Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-12-03 · 49 (3.12.1897) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
49 (3.12.1897)
Date
1897-12-03
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/3020846-3021169-3021218--07340-3031664
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 984 Nr. 49 Dr. Vloch'« WochenphrM Gesammtheit nichts, daß ein Jude eines Verbrechens fähig ist. Also von diesem Standpunkt aus kann man den jüdischen Verbrecher und den jüdischen Verurtheilten mit voller Objectivität betrachten. Er ist ein faules Glied der menschlichen Gesellschaft oder ein Unglücklicher, der ein Opfer der Jrrthümer und Leidenschaften der menschlichen Gesellschaft geworden ist. Ist Dreyfus dies oder jenes, das ist die vielumstrittene Frage? Was sagen die Thatsachen, die man heute mit aller Klarheit zu überblicken in der Lage ist?*) Die „Libre Parole" brachte von allen Blättern zuerst die Nachricht, daß ein französischer Officier wegen Landesverrathes verhaftet sei. Niemand hatte bis dahin Kenntniß von dieser Thatsache. Am 28. October 1894 hatte das genannte Blatt diese Nachricht erhalten; am 29. October stellte die Zeitung öffentlich die Frage, ob es wahr sei, daß eine so wichtige Verhaftung vorgenommen worden sei. Am 1. November war in der „Libre Parole" zu lesen: »Dfes dimanche (28. October) nous etions avisäs au joumal de cette arrestation, mais etant donnes Ja gravitä des accusations, le nom et la qualite du coupable, nous voulions, et on comprendra notre reserve, attendre le resultat de l’instruction . . .« Diese Mittheilung hatte die Ueberschrift »L’arrestation d’un officier juif«. Die „Libre Parole" ging dann weiter und schrieb: »L’officier frangais arretä pour trahison est attache ä l’etatmajor du Ministern de la guerre. D. passe peur etre en mission. L’affaire sera ätouffäe parce que cet officier est juif. Cherchez parmi les Dreyfus, les Mayer ou les Lävy, vous trouverez. Arretä depuis quinze jours, il a fait des aveux complets et on a la preuve absolue qu’il a vendu nos secrets ä l’AUemagne. Quoi qu’on dise, il est au Cherche-Midi. on veut le faire refugier ä Mulhouse, oü reside sa famille.« Wir werden sehen, daß diese Mittheilungen nur von einem Eingeweihten herstammen können, und sie gelangten au das Blatt, obgleich die Untersuchung im allerstrengsten Geheimniß geführt wurde. Die „Libre Parole" ist das Blatt des Herrn Edouard Drumont, und dieses Blatt, das ganz allein und ausschließlich die ersten, den Weg weisenden Nachrichten über die Verhaftung von Dreyfus erhalten hatte, ist das führende antisemitische Blatt Frankreichs. Woher hatte die „Libre Parole" über eine Voruntersuchung Mittheilungen erhalten, die nach ausdrücklichem Befehl streng geheim geführt wurde und von der nur der kleine Kreis der die Untersuchung führenden Officiere und Beamten Kenntniß haben konnte? Diese sehr wichtige Frage läßt sich heute noch nicht beantn orten. Unter diesen mit der Untersuchung betrauten Männern muß einer gewesen sein, der das Schweigegebot brach und der durch seine Neigungen oder Verbindungen gerade dazu geführt wurde, sich an die „Libre Parole", das antisemitische Hetzblatt Frankreichs, zu wenden. Mit der üblichen antisemitischen Geschicklichkeit hatte das Blatt hervorgehoben: Der Officier ist I u d e; der Officier hat uns anDeutschl a n d verrathen; der Officier ist vollständig geständig — »il a fait des aveux complets«; aber obgleich er geständig ist, obgleich er uns an Deutschland verrathen hat, wird man diesen Officier entfliehen lassen, denn er ist — Jude. Diese Argumente genügten, um die Leidenschaften in beispielloser Weise zu entfesseln, und um eine Hetze in der französischen Presse insbesondere gegen den Angeklagten und alsdann, soweit möglich, gegen alle Juden zu insceniren, die von elementarer Gewalt war, die mit Erfindungen aller Art bis zu blanken Lächerlichkeiten operirte, und der sich entgegenzustellen ein Zeichen ungewöhnlichen persönlichen Muthes gewesen ist. Eine kleine Anzahl Franzosen, die einen Namen haben, bewiesen diesen Muth schon damals, doch ohne Erfolg. Um die rohe Entartung, die sich schließlich hervorwagte, zu charakterifiren, ein Brief, der damals durch die Presse veröffentlicht wurde: *) Bernard Lazare hat in einer Reihe von Broschüren alles einschlägige Material mit großem Fleiß zusammengetragen; derjenige, der nicht selbst die Mittheilungen von Anfang an gesammelt hat, kann sich vortrefflich über die Vorgänge unterrichten aus der neuesten Schrift des Genannten: L’affaire Dreyfus. Paris, P. V. Stock. 