Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 49 (3.12.1897)
- Date
- 1897-12-03
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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^eite 988 Vr. VLoch's Wochenschrift. Nr. 49 Bericht aus Staraya-Siniawa an den Woschod vom 28. September, 10. Oktober. Die armen Juden unseres Fleckens sind wahrhaft beglückt. Alle Tage kommen Wagen von den Grundbesitzern der Umgebung und holen jüdische Taglöhner für die Feldarbeit ab; 30 bis 40 Wagen befördern täglich 300 bis 400 Juden, die Abends zurnckgebracht werden. Ebenso beschäftigen die Zuckerfabriken unserer Gegend jüdische Arbeiter; so hat sich die wirthschaftliche Lage der armen Leute wesentlich gebessert. Leider werden sie beim Herannahen der ungünstigen Jahreszeit wieder in ihr ehemaliges Elend znrücksinken. Die Grundbesitzer würden gern jüdische Arbeiter für das ganze Jahr engagiren, aber die Polizei hält streng darauf, daß diese sich nicht auf dem Lande aufhalten, wo „der Aufenthalt den Juden durch die Gesetze und Verordnungen untersagt ist". Der Senat hat folgende zwei neue Verordnungen, erlassen, welche wie alle Entscheidungen dieser hohen Versammlung, ihre Gesinnung bei der Deutung oder 'Anwendung der Gesetze deutlich zeigten. Sie sind im Woschod veröffentlicht. 1. In einer ausführlich begründeten Verordnung hat der Senat entschieden, daß die Juden, welche vor dem 18. Juli 1892 in den kaukasischen Gebieten ansässig waren, berechtigt sind, ihren Wohnsitz zu behalten, selbst wenn sie nicht das Privileg besitzen, im ganzen Reiche zu wohnen. 2. In einer Plenarversammlung hat der Senat sich günstig über die Eingabe der jüdischen Brauer und Branntweinbrenner ausgesprochen. Von nun an haben diese das Recht, ihr Geschäft auch außerhalb des Territoriums zu betreiben und sich während der Zeit wo die Brermerei stattfindet, außerhalb der Städte und Flecken des Territoriums auszuhalten. Die Juden in Amerika. Von Dr. Silberstein in Wiesbaden. F r a u f u r t a. M., 19. November. Am vergangenen Sonntag eröffnete der Verein für jüdische Geschichte und Literatur seine dieswinterliche Saison mit einem Vortrag des Herrn Stadt- und Bezirksrabbiners Dr. S i l b e r st e i n aus Wiesbaden über die Juden in Amerika. Redner schilderte, wie die Vorsehung an die Katastrophe der Vertreibung der Juden aus Spanien am 2. August 1492 die Entdeckung eines Erdtheils anknüpfte, der ihnen eine glückliche Freistatt bieten sollte; denn am 3. August 1492 stach Christoph Columbus in See. Auch direct waren Juden bei dieser Entdeckung betheiligt. Ein castilischer Jude stattete Columbus mit einem Theil der zur Ausrüstung nothwendigen Mittel aus, ein portugiesischer Jude zeichnete ihm die Karten, andere befanden sich unter seinen Gefährten, so Rodrigo von Triena, der zuerst das neue Land von ferne schaute, und Louis von Tossi, der den amerikanischen Boden zuerst betrat. Jndeß litten auch dort die Juden unter der spanischen Verfolgungswuth, auch dort leuchteten die Autodafes. Aber Holland gewährte in seinen Colonien eine gastliche Zuflucht. 1639 erhielt David Nassi von der holländisch-westindischen Compagnie die Erlaubniß, auf der Insel Cayenne eine Colonie zu gründen, auf der den jüdischen Ansiedlern volle bürgerliche und religiöse Freiheit zugesichert war. Als aber später die Insel französisch wurde, da wurden den Juden diese Rechte wieder entzogen und unter Ludwig XVI. wurden sie von der Insel Cayenne vollständig vertrieben. Sie wandten sich nach der Insel Sumatra, wo ihre Nachkommen noch heute eine angesehene und wohlhabende Gemeinde bilden. Ebenso wurde den Juden in Jamaica wie in Holländisch-Westindien Glaubens- und Gewissensfreiheit gewährt. Um die Mitte des XVII. Jahrhunderts war den Juden jenseits des Oceans die Sonne der Freiheit aufgegangen, die ihnen iir der alten Welt noch nirgends leuchtete; denn selbst im Mutterlande Holland blieben die Juden bis 1795 noch sehr wichtigen Beschränkungen unterworfen. Auch in den unter englische Herrschaft gelangten Colonien wurden den Juden die Rechte gewährt, wie in den holländischen. Ebenso wurde auch den neuankommenden jüdischen Ansiedlern Glaubens- und Gewissensfreiheit zugestanden, wie allen Denen, die aus religiösen Motiven die Heimat verlassen hatten. Außer Juden waren es Puritaner, Quäcker, Hugenotten, Katholiken, Salzburger und Andere, die auf amerikanischem Boden Colonien gründeten. Es mögen zwei Millionen gewesen sein, gewiß kein geringer Gewinn für das menschenleere Land, besonders, wenn man die hohe Gesinnung bedenkt, welche die um der heiligen Güter willen Geflohenen beseelte. Es ist bekannt, aus welchen Gründen die Colonien sich von der englischen Herrschaft