Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 49 (3.12.1897)
- Date
- 1897-12-03
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sette 986 Vr. Vlorh'» WochrnkchrM Sir. 49 Ein Beweismittel ist gerichtet, welches derartig beschaffen » ist, daß von fünf Gutachten im Anfang drei für eine Berurtheilung zu verwerthen sind; zwei nicht, und zu diesen zwei Gutachten treten nunmehr weitere zwölf angesehene, makellose Personen der verschiedensten Nationen öffentlich hinzu, die ihre Ansicht mit Gründen, die sie ihrer Sachkenntniß entnehmen, belegen. Bon der Schuld des Verurtheilten kann mithin ein objectiver Beurtheiler nicht mehr überzeugt sein; das ist ein negatives Resultat. Herr Scheurer-Kestner aber sagt: »J’ai acquis l’entiere conviction de l’innocence du capitaine Dreyfus.« Das wäre ein positives Resultat. Nun finden sich in den Gutachten, die bei Lazare veröffentlicht sind, die folgenden Bemerkungen, die wohlgemerkt alle, ohne Ausnahme, einer Zeit entstammen, bevor Scheurer-Kestner gesprochen hatte. CrSpieux-Jamin schreibt, nachdem er wie alle Anderen Dreyfus als Verfasser des Borderau zurückgewiesen hat: » . - Je ddclare . . . qu’il est probable que la* piece de question — (Bordereau) — ä ete faite avec l’intention d’imiter Pecriture de l’auteur — (Dreyfus) — des piäces de comparaison.« Gustave Bridier schreibt: »De eas de la talsification volontaire vient d’etre examine et juge irrealisable ... ce qui inciterait fort ä penser que ce ne serait pas l’dcrivain des pieces de comparaison — (Dreyfus), — mais bien plutöt celui de la piece de question (Bordereau) qui aurait falsifie son l’ecriture.« Paul Moriaud schreibt: •'De bordereau est l’oeuvre d’un faussaire, imitatein: grossier de Pecriture de Dreyfus.« Carvalho schreibt: »De bordereau n’est pas dcrit par le capitaine Dreyfus, il est l’oeuvre de quelqu’un ... qui a cherche ä imiter certains traits caracteristiques parti culiers et dominants de Pecriture authentique du capitaine Dreyfus.« Und Ames sagt: . . . »Je suis d’avis que ladite ecriture inconnue (Bordereau) est le rdsultat d’un effort tendant ä imiter ou ä contrefaire l’dcriture du capitaine Dreyfus et non pas Pecriture deguisee de ce demier.« G. Hvctes endlich schreibt: nach Lage der Sache müßte man gerade die Aehnlichkeit der Dreyfus'schen Schrift wegen annehmen: »Da piece incriminee est l’oeuvre d’un faussaire.« Das find sechs sehr merkwürdige Zeugnisse, die hier ganz unabhängig von einander abgegeben worden sind und die alle annehmen, ein Fälscher , hat die Schrift von Dreyfus nachgemacht. Nun hat sich der Verdacht auf den Grafen Esterhazy gelenkt. Er.ist ein herabgekommener Mensch; seine früheste Vergangenheit scheint dunkel zu sein; seine Schrift ähnelt der von Dreyfus; das Alles besagt wenig. Aber Graf Esterhazy richtet seine ersten Schritte, als er nach Paris zurückkehrt, zur „Libre Parole", von wo der erste Schuß gegen Dreyfus in die Oeffentlichkeit abgegeben worden ist; und Esterhazy begnügt sich nicht damit, zu sagen ich bin unschuldig, er begnügt sich nicht damit, die Beweise hierfür zu erbringen, sondern er glaubt sich zu dem Beweise verpflichtet, daß Dreyfus schuldig sei. Er erzählt eine lächerlich abenteuerliche Geschichte, wie eine verschleierte Frau ihn zu zwei Malen vor dem Attentat der Dreyfus-Freunde gewarnt habe; aber sie hat ihm auch das Material gegeben, um die Schuld von Dreyfus nun ganz unumstößlich beweisen zu können. Man denke, daß ein solches Roman-Abenteuer irgend einem anständigen Menschen zustößt. Er wird ohne Zweifel sagen: „Madame, ich bin ihnen sehr dankbar für ihre Warnung und ich werde nicht verfehlen, ihr Material an zuständiger Stelle zur Kenntniß zu bringen". Wäre er sehr vorsichtig und vertraute er der zuständigen Stelle nicht, so würde er die Originale vor Zeugen photographiren lassen. Aber das Alles thut Graf Esterhazy nicht; er behält jenes geheimnißvolle Material m der Hand, bis man ihn anpackt; er ist gewappnet und darauf vorbereitet, nicht sich zu vertheidigen — was selbstverständlich wäre — sondern Dreyfus zu vernichten. Er faßt sogleich das Ereigniß als ein Duell zwischen sich und Dreyfus auf; er sagt nicht, ich bin unschuldig, mag