Scheurer's Behauptungen zu, daß das Vorderem: der Angelpunkt der ganzen Angelegenheit sei. Dieselbe Meinung äußert Clemenceau. „Wenn es festgestellt sein wird, daß Esterhazy das Bordereau geschrieben, dann wird sich auch Jemand finden." sagt Clsmenceau in der „Aurore", „welcher die unerklärliche Protection aufgedeckt, welche dieser Mensch bei denjenigen findet, welche nichts sein sollten als seine Richter." Prager Vorstadtbilder. (Original-Correspondenz.) „Nach berühmten Mustern" wurden in Prag Demonstrationen gemacht. Zwei Tage, Montag und Dienstag, beschränkten sich dieselben auch nur auf Prag; Mittwoch aber ist es in den Vororten und der ehemaligen Judenstadt zu Ausschreitungen gekommen, welche einen noch nie dagewesenen Umfang annahmen und sich zu Jude nh e tz e n im strengsten Sinne des Wortes gestalteten. Bevor ich zur Schilderung dieser Judenverfolgungen übergehe, will ich kurz einer Scene erwähnen, deren Augenzeuge ich war, und welche an Ilohheit gewiß ihresgleichen sucht. Die Menge der Demonstranten und Excedenteu wird durch Leute, welche wie nach einem großen Elementarereigniß durch die Straßen ziehen und mit unzweideutigen Mienen und Kundgebungen das betrachten, was Menschenhände zu leisten im Stande sind, beträchtlich vergrößert. Infolgedessen sperren die meisten Geschäftsleute schon bald Nachmittag, selbst Tabaktrafiken, viele Geschäfte machen überhaupt nicht auf. Aus einem jener Geschäfte, welche ftüher gesperrt wurden, ging Mittwoch Nachmittags ein Angestellter, welcher gegen 5 Uhr vom Wenzelsplatz in die Stephansgaffe einbiegen wollte. Indem kommt ihm eine Rotte halbwüchsiger Burschen und Mädchen entgegen, durchwegs mit weiß-roth-blauen Bändchen, geschmückt. Aus seinem Aeußern schließt eines der Mädchen, daß er ein Jude sein könnte, und versetzt dem Nichts ahnend Dahineilenden einen Schlag über den Kopf, so daß ihm der Hut herunterfällt. Damit ist auch das Zeichen zum allgemeinen Angriff gegeben. Polizei und Milirär sind nicht in der Nähe. Hageldicht fallen die Schläge auf Kopf und Leib des armen Menschen, der schon von einer großen Menge umschlossen ist. In böhmischer Sprache bittet er seine Peiniger, sie mögen ihn ziehen lassen, er habe ja Niemand etwas zu Leide gethan, doch Alles ftuchtlos. Endlich gelingt es ihm, den Kreis zu durchbrechen, um in die Stephansgasse einzubiegen. Sein Hut ist auf dem Wenzelsplaye liegen geblieben. Einer dieser rohen Leute hebt denselben auf und geht dem Bedauernswerthen nach, nicht aus Mitleid, sondern, wie er sich selbst zu den Umstehenden geäußert hat, den Hut solange um den Kopf des Besitzers zu schlagen, bis er in Stücke geht. (Offenbar war damit der harte braune Hut gemeint!) Mit einem nicht mehr menschenähnlichen Gebrüll wird diese Aeußernng ausgenommen und die ganze Rotte läuft dem Armen nach, weil sie es dem Einzelnen mißgönnt» „den Juden zu prügeln". Bald ist er eingeholt und nochmals regnet es Schläge und Hiebe auf das auserkorene Opfer. Erst als ein Geschrei, dessen Ursache mir nicht bekannt ist, zu den „Verfechtern ihrer gerechten Sache" drang, ließen sie von ihrem unbarmherzigen Thun ab. Irgendwelche Sicherheitsorgane habe ich in der Nähe n i rg e n d w o gesehen. Bei der Gelegenheit muß ich auch bemerken, daß sich eine große Anzahl Juden (czechische Studenten und Handelsangestellte) an den Demonstrationen betheiligt hat. Natürlich haben sich'auch diese mit weiß-roth-blauen Maschen geschmückt. In Zizkow begann das Plündernngswerk um circa halb 4 Uhr Nachmittags. Mit dem Kaufmannsladen des Herrn Glaser in Wolschan wurde der Anfang gemacht. Von da zog die Bande zur deutschen Volksschule und zum Kindergarten in Zizkow. Der letztere befindet sich im Erdgeschoß eines Privathauses. Ein Glück im Unglück ist es noch, daß es ein Mittwoch Nachmittag war, also die Schulkinder nicht in den beiden Schulen waren. Nachdem das Zerstörungswerk in den Schulzimmern des Kindergartens beendet war, drangen die Wütheriche in die Privatwohnungen des ersten Stockwerkes, zerschlugen und vernichteten dort, was sie konnten, und wollten dasselbe Manöver im zweiten Stockwerk durchführen. Hier fielen die