Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 49 (3.12.1897)
- Date
- 1897-12-03
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Seite 998 Vr. Vlmtz's Wochrnsrhrtst. Nr. 49 bittere Enttäuschung, die ihr Erstgeborener ihnen bereitet, brannte noch in ihren Herzen. Ihr Zustand erschwerte ihr das Gehen. Sie besuchte den kleinen Jacob seltener, saß meist still da und wurde immer bequemer. Und nun bekam auch sie ein Gelüst aus alle diese Dinge, die sie nicht essen durfte. Täglich erfüllten sie ihr Zimmer mit Wohlgerüchen und führten ihren, in Folge ihres Zustandes zu allerhand Launen neigenden Appetit in Versuchung. Sie würgte an ihrem Essen, es blieb ihr förmlich im Halse stecken, während die Anderen — ach, das Wasser lief ihr im Munde zusammen. Sie hatte den Geschmack des Essens, ohne einen Bissen davon anzurühren, sie ward vom Hunger gequält und konnte dennoch nichts hinunterbringen. Das unfreiwillige Fasten machte sie krank, bis eines Tages ein Aalfrikassöe ihrer Widerstandsfähigkeit ein Ende machte. Niemals hatte ihr etwas so gut gemundet. Wie delicat zwar dies Neue, Fremde! Samuel und Nathan lachten mit blinzelnden Augen zu ihr hinüber. Sie suchten die besten Stücke aus, um sie ihr zu geben. Sie nöthigten sie, als sie nicht mehr essen konnte; sie genossen mit in ihrem Genüsse. Es war eine Freudenmahlzett, ein Fest. Und dennoch hatte sie dabei das Empfinden, als speise sie Verbotenes, als sei jeder Bissen gestohlenes Gut, als bewachten zornige Augen ihre Mahlzeit. Hatte sie vorher gehungert, so hatte sie jetzt das Gefühl übermäßigen Gesättigtseins, einen beklemmenden Druck in der Herzgrube. Weder Magnesia, noch Sodapulver halfen dagegen. Samuel jedoch war voller Freude. Ihre Enthaltsamkeit hatte ihn peinlich berührt, wie ein heimlicher Vorwurf, und ihm seine Mahlzeiten verbittert. Nun war er wieder er selbst, munter, gesprächig, und seiner Frau mehr zugethan, als je. So kam unter schweren Leiden ihre Entbindung heran. Drin im Speisezimmer schritt Samuel voller Angst und Unruhe auf und nieder; seine Knie schlotterten, die grauen Haare standen ihm zu Berge. Das ganze Hauswesen war außer Rand und Band. Seit Hindel's Erttankuug am vorhergehenden Tage war keine Mahlzeit angerichtet worden. Nathan war nach der Hebamme geschickt worden und hatte sich seitdem nicht mehr blicken lassen. Wenn Hindel's Wehklagen zu Samuel drangen, stöhnte er auf und Msterte vor sich hin: „Gott strafe mich, eine schlechte Einrichtung l Die armen Frauenzimmer!" und mit gesenktem Haupte betete er auf hebräisch: „Gelobt seist Du Herr, unser Gott, daß Du mich kein Weib werden ließest-" Man hatte Hindels Bett in die Mitte des Schlafgemaches von dem Betthimmel fortgerückt, dessen schwere Gardinen unzusammengerasst an einer Seite herunterhingen. Der Arzt hielt ihr Handgelenk umfaßt und verfolgte aufmerksam mit der Uhr in der Hand den kaum bemerkbaren Pulsschlag. Weiterhin ließ sich aus einem in der Wiege liegenden Bündel das quickende Geschrei des Neugeborenen vernehmen. Hindel war todtenbleich. Ihre zu Marmor erstarrten Züge schienen durch ihre Blässe und ihre Leiden veredelt zu sein. „Noch immer eine schöne Frau, wenn man einige überflüssige Pfund Fett abrechnet", dachte der Doctor, ein kleiner Mann mit gebeugtem Nacken, scharfblickenden grauen Augen und einem eigenthümlichen Kräuseln seiner schmalen Lippen. Ununterbrochen behielt er das Gesicht der Kranken und zugleich die Bewegungen des Secundenzeigers im Auge. „So, nun hebt sich der Puls", sagte er laut, indem er der Hebamme zunickte. Diese, zur anderen Seite des Arztes stehend, hielt Hindel ein mit Naphta getränktes Taschentuch vor die Nase. „Nun können Sie sich mit dem Schreihals dort befassen. Geschrei wird immer noch am Meisten in der Welt gemacht. Ich werde jetzt das Uebrige hier besorgen. Der Chloroformrausch dauert mir etwas zu lange — — —". Er begann sich mit der Patientin zu beschäftigen. Die weise Frau nahm das Bündel und suchte es mit einem geschäftsmäßigen „pst. pst — pst, pst!" zum Schweigen zu bringen. Dann setzte sie sich unmittelbar vor dem Bett zurecht und schlug das Tuch zurück, in welchem das Kind eingehüllt war. (Schluß folgt.) Reb Gawrile. Von Dr. Sigismund Feßler. Die Ghettolust konnte keine Uebermenschen erzeugen, nur einsam verschüchterte Wesen. Trennende Mauern und unvernünfüge Gesetze drücken gleich hart. Was sie eiugeschlossen Hab en, ward wund und