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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-11-26 · 48 (26.11.1897) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
48 (26.11.1897)
Date
1897-11-26
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 48 Seite 965 Vloch's WochrnptzrM anwalt, der einen Wegweiser christlicher Geschäftsleute, welcher einen directen Boycott der jüdischen Firmen bezweckt, duldet, beanständet jenen Zettel, auf welchem vierundzwanzig Leute gemaßregelt werden, welche uns persönlich beschimpft haben." Angeklagter Winter gibt seiner Meinung Ausdruck, daß die Anklage auf Grund einer Interpellation des Prinzen Liechtenstein erfolgt sei, der in Frauenversammlungen seit Jahren: „Kauft nicht bei Juden!" predigt. Die Geschwornen sprachen den Angeklagten frei. Die Judenhetze im Cursalon. Unter den wenigen Gärten, deren sich Wien rühmen kann, nimmt unstreitig der Stadtpark den ersten Rang ein. Die günstige Lage, der sich dorthin entfaltende rege Verkehr, sowie der Umstand, daß diese Anlage in nächster Nähe von drei sehr bevölkerten Bezirken sich befindet, sichern derselben zu jeder Jahreszeit einen außerordentlichen Zuspruch, der auch mehr als gerechtfertigt ist. Während sich in den Sommermonaten unser Auge an den wohlgepflegten Rasen und den herrlich arrangirten Blumenbeeten erfreut, können wir in der jetzt hereingebrochenen Wintersaison im Cursalon angenehme Stunden verbringen, die namentlich an Sonntagen durch ein uns gebotenes Concert besonders schnell vergehen, und da ist die alte und bekannte Thatsache zu erkennen, daß diesen Musikaufführungen stets unsere Glaubensgenossen, insbesondere aber die Vertreterinnen des schönen Geschlechtes, in überwältigender Majorität anwohnen, da der Sinn und das Interesse an derlei Vergnügungen seit jeher den Juden auszeichneten. Nun ist aber auch dieses Terrain der Freude und des Vergnügens uns entzogen. Vor wenigen Tagen hat im Cursalon eine antisemitische Frauenversammlung stattgefunden, in welcher die Herren Lueger, Prinz Liechtenstein und Fiedler die gewohnte Weihnachtshetze gegen die jüdischen Geschäftsleute eröffneten. Lassen wir somit den Cursalon „der wahren, erbgesessenen Wiener Bürgerschaft", halten wir uns ferne von dem Orte, dessen Mauern bisher dem profanen Alltisemitismus Stand gehalten haben und woselbst am Einweihuugstage der Bürgermeister das große Wort hatte, der sich jetzt im Grabe umkehren würde, wenn er die „Pnppen" seines nunmehrigen Nachfolgers betrachten würde. Man wird einwenden, daß das Ausbleiben der Juden ja nur den derzeitigen Pächter trifft und nicht den Hausherrn, die Commune. Allein der Pächter, der sein Etablissement einem Vereine zur Abhaltung einer Versammlung überläßt, muß doch die Tendenz der betreffenden Corporation kennen und sicherlich war es dem Pächter, in dessen Adern bis vor nicht gar langer Zeit auch Blut von unserem Blute gerollt, nicht fremd, welcher Gesinnung die Bereinsmitglieder sind, die bei ihm „tagten". Er ist daher nicht minder verantwortlich und aus diesem Grunde sollen wir ein Unternehmen nicht fördern, in welchem unser theuerstes Gut, die Ehre, solcherart besudelt wurde! Ahlem. (Erziehung der jüdischen Jugend für B o d e n c u l t u r.) Die Vorwürfe der Antisemiten, daß die Juden keine productive Arbeit leisten und daß sie insbesondere zur Landwirthschast weder Neigung noch Befähigung besäßen, sind Legion. Man müßte die ganze