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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-12-03 · 49 (3.12.1897) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
49 (3.12.1897)
Date
1897-12-03
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 49 Vr. Vwch's WochrnsthrM Seite 983 physischen Kampfe müssen wir den Kürzeren ziehen. Die Waffen des Geistes aber sind unwirksam geworden. Wir können nichts Anderes thun, als zunächst in aller Ruhe die Zeit abwarten, in welcher Bildung, Gesittung und Gesetzlichkeit im öffentlichen Leben wieder gesucht und geschätzt werden. Bis dahin wollen wir diese kostbaren Schätze abseits von dem großen lärmenden Haufen mit aller Sorgfalt hüten und pflegen. Es kommt der Augenblick, in dem man uns wieder braucht und aus freien Stücken rufen wird. Lueger stürzt Baden:? Das Theater des Mittelalters hat eine eigenthiimliche Gepflogenheit. Sie spielt noch zum Theil mit in das alte Drama. Kein Trauerspiel, auch nicht das blutigste, durste der lustigen Figur des Hanswurst missen, der Purzelbäume schlug, der mitten in die furchtbarsten Scenen von Mord und Todtschlag hineinplatzte und seine Kapriolen schlug zur Freude des Publicums, das über diesen Stimmungswechsel nicht ungehalten war. Die Tragödie des Grafen Badeni hat ihre lustige Figur, den Hanswurst. Beinahe möchte man sagen, daß das zudringliche Capriolenthum des Bürgermeisters von Wien als ein Musterbeispiel neuesten Hanswurstthums den: ewigen Gedächtniß einverleibt zu werden verdient. Man denke nur, derselbe Lueger, der den Kampf der deutschen Oppositionsparteien gegen den polnischen Ministerpräsidenten mit unverhüllter Theiluahme für den Letzteren gefolgt ist, derselbe Lueger, der innerhalb und außerhalb des Sitzungssaales die Wortführer der deutschen Opposition mit bissigstem Hohn und rohestem Schimpf verfolgte, der seine Bluthunde bis auf den Strobach hinunter den Schönerers und Wolfs an die Waden hetzte, derselbe Lueger, dem allein Graf Badeni es zu danken hat, wenn er das Ausgleichsprovisorium in erster Lesung durchbrachte, derselbe Lueger wirst sich in den Frack, macht eine Rundfahrt über den Ring und läßt sich nachheulen, als ob er den Sturz des Ministerpräsidenten verursachte. Man kann Niemandem verwehren, den Frack anzuziehen, auch Herrn Lueger nicht, aber man wird zugeben, daß es einer schlau berechnenden Politik bedurfte, um dem dummen Kerl von Wien jenen Gedankengang aufzuzwingen, zu dem er wirklich gelangte: an: Morgen verkündete der christlich-sociale Moniteur, Lueger geht zum Kaiser, Lueger macht Ordnung, Mittags stürzt Graf Badeni und Nachmittags fährt Lueger im schwalbenschwänzigen Audienzgewand herum: „Leuterl geht's nach Hause, Badeni ist gestürzt, Alles in Ordnung." Lueger hat bereits einmal eine wirklich stattgefuudene Audienz in unverantwortlicher Weise für politische Hinterhauszwecke ausgenützt. Diesmal versucht er es mit einer Audienz, die gar nicht stattgefunden hat, die ihm rundweg verweigert wurde. Derselbe Mann, der, wie das „Deutsche Volksblatt" von: 25. November meldete, in einer antisemitischen Versammlung unter dem jubelnden Beifall seiner Leute verkündete: „Ich heule nicht mit Schönerer und Wolf, ich thue das nicht, ich gehe nicht mit diesen Leuten, ich wäre ein elender Schuft, wenn ich mit einem solchen Gesindel, gemeinsame Sache machen würde", derselbe Mann will am 28. sich als Oppositionsheld aufspielen. Der abonnentenhungrige Vergani freilich hat in derselben Nummer seines Blattes, indem er den merkwürdigen Speech Lueger's berichtete, bereits weiter vorne von der Einigkeit sämmtlicher Oppositionsparteien gefaselt. Seinem Jnseratensammler- und Austräger-Jnstinct ist es nicht entgangen, daß nicht einmal der dümmste Kerl von Wien mehr an die politische Ritualmordlüge der Christlich-Socialen glauben will, daß die Opposition gegen das Cabinet Badeni und die ganze Obstruction im Interesse der Juden in Scene gesetzt worden sei. Dr. Lueger hat sicherlich schon mehr Gesinnungen und Principien über Bord geworfen als die Liebe zum Grafen Badeni. Daran wäre weiter nichts! Im Gegentheil! Wenn Lueger in diesem Fall gesinnungstüchtig geblieben wäre, dann hätte man ihn dem Krafft - Ebbing übergeben müssen, weil dies eine schwere Krankheit dieser politischen Chamäleon-Natur bedeutet