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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-11-26 · 48 (26.11.1897) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
48 (26.11.1897)
Date
1897-11-26
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 964 Dr. Vloch's Wochenschrift Nr. 48 die Schultern der Christlich-Socialen und ihrer Verbündeten niedersausten. Es hat sich hier wieder einmal die Wahrheit des Jbsen'.schen Wortes gezeigt, daß der stärkste Mann derjenige ist, der allein steht. Der Abgeordnete Straucher war durch keinen Clubzwang behindert, die Ehre seiner Glaubensgenossen zu vertheidigen, und er hat dies mit einem Freimuth und einer Sachkenntniß gethan, die in d i e s e m Parlamente und unter den heutigen Verhältnissen doppelt hoch angeschlagen werden müssen. Auch die heuchlerische Schlachta hat dabei ihren Theil wegbekommen und sie wird sich die Lection wohl merken! Das Auftreten des Abgeordneten Straucher hat noch ein Gutes gehabt. Er hat auch die sogenannte polnische Volkspartei und die Stojalowski-Gruppe gezwungen, Farbe zu bekennen, und heute weiß man es, daß diese Fractiönchen nichts Anderes als die Mauerbrecher des christlich-socialen Antisemitismus in Galizien sind. Ihren scheinheiligen Phrasen^ von Volksfreundlichkeit und Fortschrittlichkeit wird nun Niemand auf den Leim gehen. Abgeordneter Caliban. Ob es wohl jemals schon eine parlamentarische Körperschaft gegeben hat, die einen Ernst Schneider in ihrer Mitte besaß? Die Erfahrungen der letzten Jahre haben es verlernen lassen, die Voten der Wiener Wählerschaft und die Persönlichkeiten, die aus der Urne enrporsteigen, nach einem gebräuchlichen Werthmesser zu prüfen. Eitles Beginnen, unternähme es Jemand, den Prüfstein der Leistungen, der Erfahrungen, der Kenntniffe, der Talente an den Erwählten des Wiener Volkes anzulegen. Aber gut so! Stets, in der Geschichte aller Völker, in den Annalen aller Staatswesen hat es Epochen gegeben, in denen die Augen der Menge mtt Blödheit geschlagen wurden, in denen die Catilinas, die Cleons triumphirten und der haß- und wahnerfüllte Troß den Verführern und Schmeichlern, den inwendig geflickten Helden der Tagesgnnst zujohlte, um sie, wenn der Rausch ausgeschlafen war, vom Capitol zu stürzen und ihre politischen Gräber zu schänden. Wie aber werden die Völkerpsychologen kommender Tage es erklären, daß es Zeiten gegeben hat, in denen Tausende von Menschen in einem Ernst Schneider den richtigen Mann sahen, sie und ihre vitalsten Interessen zu vertteten. Seit dieser Mensch im öffentlichen Leben steht, hat seine unreinen Lippen kein Wort verlassen, das nicht den Stempel geifernden Hasses trug, sein parlamentarisches Thun gemahnte an das wüste Toben eines bösartigen Irren. Dinge werden ihm nachgewiesen, die mit den geringfügigsten Anforderungen bürgerlicher Ehrenhaftigkeit nicht zu vereinbaren waren. Ihm fehlt aber auch die Sachlichkeit des Hasses und der Verfolgungswuth. Plumpe Ammenmärchen, veralteter Spinnstubentrug, wüste Fabeln, deren jeder civilisirte Mensch spottet, waren das Einzige, was er, der Lüge Wohl bewußt, vorbrachte. Ihm konnte es nicht schaden. Das Parlament hat er zur Branntweinbude herabgewürdigt. Wahrlich, wir können stolz darauf sein, wohl als die einzige Nation eine Volksvertretung zu besitzen, in der man nicht sicher ist, von einem — volltrunkenen Abgeordneten angefallen zu werden! Nach Szajer — Emst Schneider. Der Fuselclub wird wohl nicht mehr lange auf sich warten lassen. Jetzt haben die antisemitischen Collegen den Ritnalmordlllgner fallen lassen. Merkwürdig, aber wahr. Der Muth fehlte ihnen, den Ritualmord-, den Stimmzettel-, den Stampiglienschneider in den Landesausschuß zu entsenden. Ob ihnen das nicht theuer zu stehen kommen, ob sich nicht Caliban mächtiger erweisen wird als sie! Ein Landesausschuß, in dem Ernst Vergani saß, könnte schließlich auch durch Ernst Schneider kaum vemnehrt werden!! Jung-Jsrael. Sehr geehrter Herr Redacteur! Die unter der Ueberschrift „Jung-Jsrael" in Ihrer letzten Numurer abgedruckten Bemerkungen scheinen mir gegen die jüdisch-nationalen Studenten nicht gerechtfertigt. Wenn diese Bemerkungen von Zuschriften sprechen, „die bald die nationalgesinnten Verbindungen und ihr Vorgehen verurtheilen, bald jene jüdischen Studenten verdammen, die allen Anfeindungen zum Trotz, sich als „Deutsche" fühlen, als ebenso gute, ja als bessere