Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-11-26 · 48 (26.11.1897) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
48 (26.11.1897)
Date
1897-11-26
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021169-3021217--07322-3031645
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 48 Vr Vlmtz's MortzensttzriN Seite 967 in Stellung zn bringen, wo sie ihr Brot für sich und ihre Familie selbstthätig verdienen können, als eine hervorragend bemerkenswerthe, mit der man sich so lange wird beschäftigen müssen, bis es gelungen ist, die Arbeitslosigkeit überhaupt aus der Welt zu schaffen. Der Verein hat im Jahre 1896 661 Personen (196 männliche, 2 weibliche verheiratet, 376 männliche und 91 weibliche unverheiratet) versorgt. Diese vertheilen sich aus folgende Berufsarten : gewöhnliche Arbeiter (218), Hausdiener, Kutscher, Briefträger, Weinküfer, Krankenwärter, Jnspectoren (1), Handwerksgesellen, Handwerkslehrlinge, Registratoren, Bureauvorsteher, Schreiber, Buchhalter, Commis (61), Expedienten, Stadtreisende (14), Kaufmannslehrlinge (6), Schneiderinnen, Zuschneiderinnen, Buchhalterinnen, Cassierinnen, Verkäuferinnen (37), Lehrmamsells (13). Wir lassen hier den Vortragenden erläuternd sprechen: „Der größere Theil der 218 gewöhnlichen Arbeiter hat einst bessere Tage gesehen. Einer davon z. B. war Bankdirector in Wien, ein anderer Fabrikant, dann viele Hausirer, die sich nicht mehr ernähren konnten, Handwerksgesellen mit diversen Gebrechen, die sie unbefähigt machen, weiter ihrem erlernten Gewerbe nachzugehen u. s. w. Und da sie in anderen Stellungen nicht unterzubringen waren, nahmen sie Stellungen gewöhnlicher Art an. Mehrere waren körperlich nicht stark genug und mußten bald ausspannen, die meisten aber thaten und thun ihre Schuldigkeit zur Zufriedenheit ihrer Arbeitsgeber. Die Beschäftigungen, die wir ihnen zugewiesen, waren als Bauarbeiter, Fensterputzer, Kellerarbeiter, Felleklopser, Fellträger, Mazzosroller, Markthelser rc. rc. Von den bei der Privatpost Untergebrachten war z. B. ein ehemaliger größerer Fabrikant für wollene Phantasieartikel, der anderthalb Jahre mit seltener Pflichttreue trotz seiner 64 Jahre die Briefkasten leerte und erst 60, dann 75 Mark verdiente." Herr Rosenstiel theilt alsdanil etliche charakteristische Einzelheiten mit: „Jüngst wurde uns eine Dame zugesandt, die den Beruf als Krankenpflegerin ergriffen hatte, bei der ersten Operation, der sie beiwohnte, aber in Ohnmacht fiel und darum eine andere Thätigkeit ergreifen wollte. Wir konnten sie als Wirthschafterin bei einem Witwer mit mehreren Kindern unterbringen, der des Lobes voll ist ob ihrer Leistungen. Bor einiger Zeit kam der Kutscher einer Droschke erster Classe in unser Bureau und declarirte sich als Buchhalter ersten Ranges, der viele Monate als solcher keine Stellung finden konnte und darum Roffelenker ward. Es gelang uns, ihm eine seinen Fähigkeiten entsprechende Stellung znzuweisen. Hier folgt aber ein wunder Punkt, die Mitteilung nämlich, daß diesen 661 Personen, die vom Verein haben versorgt werden können, 2500 gegenüberstehen, die sich während desselben Jahres als Stellungsuchende bei dem Verein gemeldet, so daß die Zahl der Versorgten relativ gering ist und noch ein gut Stück Arbeit für den Verein bleibt, bis das Angebot durch die Nachfrage sich decken wird. Doch lassen wir den Vortragenden fortfahren: „Es würde zu weit führen, wollte man über die Art unserer Thätigkeit ein erschöpfendes Bild geben. Wer sich hiefür interessirt, sei gebeten, sich in den Vormittagsstunden von 9^11 Uhr in unser Vereinsbureau, Klosterstraße 44, zu bemühen und sich einige Zeit daselbst aufzuhalten. Er würde zuvörderst erstaunt sein über die große Anzahl der sich bei uns täglich einfindenden Personen; sie ist oft so groß, daß der Raum sie nicht fassen kann. Bald würde er gefesselt werden von dem, was sich ihm hier darbietet. Ein Schriftsteller kann nirgends besseren Stoff für einige sociale Romane finden als gerade hier, wo eine ganze Welt erscheint mit ihrem Jammer, aber auch mit ihrem Hoffen. Alt und jung, befähigt und unbefähigt, arbeitstüchtig und arbeitsfreudig, entnervt und verkommen, unlustig, dumm, träge, arrogant, wiederum aber auch genial und talentvoll, zu besten Hoffnungen berechtigend, finden sich hier Arbeits- oder Stellensuchende ein. Allen stehen wir zn Diensten, leihen Jedem offenes Ohr und betrachten uns als die Diener ihrer Wünsche, soweit es sich darum handelt, ihnen Beschäftigung zu verschaffen. In erster Reihe wird hier jedes Einzelnen Charakter, Fähigkeit und Lebenslauf geprüft, dann werden von den Bureaubeamten die nöthigen