hätte. Wogegen man aber Protest erheben muß, das ist, daß Lueger nunmehr dem Volke weismachen will, er habe den Grafen Badeni gestürzt, er sei, wie sich das Deutsche Volksblatt so schön ausdrückt, Sieger tut großen parlamentarischen Ringen. Wenn auch die wenigsten Leute gedächtnißstark genug sind, sich sämmtliche Ansichten und Gesinnungen, die Lueger bei Lebzeiten gehabt hat, zu merken, so vergeßlich sind wir doch nicht, um bereits vollständig die mehr als verdächtige Haltung verschwitzt zu haben, die Lueger und seine Compagnie Gregorig'scher Brodschanis während der ganzen Campagne einer Regierung gegenüber einnahmen, deren Polizisten-Natur ihren Polizisten- und Spitzelgemüthern überaus sympathisch sein mußte. Sprachen- und Iudenkrawalle. Durch alle deutschen Gaue tönt wieder einmal die „Wacht am Rhein". Hat schon der Druck unter Badeni eine mächtige Entflammung der nationalen Leidenschaften gebracht, so hat das Siegesgefühl, welches der Sturz des verhaßten Ministers erzeugte, dieselben bis zur Siedehitze gesteigert. Und dieser gewaltige Aufschwung des deutschen Volksgeistes äußert sich vor Allem in — neuen antisemitischen Schandthaten. Das war zu allen Zeiten so! Es ist eine beinahe gesetzmäßige, historische Erscheinung, daß noch jede Entfachung der nationalen Begeisterung bei den Deutschen sich in einer Steigerung des Judenhasses und in Gewaltthätigkeiten gegen unsere Glaubensgenossen äußerte. Eben erst noch der Gefahr entronnen, von der slavischen Majorität mit Ruthen gezüchtigt zu werden, wissen die wackeren Teutonen ihrem Siegesräusche keinen würdigeren Ausdruck zu geben, als daß sie das kleine Häuflein der Juden mit Scorpionen züchtigen. Aus E g e r wird gemeldet, daß daselbst vorigen S a m st a g Abends mehreren jüdischen Kaufleuten die Fenster eingeschlagen wurden. Das war also noch vor der Demission Badeni's. Am Sonntag Abends, also schon nach der Demission, wurde das Gleiche den meisten jüdischen Geschäften und Wohnungen zutheil, wobei sehr bedauerliche Zwischenfälle vorkamen. Auf den jüdischen Tempel wurde ein organisirter Angriff unternommen, der von der Polizei mit blanker Waffe abgeschlagen wurde. In Leid' und Freud' also, in der Erbitterung und im Jubel, prügelt ein echter deutscher Mann vor Allem die Juden. Mit dieser Auffassung der nationalen Gerechtigkeit stehen übrigens die Deutschen nicht allein. Man muß dem Czechen das Zeugniß geben, daß sie in den letzten Jahrzehnten sich wenigstens diese Blüthe der deutschen Cultur voll und ganz zu eigen gemacht haben. Seit der Entlassung Badeni's führen auch die Czechen in Prag die lieblichsten Krawalle auf, und am vorigen Montag zog ein Haufe von Demonstranten, nachdem er am Graben und Wenzelsplatz zahllose Fensterscheiben eingeschlagen hatte, zur jüdischen Synagoge in den Weinbergen und drohte dieselbe zu stürmen. Der Racenhaß zeitigt also überall die gleichen Erscheinungen — er entladet sich zunächst immer gegen die Juden. Trotz alledem gibt es unter unseren Glaubensgenossen noch immer sonderbare Schwärmer, die sich auf der einen Seite für die „Wacht am Rhein", auf der anderen für das „Hej slovane* begeistern, und in diesen Tagen stürmischer Erregung hat man vielfach die Ansicht aussprechen gehört, daß der wieder entbrannte nationale Kampf zwischen Deutschen und Czechen die Aufmerksamkeit von den Juden ablenke, daher indirect dem Antisemitismus die Nahrung entziehe. Die Ereignisse, die wir in den vorstehenden Zeilen registrirten, warnen vor solchem Optimismus. Sie predigen aber vor Allem die Lehre, daß unsere Glaubensgenossen sich weder für das Heil der Deutschen noch für jenes der Czechen erhitzen mögen. Mag in diesen Kämpfen der Deutsche oder der Czeche siegen — wir werden dabei immer der verlierende Theil sein. Der Judenhaß ist der ruhende Pol in der Erscheinungen Flucht! Alfred Drryfus. Eine Besprechung des Proceffes und der Verurtheilung von Dreyfus hat mit einer trivialen Erklärung zu beginnen, wie fast alle Erörterungen, die sich mit dem Antisemitismus und seinen Wirkungen zu beschäftigen haben. Natürlich kann ein Jude jeder Schandthat fähig sein, und natürlich haben schon Juden Schandthaten aller Art begangen. Gerade für die Gegner des Antisemitismus beweist es gegen die Juden in ihrer

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