1897. Lazare hat mit bewunderswerther Hingebung seine Kräfte für Dreysus eingesetzt. „Nous avons lu, il y a quelques jours, quelques-uns de mes amis et moi, une nouvelle qui nous a combläs de joie. Un lieutenant, du nom de Dreyfus parent proche ou eloignö, mais ä coup sür parent du miserable traitre en renom, s’est fracasse le cräne dans une chute de cheval .... Notre premier älan de joie apaisä, nous avons songä ä la genereuse bete antijuive qui a si dignement concouru ä l’älimination des juifs puissants de l’organisation militaire que nous reclamons tous. Qu’est de venu ce glorieux cheval? .... Aussi avonsnous recours, monsieur le Rädacteur en chef, ä la publicite de votre estimable joumal, pour faire connaitre au maitre actuel de la vaillante bete qu’un groupe d’antijuifs oranais ä l’intention de la lui acheter pour lui mänager l’existence douce quelle a si bien gagnäe« ... Mit Empfindungen dieser vornehmen Art muß man rechnen, wenn man die Widerstände richtig bemessen will, die sich einer nüchternen Beurtheilung der Angelegenheit Dreyfus damals entgegenstellten. Völlig deutlich wird die Tendenz, mit der die Verhaftung und die Berurtheilung von Dreyfus behandelt worden ist, aus einem Umstand. Wer hat jemals etwas gehört von dem Adjutanten Chatelain? Er verkaufte ein neues französisches Gewehrmodell neuerdings an das Ausland und er wurde verurtheilt. Wer hat jemals etwas gehört von dem Lieutenant Jean Bonnet? Er wurde verurtheilt, weil er neuerdings Documente, die sich auf das ftanzösische Heer bezogen, an das Ausland verkaufte; und es wären noch andere Namen zn nennen. Es ist klar, daß kein Land ein Interesse daran haben kann, solche traurigen Ereignisse breit durch die Oeffentlichkeit zu schleifen. Dreyfus wurde dagegen von einem anderen Schicksal ereilt, denn er war Jude, was die anderen Genannten nicht waren; Dreyfus war ein Object für den Fanatismus der Antisemiten. Die Ereignisse wurden noch durch einen Umstand beeinflußt. Im Herbst 1894 war französischer Kriegsminister der General Mercier. Er war bei der vulgären Hetz- und Sensationspresse sehr schlecht angeschrieben. Ein gewisser Turpin hatte wiederholentlich behauptet, außerordentlich wichtige militärische Erfindungen gemacht zu haben; seine Erfindungen hatten im Kriegsministerium aber keine Gnade gefunden; auch nicht bei Mercier; darüber Empörung bei Drumont und in der chauvinistischen Presse, die es zu Wege brachten, daß die Stellung von Mercier im Cabinet Dupuy zu jener Zeit für erschüttert galt. Daß die „Libre Parole" es ftir möglich hielt, man werde Dreyfus entweichen lassen, war auch in diesem Falle eine directe Anklage gegen Mercier. Die Stimmung dieser Presse gegen Mercier schlug unmittelbar um und nunmehr, sagte man: »Il faut etre avec Mercier ou avec Dreyfus«. Der Kriegsminister Mercier war plötzlich in diesen Kreisen ein populärer Mann geworden, seine Stellung war vollends befestigt, als er in einem Interview einem Redacteur des „Figaro" am 28. November erklärte: »J’ai soumis ä M. le präsident du conseil et ä mes collegues les rapports accablants qui m’avaient ätä communiquäs et, sans aucun retard, l’arrestation du capitaine Dreyfus a ete ordonnäe ..... Tout ce que l’on peut repäter, c’est que la culpabilitä de cet officier est absolument certaine . . . .« Den General Mercier anzugreifen, hatte weder Drumont noch die seines Schlages ferner ein Interesse, und wer konnte an dem Verrath des Eingekerkerten zweifeln, wenn der Kriegsminister, man denke vor der Berurtheilung, öffentlich davon sprach, daß seine „Schuld" „absolut sicher" sei. Man hielt ihn schuldig welcher besonderen Verbrechen? Der Commandant Henry, »attachä au bureau des ren* seignements de la Guerre« hatte 1894 darauf aufmerksam gemacht, daß Mittheilungen über die ftanzösische Heeresmacht im Ministerium fehlten und dem Ausland überantwortet seien. Woher wußte er letzteres? Er wollte es erfahren haben von einer angesehenen Person, deren Namen unbekannt ist, Trotz strenger Ueberwachung der Officiere, entdeckte man nichts, bis angeblich der Colonel Sandherr, chef de la section de statistique, dem Kriegsminister Mercier das sogenannte „Bordereau", das den Verrath einer Reihe militärischer Geheimnisse ankündigte, übergab. Woher hatte der Colonel Sandherr dieses Schriftstück? Man weiß es nicht. Die Schriftzüge des Bordereau wurden mit der Handschrift der im Kriegsministerium beschäftigten Officiere verglichen, und der Commandant du Paty de Clam war bei dieser Vergleichung der Ansicht, daß Dreyfus der Verfasser des Bor-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.