Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 48 (26.11.1897)
- Date
- 1897-11-26
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Seite 978 Vr. Vlortz's Wochrnkchrtst Str. 46 lassen. Seine Glieder nahmen keine Fülle an, sein Bauch blieb niager. Nicht so Hindel — nein, sie besaß reizend volle, abgerundete Formen, ihre Haut war so glatt wie Gänsehaut, so weich wie Seide. Er rückte näher an sie heran, erfaßte eine ihrer Hände und bohrte seine Finger tief in die Grübchen zwischen ihren Handknöcheln — oh, eine gute Frau — eine sehr gute Frau, wenn sie ihm nur einen Sohn gebären möchte! Denn jetzt hatten sie endlich die Aussicht —-— All' das gute Essen, all' das viele Geld, was hatte es bisher genützt? Jahr um Jahr war verronnen und Hindel bekam keine Kinder. Jetzt, nachdem sie schon alle Hoffnung aufgegeben hatten, kam ihnen doch noch die frohe Aussicht. Und Samuel biß sie vor Freude in die vollen, weißen Finger, daß sie darüber laut auffchrie. Als ihre Zeit um war, gebar Hindel einen Sohn. Obwohl sie nicht gerade jung war, ging es ihr ganz gut, bis zu dem großen Fest am achten Tag daraus, als das Krnd seinen Namen erhielt. Sie wollte sich nicht mit der Wochenkost begnügen, sondern überlud ihren Magen mit all' den guten Gerichten. Darauf wurde sie gefährlich krank, und als sie sich erholte, hatte sie keine Nahrung mehr und der Knabe mußte eine Amme bekommen. Samuel war außer sich vor Freude über seinen Sohn. Er schenkte der Synagoge eine kostbare Mappe*), gab zweimal Maasser in diesem Jahr und füllte Hindel's Schubladen mit Schmuck und seidenen Kleidern. Der Tisch brach unter der Masse köstlicher Gerichte und an jedem Sabbat war bei Samuel große Gasterei. Jede Minute Zeit, die Samuel von seinem Geschäft und seinen Mahlzeiten sich abmüßigen konnte, brachte er an der Wiege seines Söhnchens zu. Besonders ließ er es sich angelegen sein, zugegen zu sein, wenn das Kind trank. Mit der Uhr in der Hand zählte er die Minuten, während der kleine Bursche seine Nahrung zu sich nahm. Es war ein nimmersatter Bube. Ehe er fünf Monate alt war, hatte er drei Ammen erschöpft, erst die vierte, eine kräftige Jüdin aus der Provinz, vermochte ihn zufrieden zu stellen, allein nun gedieh er auch, daß es eine Art hatte. Samuel rieb sich die Hände. Was die Verdauung anbetreffe, so gerathe er ihm nach, meinte er. Voller Entzücken verzeichnete er Quentchen auf Quentchen, Pfund auf Pfund der Gewichtszunahme des Kindes, die Berechnung darüber hatte er an seinem Pult stets vor Augen. Der Kleine nahm noch die Brust, als er schon selbstständig gehen konnte. Er lernte spät laufen; seine Beine hielten mit dem sonstigen Wachsthum nicht gleichen Schritt, und der kleine Jacob mußte noch als zweijähriges Bübchen mit allerhand Näschereien gelockt werden, um taumelnd ein paar Schritte durch das Zimmer zu wagen. Er war kein lebhaftes Kind. Stundenlang konnte er auf dem Fußboden sitzen, nur von einem Fädchen oder einem Stückchen Papier gefesselt, die er linkisch zwischen seinen Fingern hin und her drehte und wendete. Niemand vermochte unter irgend welchem Vorwände — es sei denn, daß es sich um Essen gehandelt hätte — ihm dies Spielzeug abzulocken. „Er ißt sich um seinen Verstand", behauptete seine Amme, wenn er sich bis zum Hals hinauf angetrunken hatte, denn eher war er nicht zu beruhigen. Je älter er wurde, desto träger und schlaffer wurde er. Sein unsicherer Blick vermochte nicht, sich fest auf irgend einen Punkt zu richten. Er verlor die Herrschaft über die Beweglichkeit seiner Glieder, ließ fallen, was man ihm in die Hand gab, warf um, was er berührte und stierte mit offenem Mund, hängenden Kinnbacken und herausgestreckter Zunge vor sich hin. Hindel erblickte nichts Beunruhigendes in all diesen Allzeichen. Was konnte chm fehlen, so lange er aß und trank und gedieh? Sie fühlte sich stolzer, als Sarah, glücklicher als Rahel, über diesen chren Spätgeborenen. Sie konnte nicht viel Worte machen, aber ihre großen Sammtaugen folgten mit fast thierischem Entzücken jeder Unart chres Sohnes, mochte diese auch noch so