Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 50 (10.12.1897)
- Date
- 1897-12-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 1002 Nr 50 Vr. Vloch's Wochrnschrtfl über den fragwürdigen Werth dieses Schatzes fürchterlich belehrt. Die Czechen sind chrer deutschen Widersacher durchaus würdig und so wenig wie nach der Freundschaft der Söhne Teut's, wird es fürderhin die Juden nach der Freundschaft der Nachkommen Huß' und Zizka's gelüsten. Aber wir leben doch immer noch in einem Rechtsstaate, nicht wahr? Von der Ehre der Juden dürfen wir zwar längst nicht mehr sprechen, aber doch wohl noch' von der Heiligkeit ihres Eigeuthums? In Prag allein sind au achthundert jüdischen Häusern und Kaufläden die Fensterscheiben zertrümmert und vierundvierzig Mische Geschäfte geplündert worden. Werthe, die in die Hunderttausende gehen sind vernichtet worden. Wer ersetzt den Schaden? Wer gibt diesen armen Menschen ihre ruinirte Existenz wieder? Es ist rührend zu schauen, wie die Competenzen sich darüber streiten, wie die Stadtgemeinde dem Staate und dieser der Stadtgemeinde die Haftpflicht zuschieben will. Für die zünftigen Juristen ist das eine höchst interessante Rechtssache, und M länger sich der Proceß hinzieht, desto interessanter ist er. Mittlerweile erledigt sich die Sache von selbst, da ja die beklagenswerthen Opfer verhungern werden. Wenn irgendwo, so bietet sich hier den jüdischen Abgeordneten ein Feld für nützliche Thätigkeit. Die Herren dürfen der Frage, ob das Parlament mit oder ohne die 4.6X Falkenhayn, mit oder ohne Herrn Abrahamowicz seine Berathungen wieder aufnehmen soll, kalt und fremd gegenüberstehen, wir werden, sie darob nicht tadeln. Aber ihre heilige Pflicht ist es, ungesäumt und mit aller Energie an die Regierung heranzutreten und vollen Schadenersatz für die Opfer der Prager Excesse zu fordern. Aber nicht nur vollen, sondern au<fj sofortigen Ersatz. Die betreffenden Geschäftsleute können nicht warten, bis der Proceß zwischen Stadt und Staat entschieden ist. Es ist mit vollem Rechte betont worden, daß hier ein Nothstand vorliegt, dessen unverzügliche Linderung eine Pflicht des Staates ist. Bei den letzten Überschwemmungskatastrophen haben die Juden mit vollen Händen gegeben, ohne zu fragen, welcher Consession die vom Unglück Heimgesuchten angehören. Da sie auf eine Reciprocität seitens der Privaten Wohlthätigkeit nicht zu rechnen haben, ist es Sache des Staates, helfend einzugreifen, und an den jüdischen Abgeordneten ist es, auf diese Hilfe zu drängen. Auch ein Weihnachtsgeschäft. Die alljährliche Weihnachtshetze hat begonnen. Das „Deutsche Volksblatt?' erläßt sein übliches Manifest an das christliche Volk, in welchem es vor dem „fremden Schachervolke" warnt und über die jüdischen Geschäfte den Boycott verhängt. Der biedere Verganev, der sich soeben erst das d r i t t e Haus aus — Christengeldern gekauft hat, trieft diesmal von Frömmigkeit und Heiligkeit, von Menschenliebe und Barmherzigkeit. Nicht einmal an die armen Dienstboten vergißt er, er, dessen Redactionsdiener gar sonderbare Schicksale durchzumachen haben und der Humanität des biederen Verganev die wunderbarsten Zeugnisse ausstellen. Wohlan denn, für alle ehrlichen und unehrlichen Antisemiten ist es Christenpflicht, alle geschäftlichen Beziehungen mit Juden, Judenknechten, Judengenoffen rc. rc. abzubrechen. Selbst der Name Christi wird angerufen, um dieser Lehre den Charakter eines „göttlichen" Gebotes zu verleihen. Natürlich gilt, was hier von jüdischen Geschäften jeder Art gesagt wird, auch vom sogenannten „jüdischen Großkapital" und den gleichfalls sogenannten „Judenbanken". Nicht wahr, Herr Verganev, auch von diesen gilt's, trotz der fetten Pauschalien und trotz des dritten Hauses, das Sie soeben „nur" aus Christengeldern erworben haben? Aber wir fürchten sehr, daß der biedere Ernst Verganew doch. in einem Punkte ein Prediger in der Wüste bleiben wird. Den armseligen Besitzer eines 27 kr.