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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-11-26 · 48 (26.11.1897) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
48 (26.11.1897)
Date
1897-11-26
Page
– (sequence 2)
Language
German
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^Seite 962 Dr. Vloch's Wochrnschrifl. Nr. 48 gebung dem Bürgermeister und seinen arischen Stadträtben mindestens ebenso sehr zusällt, wie dem jüdischen Banreferenten, und daß in diesem Falle wenigstens unsere Antisemiten keine Ursache haben, von „jüdischer Corruption" zu sprechen. Wir wollen mit keinem Worte Herrn Schäffler eine Schuld für die exorbitante Ueberschreitung um 300.000 fl. zumessen. Aber ein vorsichtiger Bürgermeister hätte es wohl vermieden, den Bau seiner Billa zur selben Zeit und durch dieselben Werkleute ausführen zu lasten, wie den städtischen Ban, bei welchem jene Ueberschreitung vorkam. Ein vorsichtiger Bürgermeister würde es auch vermeiden, die städtische Lieferung von Desinfectionsstoffen und anderen Droguen just durch jene Firma besorgen zu lassen, deren Chef er selbst gewesen. Wenn unsere antisemitischen Puritaner absolut und um jeden Preis „reinigen" und „säubern" wollen, eine Function, die ja sonst unser Sprudelsalz recht gründlich besorgt, dann gibt es für sie Thäügkeitsgebiete genug, ohne daß sie gerade eine Judenhetze insceniren und den internationalen Ruf unseres Curortes schädigen müßten. Aber dann müßte der Antisemitismus auch etwas Anderes sein, als eine geschäftliche Speculation. Haschgachalh Peratith. Von Dr. M. L. Stern. Noch ist das Endschicksal des Hauptmannes D r e y f u s keineswegs entschieden. Noch ist zu zittern und zu bangen, ob nicht das Gekläffe, der Einfluß, die Jntriguen, die Drohungen, die den unglücklichen jüdischen Hauptmann in ein unverschuldet Elend gebracht oder mindestens seine Richter zu einer unmoralischen, den Gesetzen hohnsprechenden Verurtheilung gedrängt haben, dennoch die von allen rechtlich und human denkenden laut begehrte Revision dieser Verurtheilung vereiteln werden. Noch ist es überhaupt nicht ausgemacht, daß eine durchgreifende Revision namentlich bei so vieler grundsätzlicher und mächtiger Gegnerschaft zur Freisprechung führen würde. Noch können wir uns nicht jenem tiefbewegenden Gefühle hingeben, mit welchem wir hören würden, daß der edle Märtyrer, frühzeitig zum Greise geworden, abgezehrt, gebeugt, gebrochen an Seele und Körper aus martervollster Verbannung als Ehrenmann wieder sein Haus in der lebensvollen Seinestadt betritt und laut schluchzend dem schmerzvoll erschütterten stolzen Heldenweibe mit dem Ausrufe um den Hals fällt: O laß' an diesem treuen Herzen nach einer Heimsuchung, die man nie überwinden kann, die Seele dem siechen Körper entfliehen — meine, unseres Hauses Ehre ist ja wiederhergestellt. Und doch dürfen wir schon heute mit unaussprechlicher Rührung auf die göttliche Fürsorge für jeden einzelnen Menschen und in jeder einzelnen Schicksalswendung im menschlichen Leben (haschgachath peratith) Hinweisen, an welche innig glauben zu lernen dem Juden so oft Gelegenheit geboten ist. Dieser Glaube an die Einzelfürsorge der Gottheit leuchtet ja doch schon wieder in die verworrenen Schatten der Dreyfusaffaire hinein und erklärt sich auch theilweise aus derselben. In diesem Glauben an die Einzelfürsorge concentrirt sich die jüdische Volksseele, darin verjüngt sie sich und entfaltet immer wieder die ihr so oft gelähmten Schwingen. Dieser Glaube bewahrheitet sich tausendfach täglich, stündlich, namentlich im jüdischen Familienleben. Wir brauchen aber nur an die vielgerühmte Zärtlichkeit und Jmngkeit, an die Treue und Aichänglichkeit im jüdischen Familienleben zu denken, um den heiligen Boden zu erkennen, aus welchem sich die göttliche Einzelfürsorge selten versagend, emporringt. Ein französischer Hauptmann aus edler vornehmer jüdischer Familie wird des Landesverrathes angeklagt und verurtheilt. Weinend sieht er den Schimpf über sich ergehen, wie sein gutes Schwert zerbrochen, seine Ehre getilgt, sein Leben in schwarze Nacht gesenkt wird. Voll Entsetzen sieht die Familie den geliebten Angehörigen auf die Teufelsinsel in die Verbannung führen, vor deren Schauerlichkeit nach der Schilderung das Haar des Menschen sich sträubt. Und wie dicht war das Netz, in das der Unglückliche sich verstrickt fand. Die Antisemiten, so viel ist schon klar, waren auch da an der Arbeit, und leider scheint ein mächtiger Factor der Kirche, deren Jntereffe durch den Antisemitismus gefördert, zu halten. Die »Libre parole , Drumont,. hatte es schon zur Zeit des Proceffes und