Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-12-03 · 49 (3.12.1897) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
49 (3.12.1897)
Date
1897-12-03
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021169-3021218--07343-3031667
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Dr. Vloch's WochenMrM Seite 987 irr i-t "arr'nr<>fi«wn in Nr 49 Zur Lage in Lutzland. Einige Zeitungen der letzten Wochen berichten über verschiedene Thatsachen und Kundgebungen, die als ein Zeichen für die etwas gerechtere Beurtheilung der so sehr schmerzlichen Lage der Israeliten in Rußland angesehen werden können. Alan ist noch weit entfernt von einem Umschläge, der ihr Geschick zu einem erträglichen machen könnte; indessen sind ihre physischen und moralischen Leiden derart, ihr Elend so groß, daß das geringste Zeichen von Wohlwollen, wenn es von der höheren Verwaltung ausgeht, mit tiefempfundener Dankbarkeit entgegengenommen wird, und ihr Herz von Neuem der Hoffnung öffnet. So wurden auch die Worte des Gouverneurs von Kherson entgegengenommen, die er bei einer Gelegenheit sprach, über welche der „Odeßki Listok" vom 24. August — 5. September berichtet. Der Staatsrath I. M. Obolenski, der neue Gouverneur von Kherson hat eine neue Aera in den Beziehungen der Verwaltung mit der jüdischen Bevölkerung eingcführt. Nachdem er der Sitte nach die Besuche sämmtlicher Körperschaften empfangen und erwidert hatte, besuchte der Gouverneur am nämlichen Tage den Bischof von Kherson, den Priester der katholischen Kirche und den officiellen Rabbiner Dr. Grieberg. Anbei wörtlich die Erklärung, welche der Gouverneur dem Rabbiner abgegeben: „Ich freue mich, Ihnen sagen zu können, daN die Berichte und Ansichten der Local-Behörden voll des Lobes über die jüdische Bevölkerung sind. Dieselbe ist arbeitsam, ruhig und enthaltsam. Es besteht kein Verdacht gegen dieselbe. Die Loyalität der jüdischen Unterthanen und Bürger ist tadellos. Infolge früherer Umstände halten sich die Juden — bald mit Unrecht, bald oft mit Recht — für geschädigt und durch die Erlässe der provinzialen Behörden für Märtyrer; sie wenden sich alsdann direct an den Senat des Reiches und bestürmen denselben mit Klagen, Forderungen und Einsprachen, die den Gang der laufenden Geschäfte dieser hohen Versammlung aufhalten. Wollen Sie Ihre Glaubensgenossen davon in Kenntniß setzen, daß ich in einer großen Anzahl von Fällen augenblicklich bestimmen kann über diese oder jene Frage, sowohl nach den bestehenden Gesetzen, wie auch den Interessen der Juden gemäß. Auf diese Weise werden die Kläger gleich zu ihrem Rechte kommen, und der Senat von einer Menge oft nichtiger Klagen behoben feilt!" Gegenüber dem Vorwurf, als ob die Juden die Bauern ausbeuten und zu Grunde richten, citirt der letzte Bericht der Alliance israelite folgenden Artikel im „O d e ß k i L i st o k" vom 25. September, 7. Öctober, der mit officiellen Thatsachen und Zahlen angefüllt ist, und man wird daraus ersehen, wie viel Böswilligkeit dazu gehört, um diese elende Anklage nur wieder aufzubringen. Die jüdischen Gastwirthe waren zu allen Zeiten wie die Wucherer der Gegenstand böswilligster Insinuation. Glücklicherweise hat das Gesetz vom 24. Mai 1893 bezüglich des Wuchers und das Decret, welches dem Staat das Monopol für den Verkauf von Spirituosen zuerkannt, dem Märchen ein Ende gemacht, welches die israelitischen