Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-12-03 · 49 (3.12.1897) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
49 (3.12.1897)
Date
1897-12-03
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021169-3021218--07348-3031672
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Serie 992 Br. Vlortz's WochrnschrM vir. ^9 geklagten Encke und Witte hielt er eine Geldstrafe von je zehn Mark für ausreichend. Hamburg, 29. November. Heute fand unter ungeheurer Theilnahme die Leichenfeier des vorgestern so jäh ans dem Leben geschiedenen Hofrathes Po llin i statt, dessen Name in der deutschen Theatergeschichte stets einen ersten Platz behaupten wird. Die Zahl der Trauergäste war so groß, daß der Zutritt in die Wohnung schon eine Stunde vor Beginn der Trauerfeier nicht mehr möglich war. Außer der Familie und den Verwandten des Entschlafenen waren die ersten künstlerischen und technischen Kräfte der vereinigten drei Theater anwesend. Ebenso waren die vornehmsten Gesellschaftskreise, die Stadtvertretung durch Senator O' Swald und zahlreiche auswärtige Bühnenvertreter anwesend. Die Zahl der Kränze ging in die viele Hunderte. Nach Absingung eines Trauerchores ergriff Prediger Dr. Leimdörfer das Wort zu einer mächtig ergreifenden Ansprache, der wir folgende Stellen entnehmen: Ein um unsere Vaterstadt hochverdienter Bürger, der in den weitesten Kreisen unserer Vaterstadt, ja in ganz Deutschland und über dessen Gemarmngen hinaus sich eines bedeutenden Rufes erfreute, ist plötzlich unerwartet hinüber geschlummert in die Ewigkeit. Wie ein Blitz aus heiterem Himmel wirkte die Trauerkunde: H o f r a t h P o l l i n i i st n i ch t m e h r. Die Hiobsbotschaft traf uns an heiliger Stätte, wo vor uns aufgeschlagen lag der 29. Vers des 26. Capitels in' der Genesis, das Abschiedswort, welches ein König unserem Patriarchen : „Wir entsenden Dich i n F r i e d e n, Du Gesegneter des Herrn!" Wo gäbe es ein geeigneteres Bibelwort, um den Namen und das Wirken dieses bedeutenden Menschen zu beleuchten, ehe wir ihm den Scheidetzruß zollen und seine Reste betten in die winterliche Muttererde. Jeder Mensch hat zwei Namen. Einen, den Vater und Mutter ihm gegeben, und einen, den er sich selbe r erwarb. Hier trifft die Bedeutung beider zusammen: Als er vor 61 Jahren zu Köln das Licht der Welt erblickt hatte, nannten ihn Vater und Mutter Baruch, Benedictus, der Gesegnete. Als er vor zwei Tagen die Augen geschlossen, nannten ihn die Tagesblätter einen Gesegneten. Worin bestand nun der Segen, der sich an seinen Namen knüpft? Irdische Erfolge, weltliche Anerkennung, auch fürstliche Ehren sind Segnungen, die nicht von ewiger Dauer sind. Sein Segen liegt auf einem Gebiet geistigen Lebens,- auf deni der deutschen Kunst, in seinen Schöpfungen u n d L e i st u ng e n i m D i e n st e unserer Vaterstadt, ja im Dienste des g e s a m m t e n deutscher: Vaterlands. Die Musen weinen und verhüllen ihr thränend Angesicht an ihres Reiches Pforte ihre Tempel verwaltet, ihre Altarsflammen anfacht und erhält und ihre Priester und Priesterinnen leitet mit väterlichem Rath und Fürsorge. „Wir entsenden Dich, Gesegneter des Herrn", den Gott begnadet hat mit einem kühnen, ingeniösen Geiste voll Verstandesschärfe, Sach- und Fachkenntniß schöpferisch-organisatorischen Talentes mit einer Arbeitskraft, die ans Fabelhafte grenzt. Wie es in der Religion und in der Wissenschaft außer den Priestern auch Propheten gibt, die mit weitem Seherauge in ihre Gebiete schöpferisch eingreifen, so wies er mit seltenem Seherblick seinen Jüngern die Bahnen, die zu ihrem Ruhm, zu leuchtendem Glanze sie geführt. An den Namen Pollini knüpfen bedeutende Größen im deutschen Vaterlande ihre Erfolge und ihre Namen. Er hat unserem Hamburg dadurch viel Ruhm und Ehre eingebracht und bewiesen, daß Hamburg nicht nur eine Stadt des Handels, der Gewerbe und des mächtig pnlsirenden Weltverkehrs, sondern auch ein blüthenreiches Gefilde deutschen Kunstlebens ist, das der Welt nicht nur Sterne, sondern förmliche Sonnengloben in den Meistern classischer Rede und classischen Gesanges an den Himmel gezaubert. Man unterschätzt gewöhnlich die Bühne auf der Höhe. Der vorüberwallende Alltagsmensch meint, das Theater sei nichts weiter, als eine Heimstätte der Lust, der Freude, der Muße, des seelischen Entzückens bei süßer Passivität. Das ist nicht die Bühne auf der Höhe; diese trägt trägt vielmehr Schwingen des Idealismus und der Begeisterung, wie für Aesthetik, also auch in hohem Maße für die ethische Willensbestimmung der lebenden Generation. Da tritt die Weltgeschichte aller Zeiten und Zonen uns vor die Seele, da wogt der Pulsschlag classischer Poesie aus der Weltliteratur, da lauschet unser Ohr den zauberisch