Erkundigungen eingezogen, denn nur denen, über die günstige Auskunft eingeht, wird unsere Empfehlung zutheil . . . Schwerer ist es, denen Arbeit zu verschaffen, die bereits Schiffbruch erlitten, an irgend einem Orte Deutschlands etablirt waren und dann mittellos mit Familie nach Berlin kamen, um sich hier emporzuarbeiten. Nachdem sie hier monatelang, manchmal Jahre lang vergeblich gerungen, finden sie endlich zufällig den Weg zu uns. Aber auch in solchen Fällen kann sich der Verein oft bewähren, indem es ihm gelingt, den Fähigkeiten des Betreffenden entsprechende Thätigkeit zu schaffen, wenn zumeist auch nur mit sehr geringem Verdienste. Ost ist unser Rath von großem Einfluß für die Errichtung einer neuen Existenz. Unser Verein aber muß auch häufig erziehlich wirken, und oft werden Ermahnungen und Belehrungen gegeben, das Pflichtgefühl angeregt rc. Im Allgemeinen haben wir gesunden, daß der Jude gern arbeitet; alle entgegengesetzten Behauptungen s i n d L ü g e n. Die Anerkennung für unsere Institutionen macht sich allmählich geltend, und zwar nicht allein in den Kreisen unserer Glaubensgenossen, denn wir haben viele Arbeitgeber christlicher Confession, die auch ihren Vortheil finden, Juden in Stellung zu nehmen. Ja wir machen oft die Erfahrung, daß das Vorurtheil gegen unsere Glaubensgenossen bei jüdischen Arbeitgebern stärker ausgeprägt ist, als bei christlichen." Herr R. sprach alsdann über die Pläne des Vereins für die Zukunft: „Zuvörderst soll zur befferen Fürsorge der sich beim Verein meldenden weiblichen Personen ein Damencomite gebildet werden, bestehend aus Vorstandsdamen jüdischer Frauenvereine, so daß hierdurch eine heilsame Wechselwirkung herbeigeführt werden wird, wofern es gelingt, Damen zu gemmnen, die sich den Bestrebungen des Vereines verständnißinmG anschließen. Sodann sollen Arbeitsstätten geschaffen werden W die Arbeitsuchenden, die man nicht unterbringen kann. Wir würden für Berlin in erster Linie dir Einrichtung einer Schreiberstube ins Auge fassen. Leicht würde man uns Tausende, ja Millionen von Couverts zum Schreiben, die Versendung von Avisen, Programmen, Einladungen, Jncassos von Vereinsbeiträgen, Translationen, Musteraufnahmen und vieles Andere übertragen, wodurch wir einer größeren Anzahl arbeitsloser Familienväter, die sonst der Armenpflege anheimfallen würden, einen Erwerb verschaffen könnten. Später müßte man daran gehen, wie der BHai-Briss- Frauenverein „Charitas" in Mannheim oder der Bnai Briss- Arbeitsnachweis der Frankfurter-Loge so erfolgreich gethan, Subventionen zur Einrichtung von Handwerksstuben an ehrenwerthe Handwerksgesellen zu geben, ihnen für die erste Zeit, wo sie noch keine Kundschaft haben, Arbeit zu verschaffen. Zu gleicher Zeit müßte es angeregt werden, daß sich in den größeren Orten Deutschlands, woselbst viele Israeliten wohnen, je nach den örtlichen Verhältnissen wirkende Vereine für Arbeitsnachweis ins Leben gerufen werden, wie dies z. B. in München seitens der Bllai-Briss-Loge gegenwärtig geschieht. Die Krönung dieser Werke würde endlich in einem Central-Verein aller jüdischen Arbeitsnachweis-Vereine in Deutschland erfolgen müssen, durch den eine Vermittlung von einem Orte zum andern erfolgen würde, so daß von da, wo Arbeitskräfte brach liegen, solche gesandt werden an die Orte, wo sie begehrt werden." Der Redner schloß mit einem Rechenschaftsbericht über die Ausgaben des Vereines. Dieser braucht: für einen Buchhalter 1800, einen zweiten Buchhalter, der zugleich die'Arbeitgeber besucht, 1200, einen Schreiber resp. junge Dame für diesen Posten 750, Miethe (jetzt) 500, Porti 500, Drucksachen 500, Licht und Heizung 100, Bureanunkosten rc. 500, Annoncen (mindestens) 1200 Summa 7050 Mark. Der Verein hat bereits über 600 Mitglieder und wird von den drei Berliner Buai-Bri8.--Logen subventionirt, trotzdem reichen die Einnahmen lange noch nicht aus, so daß die Vorstandsmitglieder vorläufig noch größere Opfer bringen müssen. Wir theilen darum den Wunsch und die Hoffnung des Herrn Vortragenden, daß unsere begüterten Glaubensgenossen des humanen Werkes gedenken mögen, indem sie dem Vereine als Mitglieder beitreten. Der deutsche Raeen-AutisemMsmus. Krakau, 14. November. In einem interessanten Gespräche, das ich dieser Tage mit einem angesehenen, sehr intelligenten polnischen Publicisten über die gegenwärtigen politischen und socialen Zeitsragen hatte, bildete auch unvermeidlicher Welse die ethische Krankheit des »Fin de siede«, die graffirende antisemitische Bewegung, einen Gegenstand unserer Conversatiou. — Nachdem ich den in

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.