-Bazars in der Vorstadt draußen boycottirt man mit altgermanischer Tapferkeit, aber mit den: jüdischen Großcapital ist es eine eigene Sache! Mein Gott,, der Stadtrath insgesammt und im Einzelnen will doch auch leben! Und fürwahr, der Stadtrath hat andere Sorgen, als gegen das jüdische Großcapital zu Hetzen. Er ist bis heute auf das Gasanlehen die Kleinigkeit von 22,376.396 fl. schuldig geworden, wovon 5,751.533 fl. thatsächlich verausgabt sind, während der größte Theil des Restbetrages mit Neujahr 1898 zur Zahlung fällig wird. Es ist die höchste Zeit, an die Begebung des Gasanlehens zu denken, und der fürsorgliche Stadtrath hat daran gedacht. Nachdem die discreten Beziehungen des Dr. Lueger zu Herrn Antonio Newmann so indiscret an die Oeffentlichkeit gezerrt worden sind, kann natürlich von einer Transaction mit den reichen englischen Juden nicht mehr die Rede sein. Man kehrt reuig zu den heimischen Fleischtöpfen zurück und wendet sich vertrauensvoll an — unsere sogenannten Judenbanken. Der Stadtrath hat am vorigen Freitag die Financirung des Gasanlehens discutirt und die bei dieser Debatte zu Tage getretene vorherrschende Ansicht war die, daß diese Finanzoperation mit Hilfe der Wiener Kreditinstitute durchgeführt werden solle Ein Theil des Stadtrathes will eine sogenannte Bankier- Anleihe machen, der andere Theil will eine öffentliche Subscription unter Garantie der Wiener Bankin st i tu t e. Das Erstere wäre eine directe Inanspruchnahme des „jüdischen Großkapitals": das Letztere eine Specnlation auf den „jüdischen Credit". Des biederen Ernst Verganew alljährlicher Hetzruf: „Kauft nicht bei Juden!", der in den Frauenversammlungen von Lu eger und Liechten st ein so nachdrücklich unterstützt wird, erfährt durch diese Vorgänge im Wiener Stadtrathe eine höchst anschauliche Illustration. O wie gern würde Herr- Lueger seine so dringend benöthigten 30 Millionen zu 4 Percent bei — Juden kaufen! Nieder mit dem kleinen jüdischen Geschäftsmann, aber es lebe das hilfreiche jüdische Großkapital! Der Antisemitismus beruft sich so gern auf den engen Zusammenhalt der Juden. Muß doch der letzte Hausirer für die Millionen Rothschilds büßen. Bestünde diese Solidarität thatsächlich, dann gäbe es auf die nichtswürdige Weihnachtshetze Lueger's und seiner Trabanten nur eine einzige, allerdings überaus wirksame Antwort: Die ent' schiedene Zurückweisung des Gasanlehens wie überhaupt jedes Geschäftes mit dieser Gemeindeverwaltung. Dem Rufe: „Kaust nicht bei Juden!" müßte die Devise: „Verkauft und borgt nichts an Antisemiten! entgegengestellt werden. Aber die Herren wissen es leider nur zu gut, daß die angebliche jüdische Solidarität nur eine große Lüge ist, an die wohl der „dumme Kerl von Wien", nicht aber der hochwohlweise Stadtrath glaubt! 4- 4- * Wir erhalten folgende Zuschriften: Geehrter Herr Redacteur! In sehr großen Frauenversammlungen ist innerhalb der letzten zwei Wochen Herr Dr. Lueger, der Bürgermeister der Reichshaupt- und Residenzstadt, erschienen, um anläßlich des bevorstehenden Weihnachtsfestes gegen die jüdischen Geschäftsleute aufzuhetzen und die „christlichen Frauen" davor zu warnen, daß sie ihre Einkäufe bei Juden besorgen. Herr Lueger betrachtet sich also nach wie vor nicht als den Bürgermeister der Gesammtbevölkerung, sondern nur als jenen „seines" christlichen Volkes. Das ist ein verwerflicher, ein brutaler Standpunkt, aber es ist immerhin ein Standpunkt. Nun lese ich aber in den Zeitungen, daß Herr Bürgermeister Dr. L u e g e r an mehrere Wiener Bankinstitute, die Niederösterreichische Escomptegesellschaft, die Länderbank und die Unionbank — wie man sieht, lauter sogenamite „Judenbanken" — die Einladung gerichtet hat, im Laufe der Woche einen Delegirten zu entsenden, mit welchem über die Begebung der Gas-