Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 48 (26.11.1897)
- Date
- 1897-11-26
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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Nr. 48 Vr Vloch's WvchrnschrM Seite 979 fernt. Nur das eine Versprechen konnte Hindel von ihm erreichen, dafür zu sorgen, daß der Knabe, soweit es möglich war, die vorgeschriebenen Ceremonien innehalten solle. Nun war das Haus wieder leer. Hiudel grämte sich im Stillen. Ihr einziger Trost war, daß sie allwöchentlich mehrmals hinausgehen konnte, um ihren Abgott zu sehen. Sein Zustand verschlimmerte sich mehr und mehr, allein für sie blieb er „ihr süßer, kleiner Jacob." Sie war wenig an Bewegung gewohnt. Die weiten Spaziergänge bekamen ihr gut. Trotz ihres Kummers sah sie jünger und gesünder aus und entwickelte einen besseren Appetit als je. Letzteres kam ihr zn Statten. Denn auf Samuels Tisch häuften sich die Eßwaaren in stets erneuerten, leckerhaftigeren Formen. Er war sehr schwer zufrieden zu stellen und brachte die Haushälterin mit all den kunstvollen Gerichten, die er erfand, ganz aus dem Concept. Er kannte bald keinen anderen Gedanken mehrmals den, ein äußerst schmackhaftes Essen ans den Tisch zu bekommen, aber es gelang immer seltener, seine Ansprüche zu befriedigen. Von seinen Tisch genossen verlangte er, daß sie essen sollten — viel essen. Es raube ihm den Appetit, so behauptete er, wenn sie sich nicht mit einer Eßlnst bei Tische einfänden, welche der Menge der Eßvorräthe entspreche. Hindel lachte und aß. All' die neuen, stark gewürzten Speisen waren recht nach ihrem Geschmack. Nathan jedoch stöhnte. Wohl reizte Alles dies auch seinen Gaumen, aber es bekam ihm nicht. (Fortsetzung folgt.) Nus dein Sprüchwortschatze meiner Mutter. Man nennt das Sprüchwort„die Weisheit auf der Straße"; man könnte es mit mehr Fug und Recht „die Weisheit in der Gasse" nennen, denn nirgends ist die Sprüchwort-Bildung so stark wie im Judenthum. Ist doch das Vaterland des Sprüchwortes der Orient. Daß die Spanier einen solchen Reichthum an Sprüchwörtern besitzen, rührt ohne Zweifel von dem Einflüsse der Juden her, die in der Blüthezeit des Landes dort wohnten und dem Volke Geschmack für Sentenzen mittheilten. Nach den Spaniern besitzt das deutsche Volk unter den europäischen Nationen die meisten Sprüchivörter, und num wird nicht fehl gehen, wenn man auch diesen deutschen Sprüchwort- Reichthum dem jüdischen Einflüsse zuschreibt, theils direct, theils indirect durch die Bibel. Ist doch eigentlich die ganze deutsche Sprache verjudet, indem sie theils hebräische Wörter, wie sie gehen und stehen, aufnahm, theils hebräische Phrasen und Bilder germanisirte. Man wird mit Leichtigkeit Hunderte von ursprünglich hebräischen Wörtern, wie Tohn-Wabohu, Schibolet, Jubel in der deutschen Sprache entdecken. Dieser Proceß geht sogar noch immer vor sich, wie z. B. das Wort Schlemiel seit fünfzig Jahren und das Wort Pleite in der jüngsten Zeit. Häufiger noch sind die buchstäblichen Übersetzungen hebräischer Bilder und Phrasen anzutreffen, wie z. B. Meister, hartnäckig, für sein Leben einstehen, auf's Haar treffen, kein Wort fallen lassen, zu den Vätern versammelt werden rc. rc. Am prägnantesten ist jedoch der jüdische Einfluß auf die deutsche Sprache im deutschen Sprüchworte ausgedrückt, im Sprüchworte, das man doch' sonst als den Ausdruck des ureigensten Geisteslebens eines Volkes zu bezeichnen gewohnt ist. Wenn beispielsweise der deutsche Vater zu seinem wanderlustigen Sohne sagt: „Bleib' im Lande und ernähr' Dich redlich", so leiht er die Worte vom Psalmisten. Wenn der deutsche Schulmeister einen schadenfrohen Rangen zurechtweist: „Wer einem Andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein", meinte er es bei all seinem Hunger doch nicht so ernst, wie der gekrönte Sänger, dem er es nachsagt. Und das dem deutschen Michel so geläufige „Hochmuth kommt vor dem Falle" entlehnt er dem weisesten aller Menschen. Aber nicht nur die Bibel, sondern auch der Talmud hat zur Bereicherung des deutschen Spruchschatzes sein Contingent gestellt, wie z. B. in dem „Man sieht eher den Splitter im Auge des Anderen, als den Balken im eigenen". Und erst wie Vieles ist auf dem Umwege durch das Neue Testament vom Judenthume zu den Deutschen gekommen, wie: „Sein Licht unter den Scheffel stellen", „mit seinem Pfunde wuchern", „die Perle unter die Säue werfen" u s. w. " Man kann kaum eine Wahrheit finden, welche im Judenthume und nach ihm auch im Deutschthume nicht durch ein Sprüchwort belegt würde. Der Jude läßt kein Ereigniß vorübergehen, ohne aus demselben einen Erfahrungssatz zu abstrahiren und für künftige Fälle in der Form des Sprüchwortes zu Nutz und Frommen aufzubewahren. Seine Beobachtungsgabe ist zunächst die Ursache seiner vielen Sprüchwörter, und dann die seltene Pietät, die er für seine Vordern und Altvordern hat, so daß er an seine überkommenen Sprüchwörter glaubt, darauf schwört, gegen dieselben kaum den directen Beweis des Gegentheils gelten läßt. So bewahre ich die Sprüchwörter meiner Mutter als geistigen Schatz und werde sie meinen Kindern überliefern. Und sie war unendlich reich an solchen Sprüchwörtern. Sie hatte alles Mögliche in ihren Sprüchwörtern bedacht, an nichts vergessen, zumeist jedoch Regeln der Lebensklugheit aufgestellt, oft schneidend scharf und doch nicht ohne herzlichen Humor. Nicht wenige brachte sie auch in Reime, was für die Sprüchwörter anderer Nationen, außer der deutschen, eine seltene Ehre ist. Ich will diesmal nur einiger dieser Sprüchwörter gedenken. Wenn eins von uns Kindern gegen einen von ihr gegebenen Auftrag allerlei Einwendungen machte, sagte sie: „Ein fauler Schliach (Bote) ist ein halber Nowe (Prophet)." Hatten wir einen Gast, schärfte sie uns besonders Art und Sittigkeit mit den Worten ein: ,,E' Gast auf e' Weil, sieht auf e' Meil." Wurde von einem geistig Armen und doch reichen Manne gesprochen, sagte sie bitter: „E' Quentel Maßl (Glück) is mehr werth, als e' Centner Chochme (Klugheit)." Schämten wir uns vor einem Fremden zu essen oder laut zu beten, so ermahnte sie uns: „Wer sich schämt zn effen und zu oren (von den Lateinischen) is auf der und jener Welt verloren." Um uns mittheilsam zu machen, wenn wir ein geheimes Anliegen hatten, scherzte sie: ,,E' Makkoh (Wunde) muß man frei tragen." Nach ihren ärztlichen Grundsätzen, von denen ich schon einmal in diesen Blättern gesprochen habe. Auf die Klage, daß wir von Jemanden etwas unzart moralisirt worden sind, tröstete sie uns: ,,E' Patsch (Ohrfeige) von e' Chochem (Weiser) is mir lieber, wie e' Kusch (Kuß) von e' Narr." Selbst aus einer alten Gelehrtenfamilie abstammend, hielt sie viel auf Abstammuug, und bei den Partien, die man uns antrug, fragte sie den Schadchen zu allererst, wer die Familie ist, denn „Jiches (Ahnen) is e' halbe Nedan (Mitgift)." In der ganzen Größe ihrer praktischen Weisheit zeigte sie sich in den Sprüchwörtern auf dem Gebiete des Handels, wo Frauen anderer Nationen nicht die geringste Erfahrung haben, aber bei uns Juden haben mußten, weil die Männer sehr oft nur dem Gesetzesstudium oblagen und von Erwerben nichts wußten. Viele sogar die Münzsorten nicht kannten. Ist doch schon in dem „Biederweib" in den Sprüchen Salomonis die Verständigkeit im Handel als ein Vorzug des Weibes angegeben, ganz anders als in der „Würde der Frauen" von Schiller. Daß wir ja nicht vielerlei unternehmen, warnte sie uns: „Sach (viele) Meloches (Geschäfte), wenig Broches (Segen)." Den Vorzug des Mokem-Gehers (Stadthausirers) gegen den Dorfgeher belegte sie mit dem Spruch: „Neben e' goldig Wägele findt man e' goldig Nägele." Der Klage meines Bruders, der das Geschäft führte, daß er zu wenig Neuheiten habe, setzte sie entgegen: „Der größte Bofel is Niks (Nichts)." Hatten wir bei Jemanden eine Forderung und schickten am Ausgange des Sabbaths, wo die Sorgen immer begannen, eincassiren, der Schuldner aber auf morgen vertröstete, gab sie die Hoffnung auf, das Geld morgen zu bekommen, denn „Wer Mozze Schabbes (beim Ausgange des Sabbath) nichts hat, hat auch Sonntag früh nichts." Bei all' ihrer praktischen Klugheit, galt ihr aber doch Bildung und Wissenschaft, das „Lernen" überhaupt, als das