Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 50 (10.12.1897)
- Date
- 1897-12-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3020846-3021169-3021219--07362-3031687- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 50 Vr. Vwch's Wochenschrift Seite 1005 die Bürgschaften der Dauer enthält, — die Bodenfläche bietet nach H e m a n blos für eine Million neuer Einwanderer Raum — der reftirende Theil der derzeitigen jüdischen Bevölkerung von sechs Millionen, welcher in Europa verbliebe, würde zu opiiren haben zwischen dem Fremdenrecht und der Taufe. Die Taufe wäre somit das schließliche Resultat der gewaltigen nationalen Kraftanstrengungen, jener alle Leidenschaften aufwühlenden Agitationen! Dieses Recept wäre aber billiger und einfacher herzustellen; man brauchte dazu nicht einmal der zweihundertfünfzig Millionen. Einer der ersten Redacteure der „Neuen Freien Presse" bezeichnete vor längerer Zeit gelegentlich einer Unterhaltung „den Judenstaat auf Actien als ein gelungenes Sujet für eine wirksame Operette", „die formgewandte Arbeit eines begabten Feuilletonisten, die kein Politiker ernstlich discutirt". Weit entfernt von dieser geringschätzenden Auffassung habe ich vor Monaten an dieser Stelle vor den Gefahren dieser Propaganda eindringlich gewarnt. Und die christlichen Zionisten, welche die Voraussetzungen und Folgen eines Jndenstaates in Palästina unbefangen darlegen, bilden die Rechtfertigung für unseren starren Pessinlismus. Wien, im December 1897. Dr. F r a n k. Vom Jahrmarkt des Lebens. Rumänische Barbarei. Bukarest, 6. December. Ein erschreckender Aufruhr wüthete gestern Abends in den Straßen von Bukarest. Eine nach Tausenden zählende Menge Baffermannscher Gestalten, welche mit Holzscheiten, Eisenstangen und Knütteln bewaffnet waren und Haufen halbnackter Kinder wurden von einer Anzahl johlender Studenten unter dem Gebrüll „Nieder mit den Juden!" zu einem förmlichen Verwüstungszuge aufgestachelk. In dew vornehmsten Geschäftsviertel bis unmittelbar nach der Polizeid i r e c t i o n wurden Hunderte größerer und kleinerer Verkaufsläden demolirt, die Maaren theils g ep l ü n -d e r t, theils zerfetzt auf die Straße geschleudert; die kostbaren Spiegelscheiben wurden fast durchwegs nächst Wegstemmen der Rollbalken zertrümmert, die Gitter zum israelitischen Tempel erbrochen und in demselben arge Verwüstungen angerichtet. Kein tiefer gelegenes Fenster auf der Strecke, welche die tobende Horde durchzog, blieb ganz. Die ursprüngliche Veranlassung zu diesen Excesfen war eine Versammlung, welche der etwa dreißigtausend Personen zählende Verein jüdischer Reservisten vor acht Tagen im Dacia-Saale abhalten wollte, um gegen den Gesetzentwurf des Kriegsministers Berendei. die Juden fernerhin vom Kriegsdienste auszuschließen und mit einer besonderen Militärtaxe zu belasten, den Rechtssinn des rumänischen Volkes anz u r u f e n. Eine Anzahl rumänischer Studenten provocirte den Scandal durch Herabwerfen eines Sessels von der Galerie aus den Präsidenten des Reservisten- Vereins, der kaum zu sprechen angefangen hatte. Die Studenten zogen bei dem nun entstandenen Handgemenge den Kürzeren. Die Versammlung wurde von der Polizei aufgelöst, ohne daß eine einzige Rede gehalten worden wäre. Die unerhörte Agitation richtet sich gegen die von dem Socialistenblatte „Tumea Nola" und den Deputirten Cogalniceanu in Schutz genommene I u d e n s ch a f t. Insbesondere wurde dieselbe durch massenhafte Vertheilung eines Flugblattes geschürt. In diesem Pamphlet wurden alle Rumänen aufgefordert, die Juden zu vernichten, damit nicht der Talmud die Constitution verdränge. Die Folge dieser Agitation war eine neuerliche Versammlung in dem Dacia-Saale. Bon dort erfolgte der Auszug zur Zerstörung aller jüdischen Häuser und Geschäfte. ' Obwohl bereits seit einigen Tagen für diesen Sonntag Excesse angekündigt waren, hatte doch die Polizei nicht die geringsten Vorkehrungen getroffen. Sie ermahnte im Gegentheile noch Vormittags die I u d e n, s i ch ruhig zu verhalten, da nichts zu befürchten sei. Erst als d i e T u m u l 1 u a n t e n nach blutigenZusammenstößenindie Geschäfte des Judenviertels eingedrungen waren und dieselben zerstört hatten, rückte eine sch wache Abtheilung reitender Gendarmerie aus und verdrängte die Menge in die Seitenstraßen, wo dieselbe das Zerstörungswerk fortsetzte. Gegen Abends legte sich die Aufregung und große Menschenmassen flutheten durch die Straßen, um die Verwüstungen in Augenschein zu nehmen. Polizisten