Deutsche, wie die Heilobrüder der Schönerer'schen Gefolgschaft", so ist damit der Gegensatz der zwischen der Kadimah einerseits, der „Hedone" und „Fidelitas" andererseits gespielt hat, in entstellter Weise wiedergegeben. Nicht darum Handeltees sich, daß die letzterwähnten beiden Vereine deutsch sind, sondern daß sie an einer Ovation für Schönerer und Wolf theilgenommen haben. Man wird überhaupt nach den Vorgängen im Deutschen Schulverein und auf dem Bozener Parteitag davon ausgehen dürfen, daß ein Jude zwar deutsch sein, aber in Oesterreich nicht gut einer deutschen Partei oder deutschen Studentenverbindung angehören kann. Schon sein österreichisches Staatsgefühl muß ihn daran hindern, nachdem die „Liberalen" die Helfershelfer der Deutschvolklichen geworden sind und mit ihnen um die Wette die ,Wacht am Rhein" singen. Daß die Kadimahner gegen solche Juden hitzig waren, ist menschlich. Wie verschieden lauten die Bemerkungen über beide Parteien. Bei den Jüdisch- Nationalen das nackte Wort unjüdisch, bei den anderen: „Juden sollen es sich wohl überlegen, die Rolle jener Geschöpfe zu spielen rc." Wie gewunden! Auch wird der Schein erregt, als gebe es eine dritte Classe betheiligter Studenten, während es sich nur um zwei Parteien handelt. Hie Juden, die Schönerer ein Hoch ausbrächten, dort Jüdisch-Nationale. Als begeisterter Gegner der Assimilation sans phrase (oder mit Phrase) habe ich seinerzeit den studentischen Krimskrams jüdischer Studenten nicht gern gesehen. Es kommt aber doch wesentlich auf die Gesinnung an, in welcher solche Aeußerlichkeiten gepflegt werden. Werden diese nachgemacht aus ersterbender Bewunderung für alles Deutsche, einschließlich deutscher Narrheiten, so wäre darin das unrichtige Princip der Assimilation enthalten. Machen die jungen Leute die Aeußerlichkeiten in dem Bewußtsein mit, daß sie die Verhältnisse nehmen müssen, wie sie einmal liegen, und daß sie unwesentliche Aeußerlichkeiten mitnehmen, um sich corporativ zu erkennen zu geben, so handeln sie unzweifelhaft nicht als Assimilanten. Der Lehrer der Anglo Jewish Association in Bagdad, der sich rühmte, bei feinen Schulkindern europäische Tracht eingeführt zu haben,*) ist .ein richttger Assimilänt, trotzdem er nicht der Landessitte folgt. Wer dagegen bei uns einen schwarzen Rock trägt, ist darum noch kein Assimilänt. Es kommt also, wie gesagt, auf die Gesinnungen an, von welchen die jungen Leute bei der Pflege der studentischen Aeußerlichkeiten sich haben leiten lassen. Geht man nach dem Erfolg, so ist es zweifellos, daß die jüdische Studentenschaft durch ihre erfolgreichen Mensuren sich mehr Achtung verschafft hat, als das fleißigste Lernen ihr zugesichert hätte. Um lediglich ihren Studien zu leben, fanden sie, Dank der politischen Unfähigkeit und der Indolenz der früheren Generation zu geschraubte Verhältnisse vor. Die bartlosen Jünglinge auf die Männer zu verweisen, ist im jetzigen Augenblick nicht glücklich, wo die Männer sich so oft weibisch oder kindisch benommen hatten. Es ist eigenthümlich, daß man gegen die Assimilation und gegen die studentischen Unsitten jetzt so empfindlich ist, wo die jüdischen Jünglinge sich in jüdischen Verbindungen zusammenthun, sondern nicht schon früher, wo sie bei den Burschenschaften eiuzutreten pflegten. Sollte man bei den Burschenschaften fleißiger gewesen sein und weniger getrunken haben? Ich mag mich irren, vermuthe aber in dem Verfasser der Betrachtung über Jung-Jsrael einen verärgerten Assimilanten, den das jüdische Bewußtsein der Kadimahner reizt und der sie als Assimilanten ad absurdum zu führen sucht, nachdem die Assimilation Bankerott gemacht hat. Hochachtungsvoll Ein alter Student. Politischer Boyeott. Am 23. d. M. stand der Redacteur Max Winter der ^Arbeiter-Zeitung" vor den Wiener Geschwornen. Er war u. A. von der Staatsanwaltschaft angeklagt, daß er eine Flugschrift verlegt habe, in welcher zum Boycott gegen eine Reihe von arbeiterfeindlichen Geschäftsleuten aufgefordert wurde. Der Angeklagte sagte in seiner Verantwortung: Der Staatsanwalt, welcher dulde, daß gewisse Blätter Aufschriften tragen: „Kauft nicht bei Juden! Kauft nur bei Christen!", und der keine Kenntniß von der schwarzen Liste der Hausherren zu haben scheint, der Staats- *) Eine wahre Begebenheit, die aus dem vorletzten Jahresberichte der Gesellschaft zu ersehen ist.

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