Gastwirthe und Geldgeber so hinstellt, als beuten sie die Landwirthe ohne Gewissensbisse aus. Dank diesen Gesetzen werden die Juden in Zukunft mit mehr Gerechtigkeit benrtheilt werden und wird man auch ihre ökonomische Rolle besser beurtheilen. Zunr Ueberfluß müssen wir daran erinnern, daß das Gastwirthschaftsgewerbe den Juden sozusagen anfgedrungen wurde. Als sie sich in Polen und im ehemaligen Großherzogthnm Lithauen niederließen,'wurde ihnen untersagt, sich auf dem dem Adel gehörigen Grund und Boden niederzulassen, es sei denn als Verkäufer von Getränken en Gros und im Detail, und mit der Verpflichtung ausschließlich die Producte des adligen Besitzers zu verkaufen. So waren sie denn die einzigen unter dem Schutze der Großen stehenden Juden. Mehr als ein Jahrhundert hindurch übten sie dieses Gewerbe ans. Zahlreich sind die Schriftsteller, die ihre Verdienste — ja, ihre Verdienste in ihrer Eigenschaft als Gastwirth anerkannt haben. Warser selbst, dem man keine Vorliebe für die Juden zuzutrauen braucht, schreibt folgende Zeilen (Russkoye Boyatstw 1890, Nr. 11, Seite 206): „Unser russischer Gastwirth, der im Dorfe thront, ist oft ein sehr verächtliches Subject; wie wenig gleicht er dem armen jüdischen Gastwirth des Territoriums!" Interessant ist das Urtheil des bedeutenden Schriftstellers, Herrn Katkof: „Man hat plötzlich entdeckt, daß der jüdische Gastwirth den Ruin der Bauern auf dem Gewissen habe. Vollständiger Jrrthum! Die jüdischen Gastwirthe sind nur im Territorium ansässig; nun ist aber das Elend der Landleute am größten in den Bezirken des Centrums. In jenen Gegenden, wo der jüdische Gastwirth unbekannt ist, wüthet die schreckliche Race der christlichen Gastwirthe. In den Bezirken des Territoriums trinkt der Bauer wenig, viel weniger als derjenige im Centrum; daher ist auch seine ökonomische Lage eine viel bessere. Gewiß gibt es im Territorium eine elende Bevölkerung, der es an Brod gebricht, die in gesundheitswidrigen Löchern haust; indessen sind dies nicht die Christen, sondern die Juden!" Sehen wir uns die officiellen Acten an: I. Auszug aus der statistischen Sammlung des russischen Reiches (Serie 3, fasc. 8): Der Durchschnitt des Rindviehs in den fünfzehn Bezirken des von den Inden bewohnten Territoriums, beträgt 757 Köpfe auf 1000 Einwohner; in den anderen Bezirken beträgt sie 720 Köpfe. II. Auszug aus der Statistik der directen Steuern (1883—1893): In den fünfzehn Bezirken des Territoriums haben die verspäteten Grundsteuern 11,7 7« _ betragen, dagegen 38 '/., in den Bezirken des Centrums und des Ostens. Die verspäteten persönlichen Steuern wären: a Für die ehemaligen Leibeigenen, in den 15 Bezirken des Territoriums, 13,1%. In den 35 anderen Bezirken, 41' ,. Von 1883 — 1893 betrug die Sterblichkeit der ganz kleinen Kinder von orthodoxem Glauben, auf 1000 Einwohner: In den 15 Bezirken des Territoriums 194. In den 35 anderen Bezirken 342. Von 1883—1893 hat die Landbevölkerung zugenommen: In den 15 Bezirken des Territoriums lim 2,70/00. In den 35 anderen Bezirken um 1,20 00. III. Auszug aus dem Register des Centralcomitös für Statistik (1887—1893): a Der Durchschnitt der Todesfälle bei den Alkoholikern bei einer Million Bewohner beträgt: In den 15 Bezirken des Territoriums 12. In den II angrenzenden Bezirken 61. In den 24 anderen Bezirken 61. Für ganz Rußland 50. W Im Bezirk Wilna waren die meisten jüdischen