Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 49 (3.12.1897)
- Date
- 1897-12-03
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 49 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 993 Schaaren von Gläubigen nach dem Tempel, und in der portugiesischen Synagoge in der Rue Buffault wurde wirklich eine Predigt gehalten. Der Prediger, Rabbiner Weill, empfahl das Lesen von jüdischen Zeitungen als ein Mittel, die religiösen Bande zu befestigen. Kopenhagen, 16. November. In Bezug auf die Neubesetzung der Hilfsprediger stelle in unserer Gemeinde haben die Repräsentanten den Gemeindemitgliedern nachstehende Mittheilung zugehen lassen: „Da der Hilfsprediger in unserer Gemeinde, Herr Rabbiner Dr. K a l i s ch e r, auf eigenen Wunsch im Mai nächsten Jahres seine Stelle verläßt, muß eine Neuwahl stattfinden. Nach Ausschreibung der Bacanz, sind aus tzder Zahl der Bewerber fünf Herren ausgewählt worden, welche zu Probepredigten eingeladen werden sollen, und zwar werden sprechen: Herr Rabbiner Dr. I. Finke l sch er er ans Breslau am Sabbath den 20. und Montag den 22. November, Herr Dr. G o i t e i n, Rabbiner zu Nachod, am 27. und 29. November, Herr Dr. L'e v i n, Rabbiner zu Wreschen, am 4. und 6. December, Herr Dr. B. Seligkowitz, Rabbiner zu Cöthen, am 18. und 20. December, Herr Dr. D. Herzog, Rabbiner zu Ung.-Ostra, am 8. und 10. Jänner 1898. Für die Wahl, welche erst nachdem alle genannten Herren ihre Probepredigten gehalten haben, stattfindet, ist ein specielles Wahlcomit« gebildet worden. Petersburg. Wir lesen in der „B i rj e w i a W i e d o m o s k i": Seit zehn Jahren zeigen sich die staatlichen Schulen wenig gastfreundlich gegenüber den jüdischen Zöglingen. Jedoch findet man solche noch vor, wenn auch in geringer Anzahl. Wir kennen Anstalten, wo nicht ein jüdischer Schüler ist, so z. B. die Handelsschule von Kharkof, deren Kosten von der städtischen Kaufmannschaft aufgebracht werden. Ein israelitischer Kaufmann von Kharkof wollte den Grund dieser Ausschließung kennen. Der Director der Schule, Rath Werkowski antwortete ihm officiell: „Antwortlich ihres Schreibens theile ich Ihnen mit, daß Zöglinge jüdischen Glaubens in unserer Anstalt nicht ausgenommen werden können." Nun zählt aber Kharkof etwa hundert jüdische Kaufleute, deren Beiträge das Viertel von den Gesammtsummen ausmachen, die für die Handelsschule gezahlt werden. (Woschod 7. — 19. September.) Aus Longanski wird uns geschrieben: Seit der Gründung der Stadt Longanski besuchten die jüdischen Kinder die Gemeindeschule unter denselben Bedingmrgen wie die christlichen Zöglinge. Vor Kurzem nun hat der Gemeinderath angeordnet, daß in Zukunft die Juden nur im Verhältniß zu 10% der freien Stellen ausgenommen werden sollen. Dieser Beschluß steht im grellem Widerspruch mit dem Artikel 32 der Bestimmungen über die Gemeindeschulen, vom Kaiser im Jahre 1872 anerkannt, und welches festsetzt, daß in denElementargemeinde-Schulen die Zöglinge ausgenommen werden sollen ohne Unterschied der Herkunft und des Glaubens. Man hat in diesem Jahre 3 Juden ausgenommen und 'die Zahl der jungen jüdischen Candidaten überstieg 60. London. Ueber die neuesten englischen Preßtreibereien schreibt man einem Berliner Blatt aus London: Nachgerade kommen wir hier auf einen Vorgeschmack, was antisemitischer Lärm in der Presse bedeutet. „Pall Mall Gazette", immer ein Outsider in dem politischen Leben unserer Presse, hat sich der judenfeindlichen Richtung angenommen und secundirt dem „Daily Chronicle". Von jüdischer Seite führen die Bertheidigung in Briefen an die Zeitungen Maurice Jacobs, der das bekannte Urtheil von Gladstone über den continentalen Antisemitismus anführt, ferner Zangwill, Dr. Schidrowitz, Lucien Wolf und Oswald I. Simon. Es sind immer wieder dieselben Beschuldigungen und Angriffe (Mangel an Patriotismus rc.), die Sie aus Ihren Kämpfen dort genau genug kennen und die ich deshalb nicht zu erwähnen brauche. Auch die Bertheidigung wird mit den gleichen Argumenten und zum Theil sogar mit dem von Ihnen gesammelten Material (Juden als Verbrecher, Soldaten rc.) geführt. Ich beschränke mich daher auf die Constatirung dieser Discussion. Lord Rothschild gab Montag den 7. d. M. im Hotel Bonn all' den Beamten, welche bei den Gottes diensten in der Grseth-Essembly Halle mitgewirkt hatten, ein großes Fest, welches einen glänzenden Verlauf nahm. Ein interessantes Bild bot der Club der jüdischen Arbeiterinnen am letzten Sonntag, denn Zangwill hatte zugesagt, einen Bortrag zu halten und die ganze Halle war gedrängt voll. Nicht nur die Mitglieder des Clnbs^ sondern