süßen Lauten unserer schönen, heiligen deutschen Muttersprache, da lachen und weinen wir mit unfern großen Dichterfürsten, da lernen wir ein Stück Religion: Begeisterung fiir das sittliche Ideal, für alle Hohe, Schöne, Edle und Erhabene, aber auch Verabscheuung alles Entwürdigenden, Niedrigen und Gemeinen. Nach diesen Principien waltet er seines Amtes und daher die reichen fürstlichen Ehrenkronen und andere Erfolge. „Ein Gesegneter des Herrn" war er auch als Mensch, der infolge seiner Stellung viel Gutes schaffen, viel Wohlthätigkeit üben konnte. Mit offenem Herzen und offener Hand linderte er das Elend vieler Künstlerwitwen und -Waisen, und einige Male vernahm ich aus seinem eigenen Munde, wie großem Elende er zu Hilfe kommen müsse. So scheiden wir denn von Dir mit den heiligen Gelöbnissen, Dein Andenken treu zu bewahren und deinen Namen, der mit goldenen Lettern eingezeichnet sein wird in die Annalen der deutschen Kunstgeschichte, stets hoch zu halten. Wir entsenden Dich zu den immergrünnen Auen des ewigen Lebens mit den Segnungen der Religion, unserer Familie, unserer Vaterstadt und Alldeutschlands, Gesegneter des Herrn! Friede und Seligkeit Deinem Geiste! Ehre Deinem Andenken! Unsterblichkeit Deinem Namen! Darauf folgte eine Ansprache des Herrn Oberregisseurs B i t t o n g als des Vertreters des Organismus der drei Theater, die ebenso zu Herzen ging, wie sie von Herzen kam. Nun erklangen die sanften Accorde des Mendelssohn'schen Scheideliedes: „Es ist bestimmt in Gottes Rath." In schmerzlicher Bewegung nahmen die Familienmitglieder und die übrigen Leidtragenden Abschied vom dem Sarge, der den Entschlafenen barg. Die Blumen und Kränze wurden hinausgetragen und füllten 6 Wagen, dann folgte unter Posaunenklängen der Sarg mit den Kränzen der Nächststehenden und wurde in den vierspännigen Leichenwagen gehoben. Langsam setzte sich der Zug in Bewegung. Rechts und links füllte eine int absehbare Menschenmenge die Gehwege und bewegte sich mit dem Zuge in der Richtung zur Stadt. Hinter dem Sarge und dem Wagen mit Blumen schritt der Theaterchor, dann folgten viele der ausübenden Künstler, andere schlossen sich zu Wagen an. Ein fast unabsehbarer Zug bildete sich, die Zahl der Wagen dürfte 80 überstiegen haben. Auch am Friedhofe noch eine erschütternde Abschiedsrede und der Sarg Pollini's senkte sich unter den Schluchzen der Anwesenden in die kühle Gruft. Frankreich. Eine Versammlung, welche vorige Woche in Paris zu Gunsten der Candidatur des Herrn Alfred Neymark (des ausgezeichneten Statistikers und Viceprüsidenten der Tempel- Verwaltung) für einen erledigten Sitz in dem Centralconsistorium der Inden in Frankreich abgehalten wurde, zeigte, daß die finanziellen Angelegenheiten der Juden in Paris, was die Synagogen betrifft, mcht sehr glänzend sind. In Erwiderung der Klage des Herrn Praque, Herausgebers der „Arelüve8 i8rsä1ites", daß die Gemeinde im Unklaren über ihr Budget gelassen würde, da das Consistorium von Paris seit vielen Jahren die Veröffentlichung der Berichte und Schlußrechnungen unterlassen hatte, gab Herr Neymark die Richtigkeit dieser Bemerkung zu und zeigte durch Zahlen, daß das Einkommen, auf welches die Verwaltung sich zu verlassen ein Recht hatte, in fortwährender Abnahme begriffen sei. Der Tempel in der Rue de Tournelles hatte ein jährliches Deficit zwischen 20.000 und 25.000 Francs, und jener in der Rue de Nazareth brachte es knapp zu Wege, das Gleichgewicht zwischen Einnahmen und Ausgaben zu erhalten. Der Tempel in der Rue de la Victoire ersetzt dies natürlich. Der Verkauf von Mizwoth — es wird unsere Leser interessiren, daß dieser Gebrauch in Paris noch im Gang ist — und die Spenden zeigen eine große Abnahme, welche Herr Neymark einem Nachlassen der religiösen Gefühle zuschreibt. Ein anderer Sprecher meinte, daß die Verwendung der Orgel in allen Synagogen, welche den Gefühlen einer Minorität von eifrigen Betern entgegengesetzt ist, ebenfalls für den unzulänglichen Stand der Angelegenheiten verantwortlich zu machen ist. Wenn man die Bemerkungen über ein Nachlassen der religiösen Gefühle bedenkt, welche in der oben besprochenen Versammlung gemacht wurden, so scheint es beinahe eine Anomalie, wenn man erfährt, daß die Zahl der häuslichen Succahs von Jahr zu Jahr wächst, ungeachtet der Schwierigkeiten, welche dadurch entstehen, daß die Leute meistens in den Stockwerken wohnen. Bei dem letzten Laubhüttenfeste waren die Succahs zahlreicher als je, und aus einer Liste, welche von den „Archives israelites" veröffentlicht wurde, entnehmen wir, daß einige derselben in den modernsten Theilen der Stadt waren. Simchas Torah, so erfahren wir aus derselben Quelle, zogen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.