blutend, weltfremd und hilflos, und Kinder sind die Ghettoleute geblieben, schmählich zurückgesetzte Stiefkinder. Wenn der Geist sich aufbänmte und nach Luft und Freiheit schnappte, so rang ihn gleich die schwere Arbeit des Handeljuden nieder, und Mysticismus und Symbolismus klammerten sich an seine Schöße, daß der arme Mensch taumelte und baumelte zwischen Aberglauben und Lächerlichkeit. Wenn sein Gemüthsleben aufthaute zu Daseinsfreude und warmblüthigem Humor, gleich ward's vergiftet durch Spott und Kränkung, und wer vielleicht das Zeug gehabt hätte zu einem Boz oder Jean Paul, müßte als lebendige Rechenmaschine durch die „Gasse,, pendeln, gesenkten Hauptes, zweifelnd und resignirt, ein Paria und Stoiker zugleich. Der letzte Mohikaner aus dem im Sturmjahre 1848 geborstenen Ghetto von Nikolsburg ist Reb Gawrile, „Keworesgeher", „Schofarbläfer" und „Mischnajesbrummer" in der altehrwürdigen Gemeinde. Zwei dicke Folianten müssen dem kleinen Männlein auf seinen Sitz gelegt werden, damit er mit dem Kopfe bis an den Tisch reiche, denn nicht einmal Raum sich gehörig auszuwachsen, hatten die Leute im Ghetto. Als ich ihm gegenüber saß, sah ich nichts als einen wallenden weichen Bart und zwei große funkelnde braune Augen. Einen langen Segensspruch müßte ich noch abwarten, von dem ich nicht weiß, ob er mir galt, oder einem mächtigen „Häfen" Kaffee, seiner Frühstücksatzung, und dann demonstrirte er Mir seine Herkunft von dem „hohen" Rabbi Leb aus Prag, um dessen Wirken sich ein ganzer Legendenkreis spinnt. Es schüttelte Reb Gawrile ganz bedenklich, als er seines Ahnherrn gedachte, aber dieser Schüttelfrost gehört zum Handwerk. Wenn Gawrile am Vorabend des Purimfestes einer reichen Hausfrau, die keine Zeit hat, in die Synagoge zu gehen, weil sie Beugeln und Pfefferküchel backen muß, daheim ein Privatissimum aus der „Megilla" liest, dann wächst Reb Gawriles kleiner Leib ins Ungemessene, sobald er an die Stelle der Erhebung Mordechai's gelangt. Bei dem Namen Haman's, des Sohnes des Hamdasi, trampelt er mit seinen sandalenbeschwerten Füßen mit einer Heftigkeit, daß die andächtige Zuhörerin glaubt, eine Escadron Dragoner über ein Holzstöckelpflaster reiten zu hören. Die zehn Söhne Haman's aber, die gleichzeitig den Tod durch den Strang erlitten, verschluckt Reb Gawrile krampfhaft in einem Athemzuge, und dabei wiegt er seinen Leib, daß die gläubige Hausfrau in ihrem Schrecken die Unglücklichen alle förmlich baumeln sieht. Am Rosch-Haschono, jenem ernsten Feste der Sammlung und Einkehr, an wklchem der fromme Jude im Sterbegewand das Gotteshaus betritt, da ist Reb Gawrile der Held des Tages. Die unverwüstliche Lunge des kleinen Mannes gibt dem Schofar Leben und Töne. Mit Weihe und Inbrunst ergreift er das mächtige Horn; zitternd führt er es an den Mund; mit geschlossenen Augen neigt er das Haupt zur Seite, er bläht die Brust, und schon schmettert er seine „Tekios" und „Truos" hinaus, daß der ganzen „Kille" angst und bange wird, um die verstocktesten Trefes-Esser lassen die Köpfe hängen wie die beiden Grenadiere „als sie kamen in's deutsche Quartier". Die „Tekio- Gedauloh" aber, das hohe C des Schofarblasens, aus dem Brustkorb Reb Gawriles ist geradezu sensationell. „Mit solchen Tönen", hört man die „Balbatim" flüstern, „fällte einst Josua die Mauern von Jericho". Was für Geschichten werden mit dem Trompeter von Säckingen gemacht! Reb Gawrile kann besser blasen, aber ist denn der Schofar eine Trompete? Reb Gawrile führte mich auch nach dem Friedhofe. Furchtlos zu jeder Tages- und Nachtszett schweift das Männlein auf der Gräberstätte umher. Er glaubt zwar allen Ernstes an das sinnfällige Auftreten von „Schedim" und „Machschefes", das sind Geister und Hexen; doch Reb Gawrile fürchtet sie nicht. Mit der Behändigkeit eines Wiesels schlüpft der vierundsiebzigjährige Greis zwischen morschen Grabsteinen hindurch, oder er wirft sich mit der Urplötzlichkeit eines Kobolds in das thaufrische Gras, um eine halberloschene Grabschrift zu entziffern. Scheu umkreist er die Gräbergruppe der Rabbinen, erklimmt behende das „Bergel der Kohnim", aber den blauen Himmel sieht er nicht, und von dem Reize der Landschaft hal er keine Ahnung. Wie einen Dolch aus dem Gewände zog Reb Gawrile aus den Falten seines Kaftans ein abgegriffenes Gebetbuch. „Ob ich etwas sagen wolle?" fragte Reb Gawrile. „Sagen" heißt beten und ich verrichtete ein kurzes Gebet. Als ich das