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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-11-26 · 48 (26.11.1897) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
48 (26.11.1897)
Date
1897-11-26
Page
– (sequence 8)
Language
German
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eite 968 Vr. Vlmtz's WochrnschrM Nr. 48 Galizien im Wachsen begriffenen Antisemitismus als eine im Hinblicke auf die hierländischen eigenartigen Verhältnisse und Zustände unheilvolle, sociale Seuche darstellte, welche die allgemeine Nothlage Galiziens bedeutend vergrößert, und welche daher jeder vernünftige Pole, dem das Wohl des Landes aufrichtig am Herzen liegt, nach Kräften zu bekänipfen 'die Pflicht hat — erwiderte mir der gedachte polnische Literat: „Der Antisemitismus ist allerdings bedauernswerth. Leider ist er zur Mode geworden. Aber" — fügte er mit einer gewissen schadenfrohen Ironie hinzu — „diese von Ihnen genannte Giftpflanze ist nicht auf polnischem, überhaupt auf keinem slavischen Boden entstanden; denn die Judenverfolgungen in Rußland gingen nicht vom Volke, sondern von der Regierung aus. Der Antisemitismus ist das ureigene Product des „Volkes der Denker", der an „der Spitze der Cultur" schreitenden Deutschen, zum Lohne dafür, daß Ihr Juden stets und überall in den slavischen Ländern die eifrigsten Pionniere bezüglich der Förderung des Deutschthums unter Euren Glaubensbrüdern wäret und theilweise noch seid, obgleich bereits Eure Vorfahren einst aus Deutschland vertrieben wurden und in Polen gastfteundliche Aufnahme gefunden haben!" Ich muß gestehen, daß mich bei diesem nicht unbegründeten Vorwurfe ein gewisses demüthigendes Gefühl der Scham überkam! Ja so ist es; die Juden im Osten Europas haben stets eine geradezu liebevolle Verehrung für deutsche Bildung und Cultur bekundet, uneingedenk der martervollen Verfolgungen, die sie im Mittelalter und auch in der Neuzeit in ihrer deutschen Heimat erlitten! Ist es doch eine bekannte Thatsache, daß früher jeder jüdische Jüngling in Polen, der neben seinen talmudischen „Studien" auch — und zwar größtentheils heimlicher Weise — „profanes" Wissen sich anzueignen strebte, Letzteres zunächst aus deutschen Werken schöpfte, und nicht wenig stolz war, wenn er sich unter seinen mitstrebenden jüdischen Collegeu im »Bet-Hamidrasch« (Lehrhaus) rühmen konnte, daß er bereits Schiller's „Don Carlos" gelesen hat! Aus dieser Vorliebe der „polnischen" Juden für deutsche Bildung und Literatur sind aber auch begreiflicher Weise den deutschen Schriftstellern nicht geringe materielle Vortheile erwachsen, indem ihre Werke zahlreichen Absatz in Polen fanden und darunter zweifellos viele, die in Deutschland nicht beachtet und deshalb auch wenig oder gar nicht gelesen wurden. Zum Danke dafür haben nun die herabgekommenen Nachkommen des großen Lessing, dieses größten und edelsten Freidenkers Deutschlands, den häßlichen Racen-Antisemitismus erfunden, der verheerender und verwerflicher ist, . als religiöse Verfolgung, die durch religiösen Wahn entsteht und, wie die Geschichte lehrt, durch zunehmende Aufklärung schwindet, während der Racenhaß auch mitten im hellsten Lichte der Civilisation seiner wüthenden, blutrünstigen Verfolgungssucht unverschämt stöhnt. Der „deutsche" Racen-Antisemitismus ist aber umso niederträchtiger und verdammenswerther, als er ein widerlicher Balg der Bereinigung der finsteren Intoleranz mit einer bewußten Lüge ist, indem die „gelehrten" Erzeuger dieser verderbenverbreitenden Hydra wohl wissen, daß die alte Racentheorie ein überwundener Punkt ist. Wir können nicht umhjn, diesbezüglich für jene Ihrer Leser, die nicht mit allen Schriften Renan's vertraut sind, eine insbesondere auf die sogenannte „jüdische Race" bezughabende Aeußerung dieses berühmten französischen Gelehrten und Forschers hier im Original und freier Übersetzung zu reproduciren. Ernst Renan hat nämlich in einem geistreichen Vortrage (Conference) gegen die traditionelle Racentheorie gerade die Juden, die man gewöhnlich als besondere, sich rein erhaltene Race betrachtet, als Beispiel angeführt und sich diesbezüglich folgendermaßen geäußert: >On considere generalement le juda'isme corame un fait de race; on dit la race juive, comme on dit la religion juive. On s’imagine qu’un juif de 1891 descend d’un juif du temps de David; que toute gdnealogie d’une famille juive, si on pouver la suivre assez haut et assez loin, quel que soit le point d’arrivöe present — Paris, Londres. Vienne, Warsovie — apres nous avoir promene dans le monde, nous conduirait comme point de depart ä quelque village de la Palestine. La religion et la race se sont maintenues l’une avec l'autre et l’une par l’autre, si bien, qu’aujourd’hui encore le judai'sm se reconnait au type physique et se lit sur la visage. — Telle est la th6orie populaire — L’histoire prouve qu’il n’en est pas ainsi. Sous l’unitö religieuse reelle de ce qu’on appelle Ja race uive se cache une diversite de races infinie. II est bien vrai, ' qu’il-y-a un moment oü la race a ete finee d’une fagon definitive par la persecution, l’emprisonnement dans les Ghetto, la claustration du reste du monde. Mais jus ’que a. ce moment le sang de la societe juive s’est incessamment renouvle, et cela daront des siedest — („Man spricht von einer jüdischen Race, wie von einer jüdischen Religion. Man glaubt, daß ein Jude im Jahre 1891 von einem Juden aus der Zeit des Königs David abstamme; daß, wenn man die Genealogie einer jetzigen wo immer — in Paris, London, Wien, Warschau — sich befindlichen jüdischen Familie bis zu ihrem Ursprünge verfolgen könnte, dieselbe uns zuletzt nach irgend einem Dorfe in Palästina, als ihrem Ausgangspunkte, führen würde; und daß Religion und Race sich gegenseitig, eine durch die andere, erhalten habe, derart, daß man noch heute beu Juden an seinem physischen Typus erkennen, am Gesichte lesen könne. Diese populäre Racen-Theorie wird jedoch durch die Geschichte widerlegt, welche zeigt, daß die religiöse Einheit, die man die jüdische nennt, eine mannigfache Verschiedenheit der Racen in sich birgt. Allerdings gab es eine Zeit, in welcher durch Verfolgungen, Einschließung in den „Ghettos" und klösterliche Absonderung von der übrigen Welt die Race auf eine bestimmte Weise sich herausbildete. Allein das Blut, der Lebenssaft der jüdischen Gesammtheit hat sich während Jahrhunderte bis auf den heutigen Tag unaufhörlich erneuert"). In der Begründung seiner glänzenden Ausführungen gegen die herkömmliche Behauptung des Vorhandenseins einer besonder« jüdischen Race hat Renan unter andern historischen Belegen die bemerkeuswerthe, auf französischem Boden stattgestndene Thatsache angeführt, daß im sechsten Jahrhundert Gregor von Tours die Juden nur als Häretiker, aber durchaus nicht als „Fremde" verfolgte. Ihm galten die Juden in Gallien (Frankreich) als Gallier, die sich zur jüdischen Religion bekannten (»Les juifs de Gaule ne sont pour lui que des Gaulois, professant le judaism«). Daraus geht unleugbar hervor, daß man selbst im finstern vorurtheilsvollen Mittelalter die Juden nicht als eine besondere Race betrachtete. Das traurige Verdienst, die Völkerkunde mit der neuen ethnographischen Entdeckung der jüdischen Race bereichert und dadurch unheilvollen verhetzenden Racenhaß hervorgerusen zu haben, dieses beueidenswerthe Verdienst gehört den „gelehrteir" Teutoneit der auf ihre wisseitschaftlichen Errungenschaften und sonnenhelle Aufklärung stolzen Jetztzeit. Angesichts der judenfeindlichen Agitationen der deutschen „Wodan-Anbeter", — die, nebenbei bemerkt, für die Verbreitung der deutschen Literatur im europäischen Osten viel weniger geleistet haben, als die jüdisch-polnische Jugend — ist es also kein Wunder, daß nun die Juden auf slavischem Boden ihre bisherigen Sympathien für die als „liberal" gehaltenen Deutschen, die jetzt nahezu durchgehends aus theils offenen, theils verkappten Antisemiten bestehen, nicht mehr hegen; daß sie sich gegenüber dem gegenwärtigen, nationalen Kampfe der Deutschen ganz gleichgiltig verhalten; und daß sie endlich zur richtigen Erkenntniß gelangt sind, daß es für die Juden viel vortheilhafter sei, die Sprache und Literatur jener Nationen, in deren Mitte sie leben, zu pflegen, und dadurch, sowie durch aufrichtige Theilnahme am Wohl und Weh dieser Völker deren Sympathie zu erwerben, wie dies die ungarischen Juden zu ihrem Heil erreicht haben. Exemplum docet! Arthur Eibenschütz. Ein Leben nach dem Tode. („Spinoza in Deutschland." Gekrönte Preisschrist von Dr. Max Grnnwald, Berlin 1897, S. Calvary u. Co., 380 S.) Im Alter von fündundvierzig Jahren ist Spinoza dahingeschieden, wie unser hochherziger Schiller, doch nicht wie dieser hat er mit eigenen Augen seine bedeutendsten Gedanken leben und wirken gesehen. Das herrlichste Monument seines Lebens und seines Charakters, seine „Ethik", hat erst sein Grab geschmückt und ist auch nicht sofort nach seinem Tode anerkannt worden. Erst als sich die Meute erboster Theologen ausgetobt hatte, ist für Benedictus de Spinoza, wie sich Baruch d’EsPinosa als Denker genannt hat, der Tag später Gerechtigkeit leuchtend aufgestiegen. Erst als ein edler Eiferer wie Edelmann sich mannhaft zu dem tiefsinnigen, weihevoll religiös gestimmten Denker bekannt hatte, den selbst ein freier Kopf wie Bayle als „Systematiker des Atheismus" gebrandmarkt hat, erst als ein Lessing den jüdischen Philosophen gegen den in dieser Frage allzu jüdischen Mendelssohn in Schutz genommen hatte, welcher den unsterblichen Löwen des Monismus einen „todten Hund" zu nennen die unbegreifliche Jmpietät gehabt hat, erst

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