führt jetzt wieder, wo es sich um die Revision handelt, das große — das böse Wort. Wie gut sich die Bösen vom Anschläge auch auf den Hintertreppen zu der Regierung, die die Kirche für sich zu gewinnen strebt, auskannten, zeigte sich schon an der Art, wie der Proceß geführt wurde. Beweisende Schriftstücke wurden der Regierung in die Hand geschoben. Von wem? Diese wurden dem Angeklagten nicht gezeigt. Vielleicht hätte er doch aus einigen Zügen die fälschende Hand irgend eines falschen Freundes erkannt. Ein sogenanntes Borderau enthielt wichtige Angaben über militärische Verhältnisse, welche Dreyfns den Deutschen ausgeliefert haben soll. Von diesen Angaben durfte bei der Verhandlung nicht gesprochen werden. Vielleicht hätte Dreyfus doch den Nachweis führen können, daß er von denselben unmöglich Kenntniß haben konnte. Die besten Entlastungszeugen, deutsche und italienische Regierungsmänner, waren von vorneherein ausgeschlossen. Wie hoffnungslos die Sache des Deportirten war, zeigte sich noch in den letzten Tagen, als schon der herrliche Scheurer- Kestner, von der Unschuld des Verurteilten überzeugt, für ihn den Stein ins Rollen brachte. Die Regierung schien vor dem Gedanken einer Revision förmlich entsetzt, während doch - jeder gerade Sinn sie für das Einfachste und Würdigste halten sollte. Die Regierung sträubt sich dagegen mit Händen und Füßen. Es ist geradezu entsetzlich, daß der Kriegsminister Billot noch in letzter Stunde, da er bereits vor der eisernen Nothwendigkeit steht, die edle Familie Dreyfus anzuschwärzen sucht. Er stellt es als eine Anmaßung hin, daß die Familie in ihrem heldenmütigen Kampfe für ein theures, unschuldig gehaltenes Familienhaupt angstvoll den letzten Nothkreuzer einsetzt, die letzte bedeutungsvolle Karte ausspielt — den Namen des Fälschers dem Kriegsminister endlich anzeigt und dadurch das Widerstreben des mächtigen Ministers lahmlegt. Welche gewaltige Mächte spielen da hinein, wenn ein Minister in seiner peinlichen Verlegenheit den heroischen Kampf zur Rettung eines Familienmitgliedes nicht ehren und anerkennen darf. Man kann es gleichsam mit Händen greifen, welche Anstrengungen, welche Versuche gemacht wurden, um den edlen Scheurer-Kestner von seinem Eifer für den Bemitleideten abzulocken. Wie erbärmlich erscheint dieser Baals-Priester Drumont, der sich gar nicht scheut, im Vorhinein für die Schuld eines Unglücklichen zu plaidiren, und Gift und Galle dagegen speit, daß in dieses unheimliche Dunkel etwa hineingeleuchtet werden könnte. Wie hat denn Jemand in der Welt ein Interesse daran, daß Dreyfus schuldig sei??? Unwillkürlich erinnert man sich da an gewisse französische Romane, in welchen dargethan wird, wie meisterhaft man es noch in Frankreich versteht, wenn es gilt, eine Sache im Dunkeln und einen Schuldlosen im Elend zu lassen. Wir weisen nur auf Zola in seinem „bete humaine“ hin. Und gegenüber solchen verborgenen, und offenen Gewalten ist es doch wenigstens bis zur Pforte der Revision gekommen. Wie immer auch das Schicksal dieses Dreyfus enden mag, der Schandfleck auf seiner Ehre ist verblaßt; der Zweifel an seiner Schuld ist nicht mehr zu bannen, die Ueberzeugung für dieselbe nicht mehr herzustellen. Das ist ein Gotteswerk, eine Fürsorge, die sich so oft an den Juden bewährt; denn sie entstammt der jüdischen Familientreue! Wer kann es nur ermessen, wer Nachdenken, was diese Familie, was dieses jüdische Weib, Madame Dreyfus in dieser Zeit durchgemacht und dnrchgesetzt hat. Zuerst der betäubende Schmerz, der nicht zu schildernde Jammer, dann das Aufraffen, Nachsinnen, Enträtseln, Lauern, Erfassen, Eingreifen, Thüren einrennen, Herzen gewinnen und erwecken, Muthanfachen! Nahida Remy hat so herrlich das jüdische Weib geschildert, in Madame Dreyfus kann sie das lebende Urbild vorführen. Wahrlich, dieser Frau den Lorbeer um's edle Haupt legen, sie besingen, ist schöner als der ganze Antisemitismus aller Jahrtausende! Diese Treue mit solchem Muthe, solcher Klugheit, solcher Ausdauer und Aufopferung, um einen in der besten Lebenskraft gebrochenen Gatten wieder zu erlangen, diese Fürsorge ist göttlich, darum ist es gerecht, von einer göttlichen Fürsorge zu sprechen. Zwei Weltanschauungen sehen wir hier im Kampfe gegeneinander. Die jüdische; der Talmud lehrt: „Wer eine einzige Seele, ein einziges Menschenleben rettet, der rettet die ganze Welt!" Der Jesuitismus, der wieder einen großen Einfluß in der Kirche haben soll, und sein-neuester BundesZenosse, der Antisemitismus, sollen, wie allgemein behauptet wird, den Grundsatz haben: „Der Zweck heiligt

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