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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-11-26 · 48 (26.11.1897) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
48 (26.11.1897)
Date
1897-11-26
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 46 Vr. Bloch» Mvchrnlchrifl. Seite 963 die Mittel — das bedeutet mit anderen Worten die Preisgebung der Einzelnen, ja Aller für das Ganze und Allgemeine. In'Wahrheit jedoch gibt es kein allgemeines Wohl, welches nicht jeden Einzelnen in seinem Rechte, seiner Ehre, seiner Existenz schützt, welches sich auf Lüge und Falschheit gründet und nicht jedes einzelne Leben so hoch stellt, wie die ganze Welt. Wir können wohl von dem Einzelnen verlangen, daß er sich für das allgemeine Wohl aufopsere und hingebe, aber geringschätzen und rechtlos machen, der Lüge und der Jntrigue preisgeben dürfen wir ihn nicht, das wäre ein Hinschlachten für den allgemeinen Schaden, aber nicht für das allgemeine Wohl. So hat wieder einmal die verfolgte Unschuld Schutz bei der öffentlichen Meinung gesucht; es bleibt abzuwarten, ob das Gewissen der öffentlichen Meinung sich diesmal stärker erweisen wird als die einflußreiche Gegnerschaft, und ob es dem französischen Herrn Dreyfus besser dabei ergehen werde, als dem preußischen Herrn von Marschall. Doch, sollte Herr Dreyfus wieder frei werden und von jener schrecklichen Teufelsinsel zurückkehren, dann wird er sich wohl als Jude fühlen, an dem sich die göttliche Fürsorge für jeden Einzelnen, die Haschgachath peratith, bewährt hat. Er wird sich thränenfeuchten Auges zum Seder setzen und von Jeziath mizraim erzählen, er wird in das jüdische Gotteshaus gehen und vor der jüdischen Gotteslehre mit dem Glauben an die Einzelfürsorge Gottes ausrufen: „Gepriesen seist Du, der Du Gutes erweisest auch denen, die schon schuldig gesprochen waren!" Vom Jahrmarkt des levens. Für das jüdische Handwerk. Es gibt zahlreiche, wohlhabende Juden, welche in sittliche Entrüstung darüber gerathen, wenn die Antisemiten unseren Glaubensgenossen die Fähigkeit oder den Willen zur Ausübung eines Handwerkes absprechen. Sie weisen dann mit Stolz darauf hin, daß es in Wien viele Hunderte jüdischer Handwerker gibt. Als Trumpf gegen die Antisemiten sind ihnen die jüdischen Kleingewerbetreibenden gut genug, die Wenigsten denken jedoch daran, ihnen auch Beschäftigung zu bieten. Da sendet uns ein Freund unseres Blattes eine Anzahl von Preiscouranten. Broschüren und Circularen verschiedener jüdischer Firmen ein, die alle bei arischen Buchdruckern hergestellt sind. Ja mehr noch, es wird uns eine ganze Serie koscherer Restaurationen aufgezählt, die ihre Speisekarten von Ariern beziehen, die doch sicherlich nicht zu ihren Gä st e n z äh l e n. Bei solcher Indolenz der bemittelten Juden gegen ihre minderbemittelten, schwer um ihre Existenz ringenden Glaubensgenossen ist es freilich nicht zu wundern, daß auch die wirthschaftliche Widerstandsfähigkeit des Judenthums gegenüber dem Antisemitismus imnier geringer wird. Selbst der „Jüdische Volksverein", der die wirthschaftliche Organisation der Juden anstrebt, läßt seinen diesbezüglichen Aufruf bei einer — arischen Firma drucken. Der Preiscourant des großen Kleiderhauses M. N e um a n n in der Kärn^nerstraße, die Speisekarten der Koscher- RestaurationenKh uner, A. Weiß, S. Goldner,F. Schmidt sind von Ariern ausgeführt. Und so wie den jüdischen Buchdruckern, geht es allen anderen jüdischen Handwerkern! „Schinzel & Schneider." Unter den handelsgerichtlichen Kundmachungen vom 26. October d. I. findet sich folgende Verlautbarung: Register für Gesellschaftsfirm e n: Eingetragen wurde die Firma: Schinzel & Schneider in Wien. Offene Gesellschaft seit 20. October 1897. Offene Gesellschafter find: Eduard Schinzel und Ern st Schneider, Beide in Wien, zum Betrieb e der Erzeugung von Gasmessern und Gasmesserb e st a n d t h e i l e n. Das Vertretungsrecht der Gesellschaft steht den beiden Gesellschaftern collectiv zu. Ritter Stampiglius ist also Gesellschafter einer