Schankwirthe anzutreffen; trotzdem betrug die Sterblichkeit daselbst im Jahre 1887 eiue auf 100.000 Einwohner; wogegen im nämlichen Jahre für ganz Rußland 1 Sterbefall durch Alkohol auf 15.000 Einwohner zu verzeichnen war. c Die Gemeinden besitzen das Recht, die Taugenichtse, welche schon eine Anzahl von Verurtheilungen dnrgemacht, ausznweisen und nach Sibirien zu versenden. Das Contingent derselben liefern die Bezirke von Wiotka und Orenburg, woselbst keine Juden wohnen. Ter Bezirk von Moskau, in welchem die Landbevölkerung 620.000 Seelen zählt, sendet 12 Mal mehr Verbrecher nach Sibirien, als die 9 Bezirke des Nord-Westen, des Süd-Westen, der Ukraine, woselbst die Landbevölkerung 1,000.000 Seelen beträgt und die meisten Juden anzutreffen sind. d Die Bezirke von Perm und Orenburg liefern die meisten Spitzbuben, die nach Sibirien deportirt werden. Unter den 10 Bezirken, woselbst die meisten Verurtheilten anzutreffen sind, befindet sich keiner aus dem Territorium. 6 Unter den 10 Bezirken, die die wenigsten Verurtheilten aufzuweisen haben, gehören 9 Bezirke zum Territorium. Dies sind die officiellen statistischen Angaben der russischen Regierung. Sie beweisen mathematisch klar, daß es ungerecht und unwahr ist, wenn man behauptet, die Juden übten auf die christliche Bevölkerung und namentlich auf die Landbevölkerung, unter der sie leben, einen schädlichen Einfluß aus. Im Gegentheil ergibt sich daraus vielmehr, daß die Juden für die Bauern und für das Land ein Element des Wohlstandes, der Gesundheit und des Reichthums bedeuten. Wenn man in Rußland selbst hiefür einen schlagenden Beweis geben sollte, so genügt es den folgenden Auszug aus dem „W o s ch o d" vom 14./26. September anzufiihreu : „Die Zeitung „B i r j e w i a - W i e d o m o st i" bringt, daß mehrere Zemstwos aus Mittelrußland an die Central-Regierung Eingaben gerichtet haben, in welchen sie ersuchen, den Juden des Territoriums in diesen Gegenden den Pferde- und Viehhandel zn gestatten. Diese Eingaben sind folgendermaßen begründet: die schlechte Getreide- und Futterernte hat die Verkaufspreise für Pferde und für Vieh erheblich gedrückt. Auf den Messen und Märkten wimmelt es von Verkäufern, die aber selbst zu Spottpreisen keine Käufer finden können. Früher kamen die jüdischen Kaufleute auf die Messen, kauften dort große Mengen Vieh ein und ermöglichten auf diese Weise den Absatz zum großen Vortheil der Landbevölkerung und besonders der Züchter. Nach den strengen Polizeivorschriften haben die Juden nicht mehr das Recht, auf die Messen zu kommen. Dies bedenter einen großen Schaden für die Züchter, namentlich bei der jetzigen Futternoth. Aus diesen Gründen ersuchen die Zemstwos, den jüdischen Kaufleuten wenigstens in den Jahren 1897 und 1898 den Besuch aller Märkte und Messen für den Ankauf von Pferden und Vieh zu gestatten." Wir hören, daß mehrere Stadtbehörden Mittel- und Ostrußlands gleichzeitig ähnliche Eingaben gemacht haben. Nach den officiellen Angaben der letzten Statistik sind in der Stadt Kiew 1889 Werkstätten, die Juden gehören, und 1328, welche Christen gehören. In den erstereu gehören die Schneider und Näherinnen mit 1000 Werkstätten; unter den Schustern überwiegen die Christen: 199 Christen auf 133 Juden; jüdische Tischler gibt es 200, 300 jüdische Schlosser. (Kiewlanine vom 18./30. September.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.