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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-11-26 · 48 (26.11.1897) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
48 (26.11.1897)
Date
1897-11-26
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Vir. 48 Vr. Bloch » Mvchenfchrrn Seite 969 nach einer Schlacht der Geister, die ein Jahrhundert lang das Grab Spinoza's umwogt hatte, waren es die clasftscheu Heroen deutscher Dichtung und Philosophie, welche dem philosophischen Dichter der philosophischesten Lebens- und poetischesten Weltauffassung jene Huldigung darbrachten, welche Schleiermacher in seiner sinnigen Weise als das geschuldete „Lockenopfer" kennzeichnet. Und hat Kant auch die Metaphysik Spinoza's wie jede andere Metaphysik als auf hohlen Grundlagen ruhend nachgewiesen, seine Ethik wird immer, wenn man sie, um mit Lessing zu sprechen, ihres mathematischen Eisenpanzers entkleidet, den von Erkenntnißdrang durchgeistigten Naturen ein Mittel andachtsvoller Sichversenkens in die reine Heiterkeit eines über dem trüben Alltagsleben schwebenden hohen Geistes bleiben, eines Uebermenschen, der er ist, ohne es zn beanspruchen oder auch nur in seiner göttlichen Denmth zu ahnen. So hat Spinoza als Denker lauge nach seinem Tode ein Leben voll wcchselvoller Schicksale namentlich im geistigen Deutschland geführt. Es ist daher ein glücklicher Gedanke gewesen, den Fleiß jüdischer Forschung auf dieses Ruhmesblatt jüdischen Denkens zu lenken und das Problem dev posthumen Schicksale Spinozas einmal gründlich in Angriff nehmen zu lassen. In Nr. 22 der „Oesterreichischen Wochenschrift" von 1893 wurde ein Preis auf folgendes Thema gesetzt: „Einfluß Spinoza's auf deutsche Denker und Dichter. Die Preisschrift soll nicht blos den bereits ausgeübten noch sortwirkenden Einfluß Spinoza's auf deutsche Denker und Dichter auf Grund der eigenen Forschungen des Verfassers Nachweisen, sondern auch die Ansichten von Schriftstellern über diesen Punkt den Lesern mittheilen." Soeben ist nun die hiedurch veranlaßte Preisschrift im Buchhandel erschienen. Der Termin pflegt sich bei den meisten Preisausschreibungen als viel zu kurz zu erweisen. Auch in diesem Falle begreift man, daß der Verfasser in eineinhalb Jahren, wovon ihm, nach seiner Mittheilung, nur ein Jahr noch nickt mit anderen Arbeiten festgelegt war, nicht mehr leisten konnte, als was er geleistet hat, ja, man begreift kaum, wie er in einem Jahre all das reiche Material für eine Geschichte des Spinozismns in Deutschland hat herbeischaffen können, das allerdings .der künstlerischen Verarbeitung im Sinne eines Kuno Fischer oder Zeller noch harrt. In dieser Beschränkung aufgefaßt, hat der Verfasser feilt Problem glänzend gelöst. Kein Spinozaforscher wird an dieser Quellenarbeit von erstaunlichstem Fleiße und gründlichster Sackkenntniß ohne seinen eigenen Schaden vorübergehen können. Das von Else Grunwald gearbeitete Namensverzeichniß weist an 900 benützte Schriftsteller auf! Hier Einiges von den Materialien. Im 17. Jahrhundert überwiegen die bis zur Unfläthigkeit rücksichtslosen Angreifer; Spinoza ist der Darwin seiner Zeit, das Opfer des odiosen Theologicnm. Die Studenten, welche meist nicht die Mittel zu Bücheranschaffungeu und noch nicht das Recht haben, Universitätsbibliotheken zu benützen, kennen seine Werke nur vom Hörensagen. Sie müssen ihren Professoren Aussprüche glauben, wie etwa denjenigen Poiret's, daß nur drei Dinge an Spinoza merkwürdig seien, seine Gottlosigkeit, Geckenhaftigkeit und seine Larve mathematischer Gewißheit (impietas, fatuitas et mathematicae cerlitudinis larva.) Schon 1690 erscheint ein Anti-Spinoza, 13 Jahre nach dem Tode des Philosophen. Besonders interessant ist der Nachweis des Zusammenhanges zwischen den ersten Aposteln der Aufklärung und dem Spinozismus. So predigt Knuzen nach der Klage, daß „fast alle Prediger in dem Geld- und Ehrgeiz gleichsam ersoffen wären", „Ehrlich leben, Niemanden beleidigen und einem Jeden das Seine geben" sei eine „bessere Bibel", auf welche er eine Secte, die „Gewissener", gründet. Der Spinozist Stosch hat folgendes bezeichnende Gebet seiner Schrift angefügt: „Höchster Gott, vollkommenstes Wesen, einzige Substanz, in, von und aus welcher Alles ist, was ist, und außerhalb welcher nichts an sich existirt. Du bist Urheber und Erhalter meines Lebens!" Ferner: Kein heiliger Gebet gibt es, als „Gottes Wille geschehe!" Und das Schlußwort: „Was immer Du thust, denke an Gott, an Dich und an Deinen Nächsten." Gelegentlich finden sich charakteristische Umschläge der Gesinnung. So schreibt Wächter seinen „Spionzismns im Judenthümb" (1699), eine Streitschrift gegen Spinoza, dessen Andenken er wenige Jahre darauf in feinem „Elucidarius cabbalisticus“ Abbitte leistet, da er die erste Schrift ohne nähere Kenntniß unter dem Einflüsse der „gegen Spinoza aufgeregten Leidenschaften" geschrieben habe. „Tugend ist die