Dreyfus ein Verräther sein oder nicht; das geht mich nichts an; sondern er sagt, ich kann und will beweisen, jetzt wo man mich anpackt, daß gerade Dreyfus der Verräther war. Das ist ein psychologisch äußerst überraschendes und merkwürdiges Moment; dieses Benehmen aber ist nicht mehr überraschend und nicht mehr merkwürdig, wenn man Eines voraussetzt. Wenn in dem Kopfe von Esterhazy der Gedanke wohnte und sich eingebohrt und eingenistet hatte, ich bin gerettet, wenn Dreyfus verurtheilt bleibt, dann handelt man so, wie er handelt. Ein Unschuldiger aber, der plötzlich von einem gefahrvollen Verdacht belastet ist, der handelt zunächst gewiß nach dem naheliegenden sich unmittelbar aufdrängenden Gesichtspunkt: Ich bin ohne Schuld, das werde ich beweisen; aber was geht es ihn an, wer der Schuldige ist. Genau so wie Esterhazy bemerkenswerther Weise nicht gehandelt hat. Setzt man, wie die Schreibsachverständigen es thun, einen Fälscher voraus, der die Handschrift von Dreyfus nachgeahmt hat, und ergriffe man diesen Fälscher, so würde, wenn er nicht die allersicherste Selbstcontrole und eine ganz überlegene Klugheit besäße, sein erster instinctiver Gedanke der sein, um mich zu retten, werde ich beweisen, daß der Andere es doch gewesen ist, der das ominöse Schriftstück geschrieben hat. Das sind Psychologische Erwägungen, die einen Verdacht zu verstärken wohl geeignet sind, die aber schließlich eine letzte Entscheidung nicht bringen können. Dagegen drängt sich die Frage auf: Läßt sich ermitteln, wer brachte die ersten Nachrichten der „Libre Parole"; wer gab dem Colonel Sandherr das Bordereau; welche geheimnißvolle, „vertrauenswerthe" Person sagte dem Commandanten Henry, daß es ein Officier sei, der das Kriegsministerium bestehle. Sollte auf diesen Pfaden nicht weiter zu kommen sein? Fragt man, wie die heutige verworreye Lage geschaffen wurde, so spricht die Wahrscheinlichkeit für folgende Entwicklung: der General Mercier, von dessen Besonnenheit man nach seinem weiteren Auftreten eine hohe Meinung nicht haben kann, beginnt mit der Verhaftung von Dreyfus auf einen ganz schattenhaften Verdachtsgrund hin; ein unüberlegter Schritt. Als dieser Schritt durch die „Libre Parole" von gewiß interessirter Seite bekannt gemacht worden war, mußte Mereier fürchten, daß die Hetzpresse, die seine Stellung durch die Affaire Turpin erschüttert hatte, ihn sicher vernichten werde, wenn auch Dreyfus den Drumonl und seinen Helfern entging. So scheint denn der General es vorgezogen zu haben, immer überzeugter von der Schuld des Dreyfus zu werden, um damit eine immer festere Stütze an den Drumonts zu erhalten, was ihm gelang und ihm sein ministerielles Leben auf einige Zeit erhielt. Wer die antisemitische Bewegung seit Jahren und Jahren kennt, der weiß, daß der Weg in verderbliche Sümpfe immer nur durch die Schwäche der höchsten Beamten geöffnet worden ist. Der Terrorismus des bis zum Verbcecherischen gewissenlosen Antisemitismus hat vorübergehend leider auch bei uns und in Oesterreich-Ungarn, wie in Frankreich zu triumphiren vermocht. Heute ist die Zahl der anständigen Männer und Blätter in Frankreich, die vorurtheilslos den Fall Dreyfus bettachten, beständig im Wachsen; und wenn man in der ganzen Welt diesen Ereignissen mit Antheilnahme folgt, so geschieht es nur aus einem einzigen Grunde, weil man mit der Mög chkeit rechnet, daß ein Unschuldiger zu unerhörten Leiden verurtheilt wurde. Wir lesen von der Affaire Dreyfus, wie man im Voltaire noch heute mit Erschütterung von der Affaire Calas liest, die ein anderes Jahrhundert bewegte. Ob es gelingt, den Schuldigen zu ermitteln, läßt sich aus den offen vorliegenden Thatsachen noch nicht sagen. Aber aus den Thatsachen, die die Eröffnungen des Generals Mercier und der Brief des Vertheidigers Demange enthüllt haben, folgt Eines unbedingt: Ein Proceß, bei dem das Urtheil gefällt wurde unter Berücksichtigung einer entscheidenden Thatsache, die dem Angeklagten wie dem Vertheidiger unbekannt geblieben ist, ein solcher Proceß, in dem diese „Ungeheuerlichkeit" sich ereignet hat, muß nach den Begriffen des neunzehnten Jahrhunderts der Revision verfallen. (Die „Nation".) P. Nathan.