Entwicklungsgeschichte der Juden recapituliren, wollte man die Ursachen der Thatsache der procentual' geringen Betheiligung der Juden an den erwähnten Berufsarten Nachweisen. Jene Ursachen sind überdies in Zeitschriften und Broschüren Gegenstand sachlicher und gerechter Erörterung gewesen, so daß wir nur wiederholen könnten, was als bekannt vorausgesetzt werden muß. Thatsache bleibt allerdings, daß auch heute die geeigneten Elemente unter den Juden immer noch nicht in genügendem Maße den angeblich oder scheinbar von ihnen verpönten Berufsarten zugeführt werden. Hier Abhilfe zu schaffen, wäre nicht etwa im Interesse der moralischen^Entwaffnung der Gegner, sondern vornehmlich im Interesse einer weiteren Gesundung und Kräftigung der wirthschaftlichen und socialen Lage von Tausenden und Abertausenden von Juden wünschenswerth. Alle Bestrebungen, welche darauf abzielen, jenen Zweig der „inneren Mission" zu cultiviren, verdienen daher Beachtung, entsprechende Prüfung und gegebenen Falles nachhaltige Unterstützung. Von diesen Gesichtspunkten aus konnten wir es uns nicht versagen, kürzlich auf einer Reise nach dem Norden in Hannover Halt zu machen, um, einer Einladung von Freunden der Sache folgend, die Israelitische Erziehungsanstalt en Ahlem zu besichtigen. Die Anstalt, die Consul Simon in Hannover mit einer Spende von 200.000 Mark im Jahre 1893 ins Leben gerufen und die seit 1896 die Rechte einer juristischen Person erlangt hat, will israelitische Jünglinge in allen Zweigen der Landwirthschast, besonders in Gartenbau, Obst- und Blumenzucht ausbilden. Schon von der Schule aus sollen dort die Kinder israelitischer Konfession in Verbindung mit Gartenbau lind Handfertigkeit erzogen werden, um so Lust und Liebe für den landwirthschaftlichen Beruf in das Herz des Kindes zu pflanzen. Dabei sollen neben den Holzarbeiten, welche bereits für decorative Zwecke in der Gärtnerei angefertigt werden, auch Schreiner-, Glaser- und Schlosser- und andere Arbeiten Berücksichtigung finden, sobald die allgemeinen, und insbesondere die finanziellen Verhältnisse das zulassen. Es hat denn auch thatsächlich schon eine ganze Anzahl aus der Anstalt hervorgegangener Gärtner entsprechende Anstellung gesunden. Unter Anleitung einer geeigneten Kraft stellen die Zöglinge diejenigen Arbeiten aus Holz '»Baumrinde u. s. w. her, welche in dem gärtnerischen Betrieb von heutzutage einen so wichtigen Factor bilden und welche durch die in Hannover befindliche Verkaufsstelle der Anstalt abgesetzt werden. Selbst die kleineren Knaben beschäftigen sich mit Handfertigkeitsarbeiten und leisten, nach den besichtigten Gegenständen zu urtheilen, ganz Anerkennenswerthes. Außer ihrer gärtnerischen Ausbildung erhalten die Leute noch wissenschaftliche Weiterbildung in der städtischen Fortbildungsschule zu Hannover. Entsprechend dem doppelten Zweck, den die Anstalt erfüllen soll, bilden, wie schon angedeutet, die Auszunehmenden 2 Kategorien: Knaben bis zu 14 Jahren sind Schüler, über 14 Jahre Lehrlinge. Im Ganzen befinden sich in der Anstalt jetzt etwa 70 Schüler und Lehrlinge. Die Schüler genießen den von 2 Elementarlehrern geleiteten Elementar-Unterricht, Zeichnen, Turnen, Schwimmen u. s. w. selbstredend mit inbegriffen. Ahlem bildet gewissermaßen die Zentralstelle in Deutschland für die Heranbildung junger Leute zu landwirthschaftlichen Berufen, und das, was sie leisten, verdient wärmste Anerkennung. Weit rascher, als dies bislang