Firma geworden, welche das besondere Interesse der Oeffentlichkeit verdient. Man weiß, daß Ernst Schneider seit einer Reihe von Jahren sein Mechanikergewerbe nicht mehr ausübt. Er war der commis voyageur des Ritualmordes, er hat die Erzeugung von Blutmärchen handwerksmäßig betrieben, seine Spuren führten nach Corfu, Kolin und Prag, und sein ehemaliger Freund Cornelius Vetter hat ihn direct als einen bezahlten Agenten der clericalen Partei bezeichnet. Seither ist Ernst Schneider Landtags- und Reichsrathsabgeordneter geworden und konnte sogar das Stampiglien- und Stimmzettelfälschen an den Nagel hängen. Er hatte seine auskömmliche Existenz. Aber sein Ehrgeiz ging höher - er wollte auch reich werden. Als agent provocateur kann man allenfalls behaglich leben, aber Reichthümer lassen sich dabei nicht sammeln. Plötzlich erinnert sich nun Ernst Schneider wieder seines alten Mechanikergewerbes. Er affociirt sich mit einem Berufsgenossen zur Erzeugung von Gasmessern in dem Augenblicke, wo die Commune Wien eine eigene Gasanstalt baut und somit ein großer Bedarf in diesem Artikel eintritt. Am 26. October fand im Rathhause die Offertverhandlung wegen Lieferung von 62.720 Stück nassen und 8160 trockenen Gasmessern im Kostenbeträge von ca. 27» Millionen Gulden statt. Schon am 6. IM d. I. ist Ernst Schneider um ein Patent für „nasse Gasmesser" eingeschritten und jene 62.720 Stück dieses neupatentirten Apparates müssen daher der neuen Firma „Schinzel & Schneider" oder deren vorgeschobenen Strohmännern zufallen. Denn wie sich neuerlich herausstellt, hat die Firma „Schinzel & Schneider" allerdings blos auf 13.000 Stück nasse Gasmesser offerirt, allein die mit ihr aufs Engste verbundene Firma M a n o s ch e k hat ein Anbot auf 51.800 dieser nassen Gasmesser gestellt. Ernst Schneider ist nicht nur offener Gesellschafter der Firma „Schinzel & Schneider", sondern auch stiller Compagnon der Firma Franz M a n o s ch e k. Die Herren Schinzel und Manoschek besorgen die Herstellung und Ernst Schneider steckt den größten Thell des Nutzens — oder wie es bei den Antisemiten heißt: des „Rebbachs" — ein. Ueberdies sollen bei der Gasmesser-Vergebung auch noch gewisse Patentverkäufe nach England und Beziehungen zu den Londoner Firmen W. Parkinson & Comp, und W. & B. Kowan limited mitspielen. Nun wissen wir, warum Herr Lueger das Anbot der englischen Gasgesellschaft, ihre Werke Md ihr gesammtes Rohrnetz der Commune um 13 Millionen Gulden zu überlassen, zurückwies, warum ein neues Gaswerk um 30 — 40 Millionen Gulden gebaut werden mußte Herr Lueger sorgt für seine Leute! Es ist eine Gelegenheit zum Zugreifen und Herr Ernst Schneider ist natürlich der Erste, der zugreift. Die christlich-sociale Partei ist ausgezogen, die Corruption zu tobten und nun segelt sie behaglich mitten drin in einem Meere von Corruption. Das „christliche Volk von Wien" muß Blut schwitzen, damit Dr. P o r z e r fette Gasprocesse und Ernst Schneider die Lieferung der Gasmesser bekommt Md auch andere treue Anhänger des „Herrn von Wien" ihre klingende Belohnung für Fleiß und gute Sitte erhalten. Fürwahr den Wienern „geht eine Gasfabrik auf!" Die neueste Judendebatte im Reichsrath. Wir haben in voriger Nummer dem Bedauern darüber Ausdruck gegeben, daß anläßlich der Angriffe des christlich-socialen Abgeordneten Dr. S ch e i ch e r gegen die jüdischen Geschäftsleute der Socialdemokrat Schrammel allein für die Ehre der Juden eintrat und kein jüdischer Abgeordneter das Wort zur Entgegnung ergriff. Nach Erscheinen der erwähnten Nummer hat sich aber doch ein jüdischer Abgeordneter, allerdings nur e i n einziger gefunden, welcher in sachlicher, aber eben deshalb überaus wirksamer Weise den Verleumdungen der Antisemiten entgegentrat. Es war dies der Czernowitzer Abgeordnete Dr. Benno S t r a u ch e r, dem wir an dieser Stelle austichtigen Herzens Dank und Anerkennung für seine tapfere Rede zollen, deren unumstößliche Wahrheiten wie klatschende Geißelhiebe auf

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