Macht des Geistes, allein nach der Vorschrift der Vernunft zu leben", definirte Wächter in Anlehnung an Spinoza, die Freunde wagten, sich übrigens im 17. Jahrhunderte nicht recht hervor. In der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts verschärft sich zunächst die Polemik. „Das sind die greulichen Lehren, die entsetzlichen Jrrthümer, die dieser ungesalzene jüdische Philosophus (mit Gunst zu reden) in die Welt geschrieen. Könnte auch der Teufel wohl ärger philosophiren'?, so heißt es in der „Fürstellung vier neuer Weltweisen" und in diesem Tone schrieben und schrieen die Gegner Spinozas unermüdlich fort. Hier des Autors Blumenlese aus Dippel, einem Feind der Orthodoxie, aber auch Spinoza's. Er nennt ihn: Gaukler, Dornbusch, degenerirter Jud, der in seinem Ausgang von die Juden viel mehr Rohheit verloren, als er unter den heidnischen Christen gefunden, Tropf, Narr, der das Irrenhaus billig merilirt, Narr aller Narren, Haus Ochse, Bube aller Buben; seine Lehren sind „kaum vor viechisch zu achtende Erfindungen". Dagegen ersteht dem Philosophen in Dippel's Schüler Edelmann der wackere Kämpe, der „lieber mit Spinoza ein Atheist, als mit dem Herrn Stockfinster ein Orthodox sein will". Er will zeigen, daß der lebendige Gott nicht so furchtsam sei, wie ihr Aftergvtt, der sich fürchtet, daß ‘ ihn ein paar Bogen Papier aus seinem Himmel werfen und sein Andenken gänzlich unter den Menschenkindern auslöschen würden. Er behauptet von dem angeblichen Atheisten Spinoza, daß er mehr'Erkenntniß von dem lebendigen Gott in zwey oder drei Zeilen „zeigt als unsere gantze atheistische Christenheit in allen ihren Schmieralien zusammen." Hingegen waren „die alten Christen gute Spinvzisten. Unsere heilige gottlose Maul-Christenheit hätte sich nicht besser verrathen können, daß sie noch gar nichts Gründliches von Gott wisse, als da sie sich unterstanden, diesen Mann zum Atheisten zu machen." Ist es doch nach Spinoza „ebenso unmöglich, ohne und außer Gott, vor sich selbst in Seyn und Wesen zu haben, als unmöglich es ist, daß der Tag ohne die Sonne nur einen Augenblick Tag, ein Bächlein ohne der Quelle und ein Schatten ohne den Körper ein Seyn und Wesen haben können." Durch Edelmann wird Lessing ausgerüttelt, dazu kommt das immer lebhaftere Interesse an der Frage der Beeinflussung von Leibnitz durch Spinoza. Jacobi, Herder und Goethe treten auf den Plan, es entwickelt sich eine förmliche Wissenschaft der Spinozakritik. Doch davon und von Steins neuen Materialien zur Leibnitz-Spiuozafrage nächstens mehr. Mit der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts gelangt Grunwald in den Dichterhain der deutschen Classiker, mit der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts in den Adlerhorst deutscher Philosophie. Wie sehr bedauert man gerade bei diesen Partien des Buches, daß der Verfasser sich damit begnügt hat, Material, allerdings staunenswerth reiches Material zu bieten und so ein Buch zum Nachschlagen, nicht zum Lesen zu schreiben. Welche reizvolle Aufgabe, zu zeigen, wie verschieden und doch übereinstimmend Spinoza's scharfer und hoher Geist auf so verschiedene Individualitäten wie Lesfing und Herder, Schiller und Goethe gewirkt hat! Goethe und Spinoza allein würden gerade vom Racenstandpunkte unserer Zeit ans ein geradezu pikantes Capitel geben, welches die volle Ignoranz unserer Nurgermauen ins hellste Licht stellen könnte. Was wird da zusammengeschmiert über die angebliche nomadische Ruhelosigkeit und Unflätigkeit der jüdischen Race und wie curios nimmt sich dem gegenüber das unbefangene Bekenntniß des ruhevollsten aller Olympier auf dem deutschen Parnaß aus. Goethe hat nach seinen wiederholten Mittheilungen bei Spinoza Ruhe gesucht und gefunden, in seiner italienischen Reise beichtet er, daß Spinoza zum Spotte Herder's schon die längste Zeit seine einzige lateinische Lecture gewesen sei. Und wie seltsam ist seine Wiedergabe des Spinozismus in Wahrheit und Dichtung, wie merkwürdig individuell! Auch über die geistige Verwandtschaft Goethe's und Spinoza's theilt übrigens Grünwald bezeichnende Briefstellen mit. So schreibt Goethe 1795 an Jacobi: „Du weißt, daß ich ohne seine Borstellungsart von Natur selbst zu haben, doch, wenn die Rede wäre, ein Buch anzugeben, das unter allen, die ich kenne, am m e i st e n mit der m e i n i g e n ü b e r e i n st i m m t, die Ethik nennen müßte. Hier individuelle, abgerundete Bilder zu bieten hat Grünwald vielleicht nicht angestrebt und jedenfalls nicht erreicht; aber für kunstvollere Darsteller wird in seinem Buche ein ungemein reichhaltiger Führer zu den Quellen geboten. Dasselbe gilt von den Philosophen, unter denen besonders Schleiermacher, Schelling und Hegel gründlich behandelt sind und die Paragraphen über Schopenhauer, Hartmann und Nietzsche einem lebhaften Interesse entgegenkommen dürften. Ganz Nietzsche

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