geschehen konnte, müßte sich die Zahl der Schüler vergrößern. Je größer die Zahl der Schüler ist, desto kräftiger wird auch der Beweis geführt werden können, daß sich unter den Juden nicht nur zur Landwirthschast Befähigte finden, sondern daß es den Juden auch ernst damit ist, wirkliche Mißverhältnisse im Berufsleben abzustellen. In absehbarer Zeit müßten — das läßt sich nicht abweisen — auch Berufsarten des Handwerkerstandes in den Wirkungskreis der Anstalt gezogen werden. Hierzu bedarf es ~ begreiflicherweise noch weiterer und bedeutender Geldmittel. Allerdings müßte der seitherigen Firma „Israelitische Erziehungsanstalt" eine erläuternde Bemerkung angefügt werden, sonst wird man immer wieder die Meinung äußern hören, die Anstalt sei weiter nickts, als eine „jüdische Lehranstalt". Das ist sie eben nicht, sie ist weit mehr, als aus ihrer „Firma" herausgelesen werden kann. Sie ist eine Anstalt zur Erziehung und Heranbildung zu landwirthschaftlichen Berufen für Knaben jüdischer Konfession; sie erfüllt damit eine der wichtigsten und unaufschiebbarsten Aufgaben der „inneren Mission" unter den Juden. Die Erziehungsanstalt ist ein ganz hervorragendes, bedeutendes und erhebendes Werk, ein Eulturwerk ersten Ranges. Möge es gelingen, im Laufe der Jahre das Werk im Sinne seines Stifters zu vollenden; einen höheren erhebenderen Lohn für all' seine Opfer, Sorgen und Mühen kann es nicht geben. Wie wir erfahren, haben von den durch die Baron Hirsch-Stiftung in Wien in der Anstalt untergebrachten Zöglingen kürzlich sechs Knaben ihre Lehrzeit beendet, wovon zwei auf dem Gute der Baronin Hirsch in Schwarzkirschen (Mähren), einer bei der Baronin von R o t hs ch i l d zu Frankfurt a. M. und einer in der größten Gärtnerei Deutschlands von S ü ß m a y e r, ebenfalls zu Frankfurt a. M. untergebracht sind, während einer bis auf Weiteres in der Anstalt verbleibt und der sechste zu seiner Mutter nach Amerika auswanderte. Bei dem also auch für Oesterreich durchaus segensreichen Wirken der Anstalt glauben wir wohl das Interesse unserer bemittelten Glaubensgenossen auch in Oesterreich-Ungarn für die Anstalt, welche einem allgemeinen jüdischen Bedürfnisse dient und keineswegs localen Charakter besitzt — aus der Stadt Hannover gehört kein Zögling der Anstalt au — in Anspruch nehmen zu dürfen. Dem Institut wird von allen Seiten reichlich Lob, aber leider wenig Geld gespendet. Wir sind gerne berett, etwaige Geldspenden in Empfang zu nehmen. Zur Racentheorie. In seinem Werke „Der Mensch" (II.Auflage, 1894, Bd. ll) sagt Professor Dr. Johannes Ranke unter Anderem: „Die körperlichen Differenzen zwischen den Völkern sind geringer als die zwischen den verschiedenen Ständen; sie sind mehr von der Beschäftigung als von der Abstammung bedingt . . Die Juden in den russischen Ostseeprovinzen stimmen in ihren Körperproportionen vollkommen mit den dortigen Ariern und Finnen überein, weil sie zum- Theil Handwerker und Bauern sind und sich im Allgemeinen von der Bevölkerung weniger als in Oesterreich durch den Mangel körperlicher Beschäftigung unterscheiden . . . Im südwestlichen Rußland entspricht die Körpergröße der Juden derjenigen der christlichen Bevölkerung, unter welcher sie leben; unter einer Bevölkerung von großem Wuchs sind auch die Juden groß. In ähnlicher Weise sind blonde Juden in Deutschland nicht selten, noch häufiger in Polen und Rußland.

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