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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-12-03 · 49 (3.12.1897) · page 17

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
49 (3.12.1897)
Date
1897-12-03
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Nr. 49 Vr. Vlortz'» WochrnschrM. Seite 997 New-Aork, 2. November. Heute war hier die erste Wahl von Groß New-Dork, das durch Anschluß Brocklyns und Stateutslands ans 4 Millionen Einwohnern bestehen wird. Zum Bicebürgermeister dieses großen Gemeinwesens ist Herr Randolph Guggenheimer erwählt worden. Herr Guggenheimer ist ein Sohn blutarmer Eltern, der sich durch seinen Fleiß und Talent zu den ersten und reichsten Advocaten des Landes emporgearbeitet hat. Er bekleidete viele Jahre das Amt eines Schulcommissärs mit Auszeichnung in New-Iork. _ Feuilleton. Wiera h! Novelle aus dem jüdischen Familienleben. Aus dem Dänischen von Erna Juel-Hansen. (Fortsetzung.) Wie sehr mißgönnte er den Beiden ihre Gesundheit, ihren guten Magen. Wenn er Hindel's braune Augen, die feinen Hängelöckchen über den vollen Wangen, die runden Formen sah, welche unter dem Doppelkinn hervorquollen, so hätte er vor Neid ersticken mögen, daß das dürre Männchen mit der guten Verdauung auch noch die schöne Frau sein Eigen nennen sollte, und dabei weder das eine noch das andere seiner Güter nicht recht zu würdigen verstand — einst, da er selbst noch jung und schlank war, gab es eine Zeit, ehe sie sich verheiratete — ah, französische Hühnchen mit frischen Trüffeln! und dabei war es mitten im Winter; nein, welch' gute Ideen dieser Samuel hatte! Das war gut für seinen schwachen Magen! Das Wasser lief ihm im Munde zusammen. Ueber den Tisch hinweg warf er Hindel einen begeisterten Blick zu, der den Hühnern galt. Sie versöhnten ihn mit der Gegenwart. Er zerbrach knuspernd die feinen Knöchelchen, belegte seine Zunge mit einer weichen Schicht Champignons, die er dann hinuntergleiten ließ — und vergaß Hindel's Reize im Gefühle des Gesättigtseins und Wohlbehagens. Samuel war mit seinen Erfindungen zu Ende. Wenn das Essen auf den Tisch kam, so aß er zwar, doch ohne besonderes Behagen. Die alte Haushälterin sagte ihm in ihrer Berzeiflung den Dienst auf. Eine neue kam, die in der Kochkunst wohl erfahren war; aber Samuels Geschmackswerkzeugen half auch dies nicht wieder auf. Er wurde verdrießlich und unzugänglich, magerte ab und bildete sich ein, krank zu sein. Allein Nathan wußte Rath. Eines Tages, als sie von der Börse kamen, schlug er Samuel vor, in ein Restaurant zu gehen nnd sich ein Beafsteak geben zu lassen. Samuel stutzte, riß die Augen auf und flüsterte erbleichend : „Bist Du von Sinnen, christliches Esten-— pfui, pfui!" Doch Nathan faßte seinen Arm, wendete ihn der Eingangsthür zu und sagte: „Ach, Unsinn, Du weißt nicht, was Du sprichst! Christenessen? — Christliches Esten ist bei Gott bester als alle unsere Firlefanzereien. Weißt Du, was ein Beafsteak ist? Es ist ein Stück Fleisch, das edelste Stück des Rindes, das auf dem Rost, über starkem Feuer in Butter gebraten wird, mein Lieber; es ist mit Zwiebeln gewürzt, saftig — der Saft gießt heraus wie aus einer Quelle — und dann ist es zart — — ach, so zart, wie eine Wachtelbrust --." Samuels kleine Augen schloffen sich bei Nathans Schilderung; seine spitze Nase verlängerte sich, als wittere sie den Duft des nnbekannten Gerichtes; der Gaumen brannte ihm vor gieriger Eßlust. Er konnte kaum noch widerstehen — dieses Fleisch, in Butter gebraten und mit Zwiebeln-ach — wenn er dürfte — das Gesetz, das Gesetz! Sie standen am Eingang, eine schmale Treppe innerhalb der Hausthür führte in einen tiefen Keller hinunter. Er seufzte tief auf und hatte sich bereits zum Gehen gewandt, als Nathan ihn von Neuem zu fassen bekam: „Du kannst doch einmal mit hinunterkommen — es steht nirgends geschrieben, daß Du nicht zusehen darfst, wenn Andere christliche Speisen essen — he —" er lachte und stieß ihn vor sich die Treppe