widersinnig sein. *) Der oft mit reicher Gold- und Silberstickerei verzierte Sammt- oder Seidenstoff, in welchen die Thorarollen eingehMt werden. , Anfangs ergötzte auch Samuel sich an den eigenthümlichen Possen des Knaben, und daß derselbe lange Zeit noch so hilfsbedürftig war, vermehrte eher noch seine Zärtlichkeit für ihn. Er gestand indessen nicht gern ein, daß dieser große Bursche, der kein artikulirtes Wort sprechen und kaum gehen konnte, vier Jahre zähle und brachte es nicht über's Herz, wenn Fremde es sehen konnten, den Knaben herumwatscheln zu lassen. . Als jedoch wiederum einige Jahre vergingen und Jacob nicht vernünftiger und manierlicher wurde, wurde Samuel ungeduldig, brauchte in seiner Heftigkeit harte Worte gegen den Knaben und schlug ihn. Dann weinte Hindel noch mehr als der Knabe selbst, der wenig empfindlich für die Schläge war. Sobald aber der Vater zur Thür hinaus war, verhätschelte sie ihn doppelt und füllte seinen Magen mit Allem, was er zu haben wünschte. Seine Genäschigkeit nahm mit dem Wachsthum zu. Er aß zu jeder Tageszeit und zwar Alles, was man ihm vorsetzte, am liebsten mit den Fingern und mauste, was ihm in. die Hände kam. So war es auch eines Mittags. Das lange Tischgebet; hatte Jacob's Ungeduld erregt. Als Hindel endlich mit dem Vorschneiden begann, belauerten seine Blicke heißhungrig jede ihrer! Bewegungen. I Er krallte mit seinen Fingern in das erste Stück Fleisch, , das auf seines Vaters Teller gelegt wurde, und begann es in , größter Hast zu verschlingen, wie ein Raubthier seine Beute.! Samuel fuhr auf. Sprachlos vor Zorn wollte er sich auf den Knaben stürzen. Allein Hindel wehrte ihn ab. Und als er endlich die Sprache wiederfand und eine Fluth von Verwünschungen seinen Lippen entströmte, da hielt sie ihm den . Mund zu, während Nathan den Knaben hinausbrachte.! Es war das erste Mal, daß sie sich ihrem Mann i widersetzte.! . Es ward nicht mehr von dem Ereigniß gesprochen, aber ' seitdem richtete Hindel das für Jacob bestimmte Essen vor dem der Anderen an. Dies Alles nagte an Samuel. Sein Appetit begann zu schwinden, er wurde grämlich und sonderbar, sah gealtert aus und hatte seine gute Laune verloren.! Eines Tages während des Osterfestes hatte Jacob sich an! Osterkuchen den Magen verdorben. Er wurde krank, erbrach sich und ehe noch Jemand ihn hindern konnte, hatte er wieder zu sich genommen, was er von sich gegeben hatte. ] Nun klagten sie dem Arzt ihre Noch. Er schüttelte den . Kopf, sagte ihnen in schonendster Weise, um was es. sich hier j handle und gab ihnen den Rath, den Knaben in eine Anstalt , für geistesschwache Kinder zu schicken. Voller Entsetzen wiesen sie diesen Vorschlag zurück. Sie sollten sich von ihrem Sohne trennen! Nein, Hindel würde vor Kummer sterben. Und dann, das Essen — niemals sollte ihr kleiner Jacob tereiphe*) Gerichte verzehren. Samuel überließ Hindel die Entscheidung. Ein Jahr darauf war am Vorabend des Osterfestes eine große Anzahl von Gästen bei ihnen versammelt. An Stelle der frugalen Mahlzeit, welche das Gesetz vorschreibt, war die Tafel mit den auserlesensten Speisen überladen und die Gäste thaten sich -gütlich. Jacob saß neben seiner Mutter, die ängstlich seine Bewegungen überwachte rmd sich bemühte, stets von Neuem seinen Teller zu füllen. Während der heiligen Bräuche, hatte er still dagesessen, und in stumpfem Gleichmuth mit seinen schläftigen Augen vor sich hin gestarrt. Als jedoch die Gäste nach dem Dankgebet den Lobgesang anstimmten, da leuchtete es verstänhnißvoll in seinem Antlitz auf. Das war Etwas, woran er theilnehmen konnte. Er erhob sein Haupt, schlug ein gellendes Gelächter an und spie seiner Mutter in's Gesicht. , Das brachte einen peinlichen, unheimlichen Eindruck auf l alle Anwesenden hervor. Samuel wurde kreideweiß; er sprach kein Wort, sondern fuhr in seinem Gesänge fort. Allein alle Heiterkeit, aller Frohsinn, welche ein Osterabend sonst mit sich führt, waren vereitelt. Am folgenden Tage brachte er Jacob in eine Jdiotenanstalt; dieselbe lag ein ziemliches Stück von der Stadt ent- *) unreine.