auch ihre weiblichen Angehörigen, ja selbst Kinder waren gekommen, uni den beliebten Redner zu hören. Es braucht kaum bemerkt zu werden, daß Zangwill's Vortrag, der über seine Reiseerlebnisse in fremden Ländern sprach, außerordentlichen Beifall fand. New-Aork, 14. November. Aus dem Berichte des Herrn Vicepräsidenteu der Vereinigten jüdischen Wohlthätigkeitsgesellschaften entnehmen wir, daß im vergangenen Jahre mehr als 130.000 Dollars an Nothleidende verausgabt wurden. Zu dieser Summe zahlten 600 Mitglieder 34.000 Pfd. St., von verschiedenen Gesellschaften 32.000 Pfd. St., vom Baron de Hirsch- Fond 13.000, von Gemeinden 800 Pfd. St., von Privaten 6000 Pfd. St., von Legaten 5000 Pfd. St., durch Collectionen 47.727 Pfd. St. Zum Schluß sagte der würdige Herr: Alle Zeichen deuten darauf hin, daß Pauperismus und Bettelei der von uns protegirten Bevölkerung im Abnehmen begriffen sind. Die Einwanderung hat eine Abnahme erfahren. Kräftige Männer, die ein Handwerk verstehen, sind sicher. Arbeit zu finden. Wir brauchen blos eine kräftige financielle Unterstützung, welche uns während der nächsten 2—3 Jahre in Stand setzt, unsere Arbeit mit solcher Kraft weiter zu führen um es uns zu ermöglichen, jeden Fall wirklicher Noth wo möglich heben zu können. Wenn sich die Verhältnisse besser gestalten und wir einer kräftigen financielle Unterstützung sicher sind, könnten wir ein System einführen, das die höchste Form der Wohlthätigkeit bietet, nämlich Hilfe, die den Betreffendeil in Stand setzt, seinem Gewerbe nachzugehen und seine Familie durch seiner Hände Werk zu nähren, ein System, das aufbauend und nicht zerstörend wirkt. — Für das nächste Jahr wurden gewählt die Herren: Jul. S. Bucha, Abr. Bernhard, Nathan Bijur, Maks Fischet, Henry Goldman, Jsajah Josephi, H. H. Meyer, Moses Newborg und Cyrus Salzberger. New-Aork. Bei der Bürgermeisterwahl von Groß-New- Iork fiel das jüdische Votum sehr schwer in das Gewicht. Begreiflich genug, denn von den 400.000 Juden in New-Iork haben sicher mindestens 100.000 Stimmrecht. Obwohl nun auch die Juden sich dagegen wehren, daß sie als einzeln politisch zusammengehörige Gruppe betrachtet werden, sehen doch alle Politiker die Sache so an und nehmen deshalb auf ihre Listen immer einige jüdische Candidaten, wenn auch für Stellen zweiten und dritten Ranges auf. Viel charakteristischer ist aber, daß sich die Candidaten wechselseitig des Antisemitismus beschuldigen, um dem anderen die Stimmen abzutreiben. Die jüdischen Freunde der einzelnen Bürgermeister-Candidaten waren daher zu einer Polemik in den weitverbreiteten Jargonzeitungen genöthigt, um ihre Erwählten vom dem schwerwiegenden Borwurfe der Judenfeindschaft reinzuwaschen. Philadelphia, 11. November. Der allgemein geschätzte und geliebte Dr. Sabbato Moreis, Rabbiner der Mikoch Israel- Gemeinde, wurde heute plötzlich aus seiner irdischen Wirksamkeit abberufen. 47 Jahre war er im Amte und das anerkannte Haupt des altgläubigen Judenthums durch Schrift und Wort für seine Ueberzeuguug kämpfend und keinen Finger breit weichend von den eingenommenen Standpunkt, ohne in seinen Coutroversen sich persönliche Ausfälle zu Schulden kommen zu lassen. Ein ehrlicher fester Charakter, war er tolerant genug, die Ansichten Anderer zu achten, so lange sie den Stempel der ehrlichen Ueberzeuguug trugen. Bor 75 Jahren in Italien geboren, der Sohn armer Eltern, erhielt er in seiner Jugend gediegenen Unterricht in Bibel und Talmud und fand später Verwendung iw London. Als die Stelle in Philadelphia vacant ward, fand seine Bewerbung eine günstige Aufnahme. Er erwarb sich durch seine Beredsamkeit, durch seine echt jüdische Frömmigkeit nicht nur die Liebe seiner eigenen Gemeindeglieder, sondern auch die Beachtung und Schätzung aller Jehudins in Amerika. Er war einer der Gründer des New-'Iorker Rabbiner- Seminars, das dem Concratier Rabbiner-Seminar das Gegengegewicht bieten soll, und bis zu seinem Ableben dessen Präsident, ohne die geringste finanzielle Belohnung dafür zu erhalten. Er war ein Republikaner vom Scheitel- bis zur Sohle. Während des Bürgerkrieges donnerte er gegen die Sclaverei. Er besaß ein vielseitiges Wissen. Seine elegante Ausdrucksweise in der englischen Sprache bekundete seine Belesenheit in der englischen Literatur, dabei ein gediegener Kenner der italienischen Literatur, beherrschte er auch die deutsche und französische Sprache. Das altgläubische, sephardische portugiesische Jndenthum verliert in ihm ihr Oberhaupt, die Rabbiner 'Amerikas eine ihrer größten Zierden und der Platz, den er einnahm, wird wohl schwer zu besetzen sein.