Bewohner vor ihnen auf die Kniee und baten himmelhoch um Schonung. Vielleicht auch schon der Arbeit in dem einem Gebäude müde, verließen die menschähnlichen Thiere dasselbe. Jetzt zogen sie zum Hause des Herrn Katz, welcher ebenerdig neben einem Colonialwaaren- und Bäckerladen die Wohnung hat. Der Laden wurde geplündert, Geräthe zerstört, Thüren und Fenster zerbrochen, der Fußboden herausgerissen, ja sogar das Federbett in der Küche aufgemacht und die Federn in die Luft gelassen. Wie ich hörte, soll der Schaden über 5000 fl. betragen, da die Bande in sechs Räumlichkeiten, Laden, Küche und vier Zimmer, eindrang. Aehnlich wie den beiden genannten Kaufleuten erging es, so viel mir bekannt i st, noch zehn anderen; also wurden ttjt Ganzen zumindest zwölf jüdische Geschäftsleute in Zizkow beraubt und ausgeplündert; Einem hievon wurde der Laden, nachdem er schon geplündert war, angezündet. Einige Kaufleute sind total zu Grunde gerichtet, weil in ihrem Laden auch nicht ein Stückchen Waare zurückgelaffen wurde. Die einzelnen Details zu berichten wäre fürchterlich. Zunächst flogen Steine gegen die Fensterscheiben der Wohnung. Hierauf wurde die Ladenthüre mittelst eiserner Werkzeuge herausgeriffen, dann trugen die Leute, wenn man sie so nennen darf, an Lebensmitteln, Wäsche, Kleidungsstücken w. weg, was sich nur wegtragen ließ. Schwer transportable Gegenstände wurden vernichtet. So wurden unter Anderem einem Kaufmann sämmtliche Fässer aufgemacht, so daß sich Spiritus, Liqueure, Essig u. s. w. auf dem Boden ergossen. Waren Auslagekasten vorhanden, wurden dieselben zunächst ausgeräumt und dann zerstückelt. Der Manufacturwaarenhändler Heinrich Krauß rettete seinen Laden nur dadurch, daß er seine auf Wachstuch geschriebene Firma herunterriß und der darunter befindliche czechische Name seines Vorgängers in diesem Laden sichtbar wurde. Nebstdem wurde der Cartonnagenfabrik des Herrn Buchbinder und zwei anderen nichtjüdischen Fabriken ein nicht unbedeutender Schade zugefügt. Die Sicherheitswache war gegen diese Angriffe schwach und machtlos. Militär kam erst, als schon einige Läden geplündert waren, und selbst als das Militär schon zugegen war, wußte es sich die Rotte so einzutheilen, daß, während ein Theil durch das Militär in seinem abscheulichen Handeln gestört wurde, ein zweiter Theil in entgegengesetzter Richtung der Stadt sein Werk vollbrachte. Erst gegen zehn Uhr Nachts wurde die Ruhe wieder hergestellt. Die Judenhetze dauerte also in Zizkow über sechs Stunden. Das Militär gab einige Dechargen ab. Noch stürmischer ging es in der königlichen Stadt Weinberge zu, wo mehrere Geschäfte angezündet wurden. Auch hier wurden mehrere Schüsse abgefeuert. Donnerstag durchstreifte seit Früh Cavallerie die Straßen Zizkows. Nachmittags wurde das Standrecht proclamirt und alsbald waren die Straßen menschenleer. Trotzdem soll es, wie mir mitgetheilt wurde, in Smichow zu Ausschreitungen gekommen sein. Inwieweit dies wahr ist, weiß ich nicht. Vormittags, bevor das Standrecht noch proclamirt war, ist die k. k. deutsche Staatsrealschule in Karolinenthal angegriffen worden. Die Tempel sind natürlich auch diesmal nicht verschont worden. Dem neuen Tempel in den königlichen Weinbergen soll ein großer Schade zugefügt worden sein. Die Demonstrationen sind am Montag in Scene gesetzt worden seit dem Moinent, wo die geeinigten deutschen Studentenschaften Prags in geschloffenem Zug aus der Aula Carolina in die Stephansgasse und von da ins deutsche Casino niarschirten. Gleich Montag wußte in ihrem Nachmittagsblatte eine hiesige böhmische Zeitung zu berichten, daß sich an diesem Zuge meistens Juden betheiligten, obgleich die nationalen Verbindungen am stärksten vertreten waren und auch unter den nicht in Couleur erschienenen Studenten der allergeringste Theil Juden waren. Dieselbe Zeitung berichtete in ihrer Donnerstag-Nachmittagsnummer, daß irrthümlich auch die Laden einiger Nichtjuden, ja sogar czechischer Firmen angegriffen wurden und spricht hievon als von einem „bedauernswerthen Jrrthnm". Zizkow, 4. December 1897. 0. F.

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