befreiten. Ströme Blutes flössen, aber dafür entstand auch ein Staatsgebilde, dessen Verfassung auf Freiheit und Gleichheit ruht und den modernen Anforderungen volle Rechnung trägt, eine Verfassung, zu deren Vorbild, wie ein angesehener amerikanischer Jude nachzuweisen sucht, die Verfassung des jüdischen Staates gedient hat. — Die ersten Einwanderer waren unzweifelhaft portugiesische oder spanische Juden. Von der Einwanderung deutscher Juden hören wir nur sehr wenig. Den durch Jahrhunderte lang geübten Druck alles Lebensmuthes beraubten deutschen Inden war die Hoffnung erloschen, als könne es auf Erden eine Stätte geben, wo den Juden ein freies Aufathmen vergönnt sei. Es mochte wohl auch die Kunde von dem weit entlegenen Amerika zu dem in den Ghetti Eingesperrten nicht einmal gedrungen sein. Erst die Freiheitskriege brachten eine Aenderung. Die jüdische Jugend half mit ihrem Blut die Befreiung erringen; aber dann wurde den Juden bedeutet, sie seien auf deutschem Boden Fremde. Da wurde es ihnen doch zu eng, zu schwül und als der Freiheitshauch der Julirevolution herüberwehte, da schüttelte so Mancher den Staub von den Füßen und lenkte seine Schritte nach dem Lande der Freiheit. Insbesondere gingen aus Bayern, das durch seine Matrikelgesetzgebung die Ansässigmachung und Verheiratung so sehr erschwerte, viele nach Amerika. Ganze Gemeinden mit ihren Beamten und ihren Thorarollen wunderten aus. Die praktischen Amerikaner erblickter: in dem sittlichen Ernst, in dem Fleiß und der Betriebsamkeit der Einwanderer ein ausreichendes Capital und genügende Bürgschaft für die Gründung einer Existenz. Der deutsche Jude, durch Zunftzwang und andere Beschränkungen von der Erlernung eines Handwerkes ausgeschlossen, wandte sich in Amerika dem „Peddlen", das heißt Hausiren zu. Freudig begrüßte der Farmer in seiner Einsamkeit den Haustrer, der für seine leiblichen und geistigen Bedürfnisse sorgte. Sobald er konnte, errichtete der Hausirer einen Laden. Tausende von blühenden Geschäften zeigen dann auch von dem Wohlstände, den die Juden jenseits des Oceans errangen und von ihrer geachteten, ehrenhaften Stellung, und wenn sie auch keinen Banderbilt aufzuweisen haben, so ist dies im Interesse der Gesammtheit kaum zu beklagen, denn es schützt sie vor dem Verdacht, als befänden sich alle Schätze in jüdischen Händen. Die Ausgewanderten haben, mit einem' stark ausgeprägten Familiensinn ausgestattet, den Zusammenhang mit ihrer alten Heimat immer lebendig zu erhalten gesucht, sie unterstützen liebevoll ihre Verwandten, ihre früheren Gemeinden. Neben der treuen und innigen Liebe zu den Ihrigen in der Heimat wurzelt in ihren Herzen auch die Treue und innige Liebe zu ihrem Glauben, wenn sie auch nicht überall alle Vorschriften befolgen. Wenn eine Anzahl von Ansiedlern zusammen kam, so war das Erste, daß sie ein.Stück Land für einen Begräbuißplatz kauften. Unmittelbar daran schließt sich stets die Gründung eines Wohlthätigkeitsvereins. Für Bedürfnisse des Gottesdienstes wurde daun ein Vorbeter angestellt, der zugleich Religionslehrer war, zum Bau einer Synagoge geschritten, und die Gemeinde war constituirt. Die erste jüdische Gemeinde bildete sich in New-Iork auf der Insel Rhode Island, eine Colonie, die von William Rhode für alle um ihres Glaubens Willen Verfolgten gegründet wurde. Dorthin zogen die Juden aus Neu-Amsterdam, dem jetzigen New- Iork, als der holländische Commissär ihnen Beschränkungen auferlegte. Wer hätte damals ahnen können, daß in demselben New- Iork einst eine so große Zahj von Juden — man spricht von 300.000 — wohnen würde. New-Iork zählt gegenwärtig 23 Synagogengemeinden mit zum Theil prächtigen Gotteshäusern. Im Ganzen mag in den Bereinigten Staaten eine Million Juden sein. Nach dem officiellen Census von 1890 hatten sie 438 Synagogengemeinden mit 300 Synagogen und 231 gemietheten Localen. Der Werth ihrer kirchlichen Gebäude beziffert sich auf zehn Millionen Dollars. Der Religionsunterricht wird in den größeren Gemeinden von Rabbinern und Lehrern die von freiwilligen Kräften aus der Gemeinde unterstützt werden, ertheilt. In den Siebziger-Jahren gründeten die amerikanischen Juden ein Rabbinerseminar in Cincinnati. Es gibt eine Anzahl jüdischer Zeitschriften, von denen fast Jeder wenigstens eine hält. Freilich, die Wissenschaft des Judenthums ist bisher in Amerika wenig angebaut worden; aber dennoch gibt es schon ganz respectable Leistungen. Es existirt zum Beispiel ein Verein, der seinen Mitgliedern jüdische Literatur billig zukommen läßt. In Baltimore ist ferner die große Maimonides-Bibliothek. Geradezu imponireud sind aber die Wohlthätigkeitsanstalten, z. B. das Waisenhaus in Cleveland mit 5—600 Kinder, das