mit aufgepflanztem Bajonnet bewachen die verwüsteten Geschäftsläden. An demselben Tage fanden auch in G a l a tz arge Ausschreitungen gegen die Juden statt. Im rumänischen Senat sind gestern durch eine Interpellation Carp's die Excesse vom Sonntag zur Sprache gebracht worden. Der Minister des Innern, Pherekyde, hatte die Unverfrorenheit, die Juden anzuklagen, daß sie aggreffiv vorgegangen wären und feindliche Gesinnungen gegen die rumänische Bevölkerung hegen, während es doch feststeht, daß die jüdischen Wehrpflichtigen nur ihre patriotischen Gefühle bethätigen und ihre Bereitwilligkeit, Blut und Leben für die Bertheidigung des Vaterlandes zu opfern, zum Ausdruck bringen wollten. Die Behauptung des Herrn Phereryde, daß die Juden der provocirende Theil gewesen wärm, findet in den Berichten der Bukarester Blätter ihre Widerlegung. Die wilde Menge, welche sich am Sonntag Nachmittag zerstörend und plündernd durch die Straßen Bukarests wälzte, setzte sich aus Schulbuben und den bekannten Batauffi zusammen, die am Tage vorher aus den Borstädten recrutirt und von nationalen Agitatoren instruirt worden waren. Herr Pherekyde erwies sich als unfähig, die Exceffe zu verhüten, und er wird auch kaum die geeignete Persönlichkeit fein, die Untersuchung zu leiten, die diesmal, da zahlreiche fremde Staatsbürger zu Schaden gekommen sind, doch mit etwas mehr Ernst geführt werden dürfte, als dies sonst in Rumänien der Fall ist. Ein durch den deutschen und ruffischen Gesandten angeregter gemeinsamer Schritt der diplomatischen Vertreter in Bukarest, der rumänischen Regierung ihr Bedauern über die antisemitischen Ausschreitungen von vorgestern auszudrücken, wird bereits zwischen heute und morgen gemacht werden. Eine Note mit Schadenersatz-Forderungen dürfte unmittelbar folgen. Uns liegt nämlich ein Brief aus B u k a r e st vom 3. December vor, der einiges Licht über die Entstehungsgeschichte dieser antisemitischen Schandthaten zu verbreiten geeignet ist. Der Brief, von einem Privatmann herrührend, lautet: Ein Vorfall, der auf eine Judenhetze hinausläuft und sich hier am verflossenen Sonntag abgespielt hat, soll d e m Auslände gegenüber offenbar todtgeschwiegen werden, denn von allen hier aufliegenden fremden Blättern meldet nur der „Pester Lloyd" durch ein in lakonischer Kürze gehaltenes Privat-Telegramm, daß eine Versammlung der einheimischen Juden, in welcher über deren Ausschluß vom Militärdien st verhandelt werden sollte, von Anhängern der Studentenschaft gesprengt wurde. Anhänger der Studenten ist lediglich ein Verlegenheitsausdruck; den diese selbst haben in der Presse unumwunden erklärt, daß sie gehauen haben, weil man sie angegriffen hat. Die Prügelei fand also thatsächlich zwischen den Studenten und den Juden statt, und zwar in einer ganz gefährlichen Weise — eine Wasserflasche flog einem Studenten an den Kopf (Keiner will sie geworfen haben), Stühle und andere Gegenstände hagelte es von den Galerien herab, mober dem Vorsitzenden der Versammlung, Dr. Westftied, beinahe ein Auge ausgeschlagen wurde — genug, es war eine regelrechte Schlacht, durch welche die Juden aus dem Saal gehetzt wurden. Die Studenten oder, wie es beschönigend heißen mag, deren Anhänger, durchzogen unter den Rufen: „wieder mit den Juden!" die Straßen des von Israeliten stark bewohnten Stadtviertels — Alles war auf den Beinen und in Heller Aufregung, nur diePolizei fehlte, um dem Scandal ein Ende zu machen, obwohl man sie über die Absichten der Studentenschaft in Kenntniß gesetzt hatte. Und waswolltendie Juden! In aller Ruhe über die Schritte berathen, welche gegen ein Reformproject zu thun wären, das ihnen die Erfüllung der Vaterlandspflichten unmöglich machen soll. Die eingeborenen Juden, welche bisher, wie jeder Rumäne, ihrer Militärpflicht genügten, was ihnen untersagt werden sollte, wollen sich nicht schimpflich beiSeite stoßen lassen. Da kommt ein Haufe unerfahrener junger Leute, wirft sich in die Brust und schreit: Ihr habt als „Fremde" kein Recht zu öffentlichen Versammlungen! Und weil sich die Juden sozusagen auch als Menschen fühlten, hieb man einfach auf sie ein. Die Studenten behaupten nun allerdings in einer öffentlichen Erklärung, daß sie lediglich das Wort zur Erörterung verlangt hätten und darauf hin von den Juden angegriffen worden seien; dem gegenüber erklärt indessen der Vorsitzende Dr. Westfried, daß er Jedem das Wort verstattet hätte, die Studenten aber sofort zu lärmen angefangen haben. Wer die hiesige Studentenschaft kennt und