hinunter. Als nun aber Nathan das dampfende Gericht, aus welchem der röthliche Saft hervorquoll, vor sich stehen hatte, da schwanden Samuel's religiöse Bedenken, er vergaß jedes auf Fleisch uuö Butter, sowie unreines Schlachten bezügliche Verbot. Er bestellte ein Beefsteak und warf sich dann mit förmlicher Begeisterung darüber her in dem Genüsse schwelgend wie ein Fastender in seiner ersten Mahlzeit. Er bestellte noch mehr. Das zweite und dritte Beefsteak schmecktet: ebenso gut. Erst, als er nichts mehr hinunterbringen konnte, fiel ihm wieder ein, daß er das Speisegesetz übertreten habe. Doch jetzt erschien es ihm schon leichter, sich davon loszureißeu. Sie unterhielten sich darüber. „So machen es wirklich sehr Biele", bemerkte Nathan, „ich, zum Beispiel. Wer sollte es zu wissen bekommen? Schau Dich um — lauter Gojim*)". Samuel blickte sich verstohlen nach allen Seiten um. Es waren keine Juden da. Er fühlte sich erleichtert, flüsterte jedoch über den Tisch hinüber Nathan besorgt zu: „Aber Hindel?" Allein Nathan stieß ihn mit einer drolligen Grimasse in die Seite und erwiderte: „Was lohnt es sich, sich darum das Leben schwer zu machen. Nimm einen Löffel amerikanisches Oel, ehe Du zu Deiner Frau nach Hause gehst —" Und Samuel lachte. Eine neue Welt war ihm erstanden. Es blieb nicht bei diesem einen Mal. In seinem eigensn Hause genoß er fast gar nichts mehr. Mit all den Firlefan-z reien, die er erfunden, meinte er, sei und bleibe es doch nue Judenessen. Nun kenne er etwas, was besser sei. Er aß sich von Restaurant zu Restaurant. Wenn er bei dem einen den Speisezettel durchgekostet hatte, begann er anderswo von Neuem. Das bot ihm stets ein wenig Abwechslung. Zuletzt wurde er aber auch dessen überdrüssig. Warum sollte man in seinem eigenen Hause nicht gut leben können? Da könne man die Gerichte nach seinem eigenen Geschmack verändern. Er wollte die unglaublichsten Gerichte zusammensetzen, wollte probiren, was noch Niemand jemals geträumt hatte, schon im Voraus kitzelten das Aroma und der Geschmack seine Sinne. Aber Hindel? Bisher hatte er insgeheim, außerhalb des Hauses, entweder allein oder mit Nathan gegessen. Ueber die Schwelle seines Hauses war noch nie etwas Unreines gekommen. Ein kleiner Rest der Ehrfurcht vor heiligen Sitten und Bräuchen hielt ihn eine Zeit lang noch zurück. Aber auch diese Schranke fiel zuletzt. Nach einer heimlichen Berathung mit der Haushälterin ließ er eines Tages Schweinebraten an seinem Tisch herumreichen. Mit Grauen erblickte Hindel die verhaßte Speise auf ihrem Tisch. Sie erhob Einwendungen, sie bat und weinte, sie hielt ihm die Gesetzesworte vor, welche den Uebertreter der göttlichen Gebote mit ~ dem Zorn und der Strafe des Herrn bedrohen. Alber Samuel war der Herr im Hause und brachte sie durch einen Machtspruch zum Schweigen. Lange Zeit ließ sie ihr Essen nach den vorgeschriebenen Regeln zubereiten, ohne die verführerischen Speisen anzurühren, welche das Gesetz ihr verbot. Mit dem koscheren Essen schwand nach und nach auch das jüdische Gepräge des Hauses. Ueber die unreinen Speisen konnte kein Dankgebet verlesen werden. Mit dem vom christlichen Weinhändler bezogenen Wein im Glase ward das Kiddusch sagen zur Entweihung. Nur selten besuchte Samuel die Synagoge. Ihre streng orthodoxen Angehörigen zogen sich von ihrem Umgang zurück. Hindel litt schwer unter alledem, allein sie konnte es nicht hindern, von abergläubischer Furcht befangen, erwartete sie, Samuel und Nathan für ihre Gottlosigkeit mit Pest und Aussatz behaftet zu sehen. Allein Samuel befand sich vortrefflich dabei und kümmerte sich um nichts Anderes, so lange die christliche Speisekammer ihm neue Entdeckungen lieferte. Er gab seinen Restaurationsbekannten Herrenmittagbrode mit Austern, echten Schildkröten und Vogelnestern. Um diese Zeit fühlte Hindel sich von Neuem Mutter, doch diesmal ohne rechte Freude. Sie waren beide schon zu alt. Die *) Christen.

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