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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-12-03 · 49 (3.12.1897) · page 19

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
49 (3.12.1897)
Date
1897-12-03
Page
– (sequence 19)
Language
German
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Vr Vloch's WochrnPhrM Sette 999 Nr. 49 Buch meinem Begleiter zurückgab, meinte er, ich möchte auch j für die Weiber etwas „sagen" und blätterte eine andere Stelle auf. Ich babe im Leben viele Weiber angebetet, warum sollte ich es nicht auch für die Todten thun? Und ich betete auch für die Weiber. Aber Reb Gawrile war ein schrecklicher Mensch und schlug eine dritte Stelle auf. Um Himmelswillen, sollte ich denn wirklich auch noch für das genus neutrum beten? „Für heute genug" sprach ich. Da griff Reb Gawrile mit Wehmuth nach seinem „Siderl", und von seinen Lippen sprudelte mit Eilzugsgeschwindigkeit eine Fülle chaldäischer Sätze, gewiß ausreichend für die Auferstehung des ganzen sächlichen Geschlechtes. Lange, lange floß der Quell der Sprüche; immer fand Reb Gawrile eine neue arme Seele, zu deren Heil er etwas zu murmeln hatte, bis daß wir unsere Schritte endlich stadtwärts wandten. Und als er die Friedhofsthüre hinter uns schloß, und ich ihn fragte, wer wohl dereinst für ihn beten werde, da zuckte er schmerzlich zusammen. „Es kommt die Zeit" preßte er mühsam heraus, „und die Frömmigkeit verschwindet von der Erde, und keinen Kadisch wird man sagen". Und das kleine Männlein weinte bitterlich. Jakob Frohschammrr, der Philosoph der Weltphantaste, und Bernhard Münz. Von Dr. I. I. Unger. Ein volles Jahrhundert ist verronnen, seitdem der unsterbliche Denker von Königsberg in dem scharfsinnigen Lazarus Ben David (1762—1832 in Berlin) einen glühenden Bewunderer fand, der mit opsermuthiger Hingebung bemüht war, die Kan t'sche Philosophie auch nach Oesterreich zu verpflanzen, und zwar durch Vorlesungen, die er über diese Philosophie 1793—1798 in Wien an der Universität, später in dem ihm vom Grasen H a r r a ch eingeräumten Palais vor eiliem distinguirten Zuhörerkreise gehalteu hat. In ähnlicher Weise erstand der F r o h s ch a m m e r'schen Philosophie, die sich von der herrschenden Modephil osophie des Tages abseits hält und eben deswegen von den maßgebenden Fachblätteru eine geraume Zeit einfach t o d t geschwiegen wurde, in dem hochbegabten Dr. Bernhard Münz ein begeisterter Verehrer, der sie als Wahrheit, ja als seine persönliche Fundamentalüberzeugung anerkannt hat. Mit innigem Behagen begrüßte F r o h s ch a m m e r in dem jugendlichen Münz den berufenen Apostel seiner lheils v e r kannten, theils m i ß kannten Philosophie, und war hocherfreut, seine Weltaufsassung durch ihn in weitere Kreise getragen und zur Geltung gelangt zu wissen (Briese, Seite 197 uud 206). Als M ü u z anläßlich des siebzigsten Wiegenfestes F r o h f ch a m m e r's in der Münchener „Allgemeinen Zeitung" vom 6. Jänner 1891 einen überaus warnien und trotz seines mäßigen Umfanges lichtvollen Artikel erscheinen ließ, in welchem er den Philosophen der Weltphantasi: rückhaltslos feierte und dessen philosophisches System kritisch würdigte, fühlte sich F r o h s ch a m m e r höchst angenehm überrascht und trug kein Bedenken, jenen Artikel als das Beste zu bezeichnen, was über seine Philosophie geschrieben wurde (Seite 203). Mit welchem Geschicke es Münz versteht, sich in die Gedankenwelt F r o h s ch a m m e r's zu vertiefen und sie dem Leser durchsichtig darzustellen, ersieht man am deutlichsten aus dessen in Paul Lindau's Monatsschrift „Nord und Süd" (auch als Sonderabdruck) 1894 publicirten Essay: „I a ko b Fro h s ch am m e r, der Philosoph der Weltphantasie", in dem er mit seltener Formgewandtheit nicht bloß dem Manne von Fach, sondern auch dem gebildeten Laien einen tiefen Einblick in die philosophische Weltausfassnng F r o hs ch a m m e r's vermittelt. In einem kurzen, aber von glühender Verehrung durchhauchten Lebensabrisse tritt uns Frohs chamm er, der damals nicht mehr unter den Lebenden war, als genialer Meister entgegen, welcher, geschmückt mit dem Dornenkranze des Märtyrers, durch Charaktereigenschaften hervorragt, die ihn zu einem Manne von hoher, vorurtheilsloser Gesinnung, insbesondere in c o n f e s s i o n e l l e n F r a g e n, ja zu einem der edelsten Geister stempeln. Wir glauben daher, uns keiner Uebertreibung schuldig zu machen, wenn wir kühn behaupten, daß die Münz'schen Publicationen nicht wenig dazu beigetragen haben, das Interesse für die Werke F r o h s ch a m m e r's zu wecken und zu beleben, manche Vorurtheile gegen dieselben zu zerstören, eine gerechte Würdigung des völlig neuen philosophischen Grundprincips anzubahnen und für die Erhebung der Phantasie zum Principe aller Gestaltung in Natur und Geist einen Rechtstitel zu schaffen. Alles Dasjenige aber, was M ü n z über Frohscham m e r's Charakter uud Philosophie in seinen vortrefflichen Essays geäußert hat, findet in dem von ihm herausgegebenen B r i e f e n*) nicht nur einen harmonischen Abschluß, sondern auch die beste Illustration. Denn wenn irgendwo, so gilt Buffon's Wort: „Le style e’est l’homme". Von dem Briefwechsel zwischen Freunden, wo jeder Zwang der Courtvifie und alle Winkelzüge der Urbanität schön im Hintergründe bleiben und wo jeder Gedankenaustausch und jede Gefühlsäußerung als eine Offenbarung des innersten Wesens, als eine Manifestation der natürlichen und unverkünstelten Menschenseele betrachtet werden darf. Aus dieser in mehrfacher Hinsicht höchst interessanten, mehr als zweihundert Briefe umfassenden Correspondenz wird es bis zur Evidenz ersichtlich, daß F r o hs ch a m m e r in dem permanenten Kampfe um die wissenschaftliche Gedankenfteiheit, um die Freiheit der Ueberzeugung, der er mehr als ein Menschenalter hindurch zu bestehen hatte, nur gestählt und gefestigt, aber nicht wie S ch op e n h a u e r, verbittert und vergrämt und zum Hasse gegen die „S ch u l p h i l o s o p h i e" verleitet wurde. Und so sehr er es auch beklagte, daß er schon in der Jugendblüthe in einen Stand gedrängt wurde, in dem man nicht mehr sui juris ist, (S. 201), war er gleichwohl, wenn ich so sagen darf, ein pessimismussroher Mann, ein besonnener Charakter, der die Religion trotz der über ihn verhängten Excommunication durchaus nicht vogelfrei wissen wollte. „Die Religion" — sagt er in einem Briefe an Pfarrer B ü h r i n g — muß stets unter Schutz und Garantie des Rechtes und Staates stehen . . . Nur die Privilegien halte ich für ungeeignet und äußerliche Z w a n g s h e r r s ch a f t dieser oder jener Religion erscheint mir unberechtig t" (S. 75). Allen menschlichen Regungen und Gefühlen jederzeit zugänglich und an den Lebensereignissen seiner Freunde unentwegt warmen Antheil nehmend, hätte F r o h s ch a m m e r mit Fug uud Recht von sich sagen dürfen: „horno sum, humani nihil a me alienum puto". Wahrhaft rührend ist der Gesinuungsadel, der in seinen Zuschriften an D r. Münz vom 10. Jänner 1891, vom 10. November 1892 und vom 10. Mai 1893 (S. 204, 206 und 208) zum Ausdrucke gelangt und der das unverkennbare Gepräge idealer Menschlichkeit an sich trägt. Sehr treffend sagt Münz in der Lebensskizze von Pfarrer B ä h r i n g : „In unserem Philosophen erstrahlte ihm aber auch die moralische Weltordnung in ihrer schönsten Offenbarung. Er hatte allezeit viel kämpfen und dulden müssen, er ward aus allen Seiten geächtet und ließ sich doch in seiner Liebe zur Wahrheit nicht erschüttern, in der Durchführung seines Lebenswerkes nicht irre machen. Er blieb sich treu bis an sein Ende und verlor den Glauben an die Menschheit nicht. Er war ein Tenae propositi vir . . ein Weiser im besten Sinne, denn er hat sein Schmerzenskind in die That übersetzt, seine Lehre gelebt, seine geläuterten Gedanken in seinem unbeugsamen und hochsinnigen Charakter plastisch ausgestattet". Durch die Herausgabe der vorliegenden „Brief e„ wollte M ü n z, wie er dies im Vorworte betont, das Andenken seines unvergeßlichen Freundes ehren. Uud das ist ihm, wie wir glauben, voll und ganz gelungen. Neben den Briefen und dem Bildnisse F r o h s ch a m m e r's enthält das typographisch schön ausgestattete Buch aus der Feder des Herausgebers werthvolle biographische Skizzen von Professor RudolsWagner, Pfarrer Bernhard B ä h r i n g und Professor Friedrich Kirchner, und wird wohl kein Leser dasselbe unbefriedigt aus der Hand legen. Briefkasten. M. Haas, Welkra. Für uns ungeeignet. M. T. in New-Aork. Besten Dank für die Einsendung und herzliche Wünsche für Ihre Gesundheit. Arischer Einsender aus Prag. Es verdient in der That öffentlich angenagelt zu werden, daß das „Cafe Bristol" und das *) Briefe von und über Jacob Frohschammer, herausgegeben von Bernhard Münz. Leipzig, Verlag von Georg Heinrich